DER NEUE FASCHISTISCHE KÖRPER/THE NEW FASCIST BODY

Die bemerkenswerte Betrachtung eines Feldes faschistischer Politik, dem bisher zu wenig Aufmerksamkeit beigemessen wurde

Vielleicht ist es an der Zeit, sich in Bezug auf den gesellschaftlichen Rechtsruck, in Bezug auf den Aufstieg rechter Parteien und das Erstarken rechter Bewegungen weniger mit politischen Skandalen, Aussagen einzelner Protagonisten, Programmen, die nur schlecht übertünchen, was wirklich geplant ist und den oft inkohärenten und widersprüchlichen Talkshowauftritten von führenden wie subalternen Politiker*innen zu beschäftigen, sondern sich Aspekten zuzuwenden, die bisher weniger Aufmerksamkeit bekamen aber sehr viel über die diesen Parteien zugrundeliegenden Ideologien verraten. So wie die Beiträge in dem von Heinrich Geiselberger zusammengestellten Band OBEN RECHTS. RECHTSPOPULISMUS ALS KLASSENPROJEKT (2016) sich eben jenen benannten Parteien als einem kapitalistischen, dem Neo-Liberalismus entsprungenes Projekt nähern. Oder wie im vorliegenden Band DER NEUE FASCHISTISCHE KÖRPER (THE NEW FASCIST BODY, Original 2025; Dt. von Lisa Jay Jeschke 2025) die Historikerin Dagmar Herzog sich biopolitischen, aber auch den damit eng verbundenen sozialen und ästhetischen Aspekten faschistischer Bewegungen annimmt. Und zwar sowohl historisch als auch in Bezug auf aktuelle Parteien wie der AfD in Deutschland.

Auf schmalen 77 Seiten, unterteilt in drei größere Abschnitte untersucht Herzog die Verbindung von Sexyness, Arbeit, Rassismus, Intelligenz und einem tradierten Familienbild in Abgrenzung zu allen davon abweichenden Formen menschlichen Zusammenlebens, gleich ob gleichgeschlechtliche Ehe oder die Idee, es gäbe mehr als zwei biologisch definierte Geschlechter. Abgerundet, ergänzt und kommentiert wird der Text von einem Nachwort des italienischen Philosophen Alberto Toscano, der „Fragmente einer Theorie des spätfaschistischen Körpers“ bietet.

Im ersten Abschnitt des Texts – „Prolog: Aspekte eines postmodernen Faschismus“ – untersucht Herzog u.a. die Widersprüchlichkeiten der Positionen, die die AfD in Wahlkämpfen vertritt – oft entsprechend der Regionen, in denen gerade gewählt wird. Da werden die schon erwähnten traditionellen Familienbilder in Abgrenzung zu (post)modernen Lebensformen bevorzugt, andererseits aber auch homosexuelle Beziehungen als verteidigungswürdig herangezogen, wenn man sie gegen Muslime und deren angebliche kulturelle Prägungen in Stellung bringen kann. Herzog kann Bezüge zum historischen Nationalsozialismus herstellen, der – vor allem in der Rückschau – oft als prüde und restriktiv bezeichnet wird, tatsächlich aber einen klaren, geradezu fordernden Blick auf Erotik richtete und sich zum Ziel gesetzt hatte, „das (hetero)sexuelle Verlangen insbesondere junger Menschen zu fördern und zu stimulieren“ (S.37). Verkürzt ließen sich diese biopolitischen Maßnahmen mit dem Slogan „Schenkt dem Führer ein Kind“ zusammenfassen. Kinder – vor allem männliche – wurden gebraucht, als Soldaten, als Arbeiter, als Parteianhänger.

Wirklich gefährlich werden diese Aspekte allerdings dort, wo sie einerseits die Idee von der rassischen Überlegenheit, also dem Herrenmenschentum, bedienen, andererseits aber kurzgeschlossen werden mit der Abgrenzung zu Teilen der Bevölkerung, die als minder wertvoll zu betrachten seien – vornehmlich Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen. Die nämlich seien – sowohl körperlich als auch geistig, womit man den Begriff der Intelligenz mit einbezogen hätte – Ballast für den „Volkskörper“, der sie mitziehen müsse, obwohl sie keinen eigenen Beitrag leisten. ‚Arbeit‘ ist hier das Zauberwort. Wie schon die Nationalsozialisten, die – nachzulesen in den Beiträgen zur Thematik bspw. von Götz Aly – ein geradezu obsessives Verhältnis zur Arbeit hatten, legt auch die AfD, legen Vertreter der AfD immer wieder nah, dass die Gesellschaft durchdrungen sei von Menschen, die nicht genügend beitragen zur allgemeinen Versorgung. Gemeint sind ebenso Migranten, die angeblich faul und bequem die deutschen Sozialsysteme fluten (und dann eben keine Flüchtlinge vor Bürgerkrieg, Not und Terror mehr sind, sondern Wirtschaftsflüchtlinge, bestenfalls), als eben auch jene Menschen, die gemeinhin als behindert betrachtet werden. Björn Höcke bezog in einem Sommergespräch des MDR ganz klar Stellung gegen Inklusion und inklusive Projekte an Schulen[1].

Im historischen Faschismus, in diesem Falle also dem deutschen Nationalsozialismus, wurden solche theoretischen Ansätze natürlich weitergetrieben, offener und auch brutaler verhandelt und vermittelt. Juden wurden als „unrein“ betrachtet, sie wurden – sehr früh schon – aus öffentlichen Räumen wie Badeanstalten oder Parks etc. ausgeschlossen, also von jenen Orten, an denen der gemeine Nazi „Ansteckung“ befürchtete. Auch sogenannte „Mischehen“ wurden schnell verboten. Das „deutsche Blut“ sollte nicht „verunreinigt“ werden. Die biologische Metapher lauerte allüberall, das Denken wurde gleichsam biologisiert. Diese Biopolitik in Reinkultur ist so heute (erstmal) nicht mehr möglich. Und doch kann man – Herzog verweist auf Beispiele – auch in Reden von AfD-Politiker*innen immer wieder Anleihen bei diesem Denken finden, manchmal vergleichsweise offen, meist aber verklausuliert. Und auch hier treten wieder Paradoxien auf: Dem ungeborenen Leben wird durch eine AfD-Politikerin wie Beatrix von Storch ungemeine Aufmerksamkeit zuteil, will sie das ungeborene Leben doch um jeden Preis und gegen alle Widerstände schützen, ihr sind Abtreibungsbefürworter gleichsam der Leibhaftige selbst; sind diese Kinder erst einmal geboren, lässt das Interesse an ihnen rapide nach – bis sie irgendwann als Störfaktoren wieder in den Fokus genommen und im Zweifelsfall bekämpft werden.

Es ist Herzog hoch anzurechnen, dass sie genau diese historischen Bezüge herstellt und – auch das eine Leistung – recht einfach und klar nachvollziehbar macht. Dadurch verstehen Leser*innen schnell, dass dieses Denken keinesfalls neu ist und auch 1933 nicht neu war. Es gab schon im ausgehenden 19. Jahrhundert Vorläufer rassischen wie völkischen Denkens und Bewegungen, die dieses Denken, diese Ideen verbreiteten und auch zu ideologischen Programmen ausarbeiteten. Herzog kann aber – und auch das ist ein wichtiger Aspekt – aufzeigen, dass Teile des nationalsozialistischen Denkens nicht mit dem Regime untergingen, sondern sich lange noch in der bundesrepublikanischen Gesetzgebung niederschlugen, teils bis heute niederschlagen. Es sind eben diese historischen Bezüge und Relationen, die diesen Text so aufschlussreich und lesenswert machen.

Die Verbindungen von Eros, Körperlichkeit und Körperkult, verbunden mit der Angst vor etwas Weiblichen, das vor allem Männer einer bestimmten Generation nicht nur nicht verstanden, sondern von früher Kindheit an als etwas Feindliches vermitteln bekamen, hat nicht zuletzt Klaus Theweleit in seinen berühmten MÄNNERPHANTASIEN (1977/78) hergestellt. Herzogs Forschungen – dies ist bei Weitem nicht ihr erster Text zur Geschichte und Sozialisation von Sexualität mit Schwerpunkt auf Deutschland – docken auch an diesen Untersuchungen an und erweitern sie. Ebenso kommen hier immer wieder die von Michel Foucault angestrengten Untersuchungen zur Biopolitik (Geschichte der Gouvernementalität I und II – 1977/78 und 1978/79) ins Spiel. Es wird deutlich, wie auf diesen Feldern immer schon und in der Gegenwart umso verstärkter politische Projekte definiert, ausformuliert und umgesetzt werden.

Wichtig ist es, diesen Blick auf die Politik derer zu werfen, die sich anschicken die Regierungen in den westlichen Ländern zu übernehmen – oder aber schon übernommen haben, wie bspw. in Italien unter Georgia Meloni. Ähnlich wie in den kulturpolitischen Bereichen, die sich mit den hier besprochenen teils überschneiden, wird es für entsprechende Parteien einfacher sein, hier einzugreifen und ihre Vorstellungen durchzusetzen, als im Angriff auf die Justiz und die Presse (um nur zwei der Großprojekte aller rechten Regierungen zu nennen). Letztere sind resilient, sind „harte“ Brocken, die zu schleifen nicht unmöglich ist – Polen und Ungarn unter der PiS-Partei und Orbáns Fidesz seien als warnende Beispiele genannt – jedoch dauert. Der sogenannte Kulturkampf ist weitaus einfacher zu führen (man vergleiche das Parteiprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt, wo die Partei sich anschickt im Herbst 2026 eine absolute Mehrheit zu erobern) und zeitigt zunächst bessere Ergebnisse. Genau hier – Dagmar Herzog liefert beste Beispiele – müssen Demokraten sehr, sehr wach sein. Genau an diesen Schnittstellen wird sich ein Teil dessen entscheiden, was man trotz allen Pathos´ wohl das Schicksal der liberalen, pluralistischen Demokratie und Gesellschaft nennen darf.

[1] Das zusätzliche Problem an solchen Äußerungen ist die Tatsache, dass sie ein wirkliches Gespräch zu den Pros und Cons des inklusiven Unterrichts (um bei diesem Beispiel zu bleiben) erschweren, wenn nicht gar verunmöglichen. Denn dieser Diskurs ist notwendig, spricht man mit denjenigen, die den Begriff Inklusion mit Leben füllen, den theoretischen Ansatz umsetzen müssen, wollen und sollen.

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