BOSTON/PATRIOTS DAY

Eine recht genaue Rekonstruktion der Ereignisse beim Boston Marathon 2013, die darauf verzichtet, zum Heldenepos zu mutieren

Wie so viele Polizisten und Einsatzkräfte bereitet sich auch Tommy Sanders (Mark Wahlberg) am Morgen des 15. April 2013 darauf vor, seinen Dienst an der Strecke des Boston Marathon zu versehen. Tommy, eigentlich bei der Mordkommission, momentan aber wegen diverser Fehltaten degradiert, kebbelt sich mit seinen Kollegen und seinem Vorgesetzten, dem Commissioner Ed Davies (John Goodman). Sie alle sind guter Dinge, daß auch dieses Jahr der Lauf ein voller Erfolg wird, der weltweite Aufmerksamkeit erregt.

Das Paar Jessica Kensky (Rachel Brosnahan) und Patrick Downes (Christopher O´Shea) bereitet sich ebenfalls vor, sie wollen den Marathon beobachten. Der Familienvater Steve Woolfenden (Dustin Tucker) will mit seinem Sohn Leo (Lucas Thor Kelley), einem Dreijährigen, an der Strecke den Läufern zujubeln.

Der Polizist Sean Collier (Jake Picking) arbeitet zumeist auf dem Campus des MIT (Massachusetts Institute of Technology), wo er die Studentin Li (Lana Condor) kennen gelernt hat und sie für das kommende Wochenende zu einem Konzert einglädt.

Der junge chinesische Austauschstudent Dun Meng (Jimmy O. Yang) bestreitet sein morgendliches Laufpensum und skyped dann mit seinen Eltern, um ihnen mitzuteilen, daß bei ihm alles gut und er zufrieden in der ihm auch nach drei Jahren fremden Stadt ist.

Sergeant Jeffrey Pugliese (J.K. Simmons), Leiter eines Reviers, dem auch Collier zugeteilt ist, fährt zur Arbeit, nicht ohne sich zuvor bei einem Dunkin´ Donuts seine Zuckerration abzuholen und in seinem Dienstwagen genüsslich den ersten Zigarillo des Tages zu rauchen.

Ein normaler Morgen des Patriots Day in Boston.

Derweil sitzen die Brüder Dzhokhar (Alex Wolf) und Tamerlan (Themo Melikidze) Tsarnaev in Tamerlans Wohnung, wo seine Frau und das gemeinsame Kind mit ihm leben, und bereiten sich darauf vor, während des Marathons zwei selbstgebastelte Sprengkörper zu platzieren, bevor sie nach New York fahren wollen, um dort weitere Bomben hochgehen zu lassen.

Der Marathon läuft und in der Stadt haben die Straßen den Charakter eines Volksfestes. Bis im Zieleinlauf plötzlich zwei Explosionen die fröhliche Stimmung buchstäblich zerreißen. Chaos, Staub, Leichenteile, Schwerverletzte – in den ersten Momenten weiß niemand, was passiert ist, geschweige denn, wie zu reagieren sei. Tommy Saunders reagiert jedoch vergleichsweise schnell und kann sich nicht nur einen Überblick verschaffen, sondern auch Hilfe an strategisch wichtigen Punkten entlang der Strecke organisieren. Zudem veranlasst er, daß das Rennen abgebrochen wird. Die Läufer sollen sich in Sicherheit bringen.

Die Rettungskräfte vor Ort greifen sofort ein, können etliche Verletzte und Verstümmelte versorgen und stabilisieren und in die Krankenhäuser bringen. Dabei achten sie in den chaotischen Abläufen nicht darauf, wen sie wohin bringen. So werden sowohl Jessica und Patrick, als auch Steve Woolfenden und sein Sohn voneinander getrennt.

Es kristallisiert sich schnell heraus, daß es etliche – Dutzende, vielleicht Hunderte – Verletzte gegeben hat, zudem drei Menschen zu Tode gekommen sind. Darunter der achtjährige Martin Richard, dessen Leiche an der Laufstrecke liegt. Seine Familie ist bei ihm, doch das bald eintreffende FBI unter der Leitung von Special Agent Richard DesLauriers (Kevin Bacon) ordnet an, daß die Familie weggebracht, die Leiche jedoch liegengelassen und bewacht werden soll, da sich anhand der Sprengstoffteile im Körper des toten Jungen bestimmen lassen könnte, mit welcher Art von Sprengsatz man es zu tun habe.

Es beginnen fiebrige Untersuchungen. In einer Lagerhalle baut das FBI den Tatort praktisch nach; da Saunders veranlasst hat, daß die Bevölkerung aufgerufen werden soll, ihre Handys abzugeben, weil man auf diesen möglicherweise Bilder und Videos des Tathergangs sehen könne, wird schnell klar, daß man es mit zwei selbstgebastelten Bomben zu tun hat. Zudem gelingt es einem FBI-Analysten, auf einem Video festzustellen, daß unter etlichen Menschen, die erschrocken zur Explosionsstelle schauen, ein einziger zu sehen ist, der in die andere Richtung schaut und sich auch von der Explosion fortbewegt. Mit Tommys Hilfe kann das FBI exakt nachvollziehen, zu welcher genauen Uhrzeit sich der Betreffende im Sichtbereich welcher Überwachungskamera auf der Straße befunden hat. So hat man schnell den Ablauf und vor allem die Gesichter der Täter ermittelt.

Die sitzen derweil wieder in Tamerlans Wohnung und verfolgen das geschehen im Fernsehen. Gebannt betrachten sie die Bilder dessen, was sie angerichtet haben.

Zwischen dem FBI, der städtischen Polizei, dem Gouverneur und dem Bürgermeister kommt es zu Streit darüber, ob man die Bilder der beiden Männer, deren Identität man nicht kennt, öffentlich machen soll oder nicht. DesLauriers ist der Meinung, die Bilder zu veröffentlichen, dränge die Täter möglicherweise in die Enge und führe zu unberechenbaren Reaktionen. Allerdings, so Tommys Einwand, wisse man nicht, ob die beiden nicht möglicherweise weitere Anschläge planten – oder gar Teil eines größeren Netzwerkes seien.

Die Ermittlungen nehmen Fahrt auf, die Polizei geht Hinweisen und Tipps nach. Doch zunächst kommt man den Tätern nicht näher.

Derweil kämpfen die Ärzte und Krankenschwestern in den Hospitälern um das Leben der Opfer. Jessica und Patrick wird unabhängig voneinander jeweils ein Unterschenkel amputiert, Steve Woolfenden verzweifelt, nachdem er aus seiner Narkose erwacht, weil er nicht weiß, wo sein Sohn ist.

Tommy kehrt an die Laufstrecke zurück, fährt spät abends, nach nahezu 19 Stunden Einsatz, schließlich zurück nachhause, wo seine Frau Carol (Michelle Monaghan), die ihm seine Laufschiene an die Strecke gebracht hatte und so Zeugin des Anschlags wurde, ihn erwartet. Nachdem sie etliche Freunde und Nachbarn verscheucht hat, die auf Tommy und mit ihm auf Neuigkeiten gewartet haben, nimmt sie ihren nervlich völlig fertigen Mann in den Arm. Tommy bricht zusammen und erzählt ihr von den fürchterlichen Bildern in seinem Kopf, die er nicht loswerde.

Das FBI muß sich dem Druck der Offiziellen und der Medien beugen – die Bilder der Verdächtigen werden freigegeben. Unter anderem sehen auch die studentischen Kommilitonen von Dzhokhar die Fahndungsbilder. Doch sie reagieren nicht, auch nicht, als einer von ihnen Material zum Bombenbau in dessen Spind findet.

Die Brüder selbst wissen, daß sie die Stadt verlassen müssen. Sie fahren mit ihrem eigenen Wagen los, darin Material für mindestens zwei weitere Bomben sowie etliche Sprengkörper. Dzhokhar verlangt von seinem Bruder, daß der ihn auch fahren lasse und zudem will er eine eigene Waffe haben. Tamerlan, der eine offenbar sehr autoritäre Persönlichkeit ist, gibt dem Ansinnen schließlich nach.

Da die beiden in der Nähe des Campus des MIT sind, beobachten sie Colliers Wagen. Dzhokhar nähert sich dem jungen Polizisten und will ihm die Waffe entreißen, doch Collier wehrt sich vehement. Schließlich tötet Tamerlan ihn mit mehreren Schüssen. Die Brüder fliehen.

Sie halten Dun Meng an und kapern dessen Wagen, den jungen Chinesen nehmen sie als Geisel, erklären ihm aber, sie würden ihn nicht töten. Tamerlan hält Dun Meng einen Vortrag, daß es die US-Regierung gewesen sei, die die Anschläge des 11. September begangen habe, all das nur, um Moslems zu diskreditieren und einen Vorwand zu haben, um in Afghanistan und im Irak einzumarschieren. Dun Meng enthält sich jeden Kommentars.

Als Dzhokhar mit Dun Mengs Kreditkarte Geld abhebt und sie anschließend tanken wollen, springt der junge Mann aus dem Auto und es gelingt ihm, zu entkommen. Er flieht in einen Laden, dessen Besitzer die Polizei anruft. Tommy ist zufällig in der Gegend und schnell vor Ort. Er befragt Dun Meng und so wissen die Ermittler nun, mit welchem Fahrzeug die Attentäter unterwegs sind. Mittlerweile gibt es auch Hinweise auf deren Identität. Allerdings muß das FBI auch feststellen, daß die Brüder bereits in ihren Computern als Gefährder registriert waren.

Tamerlan beschließt, wieder zu ihrem alten Wagen zurückzukehren und den zu nutzen, da der SUV von Dun Meng nun bekannt sei. Er befiehlt seinem Bruder, das alte Fahrzeug hinter ihm herzufahren, bis sie eine Stelle fänden, wo sie den SUV abstellen können.

Ein Officer der Bostoner Polizei kreuzt ihren Weg und erkennt Tamerlan. Es gelingt ihm und einem Kollegen, die Attentäter in einer Seitenstraße, die allerdings bewohnt ist, zu stellen. Schnell kommt es zu einem wilden Schußwechsel. Auch andere Einheiten treffen ein. Darunter Tommy und Sergeant Pugliese, dem es in einem riskanten Manöver gelingt, Tamerlan schwer zu verwunden. Die Brüder setzen sich unter anderem mit dem Einsatz von Sprengkörpern zur Wehr und verletzen mehrere Beamte schwer. Schließlich können die Polizisten den Brüdern auf den Leib rücken, doch Dzhokhar springt in den SUV und versucht zu fliehen, wobei er seinen Bruder kaltblütig überfährt.

Während ein Notarzt sich bemüht, den Sterbenden zu retten, können die Polizisten den Wagen finden und umstellen, doch Dzhokhar ist verschwunden.

Tamerlans Frau und die gemeinsame Tochter werden in die Halle gebracht, wo das FBI seine Einsatzzentrale aufgeschlagen hat. Dort aber tauchen plötzlich nicht näher identifizierte Beamte auf und übernehmen das Verhör. Dabei wird Tamerlans Frau schwer zugesetzt und man macht ihr klar, daß sie praktisch keine Rechte genießt. Immer wieder will die vernehmende Beamtin wissen, ob es weitere Bomben gibt. Zunächst gibt sich die junge Frau selbstbewußt, sieht aber nach und nach ein, daß mit diesen Beamten nicht zu spaßen ist. Amerika schlägt zurück und ist offenbar bereit, rechtstaatliche Sicherheiten außer Kraft zu setzen. Dennoch gibt sie nicht klein bei.

Am Morgen des 19. April, mehr als hundert Stunden nach dem Anschlag, meldet sich ein Mann bei der Polizei. Er hat, als er sein im Garten stehendes Boot checken wollte, entdeckt, daß die Abdeckplane verrutscht und Sicherheitskolben gelöst wurden. Am Ende des Tages – die Polizei und Spezialkräfte haben das Boot den ganzen Tag umstellt – ergibt sich der schwer verletzte Dzhokhar, der sich in dem Boot versteckt hatte.

Während Steve Woolfender seinen Jungen endlich wiedersieht, werden Jessica und Patrick zusammengelegt. Sie halten sich an den Händen und Jessica meint, daß sie den Boston Marathon sicher vor Patrick gewinnen würde.

Im Stadion der Red Sox, des Bostoner Baseballteams, findet vor dem nächsten Spiel eine Gedenkfeier statt, bei der die Leiter der Ermittlungen, der Bürgermeister der Stadt und der Gouverneur, die während der aufregenden Tage der Ermittlung zu weitreichenden Mitteln gegriffen hatten – u.a. hatten sie Boston nahezu von der Außenwelt abgeschnitten – gefeiert werden.

Schrifttafeln teilen uns mit, daß Dzhokhar zum Tode verurteilt wurde und auf sein Berufungsverfahren warte, Tamerlans Frau nach wie vor der Mittäterschaft verdächtig sei.

Als am 15. April 2013 während des Boston Marathon zwei Sprengkörper explodierten, drei Menschen in den Tod rissen, darunter den achtjährigen Martin Richard, und über 260 Menschen teils schwer verletzten, war dies für die Welt ein weiterer Anschlag in einer Reihe fürchterlicher Anschläge, die es zuvor in Spanien (2004), in London (2005) und vermehrt in Frankreich gegeben hatte. Für die USA war es ein erneutes Trauma, nach den Massenanschlägen am 11. September 2001. Wieder wirkte das Land angreifbar und verletzlich, wieder gab es tagelange Unsicherheit, ob man es mit einer größeren Zelle, mit einem Einzel- oder gar mit mehreren Tätern zu tun hatte. Es kam zu fiebrigen Ermittlungen in und um Boston, die Stadt wurde nahezu komplett abgeriegelt. Einer der Täter konnte nach einer heftigen Schießerei mit der Polizei zwar gefasst werden, überlebte den Einsatz jedoch nicht – auch, weil sein Bruder, der zweite Attentäter, ihn bei seinem Fluchtversuch mit einem zuvor gestohlenen Wagen, überfuhr. Am Abend des 19. April konnte der Flüchtige schließlich gestellt und verhaftet werden.

Peter Berg bemüht sich in PATRIOTS DAY (2016) um eine möglichst genaue Rekonstruktion der Ereignisse. Und es gelingt ihm, bei aller dramaturgischen Verdichtung, ein recht realistisches Bild jener Tage nach dem Anschlag zu vermitteln. Um seinem Film einen möglichst authentischen Look zu geben, fügte Berg etliche Originalaufnahmen – teils Handyvideos, teils Nachrichtenbilder – in seinen Film ein und erschuf damit eine bedrückende Atmosphäre, die diejenige in der Stadt wohl recht gut wiedergibt –  die Angst, die Unsicherheit und allgemeine Verunsicherung, aber – und da sei gewarnt, wer vielleicht über einen leicht reizbaren Magen verfügt – auch die Gewalt. Man muß Berg und seinem Drehbuchteam zugutehalten, daß sie diese Bilder nie exploitativ einsetzen, nie um ihrer selbst willen oder gar, um billige Schockeffekte zu erzielen. Allerdings geben sie ein recht realistisches Bild dessen wieder, was Einsatzkräfte – ob Polizei, Sanitäter oder Feuerwehrleute – an Tatorten von Bombenattentaten erwartet. Das Blut, die abgerissenen Gliedmaßen, die Leichen und Leichenteile.

Berg, der bereits eine interessante Karriere als Drehbuchautor und Regisseur ganz unterschiedlicher – auch ideologisch unterschiedlicher – Werke hinter sich hatte, als er den Film drehte, gelang eine hervorragende Mischung aus Actionsequenzen, die von Kameramann Tobias A. Schliessler, der seine Kamera immer wieder so einsetzt, daß die Bilder semidokumentarisch wirken, rasant eingefangen wurden, einer genauen Beobachtung ermittelnder Tätigkeit, bei der sich verschiedene Behörden koordinieren müssen und politische Akteure – der Bürgermeister, der Gouverneur, Vertreter der Politik aus Washington – ebenfalls mitmischen und Anweisungen geben (wollen), und einem Drama. Gerade diese dramatische Ebene – ein junges Paar, das sehr nah an den Explosionen stand und ein Vater, der mit seinem dreijährigen Sohn den Marathon beobachten und die Läufer feiern wollte, nach dem Attentat im Gewühl und der Panik von dem Kind getrennt wird, einem jungen chinesischen Studenten, den die Attentäter später entführten und der in einem mutigen Akt aus dem Auto springen, ihnen entkommen und somit wichtige Hinweise zu ihrer Ergreifung geben konnte, jener junge Polizist, den die Attentäter töteten, um an seine Dienstwaffe zu gelangen – packt und hebt dem Film über die Dutzendware hinaus. Berg zeigt richtige Menschen, keine Helden. Er zeigt Menschen, die mitten in ihrem Leben von Unvorstellbarem getroffen werden und irgendwie weitermachen müssen. Damit hebt er nicht einzelne hervor, er folgt ihnen auch nicht bei ihrem späteren Kampf zurück ins Leben, sondern führt dem Zuschauer geschickt vor Augen, wie unvermittelt es schlicht jeden in einer offenen Gesellschaft treffen kann.

Gleiches gilt für die Polizisten. Angeführt von Mark Wahlberg, der den Film auch mit produzierte und sich zusehends zu einem immer ernst zu nehmenden Schauspieler mausert, zeigt der Film Menschen in Uniform, die mindestens so schockiert sind wie die Betroffenen, die Journalisten und die Politiker. Wahlbergs Tommy Saunders ist dabei nur einer von vielen, für die das gilt. Manchmal reichen Berg nur einige wenige, aber eindringliche Bilder – da steht bspw. ein Polizist den ganzen Tag Wache an der Leiche des jungen Martin Richard, dessen Familie auf Anweisung des FBI vom Tatort entfernt wurde, da im Körper des Jungen Splitter stecken könnten, anhand derer man Aufschluß über die Art der Bomben erhalten kann. Immer wieder kehrt der Film für kurze Einstellungen zu dem Mann zurück, der schließlich mutterseelenallein auf der Straße über dem Leichnam wacht, bis dieser schließlich in den frühen Abendstunden abgeholt wird.

Es sind Szenen und Einstellungen wie diese, die den Film aufwerten, ihn prägen und emotional so eindringlich wirken lassen. Hier hat man es an keiner Stelle mit Helden zu tun, sondern immer mit normalen Menschen, die menschlich betroffen sind durch das, was sie erleben und sehen müssen. Daß die Polizisten – aber auch die Politiker oder Sanitäter – wenig Mitgefühl für die Täter aufbringen, diese gar zu hassen beginnen, kann man leicht nachvollziehen. Berg macht es sich und dem Publikum aber nicht einfach, obwohl es nahe gelegen hätte und leicht zu bewerkstelligen gewesen wäre, denn er baut eine Täterebene ein, die die beiden jungen Männer, die für die Anschläge verantwortlich waren, ebenfalls menschlich erscheinen lässt und nicht zu Monstern, Ausgeburten des Bösen, macht.

Schon vor dem Anschlag sehen wir die Brüder Zarnajew in ihrem Haus in Boston, begreifen, daß einer ein kleines Kind mit seiner Frau hat, verstehen den psychologischen Druck, unter dem sie stehen. Die Taten werden natürlich weder rechtfertigt, noch werden sie in einen nachvollziehbaren Kontext gestellt. Während der Entführung des jungen Chinesen, der in Boston studiert, geben sie ihre Weltsicht teils preis, als sie ihm erklären, die Regierung der Vereinigten Staaten sei für die Anschläge des 11. September verantwortlich gewesen, keine Moslems. Ihr Verschwörungsdenken – es ist die einzige politisch-ideologische Erklärung, die der Film gibt – treibt sie zu ihren Taten. Eine weltweite Verschwörung gegen Menschen muslimischen Glaubens sei im Gange. Was wir aber sehr wohl begreifen und was der Film sehr wohl in einen nachvollziehbaren Kontext setzt, ist die Psychologie hinter den Taten. Der Anführer der beiden, der ältere Zarnajew-Bruder, gibt die Richtung vor, er führt in seinem Haus das große Wort, er befiehlt. Sein Bruder schaut zu ihm auf, will anerkannt werden, was in vielen kleinen Dialogfetzen und Szenen kenntlich gemacht wird. Er will eine Waffe besitzen, er will den Wagen fahren, den sie kapern, weil es ein Mercedes-SUV ist, ein Wagen, wie keiner der beiden ihn je gesteuert hat, Ohne allzu didaktisch zu werden, kann der Film die immanente Struktur des Verhältnisses der beiden Brüder zueinander verdeutlichen. Wenn der Jüngere bei seinem Fluchtversuch den Älteren schließlich brutal überfährt, erweckt dies auch den Eindruck eines Befreiungsaktes.

Berg hatte schon mehrfach mit Mark Wahlberg zusammengearbeitet. Für PATRIOTS DAY stand ihm neben Wahlberg aber auch ein exquisites Ensemble zur Verfügung. Kevin Bacon als FBI-Agent, John Goodman als Commissioner, J.K. Simmons als Revierleiter oder Michelle Monaghan als Tommy Saunders Frau – sie alle machen einen hervorragenden Job, sind glaubwürdig und stellen sich in den Dienst der Sache, verzichten auf Manierismen, spielen exakt und immer der Rolle entsprechend und angemessen. Gleiches gilt auch für Alex Wolf und Themo Melikidze, die die Attentäter darstellen.

So ist ein packender und spannender Film entstanden, der nicht übertreibt, der sich bemüht, den Ereignissen gerecht zu werden, der den Menschen, die in jenen Tagen zur Stelle waren, geholfen haben, sich in den Dienst der Sache gestellt haben und schließlich dazu beitrugen, die beiden Attentäter dingfest zu machen, ein Denkmal setzt, ohne sie zu überhöhen. Es ist ein Film über Menschen in einer Extremsituation, nicht mehr und nicht weniger.

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