THE MUSIC NEVER STOPPED

What a long strange trip it´s been...

„It’s about summer…“

Aus dem schier unendlichen Fundus der skurrilen bis bizarren Fallgeschichten des Neurologen Oliver Sacks stammt auch diese Geschichte um einen jungen Mann, dessen Erinnerungsvermögen massiv durch einen zwar gutmütigen aber riesigen Gehirntumor nahezu zerstört wird. Sacks‘ Essay, welcher der Story des Films zugrundeliegt, trug den Titel „The last Hippie“, was der Tatsache geschuldet ist, daß der nahezu katatonische Hirntumorpatient Gabriel Sawyer (Lou Taylor Pucci) sich immer dann zu regen beginnt, wenn er die Musik seiner Jugend in den 60ern (die Filmgegenwart ist das Jahr 1986) vernimmt: die Beatles, die Stones, Bob Dylan und – vor allem – seine „absolute Lieblingsband“, wie er öfters beteuert – die Grateful Dead. Und so „erwacht“ Gabe dank der Hilfe einer Musiktherapeutin (Julia Ormond) zum Leben und erzählt in der Dauer eines Musikstücks aus seinem Leben und wie es kam, daß er für 20 Jahre verschwunden war und daß das Verhältnis zwischen seinem Vater Henry (J.K. Simmons) und ihm nicht so unbelastet gewesen ist, wie der das gern sähe…

Hollywood liebt die Ausnahme. Es liebt vor allem Behinderte, die Ausnahmekönner sind (RAIN MAN, 1988) oder Behinderte, denen Ausnahmen widerfahren (AWAKENINGS, 1990; ebenfalls basierend auf einem Buch von Oliver Sacks). Und so ist es eben auch hier: Gabe, die Hauptfigur, besitzt zwar keine außergewöhnlichen Fähigkeiten, doch verfügt er über eine außergewöhnliche Liebe zur Musik, vor allem der jener Tage, als der Rock jung, unschuldig, wild und psychedelisch war, als „man“ lange Haare trug und davon träumte, eine bessere Welt schaffen zu können – und dieser Traum nicht naiv, niedlich und dumm war (wie er heute ja gern gesehen wird), sondern dem tiefen Bedürfnis einer Generation entsprach.

So funktioniert THE MUSIC NEVER STOPPED (2011) – das titelgebende Stück der Grateful Dead taucht im Film übrigens, anders als Klassiker wie UNCLE JOHN`S BAND oder TRUCKIN` und auch das wunderschöne und wundertraurige RIPPLE,  gar nicht auf – ebenso als ein Versöhnungsdrama zwischen Vater und Sohn, wie auch als eine generationsübergreifende Abhandlung über die 60er und die Probleme zwischen einer Kriegsgeneration, die für die Stars & Stripes in einen „gerechten“ Krieg zog (den 2. Weltkrieg) und einer, die die STARS & STRIPES verbrannte aus Protest gegen einen vollkommen ungerechten und völkerrechtswidrigen Krieg in Südostasien (Vietnam). Da Vater Henry selbst eine innige Liebe zur Musik seiner Jugend – Bing Cosby und Konsorten – hegt, lernt er nun, 20 Jahre, nachdem sein Sohn in einer streitreichen Nacht das Haus scheinbar „für immer“ verließ, nach und nach auch diese Stücke schätzen, die er eigentlich nicht mag und für primitiv hält. Und doch weiß Gabe ihm jedesmal, wenn sie etwas hören, die Magie einer DESOLATION ROW oder den Spaß eines ALL YOU NEED IS LOVE oder aber die ganze hedonistische Weltanschauung, die im Grateful Dead-Song TRUCKIN` zum Ausdruck kommt, näher zu bringen. Und wenn Henry dann im Radio zwei Tickets für eine Deadshow gewinnt, er und sein Sohn – stilecht in Batikshirts und mit verrückten Hüten, bzw. Kopftüchern – schließlich in der brodelnden Masse der Deadheads stehen und Jerry Garcia – wir schreiben mittlerweile 1987 – mit TOUCH OF GREY einen, wie Gabe sagt (denn dem fehlen die Erinnerungen ab ca. 1970), „neuen“ Song anstimmt, dann haben Vater und Sohn plötzlich ein gemeinsames Erlebnis, einen gemeinsamen Song, eine neue, gemeinsame Erinnerung. Und der Refrain – „I will survive/We will survive“ – gibt diesem außergewöhnlichen Vater-Sohn-Gespann auch ein außergewöhnliches Motto.

Der Film schafft es, lange Zeit ohne Kitsch und allzu viel Sentimentalität seine Geschichte zu erzählen. Dazu trägt sicherlich bei, daß Regisseur Jim Kohlberg eine zwar recht unbekannte (von Julia Ormond einmal abgesehen), die Rollen aber sehr gut ausfüllende Schauspielerriege zur Verfügung steht. Neben den bereits erwähnten sind da noch Tammy Blanchard als Gabes frühere Freundin Tamara und vor allem Cara Seymour als Helen Sawyer, Gabes Mutter, zu nennen. Doch zudem können diese sich auf ein gutes bis sehr gutes Drehbuch von Gwyn Lurie und Gary Marks stützen, dem es gelingt, dies alles so undramatisch wie möglich zu erzählen. Leise kommen einige der traurigsten Momente daher und auch einige der lustigsten, denn auch das sei erwähnt: Der Film bedient sich an einigen Stellen eines sehr lebensbejahenden Humors. So ertrinkt diese Geschichte nicht vollends in ihrer eigenen Melancholie. Allerdings endet sie – anders als das schreckliche Wiederverdämmern in AWAKENINGS – zwar nicht positiv, aber immerhin versöhnlich.

Kohlberg ist ein ruhiger, versöhnlicher Film gelungen, der oft mit subtilen Mitteln eine große Wirkung erzielt. So wird uns Helen Sawyer in den Gesprächen mit ihrem Mann zunächst immer aus der Obersicht gezeigt, während Henry Sawyer grundsätzlich aus der Untersicht gezeigt wird – klare Verhältnisse, klare Strukturen. Der Familienvater weiß die seinen durch die Unbilden der Zeit zu führen (Gabes Geschichten decken uns nach und nach auf, daß das so ja nie zutraf). Erst als Henry seinen Job verliert und Helen es in die Hand nimmt, die Rechnungen zu bezahlen, wagt sich auch die Kamera auf „Augenhöhe“, denn in der gleichen Zeit, in der sie sich daran macht, die finanziellen Familiengeschicke zu übernehmen (und weitestgehend aus der Handlung verschwindet, leider), lernt Henry, seinen Sohn zu verstehen und zu achten. Und sich um ihn zu sorgen.

Erst ganz am Ende muß auch dieser Film die hollywoodtypischen Konzessionen machen und es wird – leider dann doch – etwas rührselig. Was aber bleibt, ist ein ergreifendes Einzelschicksal, eine Hymne an die Rockmusik der 60er Jahre und ihren „Aufbruchcharakter“, eine wunderbare, manchmal etwas märchenhafte Vater-Sohn-Versöhnungsgeschichte und ein schöner Versuch, die „glücklichen“ 60er und die „kalten“ 80er miteinander auszusöhnen. Der Film wird dabei nie reaktionär: Er vergoldet die Zeit damals nicht und er stellt sie auch nicht als gescheitert aus. Wir haben es mit einem schönen Gedankenspiel zu tun: Da kommt einer, der praktisch in den 60ern hängen geblieben ist und konfrontiert die Gegenwart mit den damaligen Idealen. Wir wissen ja, daß vieles davon gescheitert ist, doch macht es Spaß, zuzusehen, wie dieser Gedächtnislose seine Ideale von damals nicht aufgeben mag. Und als er ruft, daß Nixon ein Schwein sei! – da teilt ihm sein Vater mit, daß der längst nicht mehr Präsident ist. Er sei zurückgetreten. Gabe schaut ihn an und meint: Aber dann habe ich ja recht behalten? Und sein Vater lächelt, traurig, und antwortet: Ja, Du hast recht behalten. Es ist auch eine Versöhnung mit einer Zeit, die gerade heute wieder gern und häufig als jene dargestellt wird, die uns „Werte“ gekostet, die alles „relativiert“ und somit die Gesellschaft zersetzt habe. Außer, daß wir hier noch einmal die ungeheure Kraft dieser Musik spüren können, lehrt uns ein Film wie dieser, daß man nie die historischen Kontexte aus den Augen verlieren sollte, wenn man versucht, die Geschichte zu beurteilen.

Ein guter Film, der allein dafür, daß hier die folgenden Zeilen in Bezug auf die Grateful Dead gesprochen werden,: „Sie spielen nicht einfach die Noten auf dem Papier, sie spielen was in der Luft liegt…“, die volle Aufmerksamkeit zumindest jedes Anhängers jener längst vergangenen Zeit verdient hätte.

Ein wunderbarer kleiner Film mit einem großen Herzen und einem wundervollen Soundtrack…

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