BOMBSHELL – DAS ENDE DES SCHWEIGENS/BOMBSHELL
Ein erstaunlich gelungenes Thriller-Drama um die Vorgänge um den Senderchef beim Sender Fox 2016
2016 ist der Kampf um die amerikanische Präsidentschaft voll entbrannt. Die Republikanische Partei sucht ihren Kandidaten. Während der TV-Debatte der Anwärter auf dieses Amt, konfrontiert die vom Sender Fox gestellte Moderatorin Megyn Kelly (Charlize Theron) den als Außenseiter geltenden Donald Trump mit frauenfeindlichen Äußerungen, die er immer wieder von sich gegeben hat. Trump reagiert erstaunlich souverän, was darauf hindeutet, dass er zuvor gebrieft wurde, welche Fragen möglicherweise kommen könnten.
Im Anschluss an die Debatte überzieht Trump Kelly allerdings mit Beleidigungen auf verschiedenen Social-Media-Plattformen. Der Sender und vor allem dessen Chef Roger Ailes (John Lithgow) nimmt sie in Schutz, doch bleibt Fox Trump verbunden und der Verdacht, dass es Ailes selbst gewesen sein könnte, der Trumps Team über Kellys Strategie für die Debatte informiert haben könnte, steht im Raum.
Ailes hat seit den 90er Jahren Fox im Auftrag von Rupert Murdoch (Malcolm McDowell) ersonnen, aufgebaut, konsolidiert und geleitet. Er gilt als der Mastermind hinter dem Konzept. Fox vertritt vor allem konservative bis extrem rechte Positionen, beschäftigt Moderatoren und Kommentatoren, die die rechte Tendenz des Senders unterstützen. Die Aufmachung ist vergleichsweise poppig, die visuellen Reize sind mindestens so wichtig, wie die Inhalte. Zu den visuellen Reizen gehört auch, dass das weibliche Personal – zumindest jenes, das vor der Kamera auftritt – besonders sexy wirken muss, besonders lange Beine vorweisen kann und diese auch zu zeigen bereit ist. Ein offenes Geheimnis im Sender ist, dass Ailes weibliche Angestellte gern zu Gefälligkeiten auffordert. Sexuellen Gefälligkeiten.
Kayla Pospisil (Margot Robbie) möchte unbedingt vor die Kamera und sie wollte – einer evangelikal geprägten Familie entstammend, in der Fox eine Art Religion ist – immer nur in diesem Sender arbeiten. Bisher war sie der Redaktion der Moderatorin Gretchen Carlson (Nicole Kidman) zugeteilt, die im Sender nicht sonderlich beliebt ist und von Ailes aus der Primetime am Abend auf einen der wenig attraktiven Sendeplätze am Nachmittag verschoben wurde. Nun bietet sich Pospisil die Möglichkeit, in die Hauptnachrichtenredaktion zu Star-Moderator Bill O´Reilly zu wechseln.
Carlson nimmt ihr den Wunsch ihr Team zu verlassen übel, da sie sich als Kämpferin für Frauenrechte versteht, immer wieder Frauenthemen unterzubringen versucht, am Frauentag ungeschminkt in ihrer Sendung auftritt, wofür sie von Ailes persönlich angegriffen wird. Da sie die Repressalien des Senders, vor allem die durch Ailes persönlich in Kauf nimmt, erwartet sie eine gewisse Loyalität von ihren Mitarbeiterinnen.
Pospisil macht sehr schnell die Erfahrung, was es bedeutet, bei Fox Karriere zu machen. Ailes fordert sie in einem privaten Gespräch auf, ihm ihre Beine zu zeigen, wobei sie ihr sehr enges Kleid höher und höher ziehen muss, bis wirklich kaum mehr etwas von ihrem Unterleib verdeckt bleibt. Ailes lässt auch keine Zweifel daran aufkommen, was er, will sie tatsächlich vor die Kamera, von ihr darüber hinaus als Gegenleistung erwartet.
Pospisil macht die Bekanntschaft einer Kollegin. Jess Carr (Kate McKinnon) arbeitet unauffällig in der Redaktion, will keine große Karriere machen und gibt Pospisil ein paar Tipps, wie man sich bei Fox zu verhalten hat. Schnell merkt Pospisil, dass Carr lesbisch ist und die beiden beginnen eine lose Beziehung.
Carr hat Plakate von Hillary Clinton in ihrer Wohnung hängen, was einen gewissen Widerstand zu ihrer Arbeit bei Fox darstellt. Sie erklärt Pospisil, dass sie sich bei etlichen Sendern beworben, aber eben nur bei Fox genommen wurde. Sie weist ihre neue Freundin allerdings auch darauf hin, dass Fox wie ein Stigma wirkt: Wer hier einmal angeheuert hat, ist in anderen Sendern schnell ein Paria. Das stellt für Pospisil, die ja immer nur bei Fox arbeiten wollte, zunächst kein Problem dar. Doch zusehends leidet auch sie unter den Übergriffen Ailes´, sie verliert zunehmend ihre Selbstachtung.
Als Fox Gretchen Carlson feuert, womit sie gerechnet hatte, geht diese in die Offensive: Sie hat eine Klage vorbereitet, um Roger Ailes wegen sexueller Belästigung vor Gericht zu bringen. Ihre Anwälte weisen sie auf all die negativen Folgen hin, die sie zu erwarten habe. Wenn sich keine anderen Frauen aus dem Sender ihr anschließen und ihre Vorwürfe stützen würden, wäre sie mehr oder weniger erledigt. Carlson ist überzeugt, dass auch andere sich äußern würden.
Im Sender schlägt Carlsons Klage wie eine Bombe ein. Die Belegschaft spaltet sich schnell in ein Pro-Ailes und ein Contra-Ailes-Lager und vor allem die Frauen wissen, dass sie sich nun verhalten müssen.
Megyn Kelly gesteht ihrem Mann, dass auch sie vor Jahren von Ailes belästigt wurde. Der hat ihr den Rücken gegen Trump freigehalten, hat ihr allerdings auch ein Interview mit dem Kandidaten in dessen Penthouse im Trump-Tower in New York nahegelegt um die Wogen zu glätten. Kelly hat zugestimmt und seitdem hat sich die Aufregung um sie gelegt. Ihr Mann nimmt ihr das Interview allerdings übel, weil sie eingeknickt sei. Sie wiederum argumentiert, dass sie nur so weiter ein Gehalt einstreichen könne, das den gemeinsamen Lebensstandard sichere. Und der ist hoch.
Die Situation spitzt sich zu, die Unternehmenskultur bei Fox wird immer deutlicher: Man muss die eigene politische Haltung ebenso verbergen, wie es auch besser ist, sein Essverhalten nicht offen zu zeigen, einen gewissen Body-Mass-Index zu halten, keine Kritik zu üben und bloß keinen der Senderoberen anzugreifen.
Ailes, der sich der Unterstützung seiner direkten Untergebenen im Sender ebenso sicher sein kann wie auch der seiner Gemahlin Beth (Connie Britton), die ihn auch öffentlich gegen alle Anwürfe sexueller Belästigung verteidigt, ist empört ob der Anklagen, deren Gehalt er nicht einmal wirklich versteht. Er, der sich als sozial und seinen Untergebenen zugewandt versteht, ist sich sicher, dass alle Anwürfe fallen gelassen werden. Allerdings sind die mittlerweile im Murdoch-Imperium an führenden Positionen tätigen Söhne des Moguls der Meinung, Ailes sei nicht mehr zu halten. Nur Rupert Murdoch selbst hält noch seine Hand über den Senderchef, dem er sich aufgrund dessen Verdienste verbunden fühlt.
Die Dinge verschärfen sich, als das Anwaltsteam von Ailes mit der Hiobsbotschaft konfrontiert wird, dass Gretchen sämtliche Gespräche mit Ailes, auch die schlüpfrigen, mit ihrem Handy aufgezeichnet hat. Sie hatte diese Information deshalb zurückgehalten, weil sie Ailes und dessen zu seiner Verteidigung vorgetragenen Argumente vollends als Lügen entlarven wollte.
Kelly ringt mit sich, fühlt sie sich Ailes trotz dessen Übergriffigkeiten doch auch verbunden, stützt auch seine Selbstwahrnehmung, sich um Mitarbeiter zu kümmern, da sie weiß, dass er bspw. Gehälter kranker Angestellter weitergezahlt hat etc. Doch schließlich – nach etlichen Diskussionen mit ihren direkten Mitarbeitern, für die ebenfalls einiges auf dem Spiel steht, bräuchten doch auch sie neue Jobs, sollte Fox sie alle feuern – ist sie bereit, ihre Erlebnisse mit Ailes öffentlich zu machen.
Einige Tage, nachdem Kelly sich geäußert hat, tritt Ailes von seinem Posten bei Fox zurück. Er trifft sich im Beisein seiner Anwältin mit Rupert Murdoch und dessen Söhnen, die ihm eine Abfindungssumme nennen, die er aber nicht akzeptieren will. Doch nun ist selbst Rupert Murdoch nicht mehr bereit, Ailes zu helfen, er ist nicht einmal bereit, mit diesem gemeinsam vor die Redaktion zu treten, wenn er offiziell seinen Rücktritt bekanntgibt.
Pospisil verlässt, als die Bombe einschlägt, dass Ailes tatsächlich aufgibt und die Pro-Ailes-Fraktion, der sie sich nicht angeschlossen hatte, in tiefe Depressionen stürzt, die Redaktion und macht sich in ein anderes, ein neues Leben auf.
Der Begriff „Bombshell“ als Titel eines Films über äußerst attraktive Frauen im Medienbusiness, die sich gegen sexuelle Übergriffe wehren und ihren Chef zu Fall bringen – das ist ein ebenso doppelbödiger wie fast schon bösartiger, aber durchaus auch lustiger Kniff. Denn am Ende dieses Films wird der mächtige Mann gestürzt und diese Nachricht schlägt derart ein, dass sie – zumindest für ein Viertelstündchen – sogar das aktuelle Rennen um die amerikanische Präsidentschaft verdrängt.
„Bombshell“ bezeichnet im amerikanischen Slang einerseits eine attraktive Frau, sozusagen eine „Sexbombe“ im klassischen Sinne, und ist damit ein als sexistisch einzustufender Begriff, es bedeutet aber andererseits auch einen echter Knüller, eine überraschende Nachricht, die die Schlagzeilen bestimmt.
Folgerichtig lautet der Titel von Jay Roachs Mediendrama, welches nicht nur auf wahren Begebenheiten beruht, sondern sie unter Auslassung einiger nicht ganz unwesentlicher Details recht genau nachstellt: BOMBSHELL (2019). Im Jahr 2016 – Donald Trumps erste Kandidatur für das höchste Amt im Staate nahm gerade richtig Fahrt auf – verklagte die Journalistin Gretchen Carlson, im Film von einer kaum wiedererkennbaren Nicole Kidman gespielt, den hinter Rupert Murdoch mächtigsten Mann beim Sender Fox, der maßgeblich daran beteiligt war, Trump überhaupt erst in Position zu bringen und ihn dann auch die Wahl gewinnen zu lassen. Dieser Mann war Roger Ailes, der für Murdoch Mitte der 90er Jahre tätig wurde und das gesamte Fox-Imperium nicht nur ersann, sondern auch aufbaute, konsolidierte und seither wie ein mächtiger Statthalter lenkte. Dabei etablierte er, wie so viele mächtige Männer, ein System von Unterwerfung, Abhängigkeiten und letztlich sexuellem Missbrauch. Carlson, die wegen Differenzen mit der Geschäftsleitung auf einen unattraktiven Sendeplatz am Nachmittag verschoben wurde, verklagte Ailes, nachdem sie vom Sender gefeuert wurde, wegen sexueller Belästigung. Es entbrannte ein Streit um Verleumdungen, es gab gegenseitige Vorwürfe, bis schließlich immer mehr Frauen im Sender ihre Stimme erhoben und von Übergriffen bis hin zum tatsächlichen Missbrauch berichteten. Ailes musste seinen Hut nehmen.
Im recht bunten und poppigen, rasant geschnittenen und ebenso rasant sich überschlagenden Stil, den Fox etabliert hat, nehmen sich Charles Randolphs Drehbuch und Jay Roachs Regie des Themas gleichsam entsprechend an und es gelingt ihnen auf manchmal aufdringliche, meist jedoch hintergründige, gelegentlich gar subtile Art und Weise ein System bloßzustellen, welches – nach #MeToo, nach den Epstein-Files, nach etlichen Berichten über Missbrauch und sexuelle Übergriffigkeiten in beruflichen Kontexten, nicht zuletzt nach den Debatten um Femizide etc., wobei diese sicher noch mal eine andere Dimension darstellen – als geradezu exemplarisch betrachtet werden kann. Ein mächtiger Mann verlangt „Gegenleistungen“, um Karrieren zu fördern – und erhält sie erstaunlicherweise auch allzu lange. Drehbuch und Regie tragen diesem Aspekt Rechnung, ohne dabei das eigentliche Thema aus den Augen zu verlieren. Es haben viele mitgemacht und auch Gretchen Carlson hat erst in dem Moment geklagt, als sie nichts mehr zu verlieren hatte. Und auch viele der Frauen, die sich schließlich bekannt und zu ihr gesellt haben, haben lange geschwiegen. Doch urteilt der Film nicht, er stellt dies lediglich als einen, wenn auch nicht wesentlichen Aspekt des Falls dar.
Der Film kapriziert sich vor allem auf die von Charlize Theron gespielte Megyn Kelly, die hier in gewisser Weise zu einer Heldin aufgebaut wird, was zugleich den fragwürdigsten Teil der Film-Story darstellt. Kelly war jene Moderatorin, die in der ersten Debatte der republikanischen Vorwahlbewerber Trump dadurch verärgerte, dass sie ihn schon mit ihrer ersten Frage auf frühere misogyne Aussagen ansprach. Anschließend verbreiterte Trump seltsame Tweets, sie habe menstruiert und dabei aus den Augen geblutet, was mindestens auf eine defizitäre Kenntnis weiblicher Anatomie und Biologie beim Kandidaten hinwies. Es kam im Anschluss zu einer tage-, schließlich wochenlangen Schlacht zwischen dem Kandidaten und Kelly, der der Moderatorin tatsächlich sogar Morddrohungen einbrachte. Monate später folgte ein Interview, dass Kelly mit Trump in dessen Penthouse im Trump Tower in New York führte und das als „Aussöhnung“ verstanden wurde. Der Film stellt es als eine Art Notwehrmaßnahme dar, um Kelly und ihre Familie aus der Schusslinie zu nehmen, tatsächlich aber scheint die Moderatorin, die 2017 zu NBC wechselte, durchaus auf Trumps Linie eingeschwenkt zu sein. Im November 2024 gab sie sich als Unterstützerin Trumps zu dessen Wiederwahl zu erkennen.
Dass sie schließlich ebenfalls gegen Ailes aussagte, gab dem Verfahren den letzten Push. Ihr Bekenntnis, Ailes habe auch sie sexuell belästigt, war der ausschlaggebende Impuls den mächtigen Mann zu Fall zu bringen. Wenn die äußerst beliebte, damals im Zenit ihrer Karriere stehende Megyn Kelly Carlson eine angebliche Kampagne gegen den Sender-Chef unterstützte, dann musste einfach etwas dran sein. Wenige Tage nach Kellys Aussage trat Ailes zurück. Der Film stellt es allerdings so dar, dass Rupert Murdoch ihm keine Wahl mehr ließ. Murdochs Söhne, die zu diesem Zeitpunkt schon in das operative Geschäft des Imperiums des Medien-Moguls eingebunden waren, wollten Ailes – laut des Films – schon viel früher, eigentlich schon nach den ersten Verdächtigungen, aus seiner Position entfernen.
Nur angedeutet wird im Film, dass Kelly selbst nicht unumstritten war – und bis heute ist. So stellte sie in einer Talkshow fest, dass der Weihnachtsmann und Jesus Christus eindeutig und unwiderlegbar weiß gewesen seien. Später wollte sie diese Aussagen als Witz verstanden wissen. Doch war dies nicht der einzige Anlass, Kelly rassistische Motive zu unterstellen. 2018, also nach den im Film geschilderten Ereignissen aber vor Drehbeginn des Films, brachte sie sich in die Bredouille, als sie in ihrer Sendung das Blackfacing verteidigte, sich später dann darauf herausredete, erst durch diese Sendung verstanden zu haben, was Blackfacing tatsächlich für Angehörige von Minderheiten bedeute. Dieser Vorfall war sicherlich mit ein Anlass dafür, dass NBC sie kurz darauf entließ. Wie man es dreht und wendet – Megyn Kelly befindet sich als Journalistin und Moderatorin am äußersten rechten Rand des Meinungsspektrums.
Sich so auf diese Figur und ihren Hintergrund zu konzentrieren, all das hier so breit darzulegen, hat den Grund, dass der Film – der sich durch Einblendungen von Time-Lines und gelegentliche Zeitsprünge, die Ailes schon lange angewandte Methoden zeigen, einen leicht dokumentarischen Charakter gibt – Kelly lange als aus dem Off mit dem Publikum kommunizierende Erklärerin und Kommentatorin nutzt. Sie durchbricht gerade zu Beginn des Films, wenn sie eine Art Rundgang durch die Fox-Nachrichtenabteilung bietet, immer wieder die berühmte „vierte Wand“, spricht direkt in die Kamera und wendet sich damit direkt ans Publikum. Dieser Einstieg wirkt wiederum wie ein vom Sender selbst produzierter Werbefilm in eigener Sache. Wobei auch hier schon, wenn auch meist ironisch vorgebracht, durchaus kritische Anmerkungen zu vernehmen sind.
Kelly nimmt im Film also eine herausgehobene Rolle ein, im Grunde ist sie die Hauptfigur, da ihr innerer Kampf, sich entweder zu bekennen, wodurch ihre Karriere möglicherweise beendet wäre, oder aber zu schweigen, was karrieretechnisch wohl klüger wäre, deutlich hervorgehoben wird. Sie und ihr Team werden immer wieder in Diskussionen gezeigt, bei denen klar wird, dass es eben keineswegs nur um eine Moderatorin und ihre Karriere geht, sondern auch um die Jobs derer, die zwar nicht vor der Kamera stehen, ohne deren redaktionelle Arbeit im Hintergrund eine Sendung aber gar nicht zustande käme. Sie sind in Kämpfen wie dem gezeigten dann meist ungenannte Kollateralschäden. Der Film weist geschickt und subtil auf diese Perspektiven hin, indem er sie eher nebenbei einbringt und doch so herausstellt, dass die Dringlichkeit und auch die Nöte deutlich werden, die in einer solchen Entscheidung liegen.
Die Figur Megyn Kelly wird also stark geglättet und bekommt durch das schauspielerische Talent von Charlize Theron reichlich Tiefe und Charakter. Sie wird hier zu einer Art Frau stilisiert, die sich in einem Haifischbecken behauptet und schließlich alles riskiert, um der Wahrheit Geltung zu verschaffen. Doch versteht der Film es durchaus, die inneren Kämpfe dieser Frau glaubwürdig zu vermitteln. Carlson hingegen wird als schwierige, vielleicht sogar etwas seltsame Frau gezeigt, die sich in einem Sender wie Fox einfach zu viel herausnimmt und sich dann, als sie gehen muss, rächt. Zugleich aber wird sie auch als eine Frau gezeigt, die tatsächlich den Mut aufbringt, den es braucht, sich gegen Männer wie Roger Ailes zu wehren. Sie ist diejenige, die den Fall ins Rollen bringt, zunächst völlig allein und gegen alle von ihren Anwälten sehr eindringlich geschilderten Widerstände und mutmaßlichen Folgen.
Zu diesen beiden Figuren gesellt sich im Film die fiktive Figur von Kayla Pospisil, gespielt von einer sich extrem sexy gebenden Margot Robbie, in der ca. 20 Frauen mit ihren Schilderungen dessen, was ihnen im Büro von Roger Ailes geschah und zugemutet wurde, zusammengefasst wurden. Sie alle durften namentlich nicht genannt werden, da sie Verschwiegenheitsklauseln unterschrieben hatten. In dieser Figur – und, das sei explizit hervorgehoben, im exzellenten Spiel von Robbie – kommt das Eigentliche dieses Films zum Ausdruck und das ganze Dilemma, das er eben auch aufzeigt. Pospisil will unbedingt in die Medien und sie will unbedingt vor die Kamera und, das spielt in ihrem Fall noch eine Sonderrolle, sie will eigentlich nur bei Fox arbeiten. Denn, so sagt es die einer evangelikal geprägten Familie entstammende junge Frau zu ihrer einzigen Freundin im Sender, Jess Carr, einer Lesbe, die ihre Neigung dringend geheim halten muss, da sie bei Fox sonst erledigt wäre, ihre ganze Familie schaue nur und ausschließlich Fox. Damit wird deutlich, welch eine Macht der Sender in der relativ kurzen Dauer seiner Existenz in den USA aufgebaut hat – in gewissen, zahlenmäßig nicht zu unterschätzenden Milieus, hat er fast religiösen Status.
Es gibt Momente im Film – Pospisil wird zu Ailes gerufen, wo dieser sie veranlasst, ihren Rock so weit hochzuziehen, bis sich ihre Unterhose zeigt; später macht er ihr klar, dass er gewisse Gefälligkeiten erwarte, wobei ziemlich deutlich wird, was gemeint ist – die sind von solch schwer erträglicher Eindringlichkeit, dass die Not dieser Frau(en) wirklich zu greifen ist. Sowohl in den Szenen, in denen Pospisil gedemütigt wird, als auch in Rückblicken auf frühere Übergriffe durch Ailes wird aber auch ein Grundprinzip bei Fox deutlich: Frauen müssen gut aussehen und vor allem lange Beine haben. Das Fernsehen, so Ailes Mantra, sei nun einmal ein visuelles Medium. Im wirklichen Leben war bspw. die Positionierung von Megyn Kelly in ihren Sendungen immer wieder Thema, da sie so saß, dass ihre Beine immer zu sehen waren, selten bis nie hatte sie ihren Platz hinter einem Desk. So wird hier auch verdeutlicht – wieder nebenbei, was aber tatsächlich im Kontext des Films gut funktioniert, weil die Komplexität und der Zusammenhang all dieser Einzelaspekte eines Missbrauchssystems hervorragend dargestellt werden -, dass Fox immer schon, von allem Anfang an, ein Sender war, dem es nicht unbedingt auf journalistische Seriosität und Inhalte ankam, sondern immer schon mit eben jenen visuellen Reizen spielte, die ein gewisses Klientel, die vor allem Männer vermeintlich schätzen.
Dass das Folgen hat, in vielerlei Hinsicht, macht der Film dann aber auch klar. Jess Carr erklärt auf Pospisils Nachfrage warum sie, eine Lesbe, nun ausgerechnet bei diesem Sender arbeite, sie habe sich bei etlichen Sendern beworben und sei eben bei Fox genommen worden. Und immer wieder wird in kleinen Szenen in den Redaktionen, wo sich tatsächlich auch unter den Frauen ein „Team Roger“ bildet, welches sich uneingeschränkt hinter Ailes stellt, herausgehoben, dass viele dieser Frauen unbedingt im Medienbereich arbeiten wollten und dann bereit waren, weit, sehr weit, letztlich zu weit dafür zu gehen. Das „System Ailes“ ist eben auch zwangsläufig auf eine gewisse Verschwiegenheit und damit eine vermeintliche Akzeptanz angewiesen. Ein typischer Aspekt fast aller Fälle, in denen es um Machtmissbrauch geht, man konnte es bei der Affäre um Harvey Weinstein ebenso sehen, wie zuletzt bei den unfassbaren Enthüllungen um Jeffrey Epstein.
Der Film enthält sich aller Wertungen, er stellt lediglich ein System dar, das Missbrauch eben auch fördert und geradezu begünstigt. Zudem wird immer wieder erwähnt, dass Fox eben auch ein Stigma ist. Wer hier gearbeitet hat, findet in der Branche nicht so schnell Unterschlupf bei anderen Sendern, die sich von dem Schmuddel-Kanal distanzieren wollen. So gesehen ist Kellys Anstellung bei NBC sicherlich auch ihrer Bekanntheit geschuldet gewesen sowie der Tatsache, dass sie mit ihrem, freundlich ausgedrückt, konservativen Profil auch ein eigenes Profil mitbrachte und damit ein Gegengewicht im Sender darstellte. Und somit auch ein Publikum binden konnte, welches sonst eher nicht NBC einschaltet. Es geht eben immer um ökonomische Aspekte.
BOMBSHELL ist tatsächlich trotz der Beschönigungen, was die Figur Megyn Kelly betrifft, ein guter, in mancherlei Hinsicht sogar ein hervorragender Film. Sieht man von der inhaltlichen Thematik einmal ab, muss man vor allem Charles Randolphs Drehbuch attestieren, dass es eine ungeheure Spannung aufbaut und über eine überschaubare Laufzeit von ca. 110 Minuten auch zu halten versteht. Natürlich, Roachs rasante, temporeiche Inszenierung und die hervorragenden schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten tun ihr Eigenes dazu, dass der Film funktioniert. So gibt John Lithgow Roger Ailes sogar einen irgendwie noch nachvollziehbaren menschlichen Touch; er vermittelt dessen Unverständnis, dass sein Verhalten überhaupt schändlich gewesen sein soll, wodurch die Figur vielschichtig wird[1]; allerdings zeigt er auch sehr deutlich, wie Männer die Realität leugnen, wenn diese ihnen nicht mehr ins Konzept passt, womit Ailes dann auch ganz gut mit Trump korreliert. Da jeder Interessierte weiß, wie die Sache ausgeht, ist es schon eine Leistung des Scripts, das Publikum abzuholen, einzufangen und bei der Stange zu halten. So ist hier ein vielleicht nicht das Problem bis in die letzten Winkel durchdringender, aber doch – umso mehr, wenn man bedenkt, dass dies eine Hollywood-Produktion ist – vielschichtig sich dem Thema nähernder Film gelungen, der die Aufmerksamkeit auf die richtigen Punkte lenkt und zugleich zu unterhalten versteht.
[1] Wobei Ailes – im Film wie in der Realität – schon ein interessanter Charakter ist. Bei all seinen verwerflichen Taten stand er doch auch immer hinter seinen Leuten, schützte sie, kümmerte sich auch um Mitarbeiter, die bspw. erkrankten, Hilfe brauchten usw. Eine sehr ambivalente Figur. Kelly gesteht im Film in einem Gespräch mit ihrem Mann, Ailes zu mögen, seinen seltsam rauen Charme zu schätzen, seine soziale Site etc.