KINDESWOHL/THE CHILDREN ACT

Bürgerliche Rückversicherungsliteratur

Wir leben in schlimmen Zeiten – da muß wenigstens die Literatur noch als Bollwerk der Selbstversicherung funktionieren, sonst gehen wir, als bürgerliche Gesellschaft, unserer Werte, Ansprüche und Selbstgewißheit verlustig. Die Amerikaner spüren das schon länger und goutieren neuerdings wieder eine Literatur – Franzen, Wolitzer, Eugenides seien hier als Kronzeugen genannt – die sich große Mühe gibt, die Verunsicherung der Mittelklasse nicht nur einzufangen und darzustellen, sondern auch zu beschwichtigen oder gar zu überwinden. Oft entpolitisiert, werden durchaus gesellschaftliche Probleme in die überschaubare Welt des Privaten geholt, wo sie überwunden werden können – wie Meg Wolitzer gerade in DIE INTERESSANTEN ebenso einleuchtend wie literarisch durchaus furios bewiesen hat.

In Europa übernimmt diese Aufgabe unter den englischsprachigen Autoren seit geraumer Zeit der Engländer Ian McEwan, der verlässlich alle zwei Jahre einen Roman vorlegt, der – wenn er nicht gerade Historisches verarbeitet, wie in seinem letzten Buch HONIG – sich mit Hingabe den Ängsten und Besorgnissen der ebenso bourgeoisen wie immer dünner werdenden Mittelschicht seines Heimatlandes widmet. Schon in dem gefeierten Werk SATURDAY von 2005 wurde einer diffusen, wenn man so will auch durchaus ressentimentgeladenen Angst vor einer Unterklasse Ausdruck verliehen, deren Bedürfnisse man nicht versteht und deren Auftauchen im eigenen Revier man als äußerst bedrohlich empfindet. McEwan zeichnet dabei – sprachlich virtuos, ohne Frage; der Mann kann schreiben, darüber gibt es keine zwei Meinungen – gern und häufig Schreckensbilder einer Gesellschaft, die überfremdet, in der sich ein Lumpenproletariat breit macht, in der der von Canetti einst so dringlich beschworene Rüstungsgürtel der Bildung, den wir gegen die Masse in uns selbst tragen, schlicht nicht mehr funktioniert. Oder nicht zu funktionieren scheint – denn in dem schon genannten Werk SATURDAY ist es schließlich ein Gedicht (!), das den potentiellen Vergewaltiger von seinem Vorhaben abbringt. In diesen Momenten wird McEwans Prosa sogar ärgerlich, weil verlogen: Da funktioniert sie dann in ihrer Gebildetheit plötzlich als eine Art von Beschwichtigung, als Rückversicherung einer (bürgerlichen) Klasse, die sich ihres eigenen Instrumentariums (zu recht) nicht mehr sicher ist. Anstatt also sich ernsthaft mit den sozialen oder politischen Problemen einer erodierenden Gesellschaft zu beschäftigen, verfällt McEwan in eine Gefälligkeitsprosa, die sich immer nur auf sich selbst, den eigenen Standpunkt, zurück zu ziehen weiß.

Gewiß – wenn sich Ian McEwan einer wie auch immer gearteten Bedrohung annimmt, dann tut er dies in einer wahrlich reifen, eleganten und flüssigen Prosa. Allerdings bedient er sich eines Figurenkabinetts, das sich dann doch öfters aus Klischees speist, schlicht, hat man den Eindruck, weil der Autor die von ihm Geschilderten häufig nicht kennt, solchen Personen niemals begegnet ist und sich auch nicht wirklich für die interessiert. Zum Beispiel einem an Leukämie erkrankten und sich allen Bluttransfusionen verweigernden Jungen, dessen Eltern Zeugen Jehovas sind. Genau mit einem solchen Fall bekommt es Fiona Maye zu tun, Familienrichterin am High Court, London. Und das zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt: Gerade hat ihr Mann ihr mitgeteilt, daß er eine Affäre mit einer deutlich Jüngeren einzugehen gedenke, da Fiona ihm die „ehelichen“ Pflichten seit geraumer Zeit verweigere und er noch nicht zum „alten Eisen“ gehören wolle. So muß Fiona ein wesentliches Urteil in einem anderen Fall treffen und zudem den leukämieerkrankten Jungen gerecht behandeln. Sie läßt aus Wut daheim die Schlösser austauschen, nachdem ihr untreuer Gatte Jack die Wohnung verlassen hat. Sie gräbt sich tief in den Schmerz der Verlassenen ein, sie trifft, nachdem sie den Jungen im Krankenhaus besucht und sich mit ihm unterhalten hat, das Urteil, daß er trotz seiner Reife und seines Wunsches, nicht behandelt zu werden, die Transfusionen erhalten solle, da sie ihn als „Opfer“ einer religiösen Indoktrination sieht und es noch einige Monate bis zu seinem achtzehnten Geburtstag sind. Schließlich – einige Wochen sind ins Land gegangen, der eheliche Zwist entwickelt sich, nachdem Jack bereits nach einer Nacht heim gekommen ist, zu einem häuslichen Dauerpatt – kommt es zwischen Richterin und dem jungen Adam, der sich durch den Besuch der Frau und ihre Art, mit ihm zu kommunizieren wie befreit fühlte und die Enge elterlicher Religiosität hinter sich lassen konnte, zu einer folgeschweren Begegnung…

Nur knapp 212 Seiten lang, findet der Leser in THE CHILDREN ACT – der Originaltitel bezieht sich auf das 1989 grundsätzlich geänderte Gesetz zum Wohl des Kindes – einige Themen nahezu komprimiert, die McEwan schon immer beschäftigt haben: Am deutlichsten wohl der Gegenstand des „Liebeswahns“, wenn auch in abgemilderter Form, zudem der Spaß an komplizierten Themen und konstruierten, sich als äußerst schwierig zu lösenden moralischen Problemen, sowie der Gegensatz von Vernunft und Irrationalität, den er in BLACK DOGS noch geflissentlich offen hielt, zumindest oberflächlich betrachtet. So begibt er sich hier immerhin in Klausur mit Lessing und versetzt dessen „Nathan“ in die Gegenwart eines britischen Gerichts, wo es die Hauptfigur der Richterin ganz paritätisch mit drei Fällen zu tun hat, bei denen es jeweils eine jüdische, dann eine islamische und schließlich die christliche Familie des sterbenden Adam ist, die sich einem „vernünftigen“ Urteil entgegenstellt und durch das Gesetz eingefangen werden muß. Einmal mehr nimmt McEwan Partei für die Aufklärung und gegen jede Art von Irrationalität.

Bei McEwan – dies nur am Rande an dieser Stelle – ist immer interessant, was er NICHT thematisiert, die Familie als Konstrukt zum Beispiel; es bleibt die Religion, die hier metaphorisch auf der Anklagebank sitzt, kein soziales Konzept. Nie sind es soziale Konzepte, die McEwan ernsthaft aufgreift und kritisch hinterfragt. Sein Gegenstand ist und bleibt die menschliche Seele, deren Verfasstheit, ihre Verzweigungen und möglichen Erschütterungen. Selten bis nie sind es Institutionen, die McEwan in Frage stellt und auch hier wird die Religion wie ein persönliches Merkmal behandelt und angegriffen. Zwar werden die „Ältesten“ der Zeugen Jehovas einige Male erwähnt, doch werden wir weder Zeuge eines Auftritts dieser Herrschaften, noch findet eine wirkliche Auseinandersetzung statt – die wird lediglich behauptet, wenn Fiona Briefe ihres einst minderjährigen Schützlings erreichen, in denen er beschreibt, wie sie ihm geholfen habe, sich von den Indoktrinationen zu befreien. Von diesem Kampf, dieser Ablösung, die man sich nach allem, was man sonst so hört und liest, als eine recht schwere, langwierige und äußerst schmerzhafte vorzustellen hat, wird uns in einigen dürren Zeilen berichtet, ansonsten alles eitel Sonnenschein: EIn Junge entdeckt die Welt, befreit von den Lehren der Sekte. Nun muß man natürlich konstatieren, daß Kritik an fundamentalen religiösen Sekten – ob Zeugen Jehovas, den chassidischen Juden oder einfach „dem Islam“ – momentan natürlich wohlfeil ist, braucht man doch nur den Fernseher anzuschalten oder die Tageszeitung aufzuschlagen, um sich zu vergewissern, daß man mit Religionskritik momentan immer auf der richtigen Seite steht. McEwan macht es ich allerdings sehr einfach, indem er uns eine Menge Juristerei und Grundsatzurteile um die Ohren haut, damit wir verstehen, daß er seine Hausaufgaben gemacht hat, sich inhaltlich aber kaum bis gar nicht mit den kritisierten Glaubenssystemen auseinandersetzt.

Soweit wäre dies eine vielleicht ärgerliche Angelegenheit, die ein bisschen mit dem Aberglaube spielt: Denn so sehr institutionelle Religion hier kritisiert wird, das alte Indianersprichwort, daß man für einen Menschen, dessen Leben man einst gerettet hat, von nun an immer verantwortlich sei, nimmt der Text sehr ernst, auch wenn er es nicht explizit erwähnt. Wirklich fragwürdig wird es, wenn man diese ganze Konstruktion gegen die häuslichen Probleme stellt, denen Fiona ausgesetzt ist. Lange fragt sich der Leser, was dies soll, eine Ehekrise in diese Geschichte einzubetten, die erstaunlich oberflächlich und fürchterlich konservativ daherkommt. Da wendet sich ein in die Jahre kommender Mann an seine Gattin, um ihr eine Affäre zu gestehen, die noch gar nicht stattgefunden hat. An sich ja ein recht ehrbares Vorgehen. Und hochmodern dazu. Statt die Sekretärin zum Wochenende einzuladen oder die junge Kollegin während eines Kongresses zu becircen, kommt dieser angeblich so gut aussehende Herr und bittet seine Gemahlin um eine Art Freibrief. Die aber reagiert, als habe sie entdeckt, daß ihr Holder seit Jahren ein Doppelleben führt. Eine in modernen Zeiten schwer erträgliche und auch nicht so ganz glaubwürdige Reaktion, da gerade Fiona durch ihren Beruf mit allerhand unterschiedlichen, mal mehr, mal weniger gut funktionierenden Familiensystemen vertraut ist. Was aber noch weitaus mehr verwunderlicher ist, ist die Art, wie der Text diesen ganzen Handlungsstrang quasi fallen läßt und er lediglich dafür genutzt wird, eine gewisse häusliche Atmosphäre zu erklären und, wieso Fiona in den Monaten nach dem Urteil viel Zeit allein verbringt. Tja, und dann scheint sich alles zu guter Letzt einzurenken, wenn eben auch Frau Richterin eine starke Schulter zum Anlehnen und ein Ohr zum Zuhören braucht.

Sieht man einmal davon ab, daß es hier teils – sehr untypisch für den Autoren – Sätze gibt, die in einer Sprache erstarren, der man nicht zugetraut hätte, derart platt und abgenutzt daherzukommen, fragt man sich vor allem, wozu das Ganze eigentlich taugen soll? Es gibt etwa in der Mitte des Buches eine lange Szene, die längste am Stück, in der Fiona Adam im Krankenhaus besucht. Momentweise berührt dieser Dialog sehr, momentweise gelingt es McEwan hier, die Figuren mit echtem Leben zu füllen, sie vielschichtig werden zu lassen und den Leser damit wirklich zu bannen. Und so drängt sich ganz langsam der Eindruck auf, daß es genau diese Szene war, die an allem Anfang dieses Werkes stand. Der Rest wird drum herum gebastelt und genau so wirkt das auch: gebastelt, konstruiert, gewollt.

So bleibt THE CHILDREN ACT eine leere Behauptung, wohlfeil und hohl. Sprachlich meist auf hohem Niveau, ist dies sicher keine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit den großen monotheistischen Religionen, auch nicht mit der Frage, wie wir mit letzten Dingen, Krankheiten oder der eigenen Vergänglichkeit umgehen oder wie wir in mittleren Jahren unsere Ehen retten sollen. Dies ist schlicht eine bürgerliche Rückversicherung, daß das eigene Instrumentarium noch funktioniert. Ob das irgendetwas mit der Realität zu tun hat, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Hauptsache Fiona Maye fühlt sich besser, wenn sie ein paar Seiten gelesen und dann das Licht gelöscht hat. Morgen wird ein anstrengender Tag!

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