NIGHTMARE ALLEY

Guillermo del Toros Neuverfilmung eines Noir-Klassikers kann - trotz großartiger Schauwerte und brillanter Schauspieler - nicht wirklich überzeugen

Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs: In einem Haus irgendwo in der Prärie hievt ein Mann eine Leiche in ein Loch im Boden, verschüttet Benzin und zündet es an. Dann geht Stanton „Stan“ Carlisle (Bradley Cooper) in die Welt hinaus – oder in sie hinein.

Er heuert bei einem Wanderzirkus an. Dort trifft er auf allerlei Schausteller, unter ihnen Clem (Willem Dafoe), der eine Art Kuriositätenkabinett betreibt, in dem er neben Missgebildeten, Totgeburten und anderen Monstrositäten auch den „Geek“ im Angebot hat: Einen angeblichen Steinzeitmenschen, der coram publico ein lebendes Huhn verspeist. Den hält Clem in einem Käfig gefangen, hinten in der Geisterbahn.

Stan lernt Zeena (Toni Collette) und Pete (David Strathairn) Krumbein kennen, sie eine Wahrsagerin, er ein Mentalist, der vorgibt, die Gedanken der Menschen lesen zu können. Desweiteren macht er die Bekanntschaft des starken Bruno (Ron Perlman), der nicht nur Gewichte stemmt, sondern auch das Sagen auf dem Zeltplatz hat.

Und schließlich ist da Molly (Rooney Mara), die „elektrische Frau“, der, während sie auf einer Art elektrischem Stuhl sitzt, Tausende von Volt durch den Körper gejagt werden. Schnell verliebt sich Stan in die zurückhaltende, etwas naive junge Frau. Er macht ihr einen Vorschlag für eine bessere Show, die mehr Menschen anlocken würde. Molly geht darauf ein. Stan erweckt allerdings den Argwohn von Bruno, der sich als Mollys Beschützer versteht. Der macht Stan klar, dass er die Finger von ihr lassen soll.

Pete bringt Stan die Grundlagen des Cold Readings bei – einer Technik, die es erlaubt, aus kleinen Details im Aussehen, in der Mimik und Gestik oder auch nur in Gegenständen wie einer goldenen Kette etc. Kenntnisse über das Gegenüber zu erlangen, die es erlauben, ihm vorzugaukeln, man könne seine Gedanken lesen, etwas über seine Vorfahren erzählen etc. Pete trägt in einem Büchlein all seine Codes und wissenswerten Notizen zum Thema ein. Zudem hilft er Zeena bei ihren Vorführungen, weil er unter der Bühne hockt und von dort die Leute beobachtet, die sie befragen und ihr dann per Zettel Hinweise gibt.

Zeena verführt Stan, obwohl sie mit Pete zusammenlebt. Der allerdings ist schwerer Alkoholiker und nicht mehr in der Lage, Zeena zu bieten, was sie will. Zudem erkennt sie in Stan schnell die Möglichkeiten, die er als gutaussehender Mann bietet: Er ist ein Hingucker, den sie einsetzen will, um die Leute zu ihrer Bude zu locken.

Stan erledigt alle möglichen Arbeiten auf dem Jahrmarkt, will aber eigentlich mehr. Als er Molly seine Liebe gesteht und sie fragt, ob sie mit ihm kommen würde, verweigert sie sich jedoch. Zu groß ihre Angst, das gewohnte Umfeld zu verlassen.

Als Stan Clem fragt, was es mit dem „Geek“ auf sich hat, erklärt dieser ihm, dass es sich dabei um Obdachlose und Herumtreiber handle, die er ausfindig, mit einem Gemisch aus Alkohol und Opium abhängig und dann gefügig mache. Stirbt ein „Geek“, fände sich immer schnell ein neuer Kandidat. Stan ist angewidert von dieser Eröffnung. Clem sieht es als ein normales Geschäft in einer harten und brutalen Welt.

Clem ist eine Art Tausendsassa. Er zeigt Stan seine Sammlungen, zeigt ihm aber auch sein Alkohollager, wo er neben trinkbarem Sprit auch Methanol lagert, beides in sich ähnelnden Flaschen. Er warnt Stan, dass der, sollte er sich mal bedienen wollen, erstens zu zahlen habe und zweitens die richtige Flasche greifen sollte.

Eines Tages fleht Pete Stan ein, ihm etwas zu Trinken zu besorgen, obwohl Zeena Stan gebeten hatte, eben dies nicht zu tun. Stan holt eine Flasche aus Clems Vorratslager, vergreift sich dabei allerdings – ob absichtlich oder nicht bleibt offen – und bringt sie Pete. Der stirbt daraufhin. Zeena ist untröstlich, Stan hingegen nimmt Petes Büchlein an sich.

Die Polizei kommt zum Platz, da ihr bekannt wurde, dass hier Menschen gegen ihren Willen festgehalten würden. Sie suchen den „Geek“. Es gelingt Stan mit Hilfe der Kenntnisse, die er von Pete und durch dessen Aufzeichnungen erlernt hat, den Sheriff so abzulenken, dass dieser von den Schaustellern ablässt und unverrichteter Dinge abrückt.

Stan fragt Molly erneut, ob sie mit ihm kommen wolle und diesmal stimmt sie zu. SO verlassen die beiden den Zirkus.

Zwei Jahre später haben sie sich als Mentalist und Medium in der besseren Gesellschaft Buffalos etabliert. Regelmäßig treten sie in Clubs auf, wo Stan mit Mollys Hilfe seine Kunststückchen aufführt.

Eines Abends treffen sie während einer Vorstellung auf Dr. Lilith Ritter (Cate Blanchett), die Stan des Betrugs überführen will. Dem gelingt es in einem waghalsigen Manöver, bei dem er wild improvisiert, seine Maskerade aufrecht zu erhalten.

Nach der Vorstellung tritt ein älterer Herr an ihn heran. Es ist Richter Kimball (Pete MacNeill), der Stan um eine private Vorstellung bittet, weil er hofft, dass er so Kontakt zu seinem verstorbenen Sohn aufnehmen kann. Der willigt ein, obwohl er der aufgebrachten Molly versprochen hatte, genau das nicht zu tun. Und er verstößt auch gegen ein Gebot des alten Pete, der ihn davor gewarnt hatte, jemals den Kontakt mit Toten zu suchen.

Dr. Ritter, eine Psychoanalytikerin, bittet Stan in ihre Praxis. Der sagt nur zu gern zu. Er offenbart ihr, dass sie recht hatte und er ein Betrüger sei. Wenn sie sich zusammentäten, könnten sie gemeinsam ein Vermögen machen. Da in ihrer Praxis die Oberschicht Buffalos ein und aus ginge, müsse sie ihn mit den Daten versorgen, er würde die benutzen, um seine Vorstellungen zu unterfüttern, den Gewinn würden sie teilen. Aber sie müsse das Geld für ihn aufbewahren, damit Molly, die strikt gegen solche Geschäfte sei, es nicht fände. Dr. Ritter sagt unter der Bedingung zu, dass Stan sich bei ihr auf die Couch lege und sie ihn analysieren dürfe. Stan, der sich geschmeichelt fühlt, sagt zu.

Der Auftritt bei Dr. Kimball wird ein voller Erfolg und so wird der Industrielle Ezra Grindle (Richard Jenkins) auf Stan aufmerksam. Grindle, der auf die Zielbahn des Lebens einläuft, will durch Stan von einer Schuld befreit werden: Einst hat er eine junge Frau zur Abtreibung gezwungen, die bei der grausigen Prozedur starb. Nun soll Stan mit ihr Kontakt aufnehmen.

Stan willigt auch hier ein, da der Profit enorm hoch ist. Doch nach einer ersten Sitzung verlangt Grindle, der von allerlei dubiosen und auch gefährlichen Figuren umgeben ist, dass Stan die Tote auferstehen lassen solle, er müsse sie sehen.

Stan, der mittlerweile auch eine amouröse Beziehung zu Dr. Ritter pflegt, ihr zugleich aber nicht über den Weg traut, versucht, hinter ihrem Rücken an die Bänder zu gelangen, die sie grundsätzlich bei ihren Sitzungen mit Patienten laufen lässt. Sie nimmt alles auf, darunter auch alles, was Stan ihr während seiner Sitzungen erzählt.

Darunter den Grund für den anfangs gezeigten Brand in dem Haus: Es war Stans Vater, den er gehasst und schließlich, als dieser schon bettlägerig war, getötet und dann verbrannt hatte.

Molly erklärt gegenüber Stan, der sie bittet, das tote Mädchen zu spielen, dass sie ihn verlassen will. Sie erklärt sich bereit, diesen einen letzten Dienst für ihn zu leisten. Dann aber wäre sie weg.

Bei der vermeintlichen Totenauferstehung geht einiges schief, vor allem aber erkennt Grindle den Schwindel, da Molly keine Ähnlichkeit mit der Toten hat. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, bei der Stan erst Grindle erschlägt, dann dessen Assistenten mit dem Auto überfährt.

Nachdem sie vom Tatort geflohen sind, macht Molly ernst und verlässt Stan.

Der findet sich in Dr. Ritters Praxis ein, er will sein Geld, um ebenfalls fliehen zu können. Nun stellt sich aber heraus, dass Dr. Ritter Stan lediglich benutzt hat: Sie wollte Rache an Ezra Grindle, der sie einst verletzt hatte. Ihr gesamtes Interesse an Stan war lediglich vorgetäuscht. Zudem hat sie sein Geld verloren. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, bei der sie mit einer Pistole auf ihn schießt und schwer verletzt. Stan versucht sie zu erwürgen, doch hat sie längst den Sicherheitsdienst des Gebäudes informiert. Stan kann in letzter Sekunde fliehen.

Stan irrt Jahre auf den Straßen und Highways des Landes umher. Völlig heruntergekommen und mittlerweile schwer alkoholabhängig landet er bei einem Wanderzirkus, in dem er den erkennt, bei dem er einst gearbeitet hatte. Der neue Betreiber erklärt ihm, dass die alten Besitzer Pleite gemacht hätten. Leider habe er auch keinen Job…oder, doch, vielleicht: Er könne als „Geek“ bei ihm arbeiten. Stan, der ja weiß, was das bedeutet, lacht wie irre und sagt, ja, für diesen Job sei er geradezu geboren.

Eher überraschend, dass sich Guillermo del Toro für eine Neuinszenierung des Film-Noir-Klassikers NIGHTMARE ALLEY (1947/2021) interessierte, bieten doch weder die literarische Vorlage von William Lindsay Gresham noch Edmund Gouldings Erstverfilmung unbedingt Elemente dessen, was del Toro so schätzt: Märchenhaftes und Versatzstücke des Fantasy- und Horror-Genres. Obwohl man letzteres – eher psychologisch motiviert denn übernatürlich begründet – durchaus in die Geschichte hineinlesen kann. Elemente des Unheimlichen bietet Greshams Roman einige. Und del Toro versteht es so oder so, sich Material anzuverwandeln, anzueignen und ihm seinen Stempel aufzudrücken.

Das Drehbuch schrieb der Regisseur, der als klassischer Auteur auch einmal mehr sein eigener Produzent war, gemeinsam mit Kim Morgan. Für die Kameraarbeit engagierte er Dan Laustsen, der einige Expertise bei Verfilmungen von Thrillern und Horrorstücken mitbrachte und mit dem del Toro bereits bei CRIMSON PEAK (2015) und THE SHAPE OF WATER (2017) zusammengearbeitet hatte. Laustsen hatte diesen Filmen einen sehr speziellen Look verpasst, der den Zuschauer zugleich – ob seiner manchmal überwältigenden, manchmal eher dezenten Opulenz – einfängt, gelegentlich verunsichert und, da ihm auch immer eine gewisse Düsternis, etwas Verkommenes zu eigen ist, auch ein wenig abstößt. Einen ähnlichen Look schuf er nun auch für NIGHTMARE ALLEY.

Als Darsteller für den Reigen seiner Figuren konnte der zu diesem Zeitpunkt bereits weithin anerkannte Regisseur eine ganze Riege erstklassiger und angehender Stars – Bradley Cooper, Cate Blanchett, Willem Dafoe, Rooney Mara – und ein ebenso erlesenes Ensemble an Charakterdarstellern – Richard Jenkins, Toni Collette, Ron Perlman, David Strathairn u.a. – engagieren, wodurch der Film allein aufgrund der exquisiten darstellerischen Qualität ein hohes Niveau bietet.

Eigentlicher Star des Films ist allerdings die Ausstattung; es sind die Kostüme, für die Luis Sequeira verantwortlich zeichnete, es sind die Kulissen und Dekorationen, die unter der Leitung von Brandt Gordon von Tamara Deverell als Szenenbildnerin und Shane Vieau als Set Decorator entstanden und die, wie immer in den Filmen von del Toro, durch ihre enorme Liebe zum Detail auffallen. Sowohl der Wanderzirkus, bzw. Jahrmarkt, wo der erste Teil des Films entweder im Freien, oder aber in der Enge der Zirkuswagen und der vollgestopften Zelte spielt, mehr aber noch die Art-Déco-Räume, in denen der zweite Teil angesiedelt ist, stechen dem Betrachter – nicht zuletzt durch die Gegensätzlichkeit der Schauplätze – direkt ins Auge. Laustsen setzte sie durch seine Lichtgestaltung entsprechend in Szene: Im ersten Teil ist es häufig ein diffuses Spiel mit Grau und Abstufungen von Grau, mit tiefen Schatten und gelegentlich nur schwer zu durchdringender Dunkelheit; im zweiten Teil ein expressives Spiel mit Hell und Dunkel, mit harten Kontrasten und dann wieder Unschärfen, die die Tiefe der Räume verrätseln.

Oft sind all diese Bilder überlebensgroß. Der unter einem meist dräuenden Himmel im tobenden Sturm sich hin duckende Jahrmarkt wirkt wie eine letzte Bastion gegen die Unbilden der Natur – oder gegen die Launen eines alttestamentarischen, immer wütenden Gottes, der seine Kinder lange schon verlassen hat. Die Buden, Wagen und Zelte scheinen diesen Mächten ausgeliefert, wie sie da, verloren und windschief, in der Weite der Prärie stehen. Dem diametral entgegengesetzt sind die ausgesprochen eleganten Innenräume, die der Film im zweiten Teil überwiegend präsentiert. In warmes, fast goldenes Licht getaucht, hat man regelrecht den Eindruck, sich in ihnen ausbreiten, in sie hinein ergießen zu können. Die Bildhintergründe verschwimmen oft in einer gewissen Unschärfe, wodurch diese Räume noch größer, in ihrer Art-Déco-Pracht schier unendlich scheinen und die Distinktion und Würde derer, die sich in ihnen aufhalten dürfen, umso mehr betonen.

Den Jahrmarkt inszeniert der Liebhaber klassischer Horrorfilme als einen höllischen Ort. Hier gibt sich del Toro ganz seiner Liebe zum Grand Guignol, zu schauerlichen Kulissen und dem Vaudeville hin. Geradezu schwelgerisch fährt die Kamera an den Buden der Schausteller, an den Bühnen des „starken Mannes“, der Wahrsagerin, des Schlangenmenschen entlang, gleitet in und durch die Geisterbahn, ergötzt sich an den dort ausgestellten Pappmaché- Schrecken und dann hinein in die Behausungen der Gaukler. Die Set-Dekorateure haben sich wirklich größte Mühe bei der Gesamtgestaltung gegeben, jeder Verschlag, jede Unterkunft, jedes Zelt und jede Manege hat etwas Eigenes, Ununterscheidbares. Ebenso die Kostümabteilung, der es gelungen ist, uns problemlos in die Gegenwart des Jahres 1939 zu versetzen. Wenn Bradley Cooper mit seinem Bauchladen und einem Sonnenhut, mit Fliege und Jackett durch die Menschenmenge schlendert, dann stellt das eine Würde zur Schau, die aber völlig übertrieben ist. Denn wir sehen eben auch immer wie runtergekommen und abgeratzt dies alles ist. Nichts ist neu, alles wirkt schon Hunderte Male genutzt, abgeschabt, angestoßen. Dazu trägt sicherlich bei, dass fast nie die Sonne scheint, es häufig, vor allem in den nächtlichen Szenen, regnet. So wird unterstrichen, dass hier alles eben Fassade, Schein ist. Wer sich auf den Jahrmarkt einlässt, der lässt sich darauf ein, getäuscht, wenn nicht gar betrogen zu werden.

In dieses Dekor hinein setzt del Toro ein Ensemble an Figuren, welches an Hinterhältigkeit, Bösartigkeit, Verkommenheit und – zumindest was die später im Film auftretenden Figuren betrifft – auch an Dekadenz kaum zu übertreffen ist. Vor allem aber geht es hier um Blendung, Täuschung, darum, seine Mitmenschen etwas glauben zu machen, was niemals der Wirklichkeit entsprechen kann. Der Gemeinheit, die teils unter den Artisten des Zirkus herrscht, entsprechen dabei die Gier und Hinterhältigkeit, die die oberen Zehntausend in ihren Clubs, Restaurants und Wohnungen ebenso auszeichnet. Was die einen recht offen zur Schau stellen (ist Schausteller ja auch ihr Beruf), das suchen die anderen hinter teuren Anzügen, Schmuck, hübschen Kleidern und dem allüberall gegenwärtigen Zigarettenrauch in luxuriösen Umgebungen zu verbergen, mindestens aber zu vertuschen. Menschliche Abgründe tun sich allerdings hier wie dort auf. Und verschlingen jene, die sich ihnen allzu sehr nähern.

Wenig ist hier geblieben von den Außenseitergemeinschaften, die del Toros Filme oft prägen. Seien es die Waisenkinder, die sich in THE DEVIL´S BACKBONE (2001) trotz ihrer Angst irgendwann gegen ihre Peiniger zur Wehr setzen, sei es die Gemeinschaft der republikanisch Gesinnten in PANS LABYRINTH (2006), die einen aussichtslosen Kampf gegen die faschistische Übermacht kämpfen, oder sei es die kleine Truppe, die sich in THE SHAPE OF WATER entschließt, das seltsame Kiemenwesen aus seiner Gefangenschaft zu befreien und damit dem sicheren Tod zu entreißen. Del Toro zeigt oft Gemeinschaften von vermeintlich Schwachen oder Außenseitern, die in einem tiefen Glauben an das Gute im Menschen, an humanistische Ideale bereit sind, das schier Unmögliche zu wagen. Und die er eigentlich immer, wenn auch unter Verlusten und Schmerzen, ihre Ziele erreichen lässt. Davon ist in NIGHTMARE ALLEY, sicherlich auch der Vorlage geschuldet, nichts mehr zu spüren. Die Schausteller sind Außenseiter und in einigen Fällen sicher auch Gebrandmarkte, irgendwelchen Idealen verpflichtet fühlen sie sich definitiv nicht. Allerhöchstens einer gewissen gauklerehre scheinen sie verpflichtet, man passt aufeinander auf. Doch sind sie, wie alle hier vorgeführten menschlichen Wesen, letztlich vor allem an ihrem eigenen Profit und Vorteil interessiert. Das gilt für sie ebenso, wie es für die Vertreter der besseren Gesellschaft gilt, denen sich der zweite Teil des Films widmet.

Der Antiheld dieser Geschichte, der von Bradley Cooper gespielte Stanton „Stan“ Carlisle, bewegt sich in beiden Welten und er tut dies mit einer erstaunlichen Selbstsicherheit. Gleich zu Beginn des Films begegnet er uns, als er eine Leiche in ein Loch im Boden eines einsam gelegenen Hauses zerrt, mit Benzin tränkt und entzündet. Vor dem Hintergrund des dramatisch brennenden Hauses und eines ebenso dramatisch dräuenden Himmels schreitet er in die Welt hinaus, eindeutig lässt er die Vergangenheit hinter sich, bricht alle Brücken ab. Er heuert bei Clem an, einem der Betreiber des Jahrmarkts, den Willem Dafoe ebenso durchtrieben wie undurchsichtig gibt. Ein Gaukler und Gauner, der eine Chance zu nutzen versteht, wenn er sie wittert. Diese Anstellung – zunächst als eine Art Mädchen für alles – wird Stantons Grundlage für seinen weiteren Weg. Er wird hier sein Rüstzeug lernen und vor allem seine Skrupellosigkeit schärfen.

Von den Betreibern der Buden lernt er, was es braucht, eine Umwelt, die partout getäuscht werden will, auf mal grobe, mal elegante Art zu täuschen. Menschen, die sich von der Wahrsagerin selbst dann noch die Zukunft voraussagen lassen, als sich ihre Prophezeiung bereits als falsch erwiesen hat. Die einem „starken Mann“ auch dann noch zujubeln, wenn sich die Gewichte, die er stemmt, als Schaumstoff erkennen. Die sich einen verzottelten Junkie als Steinzeitmenschen vorsetzen lassen, weil sie den Skandal des Ekels schätzen, den Nervenkitzel, wenn man etwas betrachtet, das die Natur einem eigentlich vorenthält.

Clem hält diesen Mann gefangen, den er den „Geek“ nennt und den er dem angeekelten Publikum als eben jenes Steinzeitwesen präsentiert, welches dann – NUR HEUTE UND NUR EINMALIG! – lebendige Hühner auffrisst. Dass dies tatsächlich ein durch Alkohol und Opiate gefügig gemachter Herumtreiber ist, erfährt Stanton erst später. Und so sehr ihn Clems offenherziges Bekenntnis, wie er Menschen anlockt und sic gefügig macht, auch anwidern mag, so sieht er im andern eben doch auch jemanden, der sich durchzusetzen versteht.

Stanton freundet sich mit dem Pärchen Zeena und Pete Krumbein an. Sie legt ihren Kunden die Karten, er gibt den Mentalisten, der behauptet, die Gedanken der Menschen seiner Umgebung lesen zu können. Die beiden bringen ihm die Grundlagen des Cold Reading bei, jener Technik, die Wahrsagern und Mentalisten hilft, aus der Kleidung, der Haltung, der Mimik ihres Gegenübers so viel herauszulesen, dass sie daraus halbwegs zutreffende Aussagen über dessen Wesen, Leben und Geschichte ableiten können.

Und schließlich verliebt sich Stanton in Molly, die auf dem Jahrmarkt als „elektrische Frau“ auftritt, durch die hohe Voltzahlen gejagt werden. Mit ihr wird er schließlich den Zirkus verlassen und in den Clubs der vornehmen Gesellschaft Buffalos als Mentalist mit seinem Medium reüssieren. Und dort der von Cate Blanchett kühl bis ins Mark gespielten Psychoanalytikerin Dr. Lilith Ritter begegnen. Sie wird sein Schicksal werden. Denn auch sie ist an Verstellung und Mimikry interessiert, allerdings mit einer ganz anderen Intention.

Ähnlich wie beim Dekor gibt sich del Toro auch bei der Figurenzeichnung enorme Mühe. Dass seine Protagonisten oft comichafte Züge tragen, widerspricht dem nicht. Diese Filme erzählen – ihr Look, die Mise en Scene, die dramatische Musik (hier von Nathan Johnson komponiert) belegen dies eindringlich – nicht aus einer realen Welt; vielmehr sind es Fantasiewelten, die aber immer einen Bezug zur Realität aufweisen. Doch will del Toro seine Figuren innerhalb des von ihm geschaffenen Kosmos authentisch, glaubwürdig, überzeugend in ihren An- und Absichten. Und so sind die Schausteller hier eben fahrendes Volk, wie man sich dieses so vorstellt. Alle ein wenig abseitig, Außenseiter eben, die es in der „normalen“ Gesellschaft nicht geschafft haben oder jemals schaffen würden. Zugleich aber auch auf bärbeißige Art liebenswürdig, familiär. Sich ihrer Außenseiterwelt nur allzu bewusst und darin doch auch glücklich. Aber – und auch das versteht del Toro mit nur wenigen Andeutungen zu skizzieren – alle tragen sie eben auch Dunkles, Verdrängtes und meist auch Gewalttätiges in sich.

Zeena sucht ein wenig Liebe, auch bei Stan, den sie aber zugleich zu manipulieren und für ihre Sache einzuspannen versucht. Pete ist ein Alkoholiker, der Zeena trotz seiner Liebe zu ihr hintergeht, zumindest was seine Sucht betrifft. Molly ist, zunächst zumindest, naiv und ein wenig unsicher. Ein Mann wie Clem wiederum umgibt sich mit allerlei Kuriositäten, darunter einem Sammelsurium, welches direkt dem Wiener Narrenturm entnommen sein könnte: Missgeburten, Missbildungen, Abnormitäten in Flaschen und Glasbehältern, eingelegt in Formaldehyd und Alkohol. Ein Kuriositätenkabinett, das in gewisser Weise seinen entstellten Charakter spiegelt, den Charakter eines Mannes, der eben keine Skrupel hat, andere gefangen zu nehmen, drogenabhängig zu machen und dann auszustellen. Den Alkohol panscht er selbst zusammen und verkauft ihn, unter anderem an Pete. Und er verhökert Methanol, nie um ein Geschäft verlegen, wo es sich bietet. Doch wirkt Clem bei all seinen Geschäften und Belangen nie wirklich bösartig, er scheint seine Stellung in der Gesellschaft schlicht zu akzeptieren. Er macht aus der Not eine Tugend. Dass andere dabei auf der Strecke bleiben, das sieht er nicht als seine Schuld, vielmehr ist dies der Lauf der Dinge. Es ist eine harte Welt, in der jeder tun muss, was er tun muss, schauen muss, wo er bleibt. Es ist eine brutale und zynische Welt, kurz vor dem Ausbruch eines Millionen Menschen verschlingenden Weltkriegs. Mit dieser Sichtweise, die auf die eine oder andere Art fast alle Protagonisten vertreten, befindet sich del Toro auf klassischem „Noir-Terrain“.

Stanton passt deshalb so gut in dieses Ensemble, weil er selbst ein Mann ist, der eine düstere und verborgene Seite in sich trägt. Del Toro versteht es meisterlich, diese Seite zu betonen und doch immer Spielraum genug zu lassen, um Stantons Motivation im Vagen zu lassen. Dieser Typ ist ambivalent und nur schwer zu durchschauen. Als Clem ihm schildert, wie er die „Geeks“ rekrutiert, zeigt er sich ehrlich angewidert. Auch bei anderen Gelegenheiten offenbart er durchaus eine menschliche, empathische Seite. Und doch wissen wir, dass er schändlicher Taten fähig ist, wie die anfangs gezeigte Verbrennung der Leiche zur Genüge bewiesen hat. Doch können wir nie mit Sicherheit wissen, ob seine Taten bewusst schändlich sind oder eher versehentlich geschehen. So bittet Zeena ihn eindringlich, dafür zu sorgen, dass Pete nicht mehr trinkt; als dieser ihn anfleht, ihm etwas Schnaps aus Clems Vorräten zu besorgen, vergreift sich Stanton und gibt Pete das Methanol zu trinken, was diesen tötet. Unfall oder Zufall? Auf jeden Fall gibt der Umstand von Petes Tod Stanton die Gelegenheit, sich dessen Büchleins zu bemächtigen, in welchem der die Codes und Zahlenfolgen aufgeschrieben hat, die er brauchte, um „Gedanken lesen“ zu können. Auch Stanton ist also ein Mann, der eine Chance begreift und zu nutzen weiß, wenn er ihr begegnet. Darin Clem wohl gar nicht so unähnlich. So überredet er Molly, die sich anfangs widersetzt, mit ihm abzuhauen. Er will die Fähigkeiten, die er beim Zirkus erlernt hat, nun gewinnbringend einsetzen. Und tut das dann ja auch.

Nach ziemlich genau einer Stunde seiner zweieinhalb Stunden Laufzeit verlässt der Film, verlassen Stanton und Molly, die er beharrlich „Molly-Maus“ nennt, den Zirkus. Dies markiert einen harten Bruch in der Geschichte, die dann auch gleich einen Zeitsprung um zwei Jahre macht und uns das Paar als mittlerweile etablierte Mentalisten in Buffalo, Upstate New York zeigt. Das Paar logiert nun in besseren Hotels und tritt in vornehmen Clubs auf. Und hier versucht die Psychologin Lilith Ritter Stanton des Betrugs zu überführen. Und sie liegt genau richtig, als sie ihm vorwirft, dass er und Molly, die als eine Art Medium auftritt, als Assistentin, sich eines Sprachcodes bedienen. Die Ärztin fühlt sich erst recht herausgefordert, als es Stanton gelingt, sich und Molly durch reine Improvisation aus der prekären Situation zu befreien. Und entwickelt daraus einen Plan, um eine eigene Geschichte abzuwickeln, welche sie schon lange verfolgt.

So beeindruckend die Art-Déco- Ausstattung und auch Cate Blanchetts Spiel als klassische Femme Fatale, wie der Film Noir sie nun einmal erfordert, auch sein mögen, die Story flacht ab und obwohl der längere Teil des Films nun erst beginnt, verliert er ein wenig seinen Fokus und erweist sich zunehmend als eben genau das – klassischer Film Noir, der allerdings nicht viel Originelles mehr mitzuteilen hat. Zwischen Stan und Dr. Lilith – der Name sollte wörtlich genommen werden, bezeichnet er doch einen weiblichen Dämon in der altorientalischen Mythologie – entwickelt sich eine geschäftliche wie private, letztlich erotische Beziehung, er glaubt mit ihrer Hilfe die Haute-Volée ausnehmen zu können, indem sie ihm ihre auf Tonbändern gesammelte Daten ihrer Patienten zugänglich macht, dafür an seinem Gewinn beteiligt wird, sie wiederum nutzt ihn, um sich an einem alten Feind zu rächen, der ihr einst Schreckliches angetan hat. So flacht eine zuvor interessante Geschichte über Außenseiter und das menschliche Drama zu einer Rache-Story ab, wie Hollywood sie schon zuhauf geliefert hat. Dass Stanton schließlich der große Verlierer in diesem Spiel sein wird – Molly verlässt ihn, angewidert von eben jener Skrupellosigkeit, die er zusehends an den Tag legt; das Geld ist weg, sein Renommee sowieso und er landet, auch da ganz noir-like, in der Gosse – liegt überdeutlich auf der Hand. Letzter Clou des Films ist seine Rückkehr zum Zirkus, wo er aber einen neuen Besitzer antrifft, der ihm mit exakt der Methode, die Clem ihm einst beschrieben hatte den Job als „Geek“ anbietet. Und er irrsinnig lachende Stanton mit den Worten annimmt, für diesen Job sei er quasi geboren worden.

So ansehnlich der Film auch in der zweiten Hälfte ist, so sehr del Toro sich auch bemüht, ihn interessant zu gestalten – u.a. indem wir durch Dr. Ritters Analyse, die sie mit dem sich geschmeichelt führenden Stanton durchführt, erfahren, dass die anfängliche Leichenverbrennung seinem Vater galt, den er zeitlebens gehasst hatte und den er, als dieser bereits bettlägerig war, getötet und dann eben samt seines Hauses verbrannt hatte – und so drastisch der Regisseur am Ende auch die Gewalt steigert, die Story, die er bietet, bleibt flach. Und all das ist viel zu sehr ausgewalzt, aber zu dünn, um die Laufzeit von zweieinhalb Stunden zu rechtfertigen. So hat das Publikum irgendwann den Eindruck, dass alle nur noch zu Ende bringen wollen, was sie einmal begonnen haben.

Dass der gebürtige Mexikaner Gullermo del Toro zum Ende der ersten Amtszeit von Donald Trump den Amerikanern einen Film vorsetzt, der über weite Strecken davon handelt, wie man einander täuscht und hinters Licht führt, aber auch davon, wie man sich täuschen und hinters Licht führen lassen will – auf dem Jahrmarkt ganz bewusst, wodurch dieser seine eigentliche Legitimation erhält; auf der Ebene des Betrugs und der Rache allerdings hinterrücks und damit verwerflich – das hat natürlich einen gewissen Hautgout, ist zumindest nicht ohne Ironie. Und man sollte sich gewiss sein, dass dieser Regisseur das genau so wollte.

NIGHTMARE ALLEY ist nicht del Toros bester Film, im Gegenteil, trotz seines gelungenen Looks ist er vielleicht sogar einer der schwächeren. Vor allem ist er viel zu lang. Dennoch ist er, wie alles, was dieser Auteur seinem Publikum darreicht, unbedingt sehenswert, allein schon wegen der wunderbaren Detailfülle der Bilder und einzelnen Szener, zumindest im ersten Abschnitt. Man kann sich bis zu einem gewissen Grad in diesen Film hineinfallen lassen, die Bilder genießen und auch die Leistung des Ensembles bewundern. Die Story hingegen kann man getrost….vergessen.

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