DER 4 1/2 BILLIONEN VERTRAG/THE HOLCROFT COVENANT

Ein unterkomplexer und bestenfalls routiniert inszenierter Verschwörungs-Thriller von John Frankenheimer

Der New Yorker Architekt Noel Holcroft (Michael Caine) erhält eine Nachricht, sich binnen 24 Stunden in Zürich einzufinden. Dort eröffnet ihm der Anwalt Ernst Manfredi (Michael Lonsdale), daß er Erbe eines immensen Vermögens ist, das sein Vater, der Nazi-General Heinrich Clausen (Alexander Kerst), ein Finanzexperte des Nazi-Regimes, angehäuft und so angelegt hat, daß es stetig wächst. Manfredi übergibt Holcroft einen Brief, in dem sein Vater ihm mitteilt, daß das Geld als Entschädigung für die Opfer der Diktatur eingesetzt werden solle. Neben Holcroft sind es die erstgeborenen Söhne zweier weiterer Nazigeneräle, die als Beisitzer in der zu gründenden Stiftung fungieren sollen, doch Holcroft sei federführend der Hauptverantwortliche.

Noch während Manfredi und Holcroft reden, findet ein Attentat auf ihr Leben statt, das jedoch wundersamer Weise durch einen Dritten verhindert wird.

Zurück in New York zeigt Holcroft den Brief seiner Mutter Althene (Lili Palmer), die überzeugt ist, daß ihr ehemaliger Mann, von dem sie sich frühzeitig getrennt hatte, lügt und nicht meint, was er da niedergeschrieben habe.

Gegen die Bitte seiner Mutter reist Holcroft nach England, wo er Helden Tennyson (Victoria Tennant) kennenlernt, die Schwester seines Mit-Vorstands Jonathan Tennyson (Anthony Andrews). Auch kommt Holcroft mit dem „Oberst“ (Richard Münch) in Kontakt, der ihn zunächst mit einer Waffe bedroht, da er herausfinden will, auf welcher Seite er steht. Erst als sowohl der Oberst, als auch Leighton (Bernard Hepton), ein MI5-Mitarbeiter, der Holcroft in England in Empfang genommen hat, von dessen ehrlichen Absichten überzeugt sind, gibt man ihm Informationen weiter. Da es schon in New York zu einem Vorfall gekommen war, bei dem ein Mittelsmann getötet wurde, denken Leighton und der Oberst, daß man gegen Holcroft arbeite.

Holcroft lernt schließlich Jonathan kennen, der wie seine Schwester mit den Mitteln und Methoden der Geheimhaltung gut vertraut scheint. Beide sind in Südamerika aufgewachsen und mussten sich ihr Leben lang verstecken, da sie als Kinder eines Nazis galten. Jonathan scheint auch allerhand über den Vertrag, das Geld und die Vorgänge rund um die Erbschaft zu wissen. Er beauftragt Holcroft, nach Berlin zu fliegen und sich dort erneut mit Helden zu treffen. Sie dürften aber nie gemeinsam reisen.

In Berlin sollen sich alle drei treffen und dann Jürgen Mass (Mario Adorf), einem weltbekannten Dirigenten, den Dritten im Bunde kennenlernen. Helden hat für sich und Holcroft ein Zimmer in einem Stundenhotel gebucht, wo die beiden auch eine Liebesnacht verbringen. Zudem werden sie in Berlin auch verfolgt und Helden soll entführt werden. Ein Holcroft Unbekannter gesellt sich zu ihm und hilft ihm. Der Mann gibt an, im Auftrag Leightons und des MI5 zu handeln und Holcroft zu beschützen. Bei der Befreiung von Helden kommt der Mann jedoch ebenso zu Tode, wie zwei der Entführer.

Jonathan, Helden und Holcroft treffen Jürgen Mass. Der gibt sich jovial und erfreut, den Aufsichtsratsvorsitzenden der zukünftigen gemeinsamen Stiftung kennen zu lernen. Man verabredet sich zu einem Treffen in Zürich, wohin aber alle getrennt reisen sollen. Dort soll dann in der Kanzlei von Manfredi das gemeinsame Papier unterschrieben werden, das die Gelder freigibt. Holcroft merkt an, daß er eigentlich der Meinung sei, man solle das ganze erst einmal ein Jahr ruhen lassen und sich überlegen, wie man genau vorgehen wolle. Doch vor allem Jonathan ist anderer Meinung.

Man trennt sich. Helden und Holcroft reisen per Auto gen Zürich. Doch unterwegs werden sie von einem Autokonvoi verfolgt, sogar ein Hubschrauber macht Jagd auf sie. Doch dann entpuppen sich die Verfolger als Leighton und seine Leute. Leighton bittet Holcroft mit ihm zu kommen, es habe neue Entwicklungen gegeben. Zudem gibt Leighton nun zu, nicht für den MI5 zu arbeiten, sondern für den Oberst. Es waren dessen Männer, die Holcroft in Zürich und später in Berlin zur Hilfe kamen und beschützten.

Derweil ist Jonathan nach England geflogen und sucht dort den Oberst auf. Auch Holcrofts Mutter ist mittlerweile hier eingetroffen, nachdem es in New York einen Anschlag auf ihren Buchladen und ein Attentat auf ihr Leben gegeben hat. Jonathan gibt sich nun zu erkennen: In Wirklichkeit ist er ein überzeugter Nazi und will ein „Viertes Reich“ errichten, um seine rassischen und völkischen Theorien, gepaart mit Ideen eines neuen Kolonialismus, zu verwirklichen. Er erschießt den Oberst.

Als Leighton und Holcroft eintreffen, finden sie nur noch die Leichen des alten Mannes, seines Hundes und die von Althene Holcroft. Noel ist schwer getroffen.

Er reist nach Zürich, beschreibt Helden unterwegs aber, was geschehen ist. Als sie sich in Zürich treffen, erwähnt sie auch den Hund, von dem Holcroft ihr allerdings nichts erzählt hatte. Nun erkennen er und Leighton, daß auch Helden zu Jonathans Netzwerk gehört. Mehr noch: Die beiden Geschwister sind zudem ein Liebespaar.

Holcroft findet sich zur Vertragsunterschrift ein. Als alles erledigt ist, wollen Jonathan und Jürgen Mass sofort abreisen, werden aber davon überrascht, daß Holcroft eine Pressekonferenz einberufen hat, auf der er der Weltpresse mitteilt, daß er vorhabe, das Geld entsprechend den Vorgaben seines Vaters einzusetzen, zugleich offenbart er aber auch, wer Jonathan und Jürgen Mass wirklich sind. Jonathan zieht eine Pistole und will Holcroft niederschießen, der aber wehrt sich und im Kampf wird Jonathan getötet.

Im Hotel will Helden mit Holcroft anstoßen auf ihr gemeinsames Glück. Holcroft gibt nun auch ihr zu verstehen, daß er um ihr Komplott gegen ihn weiß, Sie bedroht ihn mit einer Waffe und er dreht ihr den Rücken zu, fordert sie sozusagen auf, ihn hinterrücks zu erschießen. Doch er hört nur den Knall der Waffe. Als er sich umdreht, hat Helden sich selbst gerichtet. Holcroft, der sich ernsthaft in die verliebt hatte, ist tief getroffen.

John Frankenheimer hat in seiner langen Karriere so manch großen Film abgeliefert, Seine Fortsetzung eines Klassikers des Polizeifilms THE FRENCH CONNECTION (1971), FRENCH CONNECTION II (1975), ist eines der wenigen wirklich gelungenen Beispiele eines Sequels, mit GRAND PRIX (1966) schuf er einen Klassiker des Motorsportfilms, THE MANCHURIAN CANDIDATE (1962) war ein perfekter Paranoia-Thriller, der die herrschende Hysterie gegenüber dem Kommunismus aufgriff, reflektierte, aber auch damit spielte und auf eine fast ordinäre Art und Weise befeuerte. Und auch der späte Frankenheimer hatte immer wieder echte Asse im Ärmel – 52 PICK-UP (1986), DEAD-BANG (1989) oder RONIN (1998) waren allesamt packende Thriller mit oft existenzialistischen oder gesellschaftskritischen Untertönen.

Doch Frankenheimer hatte auch immer wieder echte Rohrkrepierer in petto. THE HOLCROFT COVENANT (1985) muß leider dazu gezählt werden. Basierend auf einem Roman von Robert Ludlum, begibt sich der Film in die tiefsten Niederungen der Kolportage, wenn er von einem wirren Komplott erzählt, bei dem ein unbescholtener Architekt mit einem enormen Erbe konfrontiert wird, welches ihm sein Vater, ein Nazi-General, hinterlassen hat. Vorgeblich sollen damit Opfer des Nazi-Regimes entschädigt werden, in Wahrheit versuchen die Nachkommen des an dem im Titel erwähnten Vertrags Beteiligten jedoch, ein „Viertes Reich“ zu errichten. Ludlum, wie viele Thriller-Autoren seiner Generation, war u.a. obsessiv auf das Thema Verschwörungen fixiert, wobei geheime Nazi-Organisationen, die sich eine Auferstehung der Diktatur wünschten, oft eine herausgehobene Rolle spielten. Anders als bspw. sein Kollege Frederick Forsyth, setzte Ludlum jedoch in höherem Maße auf Action, Verfolgungsjagden, technischen Firlefanz und vor allem ein sehr ausgeprägtes Faible für Verschwörungstheorien. THE HOLCROFT COVENANT hatte er 1978 veröffentlicht, also in der mittleren Phase seines Schaffens.

Edward Anhalt, der federführend für das Drehbuch verantwortlich zeichnete, veränderte Ludlums Vorlage moderat, straffte sie und bot eine ebenso rasante wie vollkommen unlogische Jagd über den europäischen Kontinent. Frankenheimer inszenierte die Vorlage routiniert, ohne ihr besondere Wendungen oder filmische Kniffe zu verpassen. Mit Michael Caine stand ihm ein hervorragender Schauspieler für die Hauptrolle zur Verfügung, allerdings spielt Caine den Part mit einer ähnlichen Routine, wie sein Regisseur das Ganze auf die Leinwand brachte. Auch das übrige Ensemble kann sich sehen lassen. Lili Palmer als Mutter des Erben und entschiedene Nazi-Gegnerin, Mario Adorf und Michael Lonsdale in wichtigen Nebenrollen, runden neben den britischen Schauspielern Anthony Andrews und Elizabeth Tennant die Riege ab. Doch ein bestenfalls mittelmäßiges Drehbuch können auch sie nicht retten. Zu Klischees erstarrte Figuren, die klischeehafte Handlungen vollführen und sich teils vollkommen unlogisch durch den Plot bewegen, kann auch der beste Schauspieler nicht mit Tiefe oder auch nur Leben erfüllen.

Die innere Logik des Komplotts ist derart durchsichtig, daß es kaum glaubwürdig erscheint, wie lange es dauert, bis es von den entscheidenden Leuten durchschaut wird. Die Psychologie der Figuren funktioniert nur bedingt, was gerade für die Hauptrolle gilt, einzelne Situationen sind zwar actionreich, aber vollkommen unglaubwürdig in Aufbau und Auflösung. Da gibt es wilde Schießereien auf den nächtlichen Straßen Berlins, aber es scheint niemanden zu interessieren, britische Autos rasen durch Deutschland, eine Geheimorganisation verfügt über enorme finanzielle Mittel und kann sich ungestraft als MI5 ausgeben usw. Und schließlich vertritt der entscheidende Vertreter der Nazis eine Ideologie, die vielleicht in den 60er oder den frühen 70er Jahren noch furchterregend wirken, in den 80ern aber nur noch als lächerlich angesehen werden konnte. Wilde Rasse- und Übermenschtheorien, Träume von Homogenität von Völkern, die aber kaum etwas miteinander zu tun haben, offener Rassismus gegenüber Afrika und seiner Bevölkerung etc. – man mag kaum glauben, womit da gehandelt wird. Zugleich sind diese Nazis aber angesehen Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft, an deren Annehmlichkeiten sie gern partizipieren.

Schließlich kommt es zu einem ebenfalls wenig glaubwürdigen Showdown vor den Kameras und Mikrofonen der Weltpresse, bei der sich die Rechtsausleger und Ideologen plötzlich zu erkennen geben und zu Dummheiten neigen. Zu vieles in diesem Plot wirkt zusammengezimmert, irgendwie zusammengewürfelt, um einen Spannungsbogen herzustellen, der sich aus der Geschichte schlicht nicht ergibt. Zudem arbeiten Buch und Regie mit Klischees und Einfällen, die nur noch lächerlich wirken. So finden sich Holcroft und seine Geliebte in Berlin mitten in einer auf der Straße ausgelebten Orgie wieder, die irgendwo zwischen Gay-Parade, Hommage an die „wilden Zwanziger“ und römischer Dekadenz angesiedelt ist und dramaturgisch keinen Sinn macht, außer eine Gelegenheit zu bieten, in der man Helden Tennyson entführen kann. Noch peinlicher wirkt der Einfall, daß das nazistische Geschwisterpaar mit Allmachtsphantasien zugleich ein Liebespaar ist. Das sind Stereotype aus der untersten Schublade trivialpopulärer Vorstellungen von Nazis. So hat man den Eindruck, einen Film zu betrachten, der uneinheitlich, unseriös und völlig aus der Zeit gefallen ist. Das würde alles in die späten 60er passen, aber nicht in die 80er, in denen ganz andere Bedrohungen vorherrschten und ähnliche Thematiken sogar von Frankenheimer selbst besser präsentiert wurden, denkt man bspw. an DEAD-BANG.

Die Schlußszene des Films wird schließlich zur einzig wirklich berührenden. Wenn Noel Holcroft begriffen hat, daß die Frau, in die er sich verliebt hat, ihn hintergangen und letztlich zum Abschuß freigegeben hatte, spürt man durch Caines Darstellung echten Schmerz über ihre Entscheidung, sich selbst zu richten, als alles verloren scheint. In diesen Schlußminuten ist erstmals und einmalig in diesem Film eine eines John Frankenheimer, eines Michael Caine oder Edward Anhalt angemessene emotionale Kraft, eine wirkliche Intensität zu spüren. Einmal scheint der Film hier zu sich zu kommen und auch die Ernsthaftigkeit des Themas zu begreifen, dessen er sich angenommen hat.

So bleibt THE HOLCROFT COVENANT oftmals schlicht ein Ärgernis, ein Film, der kaum unterhält, wenig Spannung bietet und heute völlig überholt wirkt, wobei er dies, wie erwähnt, schon zu seiner Zeit gewesen ist. Michael Caine, der ein brillanter Mime ist, ist in vielen ähnlichen Produktionen zu finden, was möglicherweise schlicht dem Wunsch, Geld zu verdienen, geschuldet war. In seiner langen, langen Karriere muß man dieses Werk allerdings wirklich zu den Tiefpunkten zählen.

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