CAN A SONG SAFE YOUR LIFE?

Ein kleines, charmantes Märchen aus den modernen Zeiten

Dan Mulligan (Mark Ruffalo) ist ein Musikproduzent in New York, der einst einmal eine Legende in der Branche war, nun aber seit Jahren keinen wirklichen Erfolg mehr hatte. Sein Partner Saul (Mos Def), mit dem gemeinsam Dan einst die Firma gründete, in der er immer noch angestellt ist, hat ihn zudem rausgeschmissen.

Abends in einer Bar, hört Mulligan eher zufällig eine junge Frau singen und sich auf der Gitarre selbst begleiten. Es ist Gretta James (Keira Knightley), eine junge Britin, die einst mit ihrem Freund Dave (Adam Levine) in die Stadt kam, als dieser Aussicht auf einen Vertrag mit einer großen Musikfirma hatte. Nun ist Dave mit seiner Band auf Tour, erobert nach und nach das amerikanische Publikum, und kümmert sich nicht mehr sonderlich um seine einstige Freundin. Zumal es auf einer Tour allerhand verführerische Versuchungen gibt.

Gretta wohnt bei ihrem Freund Steve (James Corden), einem Musiker, den sie ebenfalls noch aus der alten Heimat kennt. Sie überlegt, nach Großbritannien zurückzukehren, da sie sich in New York verlassen und einsam fühlt und selber kaum Ambitionen hat, als Musikerin erfolgreich zu sein.

Als Dan Mulligan sie nun singen hört, funktioniert seit langem erstmals wieder sein Sinn für verborgene Schätze. Er fragt Gretta, ob das ihr eigenes Material sei, was sie bejaht. Daraufhin bietet er ihr an, den eben gehörten Song für sie zu produzieren. Er geht mit einem Demo-Band zu Saul, der aber nicht mehr an Dans Sinn für erfolgreiche Musik glaubt und die Produktion ablehnt.

Dan, der eine Tochter – Violet (Hailee Steinfeld) – im Teenageralter hat, die bei seiner Ex-Frau Miriam (Catherine Keener) lebt, leidet nicht nur unter dem Verlust seines Jobs, sondern auch unter den familiären Verhältnissen. Gretta, die dies mitbekommt, versucht, ihm zu helfen und zwischen den Parteien zu vermitteln. Vor allem Violet profitiert infolge dessen von ihrer Bekanntschaft mit der jungen Frau aus Großbritannien.

Derweil stellen Gretta und Dan eine Band zusammen, teils aus Freunden, teils aus Musikern, die Dan noch einen Gefallen schulden, und beginnen damit, den Song aufzunehmen. Da ihnen kein Studio zur Verfügung steht, beschließen sie, bei der Aufnahme unkonventionell vorzugehen und speilen den Song auf der Straße ein.

Das Verfahren funktioniert so gut, daß Gretta und Dan beschließen, weitere Songs aus ihrer Feder auf dieselbe Weise zu vertonen. So entsteht eine ganze Reihe von Stücken, die mal in Hinterhöfen, mal auf den Brücken der Stadt, mal in der U-Bahn aufgenommen wurden. Manchmal klappt alles in einem Take, manchmal müssen die Musiker fliehen, weil die Polizei ihr Wirken nicht billigt. Schließlich gibt es einen letzten Termin auf dem Dach eines Wohnhauses. Hier kommt es zur Aufnahme einer wunderbaren Ballade, bei der Violet auf Bitten von Gretta ein Gitarrensolo beiträgt und Dan den Bass spielt. So kommen sich Vater und Tochter durch die Musik wieder näher.

Entstanden war der Song eines Nachts als Kollaboration zwischen Gretta und Steve. Die beiden haben den Song aufgenommen und Dave auf dessen Mailbox gespielt. Der meldet sich daraufhin wieder bei Gretta und beteuert, es tue ihm leid, wie es zwischen ihnen gelaufen ist. Seine Tour kommt in die Stadt und er bittet Gretta, zum Auftritt zu kommen.

Von der Bühne herab stellt Dave seine Ex-Freundin vor und erklärt, er spiele nun einen Song, den sie beide einst gemeinsam geschrieben hätten – und der mittlerweile zu seinen größten Hits gehört. Er bittet Gretta, die Bühne mit ihm zu teilen und den Song so zu spielen, wie sie ihn einst komponiert hatten und wovon im Hit nicht mehr viel zu hören ist. Gretta freut sich zwar und ist auch berührt, doch verlässt sie das Konzert.

Saul zeigt sich von dem Ergebnis, das Dan erzielt hat, begeistert und erklärt sich bereit, den Vertrieb der CD zu übernehmen. Doch Gretta hat anderes im Sinn: Sie bietet die gesamte CD für einen Dollar im Internet an. Obwohl Dan der Meinung ist, dies sei eine kommerzielle Verschwendung, wird das Werk bereits an einem einzigen Tag über Zehntausend Mal angeklickt.

Gretta beschließt, nun doch in New York zu bleiben und zu schauen, was für sie in dieser gewaltigen Metropole mit all ihrer Energie noch drin ist…

CAN A SONG SAFE YOUR LIFE? (2013) fragt John Carney sein Publikum, vielleicht aber auch das Schicksal selbst, in diesem kleinen, charmanten Film. Und Carney lässt von Beginn an wenig Zweifel daran aufkommen, daß die Antwort „ja“ lauten wird.

Mark Ruffalo gibt einen frisch aus der eigenen Firma gemobbten, einst erfolgreichen, nun aber über die Jahre nicht nur ins Zweifeln geratenen, sondern nahezu ausgebrannten Musikproduzenten, der durch Zufall auf eine junge Britin trifft, die in der Stadt, die niemals schläft, auf der Suche nach ihrem persönlichen und musikalischen Glück ist. Keira Knightley lernte für die Rolle extra das Gitarrenspiel, musste sich aber dennoch Jahre nach Veröffentlichung des Films von ihrem Regisseur vorwerfen lassen, daß ihr nicht nur die entsprechenden musikalischen Fähigkeiten abgingen, man ihr zudem die mangelnde Bühnenerfahrung anmerke und sie generell keine gute Performance hingelegt habe. Ein harsches Urteil, dem man so nicht zustimmen mag. Richtig ist, daß der Zuschauer merkt, daß Knightley spielt. Sie ist keine Rampensau im Sinne eines Solokünstlers. Doch ist sie gut besetzt und meistert die Rolle – also den dramatischen Part, der ja nicht ganz unwesentlich ist – hervorragend.

Vielleicht hat Carney, der sich später entschuldigte, nicht bemerkt, daß die vermeintliche Unbeholfenheit seiner Hauptdarstellerin das, was er erzählt, glaubwürdig macht. Die ganze Idee, die Ruffalos Dan Mulligan und Knightleys Gretta James aushecken, um eine billige, unkonventionelle und dennoch auch kommerziell verwertbare CD herzustellen, ist grundlegend charmant, aber auch eben unbeholfen, zumindest naiv. Sie gehen in die Stadt hinaus, in die U-Bahn, in Hinterhöfe oder auf die Brücken über den East River, und bauen dort das Equipment der von ihnen gemeinsam zusammengestellten Band auf. So entstehen ganz einmalige Aufnahmen, die Mulligan später natürlich im Studio bearbeitet. Erinnert ein wenig an John Cages Ideen, Musik auch einer gewissen Zufälligkeit – definitiv einem spezifischen Kontext und vielleicht sogar einer gewissen Determiniertheit – auszusetzen. Vor allem aber bietet es Carney die Gelegenheit, New York City in Szene zu setzen und dieser Stadt, dieser Metropole, ein (weiteres) Denkmal zu setzen. Denn CAN A SONG SAGFE YOUR LIFE ist vor allem und gerade auch das: eine Liebeserklärung an New York City und den Mythos, daß man es überall schaffen kann, wenn man es hier schafft.

In der Verquickung von künstlerischem Schaffen und persönlichen Problemen, derer nahezu alle wesentlichen Protagonisten hier reichlich haben, erinnert Carneys Film ein wenig an jene New-York-Komödien, die Woody Allen in seinem mittleren und im frühen Spätwerk geschaffen hat. Wie Allen nimmt auch Carney die Probleme, die sich meist um Liebeshändel drehen – Mulligan lebt getrennt von Frau und Tochter, ebenfalls eine Musikerin, worunter er leidet; Gretta kam ursprünglich nach Amerika, um ihren Freund zu begleiten, der hier einen Vertrag unterschrieben hat und, während der Film seine sympathische Geschichte erzählt, bereits eine Tour durch die USA absolviert und ins Pantheon der Pop-Stars aufzusteigen beginnt – , zwar ernst, behandelt sie jedoch mit einer gewissen Leichtigkeit und lässt sie so als normale zwischenmenschliche Dramen erscheinen, die ein jeder kennt und mit denen ein jeder umgehen muß. So hält sein Film eine gute Balance zwischen Drama und einer leichten Komödie. Die Dinge werden nicht größer gemacht, als sie sind, aber eben auch nicht kleingeredet. Normale Menschen mit normalen Krisen, Ängsten, Schwächen. Darin erinnert Carney allerdings auch an britische Kollegen wie Ken Loach, Mike Figgis oder Stephen Frears.

Wie eingangs schon erwähnt, will Carney sein Publikum aber auch nicht mit allzu viel Realismus behelligen. So erzählt er eben ein modernes Märchen, in dem sich alles rechtzeitig ineinander fügt und somit zwar nicht alle Probleme und Liebeskümmernisse, nicht alle Zerwürfnisse und Verletzungen geheilt werden, in dem aber das Wesentliche und die wesentlichen Figuren zu guten Schlüssen gelangen und die richtigen Entscheidungen treffen, um sich, den eigenen Überzeugungen und ihren Ansprüchen gerecht zu werden. So bestimmt Gretta, daß die CD mit ihren Songs digital für einen Dollar als Gesamtpaket erhältlich sein soll. Dadurch entgehen Mulligan zwar gewaltige Einnahmen, doch sieht natürlich auch er ein, daß dieser Weg für Künstler fairer und für die Kommunikation zwischen ihnen und ihrem Publikum weitaus besser geeignet ist, als die herkömmlichen Vertriebswege.

Musik ist also ein Weg, Menschen, auch solche, die miteinander wegen ganz unterschiedlicher Verletzungen hadern, zusammenzubringen. Eine Binsenweisheit, sicher. Aber eben auch eine ewig gültige Weisheit, an die zu erinnern nie schaden kann und die hier wirklich charmant und sympathisch verpackt wird. Ein Song kann Leben retten, keine Frage. Wer erinnert sich nicht an jene Jugendzeiten, als es nur gewisse Musik war, die Verständnis zu haben schien für die eigenen Probleme und Nöte? Und selbst ein ewig jung gebliebener, ein ewig sich der Verantwortung verweigernder Mensch wie Dan Mulligan kann in und durch Musik Heilung und Zugang zu Ebenen finden, die ihm scheinbar verwehrt blieben, solange er sich dem Zynismus seiner Branche, dem Alkohol und den Drogen hingegeben hat.

Und so ist die vielleicht schönste Szene des ganzen Films jene, in der der betrunkene Mulligan erstmals Grettas Song hört, selbstvergessen mitten in der Bar, in der sie auftritt, steht und wir sehen, wie er den nur mit einer Gitarre vorgetragenen Song wahrnimmt, wie sich Bass, Schlagzeug, ein Klavier beimischen und in seinem Kopf ein wunderbarer Pop-Song entsteht, den mitten im Getümmel einer Kneipe seine Vision eines Songs entsteht. Und den nur er so hören kann. Selten wurde musikalisches Verständnis schöner in Bilder umgesetzt, wenn wir die Instrumente wie von selbst spielen sehen – und hören.

CAN A SONG SAFE YOUR LIFE? – Ja, jederzeit. Kommt halt auf den richtigen Moment und die eigene Stimmung an. Und manchmal hilft da der Schmerz, die little funny ways, auf denen wir alle wandeln, tagtäglich.

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