1776. DER SOMMER DER REVOLUTION/REVOLUTIONARY SUMMER. THE BIRTH OF INDEPENDENCE

Joseph J. Ellis führt tief in das mythologische Jahr der amerikanischen Revolution

Obwohl bereits 2013 erschienen, ist Joseph J. Ellis´ 1776. DER SOMMER DER REVOLUTION (REVOLUTIONARY SUMMER. THE BIRTH OF INDEPENDENCE, 2013; Dt. 2026) in gewissem Sinne das Buch zur Stunde, respektive zum Jahr, feiern die USA in diesen Sommer doch den 250. Geburtstag der Unabhängigkeit vom britischen Mutterland. Und auch wenn man der Meinung sein könnte, unter einem Präsidenten Donald J. Trump gäbe es da gar nicht so viel zu feiern, und wenn man bedenkt, dass diese Administration der Meinung gewesen ist – oder zumindest der Präsident selbst der Meinung gewesen ist – dass ein Käfigkampf vor dem Weißen Haus eine angemessene Feier zum Jubiläum sei, so kann es doch nicht schaden, sich noch einmal vor Augen zu führen, wofür dieses Land, wofür diese Nation zumindest ideell einmal stand und weshalb sie – zumindest für etwa 240 Jahre – eine ungeheure Strahlkraft entwickeln konnte. Dieses Buch bietet dazu einen sehr gelungenen Detaileinblick in die Entstehungsgeschichte.

Ellis, Historiker, Pulitzer Prize-Träger und mit dem National Book Award ausgezeichnet, kapriziert sich in diesem vergleichsweise schmalen Band tatsächlich auf das den deutschen Titel beherrschende Jahr 1776, also jenes Jahr, das in der allgemeinen Wahrnehmung immer mit der amerikanischen Revolution und der Unabhängigkeit assoziiert wird, auch wenn der Prozess der Loslösung und die eigentliche Revolution doch länger dauerte. Weder erklärt Ellis sonderlich viel über jene Jahre, die der Eskalation vorausgingen, noch nimmt er großen Bezug auf das, was in den folgenden Jahren geschehen sollte. Er setzt also weitestgehende Kenntnisse, zumindest Grundkenntnisse dessen, was während dieser nahezu zwanzig Jahre der Ablösung von England geschah, die letztlich erst mit dem Frieden von Paris 1783 besiegelt wurde, voraus. Aber es stimmt ja – mit der größtenteils (wenn auch in entscheidenden Passagen eben nicht) von Thomas Jefferson verfassten Unabhängigkeitserklärung war 1776 das entscheidende Jahr, war der Sommer 1776 der entscheidende Moment der Entwicklung. Und zwar in mancherlei Hinsicht.

Ellis betont schon in der Einleitung, dass aus seiner Sicht die unter General George Washington in New Jersey und dann auf Manhattan und Long Island stationierte Kontinentalarmee und der in Philadelphia tagende zweite Kontinentalkongress zunächst relativ unabhängig voneinander existierten, agierten und letzterer oftmals nicht wirklich im Bilde über die Lage der ersteren gewesen ist. Während Washington sich mit sehr reellen militärischen Fragen und Problemen – vor allem, was die Verteidigung Long Islands und, wichtiger, Manhattans betraf – konfrontiert sah, die schließlich in mehreren waghalsigen Manövern zur Evakuierung und zum Rückzug seiner teils nur aus Milizen bestehenden Armee bestand, beschäftigte sich der Kontinentalkongress mit ideellen, höchst politischen und dabei teils philosophischen Fragen. Hier spielt für Ellis vor allem John Adams – später der nach George Washington zweite Präsident der Vereinigten Staaten (1797-1801) – eine, wenn nicht die entscheidende Rolle. Ellis hebt ihn vor allem gegenüber Jefferson – der dritte Präsident der USA (1801-1809) – als den realpolitisch klügeren, auch versierteren Mann hervor, während der in der Mythologie der Vereinigten Staaten immer als der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung verklärte Jefferson bei Ellis ein wenig zum Traumtänzer und Poeten-Politiker (wenn er aus Ellis´ Sicht denn überhaupt als Politiker bezeichnet werden kann) deklassiert wird.

Ellis arbeitet in seiner Engführung zweier zunächst voneinander unabhängiger Entwicklungen sehr genau heraus, dass vor allem Benjamin Franklin und eben John Adams in ihrer unbedingten Entschlossenheit hinsichtlich einer Abtrennung der Kolonien vom britischen Mutterland ein Fait accompli, eine vollendete Tatsache schufen, hinter die die USA nicht mehr zurückkonnten. Im Jahr 1776 war definitiv der Point of no Return des Konflikts erreicht. Und Adams und Franklin – vor allen anderen Beteiligten – forcierten die Entwicklung dahingehend, dass dieser Punkt auch wirklich erreicht wurde. Ebenso gelingt es Ellis aber auch hervorzuheben, dass es weder im Kongress noch unter den Einzelstaaten wirkliche Einigkeit über das genaue Procedere und die Richtung gab, die der einmal eingeschlagene Weg nehmen sollte. Je weiter nordöstlich, also zum Atlantik hin, die einzelnen Staaten gelegen waren – was u.a. eben auch und vor allem New York betraf -, desto uneiniger waren sich die Siedler und Einwohner vor Ort. Gerade auf Manhattan herrschte keineswegs Einigkeit, hier waren viele Einwohner bereit, sich unter den Schutz der britischen Armee zu begeben, eine Mehrheit wollte durchaus weiterhin beim Mutterland bleiben. Man kann also sehr gut nachvollziehen, dass das, was heute als „Unabhängigkeitskrieg“ und „amerikanische Revolution“ fungiert, ein komplexer, komplizierter, oft uneinheitlicher und letztlich langwieriger Prozess gewesen ist.

Ellis wirft auch einen ausgesprochen scharfen Blick auf die Briten und deren Befehlshaber vor Ort. Es waren dies die Brüder Lord Richard Howe – der als Admiral die bis dato größte Invasionsflotte anführte, die die Welt je gesehen hatte -, sowie William Howe, der als General diese Streitmacht führen und die Rebellion endgültig niederschlagen sollte. Die Geschichte sieht vor allem in William Howe denjenigen, der die entscheidenden Fehler beging und damit den Verlust der westlichen Überseekolonien der Briten zu verantworten hatte. Tatsache ist, dass er in entscheidenden Momenten nicht die nötige militärische Härte walten ließ und entsprechend entschlossen gegen Washingtons sich zurückziehende Armee vorging. Bis heute werden sowohl die Flucht der Kontinentalarmee von Long Island von Brooklyn über den East River nach Manhattan in der Nacht vom 29. auf den 30. August 1776, als auch der spätere Rückzug in den Norden der Insel als militärische Meisterleistungen und Schlüsselmomente im Unabhängigkeitskrieg betrachtet. Zumindest der Rückzug nach Harlem Heights wäre bei einem entschiedenen Eingreifen der britischen Truppen (die tatsächlich massive Unterstützung durch hessische Truppen hatten, welche vom Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel an die Briten vermietet worden waren) wenn nicht zu verhindern, so doch zumindest nur unter schweren Verlusten der Amerikaner zu bewerkstelligen gewesen.

Doch Howe glaubte an eine nicht-kriegerische Einigung; er hoffte darauf, Washington, den er für einen Ehrenmann hielt – für den Washington sich auch selbst hielt, worauf noch einzugehen sein wird -, einsehen würde, dass er gegen eine so massive Streitmacht, wie die Briten sie über den Atlantik verschifft hatten, keine Chance habe und klein beigeben würde. Ebenso war Howe davon überzeugt – und Ellis weist nach, dass er damit nicht ganz falsch lag -, dass viele Amerikaner – oder Bewohner der britischen Kolonien in Übersee – keineswegs so überzeugt von einer möglichen Unabhängigkeit waren, wie es Adams und die seinen im Kongress, vielleicht ein wenig in einer Blase gefangen, annahmen.

Ellis baut sein Buch geschickt in einem Wechselspiel zwischen den Vorgängen in Philadelphia und jenen in Manhattan auf, so dass sich beide Schauplätze abwechseln und Leser*innen einen recht guten und anschaulichen Überblick erhalten, was sich in einer Entfernung von ca. 130 Kilometern – oft in völliger Unkenntnis der Entwicklungen am anderen Ort – jeweils abspielte. Dieser sich ergänzende Aufbau sorgt aber vor allem dafür, einen Eindruck davon zu erhalten, wie unterschiedlich die Wahrnehmung eines solchen Konflikts sein kann, abhängig davon, ob man ihn direkt und unmittelbar im Feld – und also auch in unmittelbarer Todesnähe – erlebt, oder aber in den heiligen Hallen institutioneller Fürsorge und Pflege hehrer Ideen.

Washington, das wird durch Ellis´ Darstellung eben auch mehr als deutlich, war ein Soldat. Er funktionierte und dachte in den Kategorien militärischer Ehrvorstellungen des 18. Jahrhunderts. So war ihm allein der Gedanke an einen taktischen Rückzug, wie ihn seine untergebenen Generäle teils schon früh vorschlugen, als ihnen klar wurde, dass die Briten sowohl an Land als auch zur See über eine immense Übermacht verfügten, ein Graus. Man tat das nicht. Man stellte sich in offener Schlacht und musste eben, war man unterlegen, darauf hoffen, dass Kampfgeist und Wille wettmachen konnten, was an Material und Männern fehlte. Viele der auf britischer Seite kämpfenden Offiziere kannten Washington, sie gemeinsam mit ihm während des Siebenjährigen Krieges gekämpft, der von Historikern mittlerweile oft als erster Weltkrieg bezeichnet wird, da er auf verschiedenen Kontinenten und Meeren ausgetragen wurde, darunter eben auch in Nordamerika. Daher auch meinte Howe die psychologische Kenntnis seines Widersachers gewinnen zu können. Dass Washington eine steile Lernkurve vollzog und schließlich bereit war, über seinen Schatten zu springen und Teile seiner militärischen Ideale zugunsten eines teils wie ein Partisanenkrieg zu führenden Kampfes aufzugeben, war zunächst unvorstellbar für die britischen Offiziere.

Allerdings kann Ellis auch die inneren Widersprüche verdeutlichen, die gerade die Gedanken hinsichtlich eines stehenden Heeres nicht nur bei Washington, sondern bei allen Revolutionären auslösten. Denn die Idee, Männer in die Armee zu zwingen, ob sie wollten oder nicht, die Idee, Soldaten unter Waffen zu halten, widersprach im Kern den Ideen, die Adams, Franklin, Jefferson und auch Washington selbst überhaupt erst in den Widerstand getrieben hatte. Es scheint aus der Sicht der heutigen Welt eine Marginalie, doch genau solche Überlegungen waren wesentlicher Bestandteil der inneren Widersprüche und zwischenmenschlichen Debatten. Der Soldat George Washington wusste, dass er letztlich eine Art Berufsarmee brauchen würde, um den Briten Paroli zu bieten; der Farmer George Washignton verstand, wie wichtig es war, beizeiten die Ernte einzubringen, weshalb er zunächst das Verhalten der Milizen tolerierte, die erst die Arbeit daheim erledigt haben wollten, bevor sie bereit waren, in den Kampf zu ziehen. Die Versorgungslage, die unmittelbar mit diesen Fragen verknüpft war, sollte dann in den folgenden Jahren auch eine enorme Rolle spielen und wurde letztlich erst durch das Eingreifen der Franzosen – offiziell ab 1778, tatsächlich aber schon ab 1776 – entschieden, da so Hilfslieferungen die amerikanischen Truppen erreichen konnten.

Ellis Buch ist voller Details, voller Anmerkungen und Hinweise und allein deshalb die Lektüre wert. Vor allem aber gelingt es ihm, seinem Publikum eine Idee davon zu vermitteln, wie eine ganze Nation, die es als solche gar nicht gab, den Aufbruch in eine völlig offene Zukunft wagte. Niemand – auch Adams, Franklin oder Jefferson – hatte eine Blaupause, eine bestehende Idee davon, wohin die Reise dieses Landes, dieser dreizehn Kolonien, die nun Staaten wurden, gehen sollte. Viele Diskussionen, die im Lauf der amerikanischen Geschichte – teils bis heute – eine große Rolle spielen sollten, wurden schon damals behandelt. Darunter die immer junge Frage danach, wie die Rechte zwischen der Zentralregierung (die damals schwach war und eigentlich auch schwach bleiben sollte) und den Einzelstaaten verteilt werden sollten; aber auch die Sklavenfrage kam bereits im Kontinentalkongress zur Sprache. Dabei ist zu beachten, dass sowohl George Washington als auch Thomas Jefferson Sklaven hielten, wenn auch in geringem Umfang und angeblich unter menschenwürdigen Bedingungen, was aber nicht davon ablenken kann, dass sie glaubten, andere Menschen besitzen zu dürfen. Washington war derjenige, der testamentarisch die Freilassung seiner Sklaven anordnete. Ob ihn dies zu einem besseren Menschen macht – ein jeder möge selbst darüber urteilen. John Adams lehnte die Sklaverei allerdings schon damals ab, er besaß nie Sklaven und beschäftigte stattdessen freie Lohnarbeiter. Gewisse Konflikte waren also bereits in der Basis dieses Landes angelegt und konnten teils nie endgültig geklärt werden.

Dass Amerika, die Vereinigten Staaten, die USA, schließlich der Erfolg wurden, der sie zumindest wirtschaftlich und zeitweilig auch kulturell dann geworden sind, stand keineswegs von Anfang an fest. Es musste gerungen und gekämpft und immer wieder neu ausgehandelt werden, wie und unter welchen Bedingungen man eigentlich zusammenleben wollte. Liest man ein Buch wie dieses, dann begreift man wieder ein bisschen besser, dass die USA historisch betrachtet möglicherweise erneut an genau solch einem Punkt stehen. Man wird sich darüber klar werden müssen, ob man jenes Konzept des Exzeptionalismus, das auch die Gründerväter schon umtrieb (Pursuit of Happiness), beibehalten will (und einer sich rasant wandelnden Welt überhaupt noch vertreten kann), oder ob man zu jener Art des Isolationismus zurückkehren will, der die amerikanische Politik ebenso schon früh geprägt hat. Oder ob man gar den Status eines geopolitischen Raubritters einnehmen will, der sich – aufgrund seiner militärischen, wirtschaftlichen und in gewissem Sinne immer noch kulturellen Stärke – einfach nimmt, was er will oder braucht. Donald Trump scheint genau solch ein Konzept (wenn überhaupt) zu verfolgen und damit an jene Monroe-Doktrin anschließen zu wollen, die die amerikanische Außenpolitik zumindest während des 19. Jahrhunderts stark geprägt hat.

Wie man innenpolitisch miteinander leben will, das allerdings scheint eine Frage zu sein, die möglicherweise erneut mit Waffengewalt ausgefochten werden muss. Und es scheint eine existenzielle Frage zu sein, deren Beantwortung tatsächlich auch zu einem Zerbrechen dieser Nation führen könnte. Wer sich für die USA interessiert, wer sich mit ihrer Geschichte auseinandersetzt und ihr Werden verfolgt, blickt dieser Tage gespannt und auch ein wenig furchtsam auf genau diese Entwicklungen. Man möge zu einem guten Buch wie diesem greifen, um sich die Wartezeit zu verkürzen und sein Wissen über dieses Land zu mehren.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.