FAIR GAME

Bitter, beängstigend - und wahr

Die CIA-Agentin Valerie Plames (Naomi Watts) soll diverse irakische Wissenschaftler kontaktieren und, wenn möglich, den Amerikanern als Quellen erschließen, ihr Ehemann Joseph Wilson (Sean Penn) in Niger herausfinden, ob hier ein Urandeal zwischen dem afrikanischen Land, welches er gut kennt, und Saddam Hussein stattfand (die Engländer meinen, diesem auf die Schliche gekommen zu sein). Je näher der Zeitpunkt rückt, da die USA vor den UN ihren Feldzug gegen den Irak erklären müssen (und wer erinnerte sich nicht mehr an Colin Powells ebenso traurige wie skurrile Versuche, mit seinen Merkblättchen die Welt zu überzeugen, daß Saddam ganz sicher über Massenvernichtungswaffen verfüge?), desto schwerer wiegt die Last, Erkenntnisse zu liefern. Schließlich wird der Druck auf die CIA nahezu unerträglich, bis schließlich höhere Befehlshaber sich entschließen, das Spiel der Regierung mitzuspielen. Als Wilsons Bericht aus Niger schlichtweg falsch widergegeben wird und er als Zeuge des Urandeals dasteht, antwortet er mit einem wütenden Artikel in der „New York Times“: „Was ich in Niger nicht fand“. Dies ist der Auslöser für den Sonderbeauftragten des Vizepräsidenten Scooter Libby, Wilsons Frau zu enttarnen, damit ihre ganze Grundlage als Agentin zu zerstören und somit diese Familie nicht nur beruflich, sondern auch privat an den Abgrund der Existenz zu führen. Und nebenbei werden die Leben von mehreren Dutzend Irakern, die der Amerikanerin vertraut haben, durch diese Entscheidungen beendet.

Der dem Film zugrunde liegende Fall der CIA-Agentin Valerie Plames, die vom Weißen Haus bloßgestellt wurde, um ihren Mann zu desavouieren, da dieser der Bush-Administration nicht zur Legitimation ihres Irak-Feldzuges verhelfen wollte, machte in den Jahren 2002-2003 Schlagzeilen und warf ein durchaus bezeichnendes Licht auf die Machenschaften dieser Regierung.

Doug Liman, der zuvor als Regisseur vor allem für den ersten Bourne-Film verantwortlich zeichnete und auch da schon einen eher ungewöhnlichen Agententhriller mit sehr kritischen Untertönen ablieferte, versteht es, diesen Film nicht zu einem rein „dokumentaristischen“ Film werden zu lassen, in dem einem die Figuren fremd blieben. Nein, dank einer herausragenden Crew an Darstellern in den Haupt- wie auch in den Nebenrollen – Naomi Watts (mit erstaunlichem Mut zur äußeren Durchschnittlichkeit) und Sean Penn, seit Jahr und Tag Hollywoods „linkes“ Gewissen, spielen die CIA-Agentin und ihren Mann – gelingt es, das Geschehen und wie es sich auf die Familie Wilson auswirkt, nachvollziehbar zu machen. So hat man es eben nicht nur mit einem spannenden Agentendrama, sondern auch gleich noch mit einem nachvollziehbaren und durchaus realistisch erzählten Ehedrama zu tun. Der ehemalige Botschafter, den Penn erstaunlich zurückhaltend spielt und dadurch mit viel Würde und Überzeugungskraft ausstattet, ist manchmal ein Raubautz, der durchaus in der Lage ist, eine Abendgesellschaft dadurch zu sprengen, daß er einen Gast ob dessen alltäglichen Rassismus („Was würdest du tun, wenn ein Mann mit Turban ins Flugzeug stiege, in dem deine Kinder sitzen?“) beleidigt; die Agentin Valerie Plames wiederum gefährdet ihr Eheleben dadurch, daß es durchaus vorkommen kann, daß sie morgens mit der Ankündigung aus dem Haus geht, nach Cleveland zu fliegen, dann aber gezeigt wird, daß sie sich in Assad oder anderswo im Nahen Osten aufhält. Zudem muß sie ununterbrochen lügen, vor Freunden und Bekannten, teils gegenüber ihrem Mann. In einer Szene wird Valerie von einer irakischen Ärztin, die sie unter Druck setzt, um an deren Bruder heranzukommen, der in Irak angeblich ein hohes Tier in der Atomkommission ist, gefragt, wie sie das könne, Menschen so einfach ins Gesicht zu lügen. Ihre Antwort: Sich immer bewußt sein, daß man lüge und zugleich niemals vergessen, was die Wahrheit sei. Durch solche Voraussetzungen wird deutlich, wie prekär das Familienleben der Wilsons (zu dem auch 2 Kinder gehören, die der Film allerdings – einer der wenigen Schwachpunkte – vollkommen vernachlässigt) bereits war, bevor der Druck durch die Regierung, also von außen, kam.

Man könnte sagen, daß dieser Film sich gerade darum dreht: Lügen. Wie ein ganzes Land bewußt belogen wurde; wie die Lügner sich in ihren Lügen einrichteten; wie jene, die die Wahrheit sagen wollten in einer kaum nachvollziehbaren Verdrehtheit selbst als Lügner dargestellt wurden; wie schließlich die Belogenen, also die Bürger dieses Landes, sich die als Lügen bekannten Aussagen zu Tatsachen umbogen, damit ihre eigene Erzählung („America the beautiful“) weiterhin stimmig bleiben konnte. Eine Szene, in der eine Journalistin Wilson in einem Restaurant vor seinen Gästen bloßzustellen versucht, zeigt diese Art des Sich-selbst-Belügens sehr eindringlich. Liman gelingt es, dies alles nicht in schwarz-weiß, also in gut-böse-Schemata zu inszenieren. Valerie wird als jemand gezeigt, die das Spiel beherrscht, es selbst spielt und immer eine Entschuldigung findet, sich vor sich selbst – und anderen – zu rechtfertigen. Sie wird erst in dem Moment kritisch gegenüber ihrem Arbeitgeber, als sie selbst in dessen Visier gerät. Daß es dem Film gelingt, diese Differenzierungen aufzugreifen und darzustellen, ist ihm hoch anzurechnen.

Mit Bruce McGill, einem Veteranen des Politthrillers und David Andrews als eiskaltem Scooter Libby stehen Liman dafür – neben einer ganzen Reihe sehr guter Charakterdarsteller – allerdings auch jene Schauspieler bis in die Nebenrollen zur Verfügung, die es braucht, um das angemessene Fluidum Washingtons einzufangen und auf der Leinwand rüberzubringen.

So entsteht einer der besten Politthriller der vergangenen Jahre, der es schafft Wut und Verstörung eines Amerikaners über sein eigenes Land zum Ausdruck zu bringen, ohne dabei in Platitüden zu verfallen. FAIR GAME  erinnert in seinem formalen und inhaltlichen Aufbau wie in seiner Haltung an ALL THE PRESIDENT`S MEN (1976) mit Redford/Hoffman, als auch – speziell was die Unübersichtlichkeit der von Valerie Plames beaufsichtigten Aktionen angeht – an SYRIANA (2005) mit George Clooney. Engagiertes Kino, spannend, informativ und aufwühlend!

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