WOHIN DU AUCH GEHST/WHERE YOU GO, I WILL GO
Ein trotz kleinerer Schwächen überzeugender Debutroman
Ganz am Ende, auf den letzten Seiten des vierten Teils ihres Debut-Romans WOHIN DU AUCH GEHST (WHERE YOU GO, I WILL GO, Original erschienen 2023; in der deutschen Übersetzung von Michaela Grabinger 2025), ist es vielleicht ein wenig zu viel Drama, dass die wie ihre Protagonistinnen in Kinshasa geborene, mittlerweile in London ansässige Christina Fonthes ihren Leser*innen vorsetzt. Eine Wendung zu viel in einem an Wendungen so oder so schon reichen Buch. Doch bis dahin hat man es mit einem ausgesprochen vielschichtigen, wenn auch nicht fehlerfreien Roman über die Beziehung Afrikas zu Europa, mit einem komplexen Emanzipationsdrama und einer – oder, um genau zu sein, nicht nur einer – wunderschönen Liebesgeschichte zu tun. Und diese von der Autorin hintersinnig und gekonnt miteinander verwobenen Themenkomplexe entschuldigen dann für ein Romanende, welches recht offenkundig der Tatsache geschuldet gewesen ist, überhaupt zu einem Ende kommen zu müssen. Denn ansonsten ist dies für ein Debut erstaunlich stilsicher und souverän konzipiert und erzählt.
Auf unterschiedlichen Zeitebenen wird die Geschichte von Mira und ihrer Tochter Bijoux berichtet. Erstere eine lebenslustige junge Frau in Kinshasa in den 70er und den frühen 80er Jahren, die sich – in den Augen ihrer konservativen Familie – in den falschen Mann verliebt, einen jungen Musiker. Während ihr Vater um das Amt des Gouverneurs kämpft, kann er keine Schlagzeilen gebrauchen, die ein liederliches Licht auf seine Familie werfen. Der Kampf dieser jungen Frau, die schwanger wird, das Kind gebärt und schließlich, ohne Kind, das Land verlässt – damals noch Zaire, die heutige Demokratischen Republik Kongo – und nach Brüssel, dann nach Paris und schließlich nach London geht, wo sie ein religiöses Erweckungserlebnis zu der Frau macht, die sie lange sein wird, bestimmt den einen Handlungsstrang dieses Romans. Bijoux, Miras Tochter, einst in der Obhut von Miras Schwester Eugénie zurückgelassen, verlässt ihre afrikanische Heimat, als die dort herrschenden Unruhen zu Beginn der 90er Jahre immer unübersichtlicher und gefährlicher werden. Eugénie, die Bijoux für ihre Mutter hält, bringt das damals immer noch kleine Mädchen zu ihrer „Tantine Mireille“ nach London und lässt sie dort zurück. Wie Bijoux hauptsächlich in den Jahren zwischen 2004 bis 2007 langsam entdeckt, wer sie ist, nämlich eine lesbische Frau in einem Umfeld, welches sie auch nahezu fünfzehn Jahre, nachdem sie hierher verbracht wurde, nicht als ihre Heimat empfinden kann, das macht die zweite Handlungsebene des Romans aus. Die Konflikte und Krisen, von denen er so eindringlich erzählt, ergeben sich aus den Reibungen zwischen eben diesen beiden Ebenen. Und so wird dies auch zu einem Generationenroman.
Man könnte meinen, das Buch sei ein wenig überfrachtet mit all diesen Themen, doch ist es eben der schriftstellerischen Klasse dieser jungen Autorin zu verdanken, die einzelnen Motive so miteinander zu verweben, so zueinander in Bezug zu setzen, dass aus der Summe aller Einzelteile ein überzeugendes und authentisches Ganzes entsteht. Da sind einmal die Schwierigkeiten, sich in eine vollkommen andere Gesellschaft und Kultur zu integrieren, zugleich aber den Traditionen einer Heimat verpflichtet zu bleiben, die einerseits weit entfernt, andererseits – durch die Altvorderen, die Gemeindevorsteher, die Priester – aber auch äußerst gegenwärtig ist. Für Bijoux bedeutet dies unter anderem, dass sie einen Exorzismus über sich ergehen lassen muss, als ihre Tante/Mutter herausfindet, dass sie lesbisch ist. Ein Vergehen, für das man in Kinshasa nackt durch die Straßen getrieben werden kann – wenn nicht gar Schlimmeres.
Die Erkenntnis, gleichgeschlechtlich zu lieben, spielt eine wesentliche Rolle im Roman und macht einen Großteil der Erzählung aus. Dabei sind es weniger die inneren Konflikte, die eine solche Erkenntnis hervorrufen könnte – Bijoux geht souverän damit um und erlebt eine wunderbar beschriebene Liebesgeschichte -, eher sind es eben die Konflikte mit der eigenen Gemeinde, die sie beschäftigen. Überhaupt die Religiosität: Dass in einer doch recht aufgeklärten (europäischen) Gesellschaft zu Beginn des neuen Jahrtausends die Gemeindevorderen und die Älteren generell immer noch solche Macht über die Kinder, auch die erwachsenen Kinder haben können, erstaunt – und ist doch gerade ein Beweis dafür, in welchem Spannungsverhältnis gerade diese jungen Frauen leben. Bijoux wird zwangsverheiratet, schnell merkt sie, dass ihr Mann Fabrice ein ganz eigenes, geheimes Leben führt und kommt – anders als die Leser*innen, die dies schnell ahnen – lange nicht dahinter, dass er seiner Familie auf ähnliche Art und Weise „Schande“ bereitet, wie sie der ihren.
So folgen wir Bijoux´ Versuchen, den Einflüssen gerade dieser scheinbar so übermächtigen Familien – und darin vor allem der Mütter, auch das muss gesagt sein, innerhalb der Familie sind sie der bestimmende Faktor – zu entkommen, ihr Glück mit Frauen zu finden, was ihr dann gelingt, als sie – ausgerechnet in der Kirche – Chancey kennenlernt. Diese Ebene ist spannend und wirkt authentisch, wobei man sich allerdings häufiger fragt, weshalb diese Frauen bei aller Verbundenheit mit ihren Familien und der Gemeinde, nie einen Schritt aus dem religiösen Dunstkreis wagen. Das gilt vor allem für Bijoux, die, als wie sie kennenlernen, in einem dezidiert alternativen LGBTQ+-Umfeld arbeitet und offensichtlich andere Lebensentwürfe kennt. Doch mag genau das – ein extrem konservatives Umfeld in einer immer liberaleren Gesellschaft, in die es eingebettet ist, gegen die es sich aber auch abschottet – genau die Grundierung sein, die diesen Roman so dringlich und authentisch macht. Und wahrscheinlich ist er so betrachtet auch nicht für europäische Leser*innen geschrieben. Afrikanerinnen, die aus dem beschriebenen Umfeld kommen, die die spezifischen Traditionen kennen, in denen Stammeszugehörigkeit und die jeweilige Sprache eine enorme Rolle spielen, werden das Beschriebene wahrscheinlich ohne weitere Erklärungen verstehen.
Literarisch betrachtet schwieriger wird es bei Miras Geschichte. Die nämlich ist – auch wenn das realistisch sein mag, dass es solche Schicksale gibt – derart überfrachtet mit dramatischen Wendungen, fürchterlichen Schicksalsschlägen und grausigen Verlusten, dass man sich bald eher in einer Seifenoper wähnt, denn in einem an gewissem Realismus orientierten Roman. Und auf den letzten Seiten – womit man auch wieder beim Anfang dieses Textes wäre – wird dann noch ein weiterer dramatischer Twist draufgesattelt, dass man sich dann doch fragt, ob nun das damit angeschnittene Thema auch noch zwingend untergebracht werden musste.
Diese Schlusswendung ist das eine, eine Drehung zu viel, das andere ist die nicht wirklich überzeugende Entwicklung dieser Figur. Wird die Geschichte aus Bijoux´ Sicht erzählt, tritt ihre „Tante Mireille“ als eine derart strenge, religiös nahezu verbrämte Figur auf, dass man sie nicht mit der Mira aus den Abschnitten zusammenbekommt, die vom Werdegang dieser Figur berichten. Und auch, wenn der entscheidende Moment kommt, in dem Mira angeblich ein Erweckungserlebnis gehabt haben soll, bleibt dies lediglich Behauptung. Nachvollziehen können wir diese Entwicklung nicht. In gewisser Weise kommt der Autorin da ihr eigenes Talent in die Quere: Zu überzeugend die Mira, die sie uns über Hunderte Seiten präsentiert, zu überzeugend deren Liebe zu einem Musiker – der Grund, warum sie das Land verlassen musste – und später zu einem sie verehrenden Mann in Paris. Wie aus einem Menschen, der das Leben kennt, es mit offenen Armen willkommen geheißen und mit aller Kraft in sich aufgesogen hat, diese verkniffene und versteifte Frau geworden sein soll, die Bijoux erlebt, leuchtet schlicht nicht ein.
Dies also sind die wenigen, allerdings nicht zu unterschätzenden Schwächen dieses Romans, hinzu kommt die Parallelkonstruktion der Geschichten der beiden Hauptfiguren, die den Leser*innen doch häufig ineinander verschwimmen. Das mag gewollt sein, eine gewisse Analogie, die uns beweist, dass sich ein gewisser moralischer Druck nicht geändert hat, doch wird auch diese Parallelität nicht zwingend erklärt. Vielmehr stört es gelegentlich den Lesefluss, wenn man nur anhand der Kapitelüberschriften nachvollziehen kann, in welchem Jahr man sich gerade befindet. Das legt sich im Laufe der Handlung, ist aber anfangs tatsächlich beeinträchtigend.
Dass die britische Gesellschaft hier nahezu außen vor bleibt, mag zunächst ebenfalls wie eine Schwachstelle wirken, doch ist dies eher ein maßgeblicher Faktor für die Bedingungen in Bijoux´ – und davor Miras – Leben: Die Abschottung einer sogenannte Parallelgesellschaft erlaubt eben auch die bedingungslose Durchsetzung eigener Traditionen und Riten, die teils mit der Gesetzgebung des Gastgeberlandes nicht in Einklang zu bringen sind. Ein Exorzismus bspw. Oder eine Zwangsheirat. Oder der Hass auf alles, was von der eigenen Norm abweicht. Anhand dieser in der Gemeinde verbleibenden Problematiken beschreibt, besser: zeigt Fonthes überzeugend auf, wie diese Parallelgesellschaften funktionieren, wie sie sich festsetzen, wie in ihnen ein Patriarchat überlebt, von dem Europäer – zumindest bis vor Kurzem – geglaubt hatten, es sei überwunden. So liegt hier auch eine deutliche Kritik an der Kongolesischen Diaspora vor, die sich nur schwer in die Gesellschaften integrieren lässt und integrieren lassen will, in denen sie Zuflucht sucht.
WOHIN DU AUCH GEHST ist ein überzeugender Debutroman, der kleinere Schwächen aufweist, der aber vor allem einen authentischen Einblick in das oft prekäre und dadurch aufreibende Leben afrikanischer Emigranten gibt. Dafür bürgt eben auch der Hintergrund der Autorin. Der Roman ist hintersinnig komponiert und hält sich glaubwürdig an seine Erzählstruktur. Schließlich gibt er neben den erwähnten Einblicken auch Auskunft über einen der vernachlässigten Konflikte dieser Welt: Den Krieg im Kongo, der nunmehr seit nahezu drei Dekaden andauert, um den sich niemand kümmert, keine Allianz, keine UNO, kein Niemand, und der mittlerweile weit über 5 Millionen Tote gefordert hat. Er bildet ebenfalls ein Hintergrundrauschen dieser Erzählung und wird doch nur dezent erwähnt und hervorgehoben, obwohl gerade die Gewalt daheim das Leben derer in der Emigration so maßgeblich mitbestimmt. Es zeugt von literarischer Kraft, das alles so integral zu erzählen. Christina Fonthes kann es.