DAS UNSICHTBARE NETZ/NIGHT PEOPLE

Gregory Peck wird in ein "unsichtbares Netz" verstrickt

Der junge Corporal Leatherby (Ted Avery) wird in Berlin von sowjetischen Agenten entführt. Colonel Steve Van Dyke (Gregory Peck) wird damit beauftragt, die Situation zu klären, ohne unnötig Staub aufzuwirbeln. Da sich die Sowjets nicht erklären, im Gegenteil behaupten, von dem Zwischenfall nichts zu wissen, ist alles in der Schwebe. Ein für Leatherbys Vater – den Schmierölmagnaten Charles Leatherby (Broderick Crawford) – verständlicherweise nur schwer erträglicher Zustand. Er macht seinen Einfluß in Washington geltend und nutzt seine diversen Kontakte zu Senatoren und Kongreßabgeordneten, um höchstselbst nach Berlin zu reisen und den „Leuten dort auf die Finger zu schauen“, wie er es nennt. Derweil hat Van Dyke über die freie Agentin „Hoffy“ Hoffmeir (Anita Björk) Kontakt mit den Sowjets aufnehmen lassen. Endlich klärt sich die Lage: Ein in West-Berlin ansässiger Wissenschaftler und dessen Frau sollen gegen Leatherby jr. ausgetauscht werden. Van Dyke will die Sowjets hinhalten, erst recht, nachdem das Ehepaar versucht hat, sich mit Strychnin umzubringen. Die Angst, erneut einem totalitären Regime ausgeliefert zu werden – beide waren bereits Opfer der Nazi-Diktatur – hat sie zu dieser drastischen Maßnahme greifen lassen. Obwohl er bisher den Austausch forderte, besinnt sich Leatherby und bittet Van Dyke schließlich, seinen Jungen nicht gegen die Alten auszutauschen. Van Dyke gewinnt gehörigen Respekt vor dem Industriellen, den er zunächst wegen seines Auftretens verachtet hatte. Doch hatte der Colonel nie vor, das alte Paar wirklich auszutauschen. Auch er versteht sein Geschäft und gedenkt, mit Hoffys Hilfe den Sowjets ein Schnippchen zu schlagen…

Manchmal fragt man sich, wie die großen Stars der klassischen Hollywoodära eigentlich auf die manchmal enorme Anzahl ihrer Werke kamen. Durchforstet man dann ihre künstlerischen Vitae, stößt man häufiger auf Titel wie den vorliegenden: NIGHT PEOPLE (1953; zu Deutsch: DAS UNSICHTBARE NETZ), und begreift schließlich, daß es genau solche Filme waren, die manchen Star auf dreistellige Zahlen in seinem Oeuvre brachten. Heute fast vergessene, damals durchaus als mittlere Produktionen angesehene Genrefilme, wie es sie in den 50ern zuhauf gab. Im Verlauf des Kalten Krieges hatten sich dementsprechende Agenten- und Spionagethriller etabliert, die gern in Europa gedreht wurden wo die Produktionskosten und die Gagen für einheimische Darsteller weitaus geringer waren als in Hollywood. Hier sind es Marianne Koch oder Peter Van Eyck, deren Namen gerade dem deutschen Publikum gut geläufig sind, betrachtet man die Vorspann-Credits des Films, fällt auf, daß auch die technische Crew zu großen Teilen aus Deutschen bestand. So wurde dies  ein Polit- und Spionagethriller, angesiedelt im damals in Sektoren aufgeteilten Berlin, teils vor Ort gedreht, der temporeich und spannend zu unterhalten versteht.

Der verdiente Produzent der ‚20th Century Fox‘ Nunnally Johnson suchte nach einem Projekt, bei dem er erstmals Regie führen konnte, sein Freund Gregory Peck ermöglichte es, indem er bereit war, einen ausstehenden Vertragsfilm mit der ‚Fox‘ in die Hände des unerfahrenen Johnson zu legen. Der große Mann im Studio, Darryl F. Zanuck, gab schließlich sein Okay. Unter Johnsons an sich unauffälliger Regie kommt der Plot um einen durch die Sowjets entführten jungen amerikanischen Soldaten, die Bemühungen der Amerikaner um seine Freilassung und die Auseinandersetzungen Colonel van Dykes mit dem Vater des Jungen flott in Gang. Pecks Figur des aalglatten, immer freundlich lächelnden, dabei aber unterschwellig eine robuste Aggressivität ausstrahlenden Militärs und Geheimdienstmannes bringt Johnson gut zur Geltung. Das ebenfalls unter Johnsons Anleitung entstandene Script gibt Peck, aber auch den anderen wesentlichen Protagonisten wie Broderick Crawford als besorgtem Vater oder Anita Björk als heimlichtuerischer Doppelagentin „Hoffy“ eine Menge gute, geschliffene Dialoge und Szenen, die ihnen recht viel Spielraum lassen, ihre Figuren zu interpretieren.

Peck mochte die Rolle nach eigenen Angaben. Verständlich, ist es doch ein Part, der ihm die seltene Möglichkeit gibt, in einen seiner Charaktere ein bisschen Doppeldeutigkeit, ein klein wenig Widersprüchlichkeit und Ambivalenz einzubringen. Oft musste Peck als heldischer Gockel, manchmal auch als gockeliger Held, durch seine Filme schreiten, manches Mal hat sich der Schauspieler dann übernommen, wenn er unbedingt gegen sein Image anspielen wollte – hier trifft er ins Schwarze. Jovial und eloquent, im richtigen Moment in den Angriffsmodus schaltend, von fast schmieriger Freundlichkeit und doch eisige Kälte ausstrahlend, ist dieser Steve van Dyke einer der unergründlichsten Charaktere in Pecks Leinwandkarriere.

Er kann den besorgten, sich aber eben allzu großkotzig gebenden Vater des Soldaten abbügeln – eine Szene von herrlicher Intensität – und gleich im Anschluß fragen, ob man denn am Abend gemeinsam essen ginge; während des Essens fragt van Dyke sein Gegenüber dann aus, nur um schließlich unmißverständlich klarzustellen, wer der Boss ist und wer die Befehle gibt. Was der junge Kerl in sowjetischem Gewahrsam ihm eigentlich bedeutet, kann man kaum erahnen, mag man es auch lieber gar nicht wissen. Peck gelingt es, ohne eine einzige wirklich explizite Szene, die den zugrundeliegenden Charakterzug je ausstellen würde, diesen Van Dyke mit all dem auszustatten, was Vertreter der Schlapphutfraktion im Film künftig ausmachen würde. Brutalität hinter der Fassade des Gentlemans, eiskalte Analyse im Gewand eines erfahrenen Kosmopoliten, manierlicher Umgang und die stete Bereitschaft, Freund und Feind für einen Auftrag zu verraten. Ohne die Rolle und Pecks Darstellung nun größer machen zu wollen, als sie sind, kann man doch sagen, daß dies ein wenig den Charakter eins Prototyps hatte. Gerade die Souveränität, die Van Dyke selbst im Angesicht vollkommener Ungewißheit aufbringt, auch die Kaltblütigkeit gegenüber den Schicksalen anderer, antizipieren durchaus einen gewissen britischen Geheimagenten, der einige Jahre später die Leinwand betreten sollte.

NIGHT PEOPLE ist leidlich spannend, funktioniert aber durchaus als Spionagethriller und mündet im letzten Akt in eine vergleichsweise routiniert abgespulte Story um den Austausch von Agenten. Die Techtelmechtel mit van Dykes Sekretärin und die Wortgefechte mit seinem Adjutanten sorgen für ausreichend humoristische Einlagen, um die Situation aufzulockern, die Winkelzüge und Tricksereien, mit denen dann jeder gegen jeden zu arbeiten scheint, halten Spannung und Tempo hoch. Die Diskussionen mit Papa Leatherby sorgen sogar für einen gewissen Tiefgang, wird doch die Frage aufgeworfen, ob man für das eigene Kind bereit ist, ein jedwedes Leben über die Klinge springen zu lassen. Wie sich auf einmal die Kälte des Geheimagenten und die des verzweifelten Vaters gegenüber ihnen unbekannten Schicksalen ineinander spiegeln, das hat schon seine Art. Dabei vermitteln Pecks vorsichtige Versuche, Leatherby verständlich zu machen, daß die Realität, von der er als „wichtige Person des öffentlichen Lebens“, inklusive all der Kontakte, die ihn überhaupt erst nach Berlin gebracht haben, ausgeht, sich eklatant von einer Realität unterscheidet, in der die Entführung eines Soldaten ein Ereignis oder lediglich den vergleichsweise unwichtigen Auftakt zu einem viel größeren Ereignis bedeuten kann, durchaus gekonnt einen Hauch des surreal Kafkaesken, das die Geheimdienstwelt der Filme und Romane durchweht.

Will man sich Studien zum Kalten Krieg anschauen, so wird man in NIGHT PEOPLE einiges finden, das nur allzu typisch für Filme seiner Art in seiner Zeit war. Doch sollte man nicht vergessen, dies ist ein Gregory-Peck-Vertragsvehikel, ein Unterhaltungsfilm, der recht gekonnt auf der Klaviatur der zeitgenössischen Paranoia spielt, sich ansonsten diverser Klischees des Kalten Krieges bedient und doch immer noch vergleichsweise gut, sprich: spannend, funktioniert. Viel mehr wollte er nie sein, viel mehr sollte er nie erreichen.

 

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