CROSSING OVER – DER TRAUM VON AMERIKA/CROSSING OVER

Wayne Kramer bietet ein eindringliches und oft bedrückendes Drama um die verschiedenen Facetten amerikanischen Einbürgerungsrechts

Los Angeles. Max Brogan (Harrison Ford) arbeitet bei der Einwanderungsbehörde. Unter seiner Leitung kommt es immer wieder zu Razzien in Fabriken und Produktionshallen. Bei einer dieser Gelegenheiten, wird Max auf die junge Mireya Sanchez (Alice Braga) aufmerksam. Er möchte sie schon „übersehen“, als die Kollegen, bei denen Max längst als zu weichherzig verschrien ist, sie entdecken. In größter Not steckt die junge Frau Max einen Zettel zu, auf dem eine Telefonnummer steht. Er solle sich bitte um ihren kleinen Jungen kümmern, der bei einer Nachbarin untergebracht sei. Max, der von den Kollegen verspottet wird, wirft den Zettel fort.

Gavin Kossef (Jim Sturgess) ist ein junger Jude, der mit seiner Freundin Claire (Alice Eve) gemeinsam in Los Angeles lebt. Beide – er Israeli, sie Australierin – möchten eine Green Card, eine Aufnahmegenehmigung für die USA, erhalten. Gavin träumt von einer Karriere im Musikbusiness. Claire versucht, in Fernsehproduktionen unterzukommen.

Gavin verdingt sich als Musiklehrer an einer jüdischen Schule, wo die Direktorin, die seine Eltern kennt, ihm eine Arbeitserlaubnis ausstellt, wohl wissend, daß dies gegen die Vorschriften verstößt.

Claire hat nach einem Termin in der Einwanderungsbehörde einen Unfall beim Ausparken. Zufällig rammt sie den Wagen von Cole Frankel (Ray Liotta), einem Beamten der Behörde, der sich allerdings als Abteilungsleiter ausgibt. Gegen eine kleine „Aufmerksamkeit“ – sie soll ihm 2 Monate lang für seine sexuellen Wünsche zur Verfügung stehen – verspricht Cole der jungen Frau eine Green Card.

Der junge Koreaner Yong Kim (Justin Chon), dessen Familie nach Jahren als „Geduldete“ endlich eingebürgert werden sollen, kommt mit einer koreanischen Straßengang in Berührung, die ihn aufzunehmen bereit ist, wenn er bei einem Überfall mitmacht.

Die Schülerin Taslima Jahangir, die ihre Wurzeln in Bangladesch hat und deren jüngere Geschwister, da in Amerika geboren, die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzen, hält in der Schule ein Referat, bei dem es um die Attentate des 11. September geht. Sie fordert von ihren Mitschülern ein, daß diese sich zumindest mit den Beweggründen für die Attentate beschäftigen, ohne diese gut zu heißen. Doch sie erntet nur Hohn und Spott. Allerdings steht abends das FBI unter der Leitung von Special Agent Phadkar (Jacqueline Obradors) vor der Tür der Familie. Taslima wird verdächtigt, zu einer Selbstmordattentäterin zu mutieren. Trotz ihrer Beteuerungen, sich lediglich aus Interesse auf den entsprechenden Seiten im Netz umgeschaut zu haben, wird sie mitgenommen und inhaftiert.

Cole Frankels Frau Denise (Ashley Judd) ist Anwältin für Einwanderungsrecht. Sie übernimmt Taslimas Fall. Zugleich kümmert sie sich um ein kleines schwarzes Mädchen, das in derselben Erziehungsanstalt sitzt, da ihre Mutter als Drogenabhängige ihr Erziehungsrecht verloren hat.

Max, dessen Partner Hamid Baraheri (Cliff Curtis) ihn zu einer Familienfeier einlädt, da seine Eltern ebenfalls eingebürgert werden sollen, wird von Gewissensbissen geplagt. Nachts fährt er zurück zum Schauplatz der Razzia und sucht dort nach dem Zettel mit der Nummer der Nachbarin, bei der der Sohn von Mireya untergebracht ist. Am nächsten Morgen holt er den Jungen ab und bringt ihn über die Grenze zu dessen Großeltern, deren Wohnsitz er ermitteln kann. Dort erfährt er, daß Mireya nach der Abschiebung nicht nachhause gekommen ist, sondern direkt von Tijuana aus den nächsten Versuch unternommen habe, in die USA zu gelangen.

Hamid blickt zu Max auf, der älter und weitaus erfahrener ist. Dennoch ist er zwischen dem Anspruch, den sein Job an ihn stellt, und den Ansprüchen seiner Familie hin und her gerissen. Auf der Party, die sein Vater gibt, lernt Max Hamids Schwester kennen. Zarah Bahareni (Melody Zara), ebenfalls Amerikanerin, weil in den USA geboren, ist das schwarze Schaf der Familie. Sie lebt einen exzessiven Lebensstil, nimmt Drogen und unterhält ein Liebesverhältnis zu einem verheirateten Mann. Max mag die junge Frau, wird aber Zeuge, wie die Familie sie behandelt. Er verlässt die Party frühzeitig.

Während Max und Hamid weitere Firmen überprüfen, Clare Cole zu Diensten ist, Gavin bei einem Termin auf der Einwanderungsbehörde nur dank eines Tricks und der Hilfe eines Rabbis, der ihn zwar durchschaut, jedoch bereit ist, zu bezeugen, daß seine vorgesprochenen Gebete durchaus denen eines Rabbiners entsprächen, den Test besteht, Denise sich für Taslima einsetzt und bei Agent Phadkar auf Granit beißt, wird Hamids Schwester tot aufgefunden. Sie und ihr Liebhaber wurden Opfer eines Gewaltverbrechens.

Max begleitet Hamid zur Identifizierung. Dabei fällt ihm auf, daß ein Kettchen, welches Zarahs Handgelenk schmückte, fehlt. Als Hamid sein Jackett in Max´ Wagen vergisst und dieser es, da blutbesudelt, zum Reinigen bringen will, findet der Angestellte der Reinigung das Kettchen in Hamids Seitentasche. Max ist verwundert.

Cole sieht nach und nach ein, daß sein Verhalten gegenüber Claire eine Schweinerei ist. Schließlich erklärt er ihr, daß er sich in sie verliebt habe, sie aber freigebe und ihr postalisch eine Green Card zukommen ließe. Claire erklärt ihm, daß sie ihn verachte und nichts mehr von ihm wissen wolle. Zwischen ihr und Gavin ist es zu einem schrecklichen Streit gekommen, als ihr Liebhaber begriffen hat, was seine Freundin alles für eine Aufenthaltserlaubnis zu tun bereit ist. Allerdings ahnen weder Cole noch Claire, daß Zarahs Freund, der ein Kopiergeschäft betrieb und dort auch Fälschungen für Pässe und Green Cards hergestellt hat, ins Fadenkreuz der Polizei geraten ist. So wird Claire von der Polizei aufgesucht und es wird ihr unmißverständlich klar gemacht, daß sie eine schwere Strafe erwarte, wenn sie nicht bereit sei, zu kooperieren.

Derweil nimmt Young Kim an dem verlangten Überfall auf ein ebenfalls koreanisches Geschäft teil. Dabei eskaliert die Situation und einer von Young Kims Begleitern erschießt den Besitzer. Hamid ist zufällig anwesend und versteckt sich hinter einem Regal. Während die Situation sich immer weiter hochschaukelt, entsichert er seine Waffe, tritt den Banditen entgegen und erschießt sie alle, bis auf Young Kim. Der hat die Frau des Besitzers in seiner Gewalt. Hamid erklärt ihm, er solle sie gehen lassen, die Bänder der Überwachungskamera an sich nehmen und den Laden verlassen, er ließe ihn laufen. Bei den späteren Untersuchungen durch die Polizei vor Ort sagt eine weitere Kundin aus, Hamid habe recht, es seien lediglich vier Täter gewesen, wodurch seine Version der Story unterstützt wird.

Am Tag der Einbürgerungsfeierlichkeiten, die in einer weitläufigen Halle stattfinden, findet Max heraus, daß Hamid, wenn er nicht selbst am Mord an seiner Schwester und deren Liebhaber beteiligt war, mindestens weiß, wer der Täter ist. Anhand von Überwachungsbändern konnte Max feststellen, daß der Wagen von Hamids Bruder Ferid (Merik Tadros), den Max ebenfalls auf der Party kennen gelernt hatte, mehrfach vor dem Kopiergeschäft gestanden hat.

Max konfrontiert seinen Partner mit seinen Erkenntnissen. Hamid versucht zu erklären, was es in seiner Familie mit persischer Herkunft bedeute, wenn eine Frau sich benehme, wie Zarah. Max lässt das nicht gelten. In Amerika, dessen Bürger Hamids Vater werden wolle, ließe man es nicht zu, daß wer auch immer das Recht in die eigene Hand nähme. Zudem seien Frauen hier gleichgestellt. So etwas wie Ehrenmorde für die Familie gäbe es hier nicht. Farid will fliehen, wird aber am Ende der Halle verhaftet.

Während eine Richterin von den Neu-Amerikanern den Eid abnimmt, die Nationalhymne angestimmt und Farid abgeführt wird, werden Taslima und ihre Mutter, die sie begleitet, zu der Maschine nach Bangladesch geführt. Sie werden abgeschoben. Claire wird von Beamten der Einwanderungsbehörde zum Gate für ihren Flug zurück nach Australien begleitet. Cole wird an seinem Arbeitsplatz vor den Augen seiner Kollegen und von Denise, die gekommen ist, um ihm mitzuteilen, daß sie die Erlaubnis erhalten hat, das kleine schwarze Mädchen zu adoptieren, verhaftet.

An der Grenze zu Mexiko findet ein junger Ranger eine Frauenleiche. Es ist die von Mireya. Max wird informiert. Er ist tief getroffen, erbittet sich aber, den Eltern der jungen Frau die Nachricht selber überbringen zu dürfen. Dann macht er sich auf den Weg nach Mexiko….

Bedenkt man, was als Inschrift auf dem Sockel der Statue of Liberty im Hafen von New York festgehalten ist – das Versprechen, den Armen und Hungrigen eine Heimat und einen sicheren Hafen zu bieten – und bedenkt man die Geschichte der neuzeitlichen Vereinigten Staaten von Amerika seit der Erstbesiedlung durch weiße Siedler, meist Puritaner aus England, die von dort vor einem enormen, lebensbedrohlichen gesellschaftlichen Druck flüchten mussten, mutet es umso befremdlicher und, ja, auch das sei so gesagt, empörender an, wie die gegenwärtigen USA mit dem Thema Einwanderung umgehen. Und dabei seien noch nicht einmal die rigiden Vorstellungen eines Donald Trump besonders erwähnt. Nein, schon seit Jahrzehnten ist vor allem die Politik an der südlichen Grenze zu Mexiko von einem sehr harschen Umgang mit illegalen Einwanderern geprägt.

Hollywood hat sich des Themas gelegentlich angenommen, meist jedoch eher als Kulisse für Thriller. In den 80er Jahren befasste sich Tony Richardson in THE BORDER (1982) mit der Thematik und es gelang ihm ein Filmdrama mit Thriller-Elementen, das dem Sachverhalt doch auch gerecht wurde. Wayne Kramers CROSSING OVER (2009) erinnert wohl nicht von ungefähr in einem seiner Handlungsstränge an den früheren Film.

Kramer bietet ein manchmal bewegendes Drama, das zugleich Motive des Politthrillers aufgreift und dem eine vielschichtige Betrachtung der Einwanderungspolitik aus Sicht der Betroffenen, aber auch der Behörden gelingt. Aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet Kramer ganz unterschiedliche Aspekte der Einwanderung, jener, die einwandern wollen und – und das ist ihm vor allem hoch anzurechnen – welch unterschiedlichen Stellenwert verschiedene Einwanderer haben und inwiefern Rassismus und Sexismus in dem Gesamtkomplex eine Rolle spielen.

Da gibt es allen voran eine junge mexikanische Frau, die während einer Razzia der Einwanderungsbehörde unter der Leitung des von Harrison Ford gespielten Max Brogan aufgegriffen und in Abschiebehaft gesteckt wird. Sie fleht den Polizisten an, sich um ihren Sohn zu kümmern, der, bei Nachbarn untergebracht, keine Ahnung hat, wo seine Mutter abgeblieben ist. Da gibt es einen jungen jüdischen Mann, der eine Musikkarriere in den USA anstrebt, sich zunächst als Lehrer an einer jüdischen Schule verdingt und versucht, durch allerlei Tricks und Verbindungen an eine Green Card zu kommen. Seine Freundin, eine Australierin, ist nach einem Urlaubsaufenthalt in Los Angeles geblieben und bemüht sich ebenfalls verzweifelt um eine Green Card. Dabei fällt sie einem Beamten bei der entsprechenden Behörde in die Hände, der sie für eine Dauer von zwei Monaten zu seiner Sex-Sklavin macht, ihr dafür das ersehnte Dokument verspricht. Und es gibt einen jungen Koreaner, Yong Kim, dessen Familie kurz vor der Einbürgerung steht und der ihnen alles zu versauen droht, als er sich mit einer Straßengang einlässt. Eine Schülerin, deren Familie aus Bangladesch stammt und die teils bereits – per Geburtsrecht – amerikanische Staatsbürger sind, gerät durch ein Referat, das sie im Unterricht hält und bei dem sie zwar kein Verständnis für die Attentäter des 11. September einfordert, zumindest aber den Versuch, grundlegend die Beweggründe der Männer nachzuvollziehen, in das Fadenkreuz des FBI gerät, welches sie für eine islamistische Terroristin hält.

All diese Handlungsstränge kreuzen und berühren sich mal deutlicher, manchmal nur ganz kurz, dafür aber wesentlich. Die Frau des die junge Australierin ausnutzenden Beamten, Denise Frankler, ist ihrerseits Anwältin für Einwanderungsrecht und vertritt u.a. die junge Muslima gegenüber dem FBI; Brogans Kollege Hamid, der seinerseits familiäre Probleme hat, weil seine aus dem Iran stammende Sippe sich an seiner zu sehr zum westlichen Lebensstil neigenden Schwester reibt, wird zufällig Zeuge des Überfalls der Koreaner-Gang auf einen Spirituosenladen und ermöglicht mit einer regelwidrigen Handlung, daß die Familie des jungen Yong Kim keine Scherereien hat; Brogan wiederum engagiert sich nicht nur für den Sohn der verschwundenen Mexikanerin, sondern auch im Mordfall der Schwester seines Kollegen und deckt dabei eine Familientragödie auf. Kramer spinnt ein feines Garn zwischen all diesen Figuren und in den Beziehungen, die sie zueinander unterhalten.

Es ist die Beiläufigkeit, mit der das Drehbuch – ebenfalls von Kramer verfasst – ganz unterschiedliche Aspekte des Themas verarbeitet. Wie schnell eine junge Frau, weil sie die falschen Äußerungen in der Schule getätigt hat, zu einer Staatsfeindin avancieren kann, wie sie dann aber vor allem zu einer Verhandlungsmasse zwischen den verschiedenen Behörden wird; die Komplexität des Einwanderungsrechts, das Familien trennen kann, weil die jüngeren Kinder schon Amerikaner sind, während die Eltern lediglich den Status „Geduldeter“ haben; der Preis, der von einem korrupten Beamten eingefordert wird, um an eine Green Card zu gelangen und der Seelen zerstört; der soziale Druck, in der eigenen ethnischen Gruppe akzeptiert zu werden, was fürchterliche, teils tödliche Folgen zeitigen kann; die Verzweiflung, die gerade Latinos wieder und wieder den Weg durch die Wüste an die Grenze antreten lässt – und die einige das Leben kostet, wenn sie sich ohne Wasser, ohne Verpflegung in den trockenen Canyons entlang der Grenze verirren.

Die Australierin Claire träumt von Reichtum und Ruhm als Schauspielerin, Gavin von Reichtum und Ruhm als Musiker, Mireya Sanchez will einfach nur ein besseres Leben für sich und ihren Sohn im gelobten Land, Yong Kim seinerseits weiß kaum etwas mit dem ihm fremden Land und seiner Gesellschaft anzufangen. In der islamisch geprägten Familie von Max` Partner Hamid wird die Familienehre höher eingestuft als die Gesetze des Landes, dessen Bürger man zu werden gedenkt. Wie unterschiedlich die Gründe und Voraussetzungen sind, die dazu führen, Amerikaner werden zu wollen, zeigt Kramer brillant auf. Und ebenso brillant zeigt er die Verkommenheit, die dieser Gesellschaft eben auch inhärent ist. Wie der von Ray Liotta gespielte Einwanderungsbeamte Cole Frankel seine Position ausnutzt, um an ein bisschen Sex zu kommen, ist nur ein Beispiel dafür. Ein anderes ist die Rolle des FBI und der Agentin Phadkar, selbst offensichtlich einer ethnischen Minderheit entstammend. Wie kompliziert die ethnische und soziale Zusammensetzung dieser Gesellschaft ist, die ganze Komplexität des Verhältnisses von Alteingesessenen und Neuankömmlingen, die Ressentiments, die teils sogar unter Angehörigen gleicher ethnischer Herkunft herrschen, all diese Teilaspekte stellt Kramer mit Wucht und ohne Nachsicht aus. So entsteht ein Film, der eine gewisse Härte aufweist, wenig beschönigt und sich nicht scheut, auch in Amerika heikle Themen aufzugreifen.

Ganz kann Kramer es sich aber nicht verkneifen, sein Heimatland doch auch zu loben. Aufwendig inszeniert er die Einbürgerungsfeier. Vor einem riesigen Star Spangled Banner wird eine ergreifende Version der Nationalhymne intoniert, die Richterin, die die Vereidigung vornimmt, hält eine ergreifende Rede und während wir all dem ergriffen folgen, löst Brogan den Fall des Mordes an Hamids Schwester und lässt den verantwortlichen Bruder noch während der Feier verhaften. Ford gibt Brogan routiniert, stattet ihn mit einer gewissen resignativen Note aus, lässt ihn aber auch einen aufrechten Amerikaner sein, der die Gesetze und Regeln seines Landes verinnerlicht hat und für sie einsteht, dabei immer darum bemüht, seinen moralischen Grundsätzen gerecht zu werden. So bietet der Film einen scheinbar versöhnlichen Schlußakkord, der dann aber durch das Schicksal von Mireya Sanchez konterkariert wird. Ein Grenzpolizist, der durch die Einöde an der kalifornisch-mexikanischen Grenze fährt, wird auf eine entstellte Leiche aufmerksam. Es ist die junge Frau, der Brogan nicht hatte helfen können. So sehr wir uns mit der koreanischen Familie, so sehr wir uns mit Gavin, dem es mit einem finalen Trick gelingt, seine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, auch freuen mögen, so hübsch folgenlos ihr illegaler Aufenthalt in den USA für Clare auch ausgeht, indem sie hilft, den korrupten Cole Frankel seiner gerechten Strafe zuzuführen – irgendwer verliert in diesem Spiel.

Meist sind es die Schwächsten. Jene, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, ihres sozialen Status oder ihrer Religion sowieso schon benachteiligt sind, bleiben auf der Strecke, vergessen, verloren. So sind es ausgerechnet die junge Latina und die moslemische Schülerin, die in ein ihr vollkommen fremdes Land abgeschoben wird, deren Schicksale sich nicht glimpflich oder gar glücklich wenden. Einmal mehr greift Kramer auch hier die rassistischen Motive auf, die in vielerlei Hinsicht die amerikanische Politik bestimmen. Denn Juden, Asiaten, Weiße haben so oder so immer eine bessere Lobby als Latinos oder Menschen arabischer und muslimischer Abstammung. So ist es eben kein Zufall, wer sich hier am Ende freuen kann und wer seine Träume oder seine Aufrichtigkeit bitter bezahlt.

In seiner episodenhafte Struktur, mit dem Schauplatz Los Angeles, den manchmal eher skizzierten denn charakterisierten Figuren erinnert CROSSING OVER an Filme wie Robert Altmans SHORT CUTS (1993), Paul Thomas Andersons MAGNOLIA (1999) oder Paul Haggis´ CRASH (2004). James Whitakers Kamera fängt die Metropole am Pazifik als mal sonnigen Ort, mal als nächtlichen Moloch ein, Mark Ishams Musik unterlegt die Bilder mit einem manchmal fast trancehaften Soundtrack, der gelegentlich zu hämmern beginnt und dem Geschehen eindringliche Begleitung gibt. Im Grunde ein klassischer Autorenfilm, da Wayne Kramer hier nicht nur Regie führte, sondern auch als Drehbuchautor und Produzent fungierte, kann CROSSING OVER überzeugen, weil er nicht beschönigt, wo es nichts zu beschönigen gibt, die Härten des amerikanischen Einwanderungssystems klar ausstellt, die Träume derer, die unbedingt in dieses Land wollen, verständnisvoll behandelt und dabei wirklich unterschiedliche Facetten beleuchtet. Zudem gelingt es eben auch, Nebenaspekte anzusprechen und realistisch darzustellen. Wenn Claire nach dem ersten Treffen mit Cole weinend in der Dusche zusammenbricht, findet Kramer damit ein Bild, das weit mehr aussagt, als es eine lange Erklärung je könnte. Viele der Bilder und Szenen, die er bietet, haben diese Qualität. Es ist Kramer hoch anzurechnen, daß er in seinem Film eben wirklich das Thema Einwanderung in den Mittelpunkt stellt – und es eben nicht zum Hintergrund für einen Thriller verkommen lässt.

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