GRENZPATROUILLE/THE BORDER

Jack Nicholcon zurückhaltend und unglaublich gut

Charlie (Jack Nicholson) ist ein eher frustrierter Grenzbeamter in Los Angeles, der sich mit den Bedingungen seines Jobs abgefunden zu haben scheint. Seine Frau Marc< (Valerie Perrine) drängt ihn, zu Freunden nach El Paso, Texas, zu ziehen.

Charlie gibt schließlich nach und sie ziehen um, wobei sie sich verschulden, um das Haus zu bezahlen, welches sie beziehen. Marcy und ihre Freundin Savannah (Shannon Wilcox) betreiben als Hobby v.a. Shopping, so daß Charlie mehr und mehr Zusatzschichten arbeiten muß, um die laufenden Kredite und Ratenzahlungen zu bedienen.

Savannahs Gatte Cat (Harvey Keitel), ebenfalls bei der Grenzpolizei, weiht Charlie nach und nach ein, daß in der Grenzstation, in der sie arbeiten, ein veritables Geschäft mit Menschenschmuggel betrieben wird. Cat versucht Charlie zu überreden, mitzutun, Charlie sträubt sich, willigt aber schließlich ein, da ihn seine finanzielle Situation zunehmend erdrückt.

Parallell wird die Geschichte von Maria (Elpidia Carrillo) und ihrem Bruder Juan (Manuel Viescas) erzählt, die versuchen, illegal über die Grenze nach Texas zu gelangen. Maria hat ein kleines Kind, das ihr entwendet und verkauft wird. Charlie lernt sie eher durch Zufall kennen und will ihr helfen. Juan indessen wird von den Schmugglern mit Drogen erwischt und bei einer Verfolgungsjagd angeschossen. Maria wiederum wird bei einer Jagd auf einen der Schmuggletransporte verletzt.

Charlie rettet sie und bringt sie zurück nach Mexico. Dann macht er sich auf, ihr Kind zu suchen…

Regisseur Tony Richardsons THE BORDER (1982), einer jener kleinen, schnell gedrehten Thriller, wie sie die 1980er Jahre noch haufenweise hervorbrachten, ist heute fast in Vergessenheit geraten. Und er wurde zu seiner Zeit schlichtweg falsch beworben, wodurch er schnell in die falschen Schubladen eingeordnet wurde. Weder ist es ein Actionthriller noch ein Krimi – im Grunde hat man es hier mit einem Sozialdrama zu tun, das an der Südgrenze der USA zu Mexico spielt.

Richardson erzählt diese Geschichte ruhig, ohne allzu aufregende Actionsequenzen. Ihm scheint weitaus mehr daran zu liegen, einerseits die Verhältnisse darzustellen, die Menschen immer wieder versuchen lassen, über diese angeblich bestgeschützte Grenze der Welt zu gelangen, andererseits jene, die dazu führen, daß durchschnittliche Bürger der USA in sinnentleerten Konsum verfallen. Die Leben, die Charlie und Marcie, Savannah und Cat führen, scheinen ohne jeden Fokus. Der einzige Inhalt ist Kaufen und dann das Gekaufte genießen, ohne daß der Genuß je reichte. Charlies Frust über die immer neuen Schulden, das unbefriedigende Eheleben, seine letztlich nutzlose Existenz, ist glaubwürdig. Er will, so sagt er einmal zu Maria, ohne daß die ihn verstünde, einmal im Leben etwas richtig machen. Dadurch entsteht deutlicher ein Sozialdrama als ein Thriller, obwohl der Film in einigen Momenten Elemente eines Thrillers aufweist, v.a. zum Ende hin, wenn Charlie sich quasi im Alleingang gegen die korrupten Kollegen und deren schmuggelnden Helfershelfer wehren muß. Allerdings sei gewarnt, wer nun zumindest in diesen Szenen die Rasanz eines Actionfilms erwartet: Auch hier läßt Richardson Ökonomie walten, er zeigt nicht mehr als unbedingt nötig, bleibt selbst bei den Verfolgungsjagden kameratechnisch eher in der Distanz, wodurch das Geschehen einen fast dokumentarischen Charakter bekommt.

Was den Film besonders aufwertet, ist die Leistung von Jack Nicholson. Er, einer der beliebtesten Schauspieler seiner Generation, kann dennoch nerven. Sein Spiel ist oft zu ausgereizt, manches Mal wird es ein unerträgliches Overacting (was okay ist in einem Film wie AS GOOD AS IT GETS/1997, in einem differenzierteren Film wie THE DEPARTED/2006 aber sehr zu stören vermag). Hier ist es anders. Er verzichtet auf allzu wildes Grimassieren, es gelingt ihm, Charlies fast resignativen Frust einerseits, seine Unbeholfenheit Maria gegenüber andererseits glaubhaft darzustellen. Es erinnert in manchen Momenten an jene Leistungen in den Filmen von Bob Rafelson, v.a. FIVE EASY PIECES (1970), die mitunter die besten seiner Karriere waren. Richardson unterstützt ihn dabei, indem er weitestgehend auf Großaufnahmen verzichtet (wenn, wird Charlies Gesicht oft von einer riesigen Sonnenbrille verdeckt), Nicholson so zwar die Möglichkeit nimmt, eine seiner Stärken, nämlich seine fast diabolischen Augen in Kontrast zu seinem oft zynischen Grinsen auszuspielen (was dem Film gut tut), zugleich aber gibt er ihm ausreichend Gelegenheit, seine Physis auszuagieren. Und gerade in den kleinen Gesten und Bewegungen kommt vieles von dem zum Ausdruck, was seine Performance hier so besonders eindringlich macht. Er schafft es, das Weitausholdende zu unterdrücken und bricht Bewegungen oft ab, was den resignativen Charakter seiner Rolle herausstreicht, ohne maniriert zu wirken.

Das eigentliche Anliegen des Films ist jedoch der Kontrast der bitteren Armut der Mexikaner in den Blechwellenhüttendörfern jenseits der Grenze, und dem billigen Tand, den sich Marcy und ihre Freunde ununterbrochen zulegen. Konsumkritik, aus heutiger Sicht, ist sicherlich nichts, was noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken könnte; wenn, muß sie mit viel Verve und klugen Twists wie in David Finchers FIGHT CLUB (1999) ausgestattet sein. Gemessen an den postmodernen Spektakeln ist THE BORDER ein eher gestriger Film, der sein ästhetisches wie küsntlerisches Ethos aus jenen Quellen beziehen mag, aus denen sich in den 1970er Jahren die Aufbruchstimmung des ‚New Hollywood‘ gespeist hat. Überhaupt verdankt Richardsons Werk viel jenem Kino, das anderthalb Dekaden zuvor damit begann, den Blick der Hollywood-Kamera direkt auf die  Wirklichkeit, die soziale, kulturelle, auch die historische Realität zu richten und daraus erstaunliche Erkenntnisse gewannen. Filmemacher wie Sidney Lumet, Arthur Penn oder William Friedkin haben in THE BORDER ihre Spuren hinterlassen.

Unterstrichen von einem endlos melancholischen Soundtrack, den Ry Cooder mit seiner Slide Guitar beisteuert, fängt Ric Waites Kamera manchmal geradezu lyrische Bilder ein, die sowohl die Ödnis der Landschaft, als auch das Elend, das sich darin manifestiert, in langsamen Schwenks, weiten Totalen und seltenen Halbtotalen ausstellen. In anderen Momenten, im Haus der Smiths beispielsweise, wenn Charlie unvorbereitet im neuen Wasserbett zu versinken droht, geht Waite mit der Handkamera fast unangenehm nah an das Geschehen und die Protagonisten heran, dringt in intime Räume dieser dysfunktionalen Beziehung ein und es gelingt ihm, damit die Leere und Verständnislosigkeit dieses Paars zu entlarven. Ähnlich hält Waite es in den Innenräumen der Blechhütten, in denen Maria und ihr Bruder Unterschlupf gefunden haben. Das Elend, die Düsternis, der Dreck – man kann sich gut vorstellen, wie das Leben hier sein muß, welchen Härten es unterliegt. Und wie wenig ein Leben hier überhaupt wert ist.

Es ist die leise Melancholie, ja, Resignation, die den Film durchzieht, die den Zuschauer selbst die Ungeheuerlichkeit eines verkauften Kindes fast beiläufig hinnehmen lässt. Betrachtet man THE BORDER mit wachen Sinnen, kommt man nicht umhin, sich selbst zu befragen, weshalb man eigentlich bereit ist, in einer Welt zu leben, die solches Elend, solches Unrecht zulässt? Mehr kann man von einem Film eigentlich nicht erwarten…

THE BORDER gehört zur Riege dieser kleinen, vergessenen Filme, die einem dennoch ans Herz wachsen können, wenn man sie einmal (vielleicht im richtigen Moment) gesehen hat.

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