AMERICAN HEART – DIE ZWEITE CHANCE/AMERICAN HEART

Ein treffendes Sozialdrama aus den frühen 90er Jahren

Jack Kelson (Jeff Bridges) kommt aus dem Gefängnis frei. Er hat wegen verschiedener kleinkrimineller Vergehen, darunter allerdings auch ein Überfall gemeinsam mit seinem Kumpel Rainey (Don Harvey), einige Jahre gesessen. Direkt nachdem er das Gefängnis verlassen hat, stellt sich ihm Nick (Edward Furlong) vor. Nick ist Jacks Sohn, von dem der zwar wusste, von dem er aber nichts wissen will. Er fordert Nick, der die vergangenen Jahre in einer Pflegefamilie verbracht hat, auf, sich wieder dorthin zu begeben. Er, Jack, wolle nun ein ordentliches Leben führen und habe weder Zeit noch die nötige Ruhe, sich um einen pubertierenden Teenager zu kümmern.

Jacks Weg führt ihn nach Seattle. Nick folgt ihm und Jack muss irgendwann akzeptieren, dass sein Sohn – dessen Mutter vor Jahren verstorben ist – nun bei ihm lebt. Der Junge weist alle Merkmale allgemeiner, vor allem aber emotionaler Verwahrlosung auf.

Jack nimmt – vermittelt durch seinen Bewährungshelfer – einen Job als Fensterputzer an, erzählt Nick jedoch, er sei Vorarbeiter auf einer Baustelle. Während Jack, der sich lediglich ein Fahrrad leisten kann, das er hegt und pflegt, morgens zur Arbeit fährt, streift Nick durch die Stadt, anstatt zur Schule zu gehen. So lernt er unter anderem Lisa (Wren Walker) kennen, die zu einer Gruppe von Punks, Junkies, Alkoholiker-Kids und Kleinkriminellen gehört. Hier findet Nick zumindest teilweise die Anerkennung, die ihm seine Umwelt ansonsten verweigert.

Jack trifft sich mit Charlotte (Lucinda Jenney), die er durch das American Hearts-Programm kennen gelernt hat. In diesem Programm kümmern sich Frauen um Straftäter. So sollen diese resozialisiert werden und den Kontakt zur Außenwelt nicht verlieren.

Zwischen Jack und Nick kommt es immer wieder zu Konfrontationen. Nicht zuletzt Nicks Umgang mit Lisa und deren Freunden macht Jack zu schaffen. Er hat Angst, dass er durch diese Kontakte Ärger mit seinem Bewährungshelfer bekommt. Nick lässt Lisa, die ihrerseits in ihrer Familie nicht wohl gelitten ist, in der Wohnung schlafen, in der er mit Jack gemeinsam lebt. Da die Vermieterin Jack sowieso immer wieder Ärger macht und Damenbesuch verboten hat, steigert dies noch Jacks Sorgen und Ärger.

Als es zu der von Jack befürchteten Konfrontation mit dem Bewährungshelfer kommt, bei der der Eindruck entsteht, Jack habe ein Verhältnis zu der minderjährigen Lisa, bricht zwischen ihm und Nick ein offener Streit aus.

Nick haut ab und verbringt mehrere Nächte auf der Straße. Eher durch Zufall trifft er auf Rainey, der schon seit geraumer Zeit versucht, Jack erneut zu einem gemeinsamen Coup anzustiften. Während Jack sich von Rainey fernhält, gelingt es dem Kleingangster, Nick dazu zu überreden, sich ihm anzuschließen. Nick seinerseits rekrutiert einen seiner Straßen-Kumpel. Doch die Sache geht schief und Nicks Freund wird bei dem Überfall getötet.

Nick steht komplett unter Schock.

Jack träumt seit Jahren davon, nach Alaska abzuhauen und dort ein ganz neues Leben zu beginnen. Eigentlich wollte er dies allein bewerkstelligen, doch mittlerweile ist ihm Nick doch ans Herz gewachsen. Die Beziehung zu Charlotte funktioniert nicht so, wie Jack sich das wünscht und nun ist Nick so verstört, dass Jack keinen Grund mehr sieht, überhaupt noch in Seattle zu bleiben.

Er kauft Tickets für die Fähre, die die beiden aus Seattle herausbringen soll. Er weist Nick an, ihn dort am Ableger zu treffen. Jack geht zu Rainey und schlägt ihn zusammen, dann nimmt er sich das Geld, das er bei seinem alten Kumpel findet.

Jack bricht zum Fähranleger auf, doch Rainey, nun bewaffnet, folgt ihm. Am Ableger holt er Jack ein und schießt auf ihn. Jack und Nick schaffen es auf die Fähre, doch Jack ist so schwer verletzt, dass er in Nicks Armen stirbt.

Es gibt diese Filme, die man nahezu vergisst, von denen man manchmal tatsächlich nicht einmal Kenntnis hatte, Filme, die wie aus der Zeit gefallen wirken und dies schon waren, als sie erschienen. Ein gutes Beispiel für einen solchen Film ist AMERICAN HEART (1992). Immerhin treten hier Jeff Bridges in der Hauptrolle und der damals, nach TERMINATOR 2: JUDGMENT DAY (1991), hoch gehandelte Edward Furlong in der führenden Nebenrolle auf. Sollte man eigentlich meinen, ein solcher Film sei ein großer Erfolg gewesen. Doch tatsächlich fällt es schwer, sich überhaupt daran zu erinnern, den Film jemals wahrgenommen zu haben.

AMERICAN HEART entstand unter der Regie von Martin Bell, der Jahre zuvor mit der Dokumentation STREETWISE (1984) auf sich aufmerksam gemacht hatte. In dem früheren Film hatte er einige Straßenkinder aus Seattle portraitiert. Die Story seines Spielfilms basierte auf einer dieser Figuren und ihrer Geschichte. So kann man also einmal mehr die „wahre Begebenheit“ heranziehen, in Hollywood so heiß geliebt. Doch muss man konstatieren, dass Bell ein Vater-Sohn-Drama und darin eingebettet ein Sozialdrama vorlegt, das so auf viele Menschen zutreffen könnte und also durch sich selbst und seine Alltäglichkeit tatsächlich belegt wird und ausgesprochen authentisch wirkt. Was allerdings noch weitaus mehr erstaunt, ist die Tatsache, dass der geneigte Zuschauer einen astreinen Vertreter jenes amerikanischen Kinos geboten bekommt, welches man eher mit den 70er Jahren assoziiert: Einen Film des ‚New Hollywood Cinema‘, wie es durch Filmemacher wie Hal Ashby, Robert Altman, Sidney Lumet oder Jerry Schatzberg definiert wurde. Filmemacher, die ganz bewusst – und anders als Kollegen wie Martin Scorsese, Michael Cimino oder Francis Ford Coppola, di ebenfalls Vertreter des ‚New Hollywood‘ waren – die soziale Wirklichkeit ihrer unmittelbaren Umgebung und Gegenwart unter die Lupe nahmen. Denn genau das gelingt auch Martin Bell.

Entsprechend den selbst gewählten Vorgaben etlicher New-Hollywood-Produktionen, wurde AMERICAN HEART an Originalschauplätzen gedreht. So entstanden die meisten Aufnahmen in Seattle, wo der Film auch spielt. Jeff Bridges spielt Jack Kelson, einen Kleinkriminellen, der zu Beginn des Films aus dem Gefängnis freikommt und nun versucht, ehrlicher Arbeit nachzugehen. Mit seinen langen Haaren und seinem Fahrrad, auf dem er sich durch die Stadt bewegt, ist er weit entfernt von dem Jeff Bridges, den jüngere Generationen aus Filmen wie CRAZY HEART (2009) oder TRUE GRIT (2010) – also einen eher gediegenen Herren – kennen. Eher entspricht er schon ein wenig jener Karikatur eines Spät-Hippies, die er für die Coen-Brüder in THE BIG LEBOWSKI (1998) spielte. Doch anders als die Coens, hat Bell keine Satire im Sinn, will keineswegs eine überdrehte Komödie präsentieren. Vielmehr zeigt er das Gegenteil dessen, was der Titel seines Films verspricht: Er zeigt einen nahezu herzlosen Mann, der die fast flehentlichen Versuche seines Sohns – gespielt von Furlong – ihm nahe zu kommen, brutal zurückweist. Dieser Jack Kelson will mit seinem Sohn Nick schlicht nichts zu tun haben. Warum das so ist, bleibt den Film über weitestgehend im Dunkeln und der Zuschauer muss sich seine Interpretation dieses Verhaltens selbst zusammensuchen. Wie seine Vorgänger setzt Bell auf die Intelligenz seines Publikums – eines erwachsenen Publikums – welches in der Lage sein sollte, sich seinen eigenen Reim auf das zu machen, was es auf der Leinwand sieht. Auch darin entspricht Bells Film, an dessen Drehbuch er maßgeblich beteiligt gewesen ist, den Konventionen des ‚New Hollywood Cinema‘. Der Regisseur als Auteur, als sein eigener Herr, dem niemand in seine Geschichte und die Art, wie er sie filmisch umsetzt, reinreden darf – hier ist dies voll und ganz erfüllt.

Anfangs mag der Zuschauer noch glauben, die Härte, die Kelson Nick gegenüber an den Tag legt, sei bewusst übertrieben und also doch ironisch gemeint, doch belehrt die Handlung ihn eines Besseren. Bell und mit ihm Kelson meinen es ernst und damit wird die ganze Härte der amerikanischen Realität Ende der 80er, zu Beginn der 90er Jahre offenbar: Ein Land in der Rezession nach einer Dekade, in der die Reaganomics herrschten. Ehrlich zu sein und zu bleiben ist eine schwere, manchmal eine unmögliche Aufgabe. Erschwerend kommt in diesem Fall hinzu, dass Jack, als er zu akzeptieren beginnt, dass Nick nun mal sein Sohn ist und wahrscheinlich bei ihm bleiben wird, anfängt diesen zu belügen. Er lässt ihn im Unklaren darüber, was und wo er arbeitet und verheimlicht ihm, dass es lediglich Aushilfsjobs sind, die er durch die Bewährungshilfe zugeschustert bekommt.

Bell entwirft ein fast zart sich entwickelndes Vater-Sohn-Verhältnis, das immer wieder durch Rückschläge, die meist durch Kommunikationsschwierigkeiten und Missverständnisse zwischen den beiden entstehen, geprägt ist. Ein immer gefährdetes und labiles Verhältnis, in dem der Vater ebenso verunsichert ist wie der Sohn und sich ähnlich unreif wie dieser benimmt. Die Lügerei, was seinen Arbeitsplatz betrifft, bedeutet genau diesen Grad an Unreife. Jack meint, vor seinem Sohn, der ihm eben noch gleichgültig war, als etwas erscheinen zu müssen, was er nicht ist. Und wird so zum Angeber, zum Gernegroß. Bell gelingen leise, aber ausgesprochen präzise Psychogramme zweier Männer – eines Mannes und eines Jungen an der Schwelle zum Erwachsenenalter – die mit sich selbst und der Welt, in der sie leben, bzw. den Bedingungen, unter denen sie leben müssen, schwer tun und immer wieder an diesen Bedingungen zu scheitern drohen. Bridges und Furlong, der leider sehr unterschätzt wird als Schauspieler, gelingt es, diesen beiden Kerlen Leben einzuhauchen, sie realistisch und authentisch darzustellen. Zwei schwache männliche Wesen, die ihren Träumen hinterher taumeln und zumindest ahnen, dass diese zu erreichen ein unmögliches Unterfangen sein könnte.

Beide beginnen im Laufe der Handlung Romanzen mit Frauen. Letzte Chancen, vielleicht. Jack mit einer Dame namens Charlotte, die er durch das dem Film seinen Titel gebende Programm American Hearts kennen gelernt hat. American Hearts ist eine Agentur, die Brieffreundschaften zwischen Gefangenen und Frauen und damit ein wenig die Resozialisation fördert. Nick seinerseits treibt sich, anstatt zur Schule zu gehen, tagsüber mit jugendlichen Strichern, Trinkern und Junkies herum. Dabei trifft er auf Lisa, in die er sich verliebt. So gelingt es Bell tatsächlich, auch eine vorsichtige und zurückhaltende Coming-of-Age-Geschichte in seinen Film einzubauen. Und zeigt dabei auch, wie Nicks Leben eine Wiederholung des Lebens seines Vaters zu werden droht. In beiden Fällen scheinen die Frauen Halt zu bieten, auch wenn Lisas Leben auf der Straße Nick erst in einen Teufelskreislauf hineinzuziehen scheint. Doch die eigentliche Verführung, die wirkliche Gefahr, ist Rainey, Jacks alter Kumpel, der Nick überredet an einem Überfall teilzunehmen. So zeigt Bell durchaus auch, dass es eben die immer gleichen Abläufe der immergleichen (männlichen) Strukturen sind, die Verhängnis bedeuten.

Letztlich bleibt AMERICAN HEART – und auch darin gleicht er seinen Vorbildern aus den 70er Jahren wie bspw. ASPHALT COWBOY (1969) oder THE PANIC IN NEEDLE PARK (1971) – ein astreines amerikanisches Verlierer-Drama. Jack Kelson hat keine Chance. Er versucht diese seine Nicht-Chancen zu nutzen und muss gewärtigen, dass sein Sohn die gleiche „Karriere“ einzuschlagen droht, wie er selbst sie in jungen Jahren eingeschlagen hat. Nick tut sich mit dem Ganoven Rainey – ein alter Bekannter von Jack – zusammen, bzw. lässt sich von diesem verführen, an einem Überfall teilzunehmen. Das Unterfangen geht übel aus und Nicks Kumpel, den Nick wiederum überredet hatte mitzumachen, wird getötet. Jacks Versuch, mit seinem Sohn einen alten Traum zu verwirklichen und nach Alaska abzuhauen, wird schließlich von eben jenem Rainey durchkreuzt, den Jack zusammenschlägt, auch aus Rache dafür, seinen Sohn angestiftet zu haben. Rainey schießt auf Jack und verletzt diesen tödlich. Wenn er dann auf der Fähre, die ihn und Nick aus Seattle hinausbringen sollte, in den Armen seines Sohns stirbt, klingt darin ein entferntes Echo an die Schlussszene aus ASPHALT COWBOY an, in der „Ratso“, gespielt von Dustin Hoffman, sterbend auf dem Rücksitz eines Überlandbusses sitzt.

In einem harten und kalten Land, einem durch und durch gewalttätigen Land, scheint es für jene, die meist Pech im Leben hatten und haben, die ganz unten sind und es auf der angeblichen Leiter zum ewigen Glück nie über die untersten Sprossen hinausschaffen, schlicht keine Hoffnung zu geben. Nur wenige amerikanische Film-Bilder der an sich selbst besoffenen 90er Jahre haben so viel Trostlosigkeit und Ratlosigkeit ausgestrahlt, wie die Schlusseinstellung von AMERICAN HEART, in der Edward Furlong seinen toten Film-Vater Jeff Bridges in den Armen hält und nicht mehr ein noch aus weiß.

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