ALIBI FÜR EINEN KÖNIG/THE DAUGHTER OF TIME

Richard III. einmal anders betrachtet...

Fragte man in Deutschland spontan Menschen auf der Straße, wer denn nun eigentlich der größte Bösewicht in der Literatur sei, bekäme man wahrscheinlich zunächst die Antwort, das sei wohl Santer, jener Mann, der Winnetous Schwester Nscho-Tschi erschoss. Nach etwas Überlegen kämen einige vielleicht auf Mephisto – das wiederum ist jener Teufel, der den guten Doktor Faustus verführte und dem der deutsche Großdichter und -dramatiker Johann Wolfgang (von) Goethe ein (unfreiwilliges) Denkmal setzte. Wie aber sähe die Sache in Großbritannien aus? Wahrscheinlich wären wahlweise Bill Sikes, Nancys Mörder in Dickens OLIVER TWIST, oder Uriah Heep aus DAVID COPPERFIELD vom selben Autor in der engeren Wahl, doch nach einigem Überlegen würden die meisten doch umschwenken und auf Shakespeare zurückgreifen. Hat der nicht dem überhaupt größten Bösewicht der (britischen) Geschichte ein literarisches Denkmal gesetzt?

Richtig, die Rede ist von Richard III., jenem König, der nur zwei Jahre auf Englands Thron saß, dessen Tod auf dem Schlachtfeld bei Bosworth das Ende der Regentschaft des Hauses Plantagenet bedeutete und auch das Ende einer nahezu einhundertjährigen Fehde, die unter dem Namen „Rosenkriege“ in die Geschichte einging. Doch vor allem ist sein Name mit dem Mord an den zwei Prinzen, seinen Neffen, verbunden, die einst im Tower gefangen gehalten wurden und die im Jahr 1483 unter bis heute ungeklärten Umständen verschwanden. Richard soll sie aus dem Weg geräumt haben, um uneingeschränkten Anspruch auf den Thron anmelden zu können. Diese Geschichte kennt in England jedes Kind, jeder Busfahrer, jede Nanny, jeder Koch und Bäcker. Und natürlich kennt ein jeder die Geschichte, der auf seinen Shakespeare hält. Der Hausdichter jenes Geschlechts, welches den Plantagenets folgte, des Hauses Tudor, sorgte ganz im Sinne von deren Politik der Verunglimpfung der Vorgängerdynastie dafür, daß Richard III. für Jahrhunderte das mieseste Schwein weit und breit in Geschichte und Literatur blieb.

Heutzutage sieht die Geschichtswissenschaft und die Forschung den Kurzzeitherrscher weitaus differenzierter, angefangen bei seiner angeblichen Verunstaltung – bucklig, verwachsen und verkrüppelt, wie es seinerzeit hieß – bis hin zu den ihm zugeschriebenen Taten. Vor allem hat man im Laufe des 20. Jahrhunderts sehr genau darauf geschaut, wem der Tod der Prinzen – und nicht nur dieser – eigentlich nutzte? Und nahm dabei Heinrich IIV., Richards direkten Nachfolger, etwas genauer unter die Lupe. Dem nämlich kam das Verschwinden der beiden Jungen mindestens so gelegen, wie Shakespeare es Richard andichtete. Noch viel gelegener kamen Heinrich allerdings die Tode einiger, die ihm in der Thronfolge viel gefährlicher werden konnten als die beiden Minderjährigen. In der Literatur war Richard als Bösewicht allerdings viel zu etabliert, um ihn differenzierter zu betrachten.

Es blieb also zunächst einer Schottin vorbehalten, das Schicksal des Königs literarisch genauer zu untersuchen. Josephine Tey, mit bürgerlichem Namen Elizabeth MacKintosh, ließ in ihrem Roman THE DAUGHTER OF TIME (erschienen 1951), zu Deutsch ALIBI FÜR EINEN KÖNIG (hier: 2022 bei Kampa, Zürich, neu erschienen), ihren Scotland-Yard-Ermittler Alan Grant nach einem Unfall das Bett hüten, was zu unendlicher Langeweile führt, die nur dadurch aufzubrechen ist, daß seine Freundin ihm einige Portraits bekannter Persönlichkeiten bringt, die er betrachten kann – denn Grant hat ein ausgeprägtes Interesse und Gespür für Gesichter. Unter diesen Portraits ist dann eben auch eines von Richard III. Und je länger Grant es betrachtet, desto weniger passt es in seinen Augen zu dem skrupellosen Mörder, als der der König in Großbritannien bekannt ist. Also macht sich Grant daran, den 400 Jahre alten Fall aufzurollen, bemüht dafür die Hilfe von Krankenschwestern, einem Historiker und Archivar und immer wieder die seiner Freundin. Und so kann er nach und nach – vor allem durch das Prinzip des Ausschlusses – darstellen, daß Richard aus vielerlei Gründen kaum für den Tod seiner Neffen verantwortlich gewesen sein kann, es ihm auch kaum genutzt hätte, da in seinem Fall eine ganze Schar anderer potentieller Konkurrenten weitaus eher aus dem Weg hätte geräumt werden müssen, die Prinzen im Tower kaum sein vornehmliches Problem gewesen sind. Auch Grant/Tey kommt zu der Auffassung, daß der Tod der Kinder – wie auch etlicher anderer aus der Plantagenet-Linie, die sämtlich zeitlich passend starben – Heinrich IIV. weitaus gelegener gekommen sei als Richard III.

Ist das ein Kriminalroman? Darüber kann man streiten. Die Leichen längst vermodert, alle Zeugen schon tot, der Tatort unzugänglich – ein eher untypisches Verbrechen für einen Krimi. Und es stimmt ja, Tey legt dies kaum mehr als Kriminalroman an, sondern als eine Schnitzeljagd in den Untiefen der Historie. Die Dokumente und Unterlagen sind vielleicht etwas sehr leicht zugänglich und der Leser fragt sich, wieso bei solch eindeutiger Aktenlage eigentlich niemand auf die Idee gekommen ist, mal genauer hinzuschauen und es eines gelangweilten Polizisten i.A. brauchte, um der Sache auf den Grund zu gehen. Nein, Tey nutzt ihren Gegenstand, um eine sehr grundlegende Meditation über die Geschichtswissenschaft, Geschichtsschreibung als solche und darüber anzustellen, inwiefern der Historiker immer auch ein Propagandist seiner Zeit ist. Im Grunde führt Grant vom Krankenbett aus ein literatur-historisches Seminar, um herauszufinden, wer an welcher Darstellung des Vorgangs in welcher Weise interessiert war. Und da kommen die Tudors nicht gut weg. Tey greift also all die damals noch nicht ganz so beachteten Ungereimtheiten auf und zeichnet ein differenziertes Bild vom großen Bösewicht.

Interessant – wie es bei Tey immer der Fall ist – sind vor allem aber ihre Alltagsbeobachtungen. Wie Grant die gemeinen Krankenschwestern nach ihren Eindrücken fragt, wenn sie das Portrait betrachten, wie eine jede die Geschichten um die Prinzen im Tower kennt, manchmal etwas genauer, manchmal lediglich als eine in jungen Jahren gehörte Schauergeschichte. Der Bildungsgrad, den Tey ihren Landsleuten attestiert, ist beachtlich, ihre Verachtung gegenüber der Historikerzunft hingegen schon maßlos. Die sind in Grants/Teys Augen ausschließlich Propagandisten ihrer Zeit, betrachten die Geschichte grundlegend nur aus dem Blickwinkel ihrer Zeitgenossen. Eine Haltung, die 1951 vielleicht noch hinlänglich vertretbar war, im Roman allerdings etwas arg indifferent ausgebreitet wird. Heute sind die Vorwürfe kaum mehr haltbar und würden wahrscheinlich auch so nicht mehr erhoben. Allerdings ist die Frage interessant, inwiefern Teys Roman die Historiker ihrer Zeit erst darauf gebracht hat, die Geschichte Richard III. genauer zu betrachten.

Rein literarisch muß man Tey – einmal mehr – nicht nur eine hervorragende Recherche und vor allem eine genaue Figurenzeichnung attestieren, sondern auch immer wieder auf den Humor hinweisen, der ihr Schreiben ausmacht. Ganz unabhängig von der erzählten Geschichte, der Story, des Falls, macht es einfach Laune, wie sie den grantigen Grant und seine Freundin aufeinandertreffen lässt, wie sie das Personal der Klinik beschreibt, den Oberarzt, der von Grants Verletzungen mindestens so hingerissen ist, wie er sich für den Fall Richard III. begeistert und auch gleich eine medizinische Diagnose hinsichtlich dessen Verwachsungen beiträgt. Auch die Hoffnungen des jungen Archivars, Mr. Carradine, auf ein Buch, welches er aus den gemeinsam mit Grant errungenen Einsichten zu generieren gedenkt, seinen Eifer und die Lust am Entdecken großer Geheimnisse der Geschichte, stellt Tey mit einer Mischung aus milder Ironie und großer Zuneigung zu einem jungen Mann dar, der sich für sein Sujet mehr und mehr begeistert und dabei durch allerlei emotionale Höhen und Tiefen geht – je nach dem, ob er sich gerade oben auf fühlt oder seine Felle davonschwimmen sieht.

THE DAUGHTER OF TIME wurde von der britischen Crime Writers Association zum besten Kriminalroman aller Zeiten gewählt und hält den Titel wohl bis heute. Solche Titel kann man ernst nehmen oder nicht – daß Josephine Tey allerdings ein wahrlich außergwöhnlicher Kriminalroman gelungen ist, steht vollkommen außer Frage. Gut lesbar, spannend, witzig – all das kann man diesem Buch sofort attestieren. Allerdings wird der deutsche Leser wahrscheinlich nicht umhinkommen, sich ein wenig mit der wechselhaften Geschichte der britischen/englischen Königshäuser auseinanderzusetzen, sonst fliegen ihm doch ein paar Namen um die Ohren, die er nie gehört haben mag, deren Träger – John Morton, Erzbischof von Canterbury, oder Robert Stillington, der maßgeblich daran beteiligt war, die Rechtmäßigkeit von Richards Thronanspruch zu beweisen – jedich eine wesentliche Rolle in der Geschichte spielen. Und auch mit einem Dokument wie dem Titulus Regius, der den Titel des Königs festschreibt und dessen Rechtmäßigkeit, bzw. Widerruf eine große Rolle in Grants Untersuchungen spielt, sollte man zumindest rudimentär vertraut sein. So kann man hier nicht nur einen spannenden Roman lesen, sondern auch allerhand Nützliches und Wissenswertes über die bewegte Geschichte der englischen Königsdynastien lernen.

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