BLACKkKLANSMAN

Spike Lee schafft das Unmögliche: Den Kampf gegen Rassismus mit komödiantischer Leichtigkeit darzustellen

Scarlet O´Hara sucht ihren geliebten Ashley zwischen den Verwundeten am Bahnhof von Atlanta, die Konföderiertenflagge weht zerschossen im Wind. Dann tritt Dr. Kennebrew Beaureguard (Alec Baldwin) auf und erklärt, was es für die weiße Rasse bedeute, wenn sie sich mit Schwarzen mische und daß man unbedingt das Reinheitsgebot der Ethnien zu befolgen habe…

Anfang der 1970er Jahre tritt Ron Stallworth (John David Washington) seinen Dienst bei der Polizei von Colorado Springs an. Zunächst wird er im Archiv eingesetzt, wo er durchaus rassistischen Anfeindungen ausgesetzt ist, derer er sich jedoch selbstbewußt erwehrt. Im Laufe der Zeit wird sein Chef, Chief Bridges (Robert John Burke), auf ihn aufmerksam und gibt schließlich Rons Wunsch, als Undercoveragent zu arbeiten, nach.

Stallworth wird zu einem Studententreffen geschickt, bei dem der Bürgerrechtler Stokely Carmichael, der sich mittlerweile Kwame Ture nennt, auftritt und für ein schwarzes Selbstbewußtsein plädiert. Obwohl verkabelt und auf der Hut, ist Stallworth von den Argumenten des Agitators angetan.

Nach der Veranstaltung lernt er die Studentenführerin Patrice Dumas (Laura Harrier) näher kennen und bittet sie um ein Date. Sie willigt ein und die beiden kommen sich näher. Stallworth verschweigt ihr allerdings seinen Beruf. Dumas selber ist der Polizei gegenüber äußerst kritisch eingestellt und hält Cops generell für Rassisten. Erst recht, nachdem ein rassistischer Kollege von Stallworth sie, Ture und zwei weitere Freunde nachts angehalten und wie Verdächtige durchsucht hat.

Stallworth hat sich mit der Aktion aber das Ansehen seiner weißen Kollegen verdient.

Eines Tages sieht er bei der Zeitungslektüre ein offenes Inserat des Ku Klux Klan, der um Mitglieder wirbt. Er ruft die angegebene Nummer an und wird tatsächlich sofort zurückgerufen. Walter Breachway (Ryan Eggold), Chef der lokalen Klangruppe, führt ein erstes Bewerbungsgespräch mit Stallworth. Die beiden verstehen sich auf Anhieb, da Stallworth gegen Schwarze, Juden und Homosexuelle hetzt und als Begründung für seinen Anruf angibt, seine Schwester ginge mit einem Schwarzen aus, den er hasse. Sofort hat er Breachways volle Unterstützung.

Im Laufe der Zeit telefonieren Stallworth und der Klanmann mehrfach miteinander und der Polizist gewinnt dessen Vertrauen. Schließlich kommt es zu einer Einladung zu einem Klantreffen. Nun muß Stallworth sich etwas einfallen lassen, da er schwerlich selbst dort erscheinen kann. Sein Kollege Flip Zimmermann (Adam Driver) erklärt sich einverstanden, Stallworth dort zu vertreten. Verkabelt tritt Zimmerman den Job an und geht zu den Treffen des Klans.

Ihm schlägt Mißtrauen entgegen, vor allem Felix Kendrickson (Jasper Pääkönen) sieht den Neuen äußerst kritisch. Wieder und wieder verlangt er, „Stallworth“ solle beweisen, daß er vor allem kein Jude sei. Zimmerman, der tatsächlich Jude ist, allerdings nicht praktiziert, kann diesem Anliegen dadurch entgehen, daß er sich als besonders widerlicher Judenfeind ausgibt und Kendrickson vorwirft, ihn in seiner Ehre zu verletzen. Walter seinerseits ist ganz auf „Stallworth“ Seite und bezichtigt Kendrickson, paranoid zu sein.

Zimmerman gewinnt noch mehr Zutrauen durch die Gruppenmitgleider, als er bei Schießübungen im Wald beweisen kann, was für ein außergewöhnlich guter Schütze er ist. Bei diesem Treffen beobachtet er zwei Gruppenmitglieder, die er bisher nie gesehen hat und die sich auffallend abseits halten.

Stallworth, der im Hintergrund die Fäden zieht, während Zimmermans Einsätzen aber immer in der Nähe ist und mithört, hält telefonisch den Kontakt zu Walter und schließlich gelingt es ihm sogar, mit David Duke selbst, dem sogenannten „Grand Wizard“ des Klans, in Kontakt zu treten. Er bittet diesen u.a., ihm vorzeitig einen Mitgliedsausweis auszustellen, da er an Treffen teilnehmen wolle, die nur Vollmitgliedern zugänglich sind.

Das FBI kontaktiert Stallworth und er erfährt, daß die beiden von Zimmerman beobachteten Teilnehmer an den Schießübungen hochrangige Vertreter des Militärs seien. Dem FBI ist bekannt, daß auf einem Militärstützpunkt einige Kilo Sprengstoff abhanden gekommen sind. Dies deckt sich mit Zimmermans Ermittlungen, der mittlerweile herausgefunden hat, daß die Gruppe ein Attentat plant.

Während die verdeckten Ermittlungen laufen, festigt sich die Beziehung zwischen Patrice und Stallworth, doch bei einer Gelegenheit wird sein Job als Polizist offenkundig und er muß ihr gestehen, daß er diesen Aspekt seines Lebens vor ihr geheim gehalten hat. Dies führt zu einer ernsthaften Krise zwischen den beiden. Stallworth versucht ihr zu erklären, daß der Beruf des Polizisten immer sein Wunsch gewesen sei und er seine Erfüllung darin fände, auf diese Weise für die Sache der Schwarzen zu kämpfen. Patrice fällt es schwer, sich auf diese Sichtweise einzulassen.

Es kommt zu einer neuerlichen Konfrontation zwischen Zimmerman und Kendrickson, der sich „Stallworth“ Adresse rausgesucht hat und eines Tages beim echten Ron Stallworth vor der Tür steht, wo er durch Zufall auch Patrice erblickt, die dem Klan in ihrer Funktion als Studentenführerin bekannt ist. Er weiß nun also, daß der Klan-„Stallworth“ zumindest einen schwarzen Doppelgänger hat. In der Gruppe kommt er erneut zu Unstimmigkeiten und man ist allgemein der Meinung, Walter solle die Gruppe nicht weiter führen. Er selber schlägt Stallworth als neuen Leiter vor. Kendrickson ist außer sich.

Schließlich trifft der Mitgliedsausweis für „Stallworth“ ein und Duke kündigt sein Kommen bei der Initiationsfeier an. Ironischerweise wird der echte Ron Stallworth, da Morddrohungen gegen Duke vorliegen und kaum Personal zur Verfügung steht, als Personenschützer für den Klan-Wizard abgestellt. Die beiden begegnen sich reserviert, doch drückt Duke seine Hochachtung für die Professionalität des schwarzen Polizisten aus. Dann fragt er ihn, ob sie sich irgendwie schon einmal begegnet seien? Stallworth verneint dies.

Während die Feierlichkeiten zur Aufnahme des falschen „Ron Stallworth“ laufen, empfängt die Studentengruppe um Patrice den Bürgerrechtsveteranen Jerome Turner (Harry Belafonte), der der Gruppe eindringlich von seinen Kindheitserlebnissen erzählt, als er Augenzeuge eines Lynchmobs wurde. Connie Kendrickson (Ashlie Atkinson), die mindestens so verblendet ist wie ihr bis an die Zähne bewaffneter Gatte, soll mit dem geklauten Sprengstoff ein Attentat auf dieses Treffen begehen, schreckt aber aufgrund der massiven Polizeipräsenz vor Ort davor zurück. Sie greift nun den alternativen Plan auf, zu Patrice Dumas´ Privathaus zu fahren und die Bombe dort im Briefkasten zu platzieren. Das allerdings gelingt ebenfalls nicht, da das Paket nicht in den Kasten passt. So legt sie es unter Dumas´ Wagen.

Auf der Initiationafeier wurde Zimmerman derweil enttarnt, da ein zugereistes Mitgleid ihn als Polizisten erkennt. Stallworth ist Connie gefolgt und Zimmerman muß nun seinerseits schauen, daß er sich absetzt, zumal er weder Mitglied, noch Leiter einer Klangruppe werden will. Er hatte Stallworth zuvor geschildert, daß er sich in Folge der Ermittlungen immer stärker mit seinem jüdischen Erbe auseinandersetze und auf keinen Fall einen Mitgliedsausweis des Klan besitzen wolle. Als er nun beobachtet, daß Kendrickson und einige andere der lokalen Gruppe die Feier verlassen, folgt er ihnen.

Die Klanmänner erreichen Dumas´ Haus und wollen Connie einsammeln, zuvor aber die Bombe zünden, von der sie nicht wissen, daß sie nun unter dem Wagen liegt. So sprengen sie sich selbst in die Luft, als sie die Zündung betätigen. Stallworth überwältigt Connie, wird dann aber selbst von herbeigeeilten Streifenpolizisten gefangen genommen und verprügelt, obwohl er sie mehrfach darauf hinweist, ein verdeckter Ermittler zu sein. Erst der hinzukommende Zimmerman kann die Situation klären und Connie schließlich verhaften.

Stallworth ist nun ein Star in der Abteilung und er und seine Kollegen lassen es sich nicht nehmen, David Duke anzurufen und dem „Grand Wizard“ höchstselbst mitzuteilen, welchem Fake er aufgesessen ist. Doch dies ändert nichts daran, daß sie aufgefordert werden, die Ermittlungen einzustellen und ihr Material zu vernichten. Die Polizei habe massive Budgetkürzungen zu verkraften und könne sich kein weiteres Vorgehen gegen den Klan leisten.

Bilder aus Charlottesville, von einem Aufmarsch rechtsextremer Gruppen im August 2017, beschließen den Film. Man sieht, wie ein Auto in die Menge der Gegendemonstranten rast und dabei eine junge Frau – Heather Heyer – tötet. Donald Trump erklärt, daß sich unter den Rechten wirklich nette Leute befunden hätten. Ein Portrait von Heyer erscheint vor den Schluß-Credits.

Die irrsten Geschichten schreibt immer noch die Wirklichkeit, das Leben selbst. Eine Binsenweisheit. Aber Binsenweisheiten sind ja nicht falsch oder werden schlechter dadurch, daß sie solche sind. Wenn ein Afroamerikaner sich undercover beim Ku Klux Klan einschleicht – und wenn es nur  am Telefon ist – , dann kann eine solche Story nur der Realität entnommen sein, andernfalls würde ein Drehbuchautor wahrscheinlich in Bausch und Bogen vom Hof, sprich: durch die Tore, des Studios gejagt, in welchem er mit seiner Idee vorstellig wurde. Doch es ist eben genau so geschehen. In der Wirklichkeit.

Der schwarze Cop Ron Stallworth hatte sich in den 1970er Jahren auf ein Inserat des Klans beworben und bei einem Rekrutierungsgespräch massiv gegen Schwarze, Schwule, Juden und alles gehetzt, was der „Organisation“, wie der Klan sich selbst zu nennen pflegt, nicht gefällt. Trotz anfänglichen Mißtrauens wurde Stallworth aufgenommen und infiltrierte die lokale Zelle in Colorado Springs, indem er einen weißen, zudem jüdischen, Kollegen als sein Alter Ego auftreten ließ. Der Einsatz war durchaus erfolgreich, Stallworth wurde sogar die örtliche Leitung der Gruppe angeboten und konnte u.a. mit dem damaligen ‚Grand Wizard‘, dem Großmeister des Klans, David Duke, Kontakt aufnehmen und auch dessen Vertrauen gewinnen. Doch da der Kollege, der Stallworth vertreten musste, sich weigerte, die Gruppe schließlich wirklich zu übernehmen, musste die Aktion nach einem dreiviertel Jahr beendet werden. Dennoch gelang es der ermittelnden Einheit nicht nur, Anschläge zu verhindern, sondern auch, die Strukturen innerhalb der „Organisation“ zu analysieren und aufzudecken.

Ein gefundenes Fressen für einen Künstler wie Spike Lee, der seit den 1980er Jahren mit Filmen wie DO THE RIGHT THING (1988), MO´ BETTER BLUES (1990) oder auch dem kommerzielleren MALCOLM X (1992) maßgeblich das ‚New Black Cinema‘ in den USA geprägt hat. Basierend auf Stallworth´ Buch über die Aktion, das 2014 erschienen ist, schrieben David Rabinowitz, Charlie Wachtel, Kevin Willmott und Lee selbst das Drehbuch zu BLACKkKLANSMAN (2018). Lee übernahm die Regie. So entstand ein durchaus unterhaltsamer Spielfilm, der alle Ingredienzien eines gelungenen Cop-Thrillers aufweist, dabei durchaus humoristische Untertöne anschlägt, zugleich aber als wütende Anklage gegen ein Amerika funktioniert, das sein Rassismus-Problem bis heute nicht überwunden hat. Im Gegenteil: Durch die Wahl Barack Obamas zum ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten 2008, ist der unversöhnliche Rassismus offenbar noch einmal angestachelt worden und gebiert weiterhin seine Monster. So setzt Lee ans Ende seines Films dokumentarische Aufnahmen der Ereignisse in Charlottesville aus dem August 2017, wo rechtsextreme Gruppierungen demonstrierten und bei einer Gegenkundgebung die junge Heather Heyer starb, als ein Auto in die Menschenmenge gesteuert wurde. Ihr Portrait ist das letzte Bild in BLACKkKLANSMAN. Zuvor werden aber auch die Äußerungen von Donald Trump zu den Ereignissen – er verteidigte die rechten Demonstranten mit den Worten, auch unter ihnen gäbe es „very nice people“ – eingeblendet. Spike Lee nutzt das Sujet, um den strukturellen Rassismus, der die USA weiterhin erschüttert, aufzudecken.

Wie genau die Analyse allerdings ist, zeigt nicht nur sie Spielhandlung selbst, sondern der Einstieg in den Film: Hier wird die berühmte Szene aus GONE WITH THE WIND (1939) gezeigt, in der Scarlett O´Hara am Bahnhof zwischen den Verwundeten auf der Suche nach ihrem geliebten Ashley Wilkes umherstolpert. Während die Kamera immer weiter aufzieht und schließlich die Masse der Versehrten offenbart, schiebt sich von links die zerfledderte, aber stolz im Wind flatternde Südstaatenflagge ins Bild. Diesem Einstieg folgt der gefakte „Dokumentar“-Ausschnitt eines Films, in dem ein gewisser Dr. Kennebrew Beaureguard, gespielt von Alec Baldwin, sich über Rassenmischung und den Untergang der weißen Ethnie auslässt. Es ist ein Meisterstück, um das Sentiment zu entlarven, das sich immer hinter der weinerlichen Opferhaltung jener verbirgt, die von „Umvolkung“, „Bevölkerungsaustausch“ und dem „Untergang des Volkes“ faseln. Danach erst setzt die Handlung ein.

Stilistisch an den sogenannten Blaxploitation-Filmen der 1970er Jahre orientiert, bietet Lee eine spannende Story, deren bizarren Ausgangspunkt er allerdings nie aus den Augen verliert, weshalb BLACKkKLANSMAN eben auch immer Elemente einer Komödie aufweist. Die Story selbst wirkt wie eine Farce, weshalb Humor das treffendste Mittel ist, sie zu erzählen. Entgegen der hier und da geäußerten Kritik, Lee entwickle die Figuren nicht wirklich und nutze sie lediglich als Pappkameraden, um seine für ihn typischen Anklagen gegen ein weißes, rassistisches Amerika zu führen, bleibt festzuhalten, daß der Regisseur im Rahmen eines Kriminalfilms weit ausholt, um zumindest seinen Hauptprotagonisten Ron Stallworth dem Publikum näher zu bringen. Bevor die eigentliche Story um die Infiltration der Klan-Gruppe beginnt, wird dem Publikum geschildert, wie der Rookie, der Anfänger, Stallworth zunächst im Archiv eingesetzt wird, dort durchaus rassistischen Pöbeleien durch Kollegen ausgesetzt ist, und schließlich seinen ersten Undercover-Job erhält, um das Treffen einer Studentengruppe zu überwachen, die den Bürgerrechtler und Agitatoren Kwame Ture, vormals Stokely Carmichael, eingeladen hat. Hier bandelt Stallworth mit einer jungen Aktivistin an und so entsteht früh im Film ein Spannungsfeld, in dem der Polizist, durch Tures Worte durchaus berührt, die eigene Position als Schwarzer und als Polizist reflektieren muß. Erst recht, je näher er Patrice Dumas kommt. Je tiefer er sich in sie verliebt, desto schwieriger wird der Spagat zwischen Geheimhaltung der eigenen Identität und der Offenheit, die eine Beziehung braucht. Erschwert wird dies durch Dumas´ klare Haltung hinsichtlich der Polizei, die sie so oder so für Rassisten hält. Gerade die Szene mit Ture wirkt authentisch und lässt jene Atmosphäre wieder auferstehen, die die so politisch bewegten 70er Jahre geprägt hat. Black is beautiful war ja nicht nur irgendeine Parole, die gut klang, sondern der Beginn einer Bewußtwerdung, die bis heute andauert, liest man die Werke bspw. von Achille Mbembe u.a., die eine klare Abgrenzung zwischen Schwarzen und Weißen fordern, damit auch Afrika sein eigenes Bewußtsein, ein Selbst-Bewußtsein, entfalten kann.

Lee selbst, dem immer mal wieder vorgeworfen wurde, selbst einen gewissen Rassismus zu vertreten, da Weiße, oftmals Juden, oder Italo-Amerikaner in seinen Filmen sehr schlecht wegkämen, werden diese Verbindungen und Zusammenhänge vor Augen gestanden haben, als er am Drehbuch arbeitete. Und wie er den kulturellen und politischen Rassismus in seinem Heimatland aufgreift und anprangert, werden diese Zusammenhänge gerade in der Szene auf dem Meeting verdeutlicht. Doch Lee vergisst nicht, daß er einen Kriminalfilm dreht und kehrt deshalb schnell zu seinem Kernthema zurück. Kriminalfilme sind nun meist nicht sonderlich um Figurenzeichnung oder Psychologie außerhalb ihres direkten Sujets bemüht, weshalb die Charakterisierung der übrigen Figuren, soweit kann man die Kritik dann gelten lassen, eher dünn ausfällt. Flip Zimmerman, der jüdische Kollege von Stallworth, der den eigentlichen Undercover-Job ausführen muß, erklärt in einer eindringlichen Szene, daß er sich mit seiner Religion eigentlich nie auseinandergesetzt habe, auch nicht religiös erzogen wurde, seine Gedanken nun aber, je mehr er mit den Hassern des Klans zu tun habe, dauernd um Fragen der jüdischen Identität kreisten. Schließlich weigert er sich – darin weicht der Film von der Realität ab – den Klan-Ausweis anzunehmen. Er wolle „das Ding“ nicht haben. Auch dieser Figur werden also Entwicklung und Reflektion zugestanden, wenn auch eher holzschnittartig und auf der Dialogebene.

Wirklich eklatant wird die Figurenzeichnung bei den Klans-Männern selbst. Diese sind durch die Bank weg Idioten, die nicht merken, mit wem sie es zu tun haben, denen nicht auffällt, wie „Stallworth“ in der Inkarnation von Zimmerman chargiert, um einer Entdeckung zu entgehen, und denen auch die Unterschiede zwischen der Stimme am Telefon und jener des „echten“ Ron Stallworth zu entgehen scheinen. Selbst der ‚Grand Wizard‘ David Duke, der sich gegenüber Stallworth rühmt, einen Schwarzen schon an der Art, wie der rede, erkennen zu können, fällt auf das Doppelspiel herein. Lediglich der als paranoid dargestellte Felix Kendrickson bleibt Stallworth gegenüber mißtrauisch, was aber im Kontext des Films seinem Charakter entspricht. Er sieht auch den bisherigen Leiter der Gruppe, Walter Breachway, als zu lasch an und ist selbst, bis an die Zähne bewaffnet, zu jedwedem Anschlag oder Massenmord bereit. Lee verweist mit dieser Figur deutlich auf Typen wie den Massenmörder Timothy McVeigh, der federführend verantwortlich war für das Attentat auf das FBI-Gebäude in Oklahoma City 1995, bei dem 168 Menschen starben. Mag dieser zunächst vor allem ein Verschwörungstheoretiker gewesen sein, der von einer aufkommenden Militärdiktatur in Amerika fantasierte, hatte er aber doch enge Kontakte in das durchaus rechtsextreme Milieu der Milizen, die sich gerade im ländlichen Amerika seit 30 Jahren vermehrt ausbreiten. Kendrickson entspricht diesem Typus, der sich am Vorabend eines Bürgerkriegs wähnt und vorbereitet sein will, mehr noch – der den Bürgerkrieg als Rassekrieg im Grunde forcieren will. Ein Anliegen, das auch den Rechtsextremen in Charlottesville am Herzen lag, die sich nicht entblödeten, Parolen wie „Jews will not replace us!“ zu brüllen und damit den Kern des Problems allzu deutlich vor sich her trugen. Paranoia als Movens ist nie ein guter Ratgeber gewesen, zumal dann, wenn man Rasse und Religion nicht auseinanderzuhalten versteht. Ein Problem, das viele Rechtsextreme zu haben scheinen. Lee begnügt sich bei den Klansmännern damit, sie als reine Typen, Prototypen, wenn man so will, darzustellen.

Daß Dummheit, Naivität und Paranoia allerdings ein gefährliches Gemisch ergeben können, verdeutlicht BLACKkKLANSMAN auf bedrückende Weise. Ron Stallworth gab in einem Interview mit der Sueddeutschen Zeitung[1] an, daß der Film zu über 90% mit den realen Ereignissen übereinstimme. Man habe aber hier und da zugunsten der filmischen Dramaturgie Dinge verändern müssen. Im Abspann wird darauf auch explizit hingewiesen. So versucht Conny Kendrickson am Ende des Films, erst ein Treffen der Studentenvereinigung, dann das Privathaus von Patrice Dumas in die Luft zu sprengen, was Stallworth gerade noch zu verhindern weiß. So wird auch die Geschichte um ihn und seine Geliebte wieder rund, beweist er ihr doch, daß er sie nicht nur liebt, sondern auch trotz eines Daseins als Polizist durchaus der Sache der Afroamerikaner dienen kann. Vor allem aber macht das Ende deutlich, wie tödlich dieser irrationale Hass, wie menschenverachtend und gefährlich er ist. Und wie wahllos er zu töten bereit ist. Diese Leute – Rassisten, Judenhasser, Holocaustleugner – sind durch Argumente nicht mehr zu erreichen, sie haben sich längst eine eigene Wahrheit gebastelt, ein in sich geschlossenes, homogenes Weltbild, in dem die Geschichte, ihre Entwicklung und die Folgen, die sie zeitigt, vollkommen folgerichtig sind. Wenn sich also diese paranoide Weltsicht mit dem „Willen zur Tat“ mischt, und Waffen zudem so leicht zu haben sind, wie es in Amerika der Fall ist, kann eine wahrlich explosive, tödliche Mischung entstehen, die vor nichts mehr Halt macht, die kaum mehr zu kontrollieren ist.

In dem erwähnten Interview erklärt Stallworth auch, daß man es bei den Klans-Männern wirklich mit den im Film beschriebenen Dummköpfen zu tun gehabt habe. So kann man davon ausgehen, daß Spike Lee den Film trotz seiner dramatischen und auch wütenden, ergreifenden Seiten, nicht nur als Komödie anlegt, weil die ganze Geschichte an sich schon, wie erwähnt, Züge einer Farce trägt, sondern auch aus dramaturgischen Gründen. Da das Ergebnis der Aktion bekannt ist und die Männer des Klans nie so wirken, als könnten sie Stallworth´ Ermittlungen ernsthaft gefährden, mussten zwangsläufig andere Aspekte der Story hervorgehoben und ausgestellt werden. Doch weiß Lee natürlich um die tödliche Ernsthaftigkeit des Themas und mit den realen Bildern aus Charlottesville kehrt er dann auch in eine Wirklichkeit zurück, die es wahrlich nicht an tödlichem Ernst missen lässt. So sehr man über die Dummheit von David Duke und seiner Fahrensleute lachen mag, genau diese Menschen sind in der Lage, anderen bedenkenlos das Leben zu nehmen, Hass zu schüren und auf eine gesellschaftliche Situation hinzuarbeiten, die die USA durchaus in einem neuen Bürgerkrieg führen könnte.

Verdeutlicht wird diese spezifisch amerikanische Historie des Hasses auch durch die mit der Initiationsfeier zusammengeschnittene Szene, in der Jerome Turner, den der große alte Mann der Bürgerechtsbewegung, Harry Belafonte, mit Ruhe und der Würde des Alters spielt, von seiner Kindheitserinnerung an einen Lynchmord erzählt. Ohne zu dramatisieren, ohne seine Story aufzubauschen, nur mit der Kraft seiner sonoren Stimme und der Autorität dessen, der aus einer weit zurück liegenden Zeit in die Gegenwart hinein zu ragen scheint, was für Belafonte wie die von ihm dargstellte Figur gilt, berichtet Turner von den fürchterlichen Ereignissen, der Grausamkeit und dem Hass, der die Brutalität befeuerte, mit der ein wahrscheinlich unschuldiger schwarzer Junge von einer aufgeputschten Menschenmenge geradezu zerfleischt wurde. Und er berichtet davon, wie die Kinder im Ort extra schulfrei bekamen, um dem Spektakel beiwohnen zu können. Die Autorität Belafontes und Lees Verzicht, diese Szene in irgendeiner Weise zu stilisieren, gar Bilder des Grauens zu liefern, machen sie zu einem ebenso beredten wie eindringlichen Zeugnis dafür, daß und wie das, was der Film erzählt, was die dem Film vorangestellte fiktionale Szene aus GONE WITH THE WIND definiert, und das, was wir gegenwärtig in einem zerrissenen Amerika erleben, in dem Vorkommnisse wie in Charlottesville nicht nur möglich sind, sondern ihnen durch die ambivalente Haltung des Präsidenten auch Vorschub geleistet wird, zusammenhängen, wie sich diese Entwicklungen, Emotionen und Taten kulturell bedingen, wie eine Kontinuität des Hasses und der Gewalt entsteht, die tief in dieser Gesellschaft verwurzelt ist.

Spike Lee, der natürlich vor allem dramatische Stoffe bearbeitet hat, konnte seine Marker auch zuvor schon im Genrefilm setzen. INISDE MAN (2006) bspw. war ein extrem intelligenter Thriller, der die Gattungsregeln streng befolgte und zugleich unterlief. BLACKkKLANSMAN funktioniert, obwohl der Film in gewisser Weise uneinheitlich wirkt, ebenso als Kriminalfilm, als Komödie, als Agitpropstück wie auch als historischer Rückblick in eine scheinbar längst vergangene Zeit. Egal, welche Ebene des Films man betrachtet, sie alle gehen in sich auf und befruchten einander, korrespondieren miteinander und stellen sich dennoch gegenseitig in Frage. Das macht das eigentliche Kunstwerk aus, daß BLACKkKLANSMAN ist. Denn trotz der scheinbaren Brüche, trotz der dramaturgischen Unebenheiten und der gewollten Typisierung der meisten Figuren, geht das Ganze auf, wirkt in sich geschlossen, rund. Lee beweist seine Könnerschaft einmal mehr, indem er einen Genrefilm dreht, der seine Metaebene zugleich mitdenkt und diese bereitwillig ausstellt. Wenn die Polzisten der Undercover-Einheit sich am Telefon kaputtlachen, während Duke ihnen erklärt, daß er einen „Neger“ schon an der Stimme, Tonlage und Wortwahl erkennen könne, nehmen sie die Reaktion des Publikums nicht nur vorweg, sie fordern den Zuschauer geradezu auf, in das Gelächter einzustimmen und dem Grauen, das sich hinter der ganzen Geschichte verbirgt, damit die Spitze zu nehmen. Der Film vermittelt ein Selbstbewußtsein, welches die Forderung, die Ture während der Studentenversammlung formuliert, längst erfüllt. Und indem Stallworth Dumas erklärt, er verstehe die Anliegen der schwarzen Studenten nicht nur, er teile sie auch, dennoch sei „Polizist“ immer sein Wunschberuf gewesen, formuliert der Film selbst eine Forderung. Nämlich die, sich durch nichts und niemanden einvernehmen zu lassen, vielmehr einen eigenen Weg zu finden und einzuschlagen und mit den eigenen Mitteln den Kampf zu führen, der so offensichtlich noch längst nicht entschieden oder gar überwunden ist.

Spike Lee hat diesen Kampf immer aufgenommen, weitergeführt und dabei seine ureigenen Mittel – die der (filmischen) Kunst – ins Feld geführt. Dabei hat er der Sache gedient und zugleich dem (amerikanischen) Kino einen ungeheuren Gefallen getan, indem er es um Blickwinkel, Perspektiven und Mittel erweitert hat, indem er mitgeholfen hat, es aus der Enge jenes sehr ökonomischen, sehr weißen, sehr konservativen Korsetts namens „Hollywood“ zu befreien. BLACKkKLANSMAN kündet einmal mehr davon.

 

[1] Sueddeutsche Zeitung, 21. August 2018. https://www.sueddeutsche.de/kultur/film-blackkklansman-undercover-beim-ku-klux-klan-1.4099436?reduced=true

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