DER KRIEG DES CHARLIE WILSON/CHARLIE WILSON`S WAR

Mike Nichols letzter Film ist ein zwiespätiges Vergnügen

Im April 1980 sieht der Kongreßabgeordnete Charles „Charlie“ Wilson (Tom Hanks) während einer Party in Las Vegas, bei der eine Menge Alkohol und andere Drogen konsumiert werden, eher zufällig ein TV-Feature der Fernsehlegende Dan Rather, der vom Kampf der Mudschahedin in Afghanistan gegen die Besatzung durch die Sowjets berichtet.

Zurück in Washington, wo allerlei für den Alkoholiker und Schürzenjäger Wilson eher nebensächliche Aufgaben warten – ein Abgesandter seines Wahlkreises in Texas fordert ihn auf, sich dafür einzusetzen, daß die Weihnachtskrippe gegenüber einer muslimischen Schule aufgestellt werden darf; der Sprecher des Repräsentantenhauses bittet ihn, einen Sitz im Ethikausschuß zu übernehmen, um einem Parteifreund beizuspringen, der in Schwierigkeiten steckt, was Wilson, der um seinen Ruf weiß, für keine allzu gute Idee hält – erkundigt er sich bei einem Vertreter des Verteidigungsauschuß, wie hoch das Budget für die Unterstützung der Kämpfer in Afghanistan sei und lässt es dann von 5 auf 10 Millionen Dollar verdoppeln.

Seine alte Freundin Joanne Herring (Julia Roberts) lädt Wilson zu sich nach Texas ein. Auf einer Party, zu der Wilson seine Assistentin Bonnie Bach (Amy Adams) mitnimmt, trifft er auf einen Haufen extrem rechter christlich-evangelikaler Millionäre. Herring, selbst eine sehr reiche Frau, erzkonservativ und vor allem Antikommunistin durch und durch, lässt einen Film über Afghanistan vorführen und sammelt unter ihren Freunden Geld, um den Kampf gegen die Sowjets zu unterstützen. Sie macht Wilson – mit dem sie während der Party ein Schäferstündchen einlegt, waren die beiden doch vor Zeiten einmal ein Paar und lassen ihre Liebe gern hin und wieder aufleben – klar, daß die 10 Mio. die der Kongreß für den Kampf in Afghanistan bewilligt, lächerlich seien und er dafür zu sorgen habe, daß das Budget aufgestockt werde, und zwar beträchtlich. Zudem teilt sie ihm mit, daß er nach Pakistan fliegen werde, sie habe ihm einen Termin bei Präsident Zia-ul-Haq (Om Puri) verschafft.

In Islamabad merkt Wilson, der die Sache eher als Anstandsbesuch betrachtet hatte, daß der Präsident und seine führenden Militärs nicht nur genauestens im Bilde sind, was die Vorgänge im Kongreß betrifft, sondern vor allem, daß sie sehr selbstbewußt auftreten und Forderungen stellen. Zia-ul-Haq fordert Wilson auf, ein Flüchtlingscamp in Peschawar zu besuchen. Wilson und Bonnie Bach fliegen hin und sehen nicht nur die fürchterlichen Verstümmelungen, die den Zivilisten zugefügt wurden, sondern hören auch jede Menge Gräuelgeschichten über das Vorgehen der sowjetischen Armee.

In Islamabad trifft Wilson den CIA-Stationsleiter und bietet ihm jedwede Summe an, um die Mudschahedin zu unterstützen, doch der Mann lehnt ab. Es würde auffallen, wenn amerikanische Waffen oder amerikanisches Geld plötzlich in großen Mengen in die Region flössen.

Zurück in den USA sieht sich Wilson mit Anschuldigungen konfrontiert, er habe auf der Party in Las Vegas Kokain geschnupft. Der Bundesanwalt Rudolph Giuliani habe Klage gegen ihn erhoben. Wilson, der sich in seinem Büro ausschließlich mit jungen Frauen umgibt, die nach ihrem Aussehen ausgesucht wurden und die durchweg „Pussy“ genannt werden, versichert seiner Assistentin und den Mitarbeiterinnen, daß er in Las Vegas definitiv kein Kokain geschnupft habe, woraufhin die „Presse-Pussy“ eine Mitteilung herausgibt, die alle Anschuldigungen für nichtig erklärt. Wilson macht sich so oder so wenig Sorgen, was die Vorwürfe betrifft.

Stattdessen erregt er sich über die CIA, die offensichtlich den Einmarsch der Sowjetarmee nach Afghansitan komplett verschlafen hat. Er bestellt einen CIA-Mitarbeiter zu sich, es soll jemand nicht unter einem Unterabteilungsleiter sein. Doch es erscheint der Führungsoffizier Gust Avrakotos (Philip Seymour Hoffman), ein alter Haudegen, der schon in Griechenland daran beteiligt war, Wahlen zu fälschen und ein den USA genehmes Regime zu installieren. Er hatte gerade einmal mehr Ärger mit seinem Vorgesetzten und möchte eigentlich wieder „an die Front“. Nach anfänglichem Zaudern und mißtrauischem Beschnuppern schließen Wilson und Avrakotos einen Pakt, um gegen die Sowjetunion zu kämpfen.

Avrakotos hat Kontakte zu Waffenexperten und Waffenlieferanten, Wilson politische Verbindungen u.a. nach Israel, wo er vor allem alte sowjetische Waffen zu finden hofft, da es unklug wäre, amerikanische Waffen nach Afghanistan zu schleusen. So bildet sich bald eine geheime internationale Koalition aus Charlie Wilson, Gust Avrakotos, Joanne Herring, israelischen Mittelsmännern, die teils beim Mossad arbeiten, den Pakistanis und saudischen und ägyptischen Zwischenhändlern. In großem Stil werden die Mudschahedin beliefert.

Doch bald schon wird klar, daß es mehr und vor allem teurere Waffen braucht, damit die Kämpfer in den Bergen gegen die hochgerüsteten sowjetischen Kampfhubschrauber und schweren Panzer vorgehen können. Wilson kämpft für die Erhöhung des Budgets, muß dazu jedoch den Ausschußvorsitzenden Clarence „Doc“ Long (Ned Beatty) überzeugen. Dieser, ebenfalls ultrakonservativ aber kein Freund von Fundamentalisten, will nicht so recht. Wilson bittet Herring um Hilfe und diese kann den sehr religiösen Long dafür gewinnen, mit Wilson in das Flüchtlingscamp nach Pakistan zu reisen. Dort ist der Ausschußvorsitzende schnell von dem Mut und dem tiefen Glauben der Mudschahedin ergriffen und erklärt ihnen seine volle Unterstützung. Er lässt sich sogar dazu hinreißen, am Ende seiner Rede „Allahu Akbar!“ zu rufen. Die Kämpfer jubeln ihm begeistert zu.

Schnell wird das Budget nicht auf die von Charlie Wilson geforderten 40 Mio., sondern gleich auf 80 Mio. Dollar erhöht. Obwohl er gegen diverse Kontrollinstanzen und vor allem den Logan Act verstößt, der es amerikanischen Bürgern untersagt, an der Regierung vorbei mit ausländischen Regierungen oder Behörden in Krisengebieten zu verhandeln, und obwohl er mit Saudi-Arabien und Ägypten eindeutig als Diktaturen gekennzeichnete Länder in seine Allianz geholt hat, wird Charlie Wilson nicht daran gehindert, weiter Waffen und Gelder nach Afghanistan zu schleusen.

Als „Doc“ Long den Ausschußvorsitz verliert, wird John Murtha sein Nachfolger. Es ist eben jener Mann, wegen dem Wilson in den Ethikausschuß eintrat, um ihn zu schützen. Nun hat Wilson bei ihm etwas gut und muß keine Kürzungen des Budgets für Afghanistan befürchten.

Im Laufe der Jahre erreicht die Höhe des Budgets schließlich 500 Mio. Dollar. Saudi-Arabien verdoppelt den Betrag und so stehen den Mudschahedin schließlich nahezu eine Milliarde Dollar zur Verfügung. Avrakotos gelingt es, die Kämpfer mit Boden-Luft-Raketen und schließlich mit den neuartigen Stinger-Raketen auszustatten, die extrem effektiv gegen die sowjetischen Hubschrauber eingesetzt werden und sogar Flugzeuge des Gegners vom Himmel holen können.

Der sowjetische Krieg wird zu einem Abnutzungskrieg, wie ihn die Vereinigten Staaten zwanzig Jahre zuvor in Vietnam führten. Weder lohnt sich die Besatzung Afghanistans militärisch, noch wirtschaftlich. So zieht sich die Sowjetunion 1988 aus dem Land zurück.

Nun bittet Wilson in den Ausschüssen um eine Mio. Dollar zum Wiederaufbau des Landes. Vor allem Schulen, Krankenhäuser und die Infrastruktur seien betroffen. Doch niemand will das hören. Es interessiere sich niemand in Amerika für ein Land wie Afghanistan. Wilson weist daraufhin, daß es im Land Unmengen von Waffen, aber kaum eine zivile Struktur gäbe, stößt aber auf taube Ohren.

Bei einer Siegesparty, die Joanne Herring gibt, nimmt Avrakotos Wilson zur Seite. Auch der CIA-Agent ist skeptisch, was die Entwicklung in Afghanistan angeht. Er erklärt Charlie Wilson, daß es immer eine Frage der Perspektive sei, wer gewonnen und wer verloren habe.

Charlie Wilson wird schließlich als erster und einziger Zivilist mit der höchsten Ehrung bedacht, die die CIA zu vergeben hat – als Honored Colleague. Ergriffen und in Anwesenheit von Herring und Avrakotos nimmt er sie entgegen.

Wenn ein Altmeister sein Spätwerk vorlegt, wie geht man damit um? Bewundert man die Souveränität, mit der er sein Material beherrscht und sieht geflissentlich über etwaige Schwächen hinweg? Oder geht man mit ihm um, wie man wohl mit jedem anderen Regisseur, Autor oder Musiker umginge und zählt die Schwächen gnadenlos auf? Mike Nichols ist ein gutes Beispiel für solch einen Konflikt. Der Mann, der uns Meisterwerke wie WHO`S AFRAID OF VIRGINIA WOOLF? (1966), THE GRADUATE (1967) oder SILKWOOD (1983) beschert hat, schloß seine lange Karriere mit dem Politthriller im Gewande einer Farce verkleideten CHARLIE WILSON´S WAR (2007) ab. Basierend auf dem (fast) gleichnamigen Buch von George Crile hatte Aaron Sorkin ein Drehbuch verfasst, das die Geschichte der „längsten verdeckten Operation“ in der Geschichte der Vereinigten Staaten erzählte.

Charles Nesbitt Wilson war ein texanischer Kongreßabgeordneter der Demokratischen Partei, der als jener Mann in die Geschichte einging, der mehr oder weniger im Alleingang die Finanzierung und militärische Unterstützung der Mudschahedin in Afghanistan während der sowjetischen Okkupation (1979-1988) organisierte. Unterstützt wurde er dabei von der ebenfalls aus Texas stammenden Multimillionärin Joanne Herring, die dem ultrarechten, christlich-evangelikalen und zutiefst antikommunistischen Lager zuzurechnen war und zunächst im Alleingang Finanzhilfen für Afghanistan sammelte und bereitstellte. Zudem suchte Wilson die Nähe zu Gust Avrakotos, einem CIA-Mann alten Schrot und Korns, der Verbindungen zu Waffenexperten, aber auch Waffenlieferanten im Nahen und Mittleren Osten herstellte. Im Laufe der Jahre gelang es Wilson, das Budget, das der Verteidigungsausschuß für Operationen in Afghanistan zur Verfügung stellte, zu verhundertfachten, aber auch, daß Gelder aus Saudi-Arabien und Pakistan mit in die Operation einflossen und die Kämpfer in Afghanistan mit immer besseren Waffen ausgestattet wurden, wobei er und seine Getreuen sorgfältig darauf achteten, daß die Waffen aus sowjetischer Produktion oder Israel stammten, um die USA aus internationalen Verwicklungen herauszuhalten. Als die Sowjets 1988 endgültig aus Afghanistan abzogen, proklamierten Wilson, Herring und Avrakotos den „Sieg“ der Mudschahedin vor allem für sich, wobei sie nicht ahnten, daß sie ultrareligiösen Kämpfern Waffen, Munition und Taktiken vermittelt hatten, die sich später gegen die USA selbst richten würden. Einer dieser Kämpfer war ein junger Mann namens Osama bin Laden, Drahtzieher der Anschläge auf das World Trade Center im September 2001.

Nichols Film, mit ca. 75 Millionen Dollar Budgetkosten eine auch für die 00er-Jahre noch halbwegs kostengünstige Produktion, die immerhin mit Stars wie Tom Hanks, Julia Roberts und Philip Seymour Hoffman, aber auch Granden der Charakterdarstellung wie Ned Beatty aufwarten kann, widmet sich dem Krieg durchaus ernsthaft, wenn er Wilson ein Flüchtlingslager an der pakistanisch-afghanischen Grenze besuchen lässt, wobei er Zeuge der fürchterlichen Leiden der Zivilbevölkerung wird. Doch das eigentliche Interesse des Films gilt den verzweigten und komplizierten Wegen in Washington.

Eine Hand wäscht die andere, Deals werden in Whirl Pools abgeschlossen, Budgetfragen hin- und hergeschoben und dabei wird eine Menge getrunken. Charlie Wilson immer mittendrin. Der Mann – bekennender Whiskeyfreund und Schürzenjäger, der zumindest im Film eine Daueraffäre mit Herring unterhält, bis diese schließlich heiratet – vertritt nach eigener Aussage den „glücklichsten Wahlkreis Amerikas“, was ihm enorme Beinfreiheit verschafft. Er kann, auch dies nach eigener Aussage, Dinge bewegen, weil er viele, viele Kontakte hat und ihm niemand daheim so genau auf die Finger schaut, wie und wo er seine Ja- und wo seine Nein-Stimmen abgibt. Auch diverse Skandale um seinen Drogengenuß und Frauengeschichten überstand Wilson recht problemlos.

Um eine solche Geschichte, die auf den Korridoren der Macht spielt, glaubwürdig zu präsentieren, braucht es einen sehr glaubwürdigen Look. Nichols und seinem Team aus Set-Designern und Art-Directors ist es gelungen, bei einem eher mittelmäßigen Budget genau diesen Look herzustellen, was dem Film Glaubwürdigkeit und eine gewisse Authentizität verleiht. Und so entspinnt sich das Drama als Farce – oder die Farce im Drama – in den mondänen Hotels und Kongreßhallen, in Büros voller Ledersofas und in den Häusern der Reichen und Schönen, auf Gartenpartys und in schummrigen, gemütlichen Bars, aber auch im grellen Licht der sengenden Sonne des Mittleren Ostens.

In diesem Setting zeigt Nichols eine korrupte Elite, die ihre geheimen Agenden verfolgt, eine Welt, in der Geld bewegt wird wie Jetons und Chips im Spielkasino, eine geschlossene Gesellschaft, die wenig noch gemein hat mit der Welt ihrer Wähler. Männer wie Charlie Wilson bewegen sich darin, wie Fische im Wasser. Er ist ein Kerl alten Schlags, ein Politiker, wie ihn Amerika über gut 200 Jahre immer wieder hervorgebracht hat. Er sorgt dafür, daß sein Wahlkreis mit guten Geldern für Infrastruktur und Wirtschaftsentwicklung versorgt wird, befriedet Streitereien, so gut es geht und hat dafür Handlungsfreiheit dort, wo er seine ganz eigenen Interessen verfolgt. Charlie Wilson ist aber auch eine Marionette. Wenn seine ehemalige Geliebte ihm mehr oder weniger befiehlt, nach Pakistan zu reisen, dann folgt Wilson dieser Anweisung. Wenn Herring fordert, daß er dafür zu sorgen habe, daß die Gelder aufgestockt werden, sorgt er dafür, daß sie aufgestockt werden. Überdeutlich springt hier dem Zuschauer das entgegen, was man lange schon über die USA weiß: Geld regiert. Politik wird oft außerhalb der heiligen Hallen des Kongresses oder des Senats gemacht, sondern auf Ranches und in Hinterzimmern von Privathäusern, wo sich Menschen mit Interessen, meist ökonomischer Natur treffen und Beschlüsse fassen, die sie – persönlich oder als Teil einer Lobby – in Washington durchsetzen. Ein Mann wie Charlie Wilson ist dabei nützlich, aber er ist durchaus auch mächtig. Es ist ein Wechselspiel, ein Hin und Her, und Nichoils´ Film deutet an, daß der Gewinner dabei nicht zwingend feststeht.

Dabei ist Wilson nicht in dem Sinne korrupt (und damit angreifbar), daß er Gelder zu seiner persönlichen Bereicherung annimmt oder sich für halbseidene Geschäfte einspannen lässt. Korrupt ist er vielmehr in dem Sinne, daß er, über Parteigrenzen hinweg, Mehrheiten organisiert oder mit seiner Stimme schafft, indem er in den „richtigen“ Ausschüssen den „richtigen“ Leuten folgt, bei denen er dann Gefallen einfordern kann. Seine Anliegen allerdings sind politischer Natur. Er ist ein überzeugter Antikommunist und der Kampf gegen die Sowjetunion in Afghanistan ist ihm – daran lässt der Film keinen Zweifel und so weit man es weiß, entspricht dies der Wirklichkeit – ein ehrliches Anliegen. Daß er sich dafür mit teils faschistoiden Figuren wie Herring und zwielichtigen Männern wie Avrakotos einlassen muß, stört ihn nicht. Das gemeinsame Ziel ist entscheidend.

Darin aber liegt die große Schwäche des Films. Bei all seiner schauspielerischen Grandezza, der wirklich überzeugenden Ausstattung, Stephen Goldblatts eleganter und auch eindringlicher Kameraarbeit, bei all dem offenen und versteckten Witz, den Sorkins Drehbuch bietet, weiß man bei CHARLIE WILSON`S WAR nie, woran man eigentlich ist. Will Nichols, dessen Inszenierung ebenfalls gewohnt elegant, fließend und sehr, sehr souverän ist – vor allem die Szenen im Kongreß überzeugen, wenn Goldblatts Kamera in endlosen Fahrten vor Wilson hinweggleitet, während dieser abwechselnd seiner Assistentin Anweisungen gibt, Kollegen grüßt, im Vorbeigehen Meetings vereinbart und dabei auch noch hier und da lobende Worte für den einen oder anderen übrighat – einen Mann vorführen, dessen Überzeugungen sehr anpassungsfähig sind, der, außer seinen Antikommunismus, keine festen Prinzipien vertritt, dafür aber aus Versehen vielleicht das Richtige tut (wobei man darüber streiten kann, ob Wilsons EInfluß in Afghanistan das „Richtige“ gewesen ist)? Will Nichols ein System entlarven, das sich längst vom demokratischen Prozeß entkoppelt hat?  Oder will er, wie einige Kritiker monierten, eigentlich genau diese „Tugenden“, diesen Mann feiern? Sowohl Criles Buch und – folgerichtig – also auch Nichols´ Film halten sich nicht unbedingt an Fakten, sparen die eher unappetitlichen Details aus, die zeitgleich vonstattengegangene Iran-Contra-Affäre findet mit keinem Wort Erwähnung und daß Wilsons Handeln letztendlich Monster gebar, wird in der letzten Szene des Films zwar angedeutet, allerdings so dezent, daß das Publikum getrost darüber hinwegsehen kann.

CHARLIE WILSON`S WAR ist ein hervorragender Ensemblefilm mit herausragenden Darstellern, es ist ein hübsches Stück scheinbar liberalen Kinos in einer Zeit, da Blockbuster und Sequels Hollywood bestimmten und politisch konnotiertes Kino bestenfalls noch von Leuten wie Steven Spielberg zu realisieren war. Es ist ein manchmal sehr komischer, manchmal ein sehr ernsthafter Film, der sein Sujet ernstnimmt und deshalb glaubwürdig darstellen kann. Aber ist es wirklich eine Satire? Gemessen an Nichols eigenen Arbeiten wie der Joseph-Heller-Verfilmung CATCH 22 (1970) ist er bei Weitem nicht böse genug, ist sein Witz oft doch eher oberflächlich, selten tut das, was man auf der Leinwand geboten bekommt, wirklich weh. Eine wirkliche Heldengeschichte ist es allerdings auch nicht. Nichols gelingt es durchaus, die Verlogenheit einer Nation darzustellen, die gern Stellvertreter kämpfen, töten und vor allem sterben lässt. Besonders jene Szene, in der der Abgeordnete Clarence Long, gespielt von Ned Beatty, in einem afghanischen Flüchtlingslager eine große Rede über Freiheit und darüber schwingt, wie man sie zu erkämpfen habe, wobei die Verwundung seines Sohnes in Vietnam – ein weiterer Stellvertreterkonflikt während des Kalten Krieges – als Gütesiegel seiner Überzeugungen herhalten muß, verdeutlicht diese Verlogenheit. Denn kein Amerikaner wird in den Bergen sterben, es werden die jungen Afghanen und – auch darauf zu verweisen drückt sich Nichols nicht – junge Russen sein, die sterben. In etlichen Realaufnahmen sehen wir immer wieder, wie sowjetische Hubschrauber, Flugzeuge und Panzer mit den durch Wilson zur Verfügung gestellten Waffen zerstört werden. Und auch, wenn wir zuvor die verheerenden Wirkungen von Luftangriffen auf afghanische Dörfer sahen, verstehen wir den Unterschied zwischen inszenierten Bildern und Aufnahmen reeller Zerstörungen und – zwangsläufig – reeller Tode, die eintreten, wenn ein Hubschrauber in Flammen aufgeht.

Nein, Nichols gelingt nicht die Schärfe seiner eigenen früheren Anklagen gegen den Krieg, auch nicht die fast bösartige Schärfe von Barry Levinsons Polit-Satire WAG THE DOG (1997). Und so bleibt bei aller Unterhaltung, die CHARLIE WILSON`S WAR bietet, doch ein schaler Nachgeschmack. Feiert da vielleicht ein Liberaler – als den man Nichols zweifelsohne betrachten sollte – einen vermeintlich Liberalen, der aber reaktionär handelt, einen Politiker vom alten Schlag, der unter Umgehung rechtlicher Institutionen und Gesetzen und unter Ausnutzung aller politischen Tricks und Winkelzüge dem „bösen“ Kommunismus den vielleicht entscheidenden militärischen Schlag versetzt hat? So stark Mike Nichols letztes Werk als Film sein mag, als politische Aussage bleibt er zwiespältig.

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