MIRABEAU ODER DIE MORGENRÖTE DER REVOLUTION

Johannes Willms bietet einen aufregenden Blick auf eine der wesentlichen Figuren der Frühphase der Französischen Revolution

Denkt man an das Personal der Französischen Revolution, jener glorreichen Tage, die so gern als Höhepunkt wie Nemesis des Jahrhunderts der Aufklärung betrachtet werden, dann fallen neben denen des Königs und seiner Gemahlin – Louis XVI und Marie Antoinette – sofort Namen wie Danton, Robespierre, Marat, Saint Just oder auch Talleyrand. Vielleicht etwas weniger geläufig, auch ob der weitaus weniger dramatischen Umstände seines Wirkens und  Sterbens, ist der Name von Honoré Gabriel Victor de Riquetti, Comte de Mirabeau. Da er bereits im April 1791, genauer am 2. April 1791, eines natürlichen, den Folgen seines durchaus ausschweifenden Lebens geschuldeten Todes starb, beschränkte sich sein Wirken auf die frühe Phase der Revolution, wird somit durch die späteren Phasen, vor allem jene des Terrors, überlagert. Dennoch war Mirabeau einer der führenden Köpfe der Revolution.

Der SUEDDEUTSCHE-Redakteur und Kenner der Materie Johannes Willms legt die Biographie dieses, wenn man so will, Realpolitikers der Revolution vor. Beeindruckend die Materialfülle, klar der Zugriff und deutlich die Ordnung des Buchs; leider ist und bleibt Willms aber der Journalist, der er nun einmal ist, und so fließt der Text relativ gleichmäßig dahin und der jüngere, prae-revolutionäre Mirabeau steht gleichständig neben jenem Mirabeau, der so wesentlich für die frühe Revolutionsphase war und der, wer weiß?, wäre ihm ein längerer Lebensfaden vergönnt gewesen, den Lauf der Revolution vielleicht maßgeblich in eine andere Richtung hätte lenken können. So sehr das die ersten Kapitel lang ein wenig wie Klatsch des 18. Jahrhunderts wirken mag – der Leser sei gewarnt vor dem Moment, in dem Willms Text die Revolution erreicht: Er halte sich ein Revolutionswörterbuch oder eine gute Übersicht über die personalen, zeitlichen und auch räumlichen Zusammenhänge und Abläufe bereit, denn wer sich unter den diversen Ständen und wie sie sich zusammensetzten, zwischen königlichen Erlässen und Befehlen, mit all den plötzlich en Masse auf ihn einprasselnden Namen und den historischen Entwicklungen gerade im Herbst 1789 und dem Frühjahr 1790 nicht genauestens auskennt, wird sich schnell im Text verloren fühlen. Willms, der mit TUGEND UND TERROR[1] ein gültiges Werk zur Französischen Revolution vorgelegt hat, geht scheinbar davon aus, daß, wer sich für den Comte de Mirabeau interessiert, mit denn allgemeinen Vorkommnissen und den bekannten Personen der Epoche vertraut ist –  ein nicht ganz abwegiger Gedanke. Dennoch wäre es an einigen Stellen hilfreich gewesen, auch hinlänglich bekannte Ereignisse, wie beispielsweise die „Oktoberrevolution“ – der Marsch der Pariser Frauen nach Versailles – zumindest so zu erläutern, daß Mirabeaus Haltung zu einzelnen Erwägungen besser einzuordnen wären.

Doch versteht Willms es sehr wohl, dem Leser ein Gespür für die Atmosphäre jener Jahre zu vermitteln, als die Revolution in der Luft lag und eine ganze Klasse spürte, daß ihre Zeit dem Ende entgegen ging. Mirabeau war auch ein Produkt sowohl dieser Klasse, als noch viel mehr seiner Zeit. Auch war er selber ein Opfer der Willkür, die der Absolutismus unter Louis XVI erreicht hatte, der Mirabeaus Vater half, diesen mit etlichen „Lettres des cachet“ in einer langen Abhängigkeit zu halten. Mirabeau war ein Lebemann, darin seiner Generation nicht unähnlich. Als Vertreter des Ancien Régime, dessen Unmöglichkeit er allerdings früh begriffen hatte, lebte er ein libertines Leben, nicht so der Ausschweifung hingegeben wie der nur unwesentlich ältere Marquis de Sade, doch skandalös genug, daß er den Familiennamen belastete, vor allem mit den maßlosen Schulden, die er aufzuhäufen verstand. Vom Vater angefeindet und wiederholt aufgrund dessen Anzeigen auf Jahre in Schweizer Haft, aber auch im Exil in Braunschweig und Berlin, in Holland und schließlich auch in London, wo er die Vorzüge der konstitutionellen Monarchie zu schätzen lernte, entwickelte Mirabeau ein durchaus revolutionäres Bewußtsein, ohne den radikalen Ideen anzuhängen, die sich in den späteren Phasen der Revolution durchsetzten. Willms versteht es großartig, im Privaten den Denker und „Homme de lettres“ zu spiegeln, in dessen öffentlichem Wirken den Privatmann mit all seinen allzu menschlichen Schwächen jedoch nicht zu vergessen.

Fast zerrieben zwischen den Fraktionen seiner Familie, lebt der rhetorisch Hochbegabte auf, als er als Abgeordneter des Dritten Standes in die Nationalversammlung einzieht und somit gerade die Anfänge der Revolution, das Jahr 1789, maßgeblich prägt. Dabei changiert er wortgewaltig zwischen der Linken, die er zunächst meidet, jedoch ab dem Frühjahr 1790 immer stärker frequentiert, und dem Königshaus, von welchem er sich Einfluß, am liebsten einen hohen Posten, am allerliebsten als Minister, ersehnt. Willms gelingt es, diese Divergenz zwischen dem überzeugten Politiker und dem ständig in ökonomischen Schwierigkeiten steckenden Sohn aus begütertem Hause, der sich eine sichere Einnahmequelle wünscht, die seine Bedürfnisse und seinen keinesfalls bescheidenen Lebensstil zu finanzieren vermag, zu markieren. Er gibt tiefen Einblick in die Mentalität eines Mannes wie Mirabeau und belegt dessen Selbstverständnis mit etlichen Quellen. Manchmal mag man den arg deduktiven Schlußfolgerungen, wenn aus einer einzigen Aussage psychologisch oder auch politisch abgeleitet wird, was  Mirabeau bewegt haben könnte, so und nicht anders zu denken, so und nicht anders zu handeln, nicht unbedingt folgen, interessant und aus sich selbst heraus schlüssig sind sie aber allemal. So bietet Willms eine nachvollziehbare Interpretation dieses Mannes.

Mirabeau versuchte – wahrscheinlich mehr als die meisten seiner direkten Widersacher, wie bspw. der Finanzminister Necker oder der Chef der Nationalgarde Lafayette oder seiner sehr viel radikaleren Nachfolger vom Schlage eines Robespierre, mit dem Mirabeau sich in der Nationalversammlung und im Jakobinerclub wohl beeindruckende Wortgefechte lieferte – eine realistische Sicht auf die Entwicklung eines Staatswesens zu werfen, das aus den noch durchaus Hoffnung machenden Entwicklungen der Jahre 1789 und auch 1790 abzuleiten gewesen wäre. Die Radikalität, die spätere Entwicklung unter der Herrschaft des radikalen Bürgertums und dann der Jakobiner, das hatte Mirabeau genau verstanden, würde nirgends anders hinführen als zu Staatsterror und Bürgerkrieg. Sogar das Heraufdämmern eines neuen Despotismus, wie er sich schließlich mit Napoleon einstellen sollte, sah Mirabeau weitsichtig voraus. Dies geht sowohl aus seinen Schriften, mehr noch aus seinem umfänglichen Briefverkehr mit vielen Freunden und Gleichgesinnten im In- wie Ausland hervor.

Vielleicht bleibt es Mirabeaus eigentliches Verdienst, einerseits die Anfänge der Revolution davor bewahrt zu haben, allzu schnell von den radikalen Enden her gedacht und dadurch direkt durch Bürgerkrieg oder Terror gefährdet zu werden, zugleich aber auch als theoretisch im Sinne der Aufklärung und ihrer entscheidenden intellektuellen Anstöße bewanderter Geist die sich abzeichnenden Entwicklungen mit- und vorausgedacht zu haben und damit dem, was sich in Europa politisch wie kultur- und geistesgeschichtlich ab nun entwickeln sollte, ein moralisch und ethisch abgesichertes Fundament selbstreflexiver Betrachtung gegeben zu haben.

Johannes Willms Verdienst ist es, dem Leser diesen Menschen nahe gebracht und ihn mit einer nachvollziehbaren Interpretation seines Wirkens und Schaffens der Nachwelt sozusagen erhalten zu haben. Willms hält angenehm die Äquidistanz zu seinem Sujet ein und weiß seinem Stil sogar eine gewisse Portion Humor beizumischen, was die Lektüre zusätzlich angenehm macht. Eine gelungene Biographie und ein sehr gutes Puzzleteil, will man sich auch über die reinen Abläufe hinaus mit der Französischen Revolution beschäftigen.

 

[1] Willms, Johannes: TUGEND UND TERROR. GESCHICHTE DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION; München, 2014.

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