NUR DER MOND WAR ZEUGE/THE FRANCHISE AFFAIR

Ein Kleinod klassischer britischer Kriminalliteratur

Ein beschauliches englisches Kleinstädtchen irgendwo in den Midlands, kurz nach dem 2. Weltkrieg. Ein Anwalt, der sein ebenso beschauliches Leben liebt: Immer umsorgt von seiner Tante Lin, kümmert sich Robert Blair um Testamente, Grundstücks- und Geldangelegenheiten. Umso erstaunlicher, daß ausgerechnet er es ist, den Marion Sharpe anruft, als sie – eine Zugezogene, die mit ihrer Mutter im alten Franchise-Haus lebt – mit einer ungeheuerlichen Anklage konfrontiert wird. Die 16jährige Betty Kane behauptet, von Mrs. und Miss Sharpe im Auto mitgenommen und dann vier Wochen in einer Dachkammer des alten Hauses gefangen gehalten worden zu sein. Geschlagen und gedemütigt hätte man sie und als Hausmädchen habe sie dienen sollen, gegen ihren Willen. Eine unglaubliche Geschichte – wenn die junge Dame nicht in allen Einzelheiten und Details das Äußere und das Innere des Hauses beschreiben könnte, in dem die Sharpes tatsächlich wohnen.

Es ist eine herrliche Ausgangslage, die sich Josephine Tey für ihren Kriminalroman NUR DER MOND WAR ZEUGE (THE FRANCHISE AFFAIR; erstmals erschienen 1948) ausgedacht hat. Die englische Provinz, so liebenswert und zierlich, so lieblich und bezaubernd sie auch sein mag, gebiert und birgt Ungeheuer, wie jeder Kenner der berühmten britischen Kriminalliteratur nur bestätigen kann. Und ganz gleich, wie die Sache ausgeht – ob sich Bettys Geschichte nun als wahr entpuppt oder als Lügengebäude – Tey präsentiert dem Leser in jedem Fall ein wahres Monster der Provinz. Schleichend legt sie Fährten und bietet dem Leser alle möglichen Spuren, auf denen er wandeln, die er verfolgen kann. Das Grauen schlummert hier im Detail, hinter den Fassaden der Häuser und hinter den scheinbar so einfachen und schön geschwungenen Sätzen.

Denn Tey schreibt zwar einen nominellen Krimi, aber wie alle guten Krimiautoren weiß auch sie, daß der Kriminalroman immer auch ein Gesellschaftsroman ist, ein Panorama seiner Zeit und eine Expedition in ihre spezifischen Abgründe. Um die auszuloten, muß der Autor, respektive die Autorin, ein sehr waches Gespür für eben diese Details und die spezifischen Abgründe haben, die von den Details manchmal übertüncht werden. Im vorliegenden Fall sind dies die Eigenheiten einer Mitte der 40er Jahre noch recht jungen Moderne, die erst jetzt beginnt, das Land flächendeckend mit Telefon-, Strom- und Wasserleitungen auszustatten, in der die alten Herrenhäuser jedoch noch lange von den Feuern in den Kaminen gewärmt werden mussten. Es ist eine Gesellschaft, in der ein klarer, wenn auch durch und durch bigotter Moralkodex herrscht und in der die Täter und die Opfer schnell ausgemacht sind. Das, so verortet es Ley, liegt nicht zuletzt an den neu aufkommenden Massenmedien, der Yellow Press, also jenen Presseerzeugnissen, die von allem Anfang an auf Skandal, Entblößung und Aufriss aus sind. Und sie sind es denn auch hier, die die Geschichte – zunächst eine Provinzposse – aufblähen und zu einer nationalen Angelegenheit machen, an der schließlich auch die Londoner Tageszeitungen teilhaben wollen; also Blätter, die sich sonst kaum in die Niederungen von Mord und Totschlag begeben, haben sie sich doch um internationale Krisen und die Börse zu kümmern. Wichtige Themen, sozusagen.

Doch versteht Ley noch etwas ganz anderes: Diese Art von Presse funktioniert eben nur, wenn sie ein dafür geeignetes Publikum findet. Die sensationslüsterne Öffentlichkeit, die immer bereit ist, den nächsten Skandal zu konsumieren und, wenn möglich, an Schund und Schande der Betreffenden teilzuhaben, sie beeinflussen zu können. So entstehen gefährliche Mischungen: eine aufpeitschende Schlagzeile, zwei vermeintlich böse alte Frauen, schon bald als „Hexen“ diffamiert, ein abgelegenes, einsames Haus, eine furchtbare Tat. Schnell braut sich da was zusammen und bald fliegen die ersten Steine durch die Fenster des Franchise-Hauses. Und Robert Blair empfindet plötzlich etwas, das ihm bisher unbekannt war: Er fühlt sich zutiefst verantwortlich für diese beiden Frauen und für das, was ihnen geschieht oder eben nicht geschieht. Blair entdeckt seine ritterliche Seite.

Und so wird neben dem reinen Kriminalfall und dem Gesellschaftsbild auch die leise, fast verborgen stattfindende Geschichte eines Mannes in den besten Jahren erzählt, der zum Hagestolz zu werden droht und den doch spät ein Gefühl vereinnahmt, daß er als Liebe identifiziert. Denn Marion Sharpe, Miss Sharpe, eine Frau, die so ganz anders ist als die 100.000e, die – ihren eigenen Worten zufolge – einem Mann wie Blair zu Diensten sein wollten, die Rolle seiner Tante allzu gern übernähmen und ihn verhätscheln und verwöhnen würden, wenn er spät aus dem Büro, der Kanzlei, nachhause kommt, diese Miss Sharpe hat es ihm angetan. Er bewundert sie, nicht zuletzt für ihren humorvollen Gleichmut, der sie die zunehmend unangenehme Lage ertragen und sogar noch distanziert sarkastisch kommentieren lässt. Darin steht sie übrigens ihrer Mutter, Mrs. Sharpe, in nichts nach. Auch die alte Dame verfügt über ein Gemüt, das seinesgleichen sucht, und lässt sich nur äußerst ungern aus der Ruhe bringen.

Ley gelingt ein immer gleichbleibend freundlicher Ton, die Geschichte plätschert fast dahin, kaum einmal wechselt das Tempo, ruhige Beschreibungen wechseln mit Dialogen ab, Spannung findet hier eher hintergründig statt. Der Kriminalfall – und man bedenke: dies ist ein Krimi ohne Leiche! – wird fast routiniert abgehandelt, allerdings, was eher selten ist, wird echte Ermittlungsarbeit geschildert – auch wenn die Ermittler ein Anwalt, sein Adlatus und ein Privatdetektiv, keine Polizisten, sind. Das Hauptaugenmerk der Erzählerin liegt aber eindeutig auf dem Gefühls- und Verstandesleben der Protagonisten. Sie interessiert sich für die Diskrepanz, die Differenz zwischen Gefühl und Verstand; dafür, wie das eine das andere unterläuft, während das andere bemüht ist, das eine in Schach zu halten. Und da leistet sie ganze Arbeit, denn ohne viel Aufhebens darum zu machen, dringt sie doch tief in die Psychologie ihrer Figuren ein. Und umkurvt dabei in den allermeisten Fällen jegliche Klischees (die 1948 auch meist noch keine solchen waren). Dadurch bleibt der Roman auch heute gut lesbar.

Dazu trägt aber und vor allem auch bei, daß Tey über das Sprachvermögen verfügt (und wohl gut übersetzt wurde von Manfred Allié), ihre Geschichte mit einer tragischen Note und zugleich leiser Ironie zu erzählen. Das Tragische wird zumeist in den Dialogen, den oft trockenen Sprüchen einiger – darunter eben auch Marion Sharpe selbst – und vor allem im Verhalten einzelner Figuren im Umgang damit konterkariert. Ley führt eine ganze Riege interessanter Nebenfiguren ein, sei es Blairs Neffe Nevil, der ihn zugleich nervt und doch auch an ein eigenes mögliches Leben denken lässt; sei es Kevin Macdermott, ein befreundeter irischer Strafverteidiger, den Blair hinzuzieht; sei es die bereits erwähnte Tante Lin; seien es Bill und Stanley, zwei Arbeiter, die eine Autowerkstatt betreiben, aber auch zu allerlei einfachen Arbeiten herangezogen werden. Jede dieser Figuren ist klar gezeichnet, mit solch eindeutigen, doch niemals aufdringlichen Attributen ausgestattet, daß man sie selbst dann wiedererkennt, wenn sie zuvor lediglich einen einzigen, gelegentlich nur kurzen, Auftritt im Buch hatten. Und jede erfüllt nicht nur ihre dramaturgische Funktion, die Ley gut zu kaschieren weiß, indem sie sie so lebensecht gestaltet, sondern sie vermitteln allesamt auch die dritte Ebene, die hier eine Rolle spielt – die gesellschaftliche.

Kommt man auf diese Ebene zu sprechen, muß leider hier auch am ehesten Kritik geäußert werden. Ley erzählt aus der Provinz eines so oder so konservativen Landes. Ein Land übrigens, das wenig für seine Kinder übrighat, worauf noch zurück zu kommen sein wird. Doch vor allem merkt man dem Roman ein gewisses Unwohlsein gegenüber Neurungen politischer Natur an. Nevil ist – verlobt mit der Tochter eines reformerischen Bischofs – von seinem zukünftigen Schwiegervater mit allerlei modernen sozialen Ideen indoktriniert und Blair ärgert das. Was natürlich auch seine Provinzialität ausstellt, zumal die Autorin Nevil eine erstaunliche Entwicklung zugesteht und ihn offenbar sehr ernst nimmt. Doch da Blair uns nun einmal von Beginn an als Identifikationsfigur dargeboten wird – wir wissen meist so viel wie er, an einigen entscheidenden Stellen hält die Autorin Informationen zurück, die sie dann später dramaturgisch ausspielen kann; das ermöglicht ihr auch Zeitsprünge, denn der Roman endet schließlich in einem öffentlichen Geschworenenverfahren, das zu einer Bühne wird; da wird dann nicht nur das Gericht, sondern auch der Leser mit den Ergebnissen der Ermittlungsarbeit konfrontiert, die Blair und sein Team in den Tagen zuvor geleistet haben – da also Blair derjenige ist, aus dessen Sicht wir die Geschehnisse geschildert bekommen, übernehmen wir zwangsläufig auch sein Wertesystem. Auch, wenn die Autorin gerade dieses immer mal wieder bloßstellt.

Nicht zuletzt dadurch, daß sie mit den Damen Sharpe zwei wirklich interessante und sehr moderne Frauenfiguren präsentiert. Ist Mrs. Sharpe, also die Mutter, noch in etwa das, was man gern eine Matrone nannte, eine selbstbewusste und nur schwer zu beeindruckende Frau, dann ist Marion Sharpe doch schon eindeutig eine Frau der neuen, der Nachkriegsordnung. Sie verteidigt ihren Entschluß, nicht heiraten zu wollen, äußerst offensiv und ausnahmslos in ihrer eigenen Person begründet. Gegenüber Blair, der sie um ihre Hand bittet, bleibt sie ebenso ironisch-distanziert, wie dem eigenen Schicksal gegenüber. Sie ist sehr selbstsicher, auch in ihrem Urteil, daß sie gesellschaftlich vielleicht verurteilt würde – was ihr nicht viel auszumachen scheint – sie sich jedoch nichts vorzuwerfen habe. In diese Frau verliebt sich nun Robert Blair, der konservative Kleinstadtanwalt mit den so klaren Überzeugungen. Und sieht sich damit ganz automatisch in Frage gestellt. Bis dahin könnte man NUR DER MOND WAR ZEUGE also durchaus als sehr geschickten Beitrag frühfeministischer Literatur betrachten. Doch leider steht dem die Figur der Betty Kane entgegen.

Sie ist ein 16jähriges Mädchen, das zwar ein trauriges Schicksal hat – früh von den Eltern getrennt; in der Obhut einer unfähigen Tante, später einer sie allerdings wirklich liebenden Gastfamilie – doch ist ihr Charakter, so wie das Buch es schildert, durch und durch verkommen. Ob sie nun recht hat mit ihrer Geschichte oder nicht – was Blair und seine Leute nach und nach zu Tage fördern, bezeugt eine Art Früh-Lolita. Doch wird diese Figur nie erklärt, nirgends auch nur der Ansatz einer Erläuterung, im Grunde nicht einmal Empathie. Betty Kane ist ein verabscheuenswürdiges Luder. Sie ist aber auch ein Kind. Oder zumindest ein halbes Kind. Und die englische Literatur hat immer gern Ängste, Neurosen, auch Paranoia auf Kinder projiziert. Richard Hughes A HIGH WIND IN JAMAICA (1929) oder William Goldings LORD OF THE FLIES (1954) bilden da höchstens die Spitze. Es ist interessant, daß eine ansonsten offenbar durchaus kritische Beobachterin ihrer Umwelt und der Gesellschaft wie Josephine Tey ausgerechnet diesen Punkt vernachlässigt, mehr noch: Dieses Narrativ geradezu unhinterfragt bedient.

Wenn Blair dann darüber räsoniert, was er dem Herrn Bischof gern mal antun würde für dessen Reden über den sozialen Hintergrund von Gewaltverbrechern und der These, zum Verbrecher werde man gemacht, nicht geboren, dann drückt sich darin schon eine sehr konservative Haltung aus. Ob sie der der Autorin entspricht, sei einmal dahingestellt. Daß die bereits 1952 im Alter von 55 Jahren verstorbene Tey – die in Wirklichkeit Elizabeth Mackintosh hieß, eine gebürtige Schottin – sicher das Kind einer anderen Zeit, der Vorkriegszeit, gewesen ist, liegt auf der Hand. So kommt hier vielleicht ein tiefsitzendes Mißtrauen gegenüber der neuen Ordnung zum Ausdruck. Fest steht, daß Blair mit seiner Betrachtung – nämlich jener, daß es schlicht das Böse gibt, unerklärlich und deshalb umso bedrohlicher – letztlich recht behält. Und Tey beweist dann auch ein weiteres Mal ein gutes psychologisches Gespür in ihrer Empathie für die Angehörigen der und für die Opfer selbst. Die Beweggründe der Täterin interessieren sie hingegen, wie oben gesehen, überhaupt nicht. Und die Flüche, die Blair und seine Kollegen für die Gegenseite parat haben, unterscheiden sich nicht sonderlich von jenen in der Presse hinsichtlich der Damen Sharpe – nur werden sie nicht öffentlich geäußert. Was in Josephine Teys Augen allerdings einen Wert an sich dargestellt haben dürfte, stand sie der Presse wohl ausgesprochen skeptisch gegenüber.

Man mag zu alldem stehen, wie man will, NUR DER MOND WAR ZEUGE bleibt trotz allem ein Kleinod britischer Kriminalliteratur, das hier einmal mehr entdeckt werden kann. Unterhaltsam, intelligent, genau und detailreich, leidlich spannend, das sei zugegeben, aber durch ein hervorragend beschriebenes und charakterisiertes Personal wird das wieder wett gemacht. Ein wahres Lesevergnügen.

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