DER SCHATZ DER SIERRA MADRE (Roman)

B. Travens Abenteuerroman ist ein zeitloses Dokument menschlicher Gier und sozialer Härten

Vielleicht ist es ein Irrtum, aber einmal angenommen, dass, wer sich an DER SCHATZ DER SIERRA MADRE (der Roman erschien 1927; die Verfilmung THE TREASURE OF THE SIERRA MADRE unter der Regie von John Huston 1948) erinnert, vor allem an den Film mit Humphrey Bogart denkt, man eben doch konzedieren muss, dass diesem wunderbaren Prototyp des Abenteuer-Genres ein Roman des deutschen Autors B. Traven zugrunde liegt. Eine Tatsache, die wahrscheinlich noch mehr in Vergessenheit geraten ist, als der Film selbst. Ist Hustons Film ein Paradebeispiel existenzialistischer Menschenbetrachtung, die universale Themen wie Gier und menschliche Niedertracht behandelt, so verfolgt Traven in seinem Roman eine doch deutlicher von sozialen und historischen Aspekten geprägte Spur. Und vergisst darüber nicht, sein Publikum mit einer spannenden Geschichte zu unterhalten.

Er erzählt in einer heutzutage allerdings doch häufig altertümlich anmutenden Sprache von Frank Dobbs – im Roman meist einfach „Dobbs“ oder mit Artikel „der Dobbs“ genannt – der sich irgendwo in Mexiko mit Bettelei und Gelegenheitsjobs durchschlägt. Nachdem er es als Lastenträger und auf dem Bau versucht hat, betrogen und ausgenutzt wurde, verschlägt es ihn gemeinsam mit zwei Kumpanen – Curtin und dem alten Howard – in das Hochland um Durango, wo sie nach Gold suchen und auch fündig werden. Eindringlich beschreibt Traven die Mühsal dieses Unterfangens, das in Filmen oft so leicht aussieht und zu großem Reichtum führt. Hier wird deutlich, dass es vor allem harte und entbehrungsreiche Arbeit ist, die zunächst gar nichts abwirft, da das Gold erst im Kontext einer Bank, also eines gesicherten institutionellen Systems, Wert erhält. In der Wildnis ist es weniger wert als Wasser oder ein Muli, der die Säcke mit dem Goldstaub trägt.

Genau diese Wahrnehmung, die aus eigener Anschauung gespeist sein dürfte, macht den Roman zu mehr denn einem packenden Abenteuerroman, der er aber eben auch ist. Nun ist sich die Wissenschaft nach wie vor nicht einig, wer sich hinter dem Pseudonym B. Traven eigentlich versteckt hielt. Folgt man dem aktuellen Wikipedia-Eintrag, so soll es sich bei Traven um den deutschen Gewerkschaftssekretär Otto Feige gehandelt habe, folgt man den Angaben in der diesem Text zugrundeliegenden Diogenes-Ausgabe, handelte es sich bei dem Schriftsteller um einen unehelichen Sohn Emil Rathenaus. Beide Quellen gehen aber davon aus, dass Traven unter dem Namen Ret Marut als Schauspieler und Regisseur tätig gewesen ist, sich unter diesem Namen auch als Anarchist hervorgetan habe. Als gesichert gilt, dass Traven ab 1924 – letztlich aufgrund seiner anarchistischen Betätigung und seiner Beteiligung an den revolutionären Umtrieben in München während der Räterepublik 1919 – nach einer regelrechten Flucht aus Deutschland in Mexiko gelebt hat.

Seine Geschichten sind also nicht einfach nur – wie bspw. im Falle von Karl May, mit dem er gelegentlich verglichen wird – gut ausgedachte Räuberpistolen, sondern durch Erleben und eben eigene Anschauung begründet und autorisiert. Zugleich merkt man seinem Schreiben die soziale und politische Aufmerksamkeit, ja Wachsamkeit, also auch ein Anliegen, immer an, ohne dabei den Eindruck zu gewinnen, didaktisch indoktriniert zu werden. So auch und gerade in diesem Roman.

Die Handlung ist tatsächlich vergleichsweise einfach und folgt den herkömmlichen Konventionen des Genres. Dobbs und seine Mitstreiter suchen und finden eine Goldader, sie holen das Mineral aus dem Berg, müssen sich einiger Banditen erwehren, beginnen irgendwann, sich untereinander zu misstrauen und schließlich werden sie voneinander getrennt, wobei Howard, der älteste der drei, als Humanist fungiert und seinen Anteil am Gold der Obhut seiner Kumpane überlässt, um einigen Indianern zu helfen, die ihn bitten, sich eines sterbenden Kindes anzunehmen. Howard ist die Instanz, die das Menschliche, Allzu-Menschliche kennt, auch an sich selbst, und der weiß, wovor man sich hüten muss, will man nicht dem „Fluch des Goldes“ erliegen. Und er ist es auch, der am Ende des Romans, wenn die ganze Arbeit für die Katz´ gewesen ist, das Gold sich in alle Himmelsrichtungen verteilt hat und er und Curtin – Dobbs lebt zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr – wieder mit denselben leeren Händen dastehen wie zu Beginn des Romans, in ein homerisches Gelächter ausbricht und all das vergebliche Tun als einen großen Witz begreift. Selten wurde der alte Spruch, dass, wolle man Gott zum Lachen bringen, man nur einen Plan zu schmieden bräuchte, literarisch so schön und sogar positiv belegt. Alles Streben ist letztlich umsonst.

Es ist also weniger das Handlungsgerüst, dass den Roman ausmacht, es sind die Feinheiten der Dialoge und die Beobachtungen in einzelnen Szenen. Und es ist, das sollte nicht verheimlicht werden, die Härte, die Traven seinem Buch einschreibt. Dass diese Männer alle schon verroht sind, erklärt sich vielleicht aus ihrer Geschichte. Dobbs zumindest war in Frankreich in den Schützengräben und führt seine dortigen Erlebnisse auch mehrfach an. Er leitet aus seinen Erfahrungen an der Front auch seine Haltung zu Mord und Totschlag ab und versucht, sein aufkommendes schlechtes Gewissen, nachdem er auf Curtin geschossen und diesen vermeintlich getötet hat, damit zu beruhigen, dass im Krieg das Töten ja auch ohne Konsequenzen möglich gewesen sei. Und jene, die den kleinen Mann, den einfachen Soldaten, in die Frontlinien der Gegner und damit in den sicheren Tod hatten laufen lassen, seien sicherlich die viel größeren Verbrecher gewesen. Eine Haltung, die man bis zu einem gewissen Grad sogar nachvollziehen kann. Dass es Dobbs aber eben nicht gelingt und er somit auch ein Opfer seines Gewissens wird, macht ihn menschlich und macht Travens Geschichte umso glaubwürdiger. Denn es zeigt, dass Menschen auch unter extremen Umständen und Widrigkeiten einen Kern menschlichen Anstands in sich tragen. Das macht den Text auch zu einem humanistischen Manifest, manchmal sogar im Ton einer Moritat. Gerade in seiner moralischen Grundhaltung müsste man Traven dann auch eher bei einem Autor wie Joseph Conrad verorten, denn bei einem Karl May. Denn wie Conrad nimmt Traven die Welt als Fremder und damit implizit auch sich als Fremden wahr; als jemanden, der sich seinen Reim auf die Haltung macht, mit der der europäische Fremde in die Welt eintritt und wie er sie behandelt.

So sind die drei Protagonisten Fremde in einem ihnen fremden Land, von dessen spezifischen Eigenarten – eine ethnisch gemischte Bevölkerung, die teils von den Spaniern abstammt, teils von Indigenen, und somit in sich schon gespalten und zerrissen ist; die fremde Sprache, die sie im Grunde kaum beherrschen; Gepflogenheiten, die sie nicht verstehen und die ihnen manches Mal sogar Angst, zumindest Unbehagen bereiten – sie wenig verstehen und auch nicht viel wissen wollen. Sie sind Glücksritter, vielleicht Flüchtlinge aus einem Leben, das nicht viel Zuversichtliches für sie vorgesehen hatte. Sie sind aber auch pragmatische Naturen, die ihr Schicksal selten beweinen, es stattdessen immer wieder – der „Alte“, Howard, steht exemplarisch gerade auch dafür – in die Hand nehmen und von vorn zu beginnen bereit sind. Dass sie es dabei mit Regeln und Gesetzen selbst nicht allzu genau nehmen, versteht sich fast von selbst. So beantragen sie keine Schürflizenz, was ihre ganze Sucherei zu einer recht prekären und um jeden Preis geheim zuhaltenden Angelegenheit macht.

Es zeugt aber eben auch von einer gewissen Herablassung gegenüber den Regeln und Konventionen des Gastlandes. Wie diese Fremden auf dieses Land blicken, wird in einer langen Geschichte deutlich, die Howard eines Nachts seinen Kumpanen erzählt. Darin geht es um eine Goldmine von unermesslicher Fülle, die ein Indio einem General vermacht. Diese Geschichte ist in sich schon eine Moritat über Gier und darüber, wie Menschen immer unglücklicher werden, je mehr sie haben, je mehr Reichtümer sie anhäufen. Howard warnt seine Kameraden mehrfach davor, zu gierig, zu anspruchsvoll zu werden – und er ist es, der sein eigentliches Glück schließlich in der ihm vom Indio-Stamm zugeschriebenen Rolle als Medizinmann findet, da es ihm gelungen ist, den Indiojungen vorm Tode zu retten. Howard ist der „Weise“, dem es gelingt, die eigenen Träume los- und sich zugleich auf etwas Neues, vielleicht Besseres einzulassen.

In der Psychologisierung dieser Figuren geht Traven zunächst aber nicht viel anders vor, als es John Huston später im Drehbuch für seinen Film getan hat. Die Motive der Figuren erklären sich mehr oder minder aus sich selbst heraus: Einmal Glück haben im Leben, einmal ein Vermögen machen und damit das „gute Dasein“ genießen, einmal materiell auf der Sonnenseite stehen. Motive, die gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts womöglich ein jeder gut nachvollziehen konnte; Motive, die extra und gesondert zu erklären nicht nötig gewesen wäre. Der grundlegende Unterschied zwischen dem Roman und dem Film ist die Beschreibung der sozialen Wirklichkeit. Und genau da wird der Roman eben wirklich interessant, auch nahezu Hundert Jahre nach seiner Erstveröffentlichung.

Denn Traven scheut sich nicht, diese Wirklichkeit in ihrer ganzen Brutalität und Trostlosigkeit zu beschreiben. Als ein vierter Mann auftaucht, der Curtin in das Lager der drei gefolgt ist, überlegen Dobbs, Howard und Curtin ganz offen und eben auch recht pragmatisch, ob es nicht am besten sei, den Neuankömmling einfach umzubringen. Als Banditen auftauchen, sind sie dann ganz froh, ihn zur Verstärkung bei sich zu haben. Er erzählt ihnen von einem Überfall, den diese Gangster auf einen Zug verübt haben und dabei wird Traven in der Beschreibung, die er dem Fremden in den Mund legt, überdeutlich. Wie hier Frauen und Kinder ohne scheu hingemetzelt wurden, wie wenig ein Menschenleben in einer brutalisierten und – auch daran lässt Traven keinen Zweifel aufkommen – verarmten Gesellschaft wert ist, wie der eigene Vorteil das Maß aller Dinge ist, das wird in diesen Abschnitten überdeutlich. Dann wieder verdeutlicht Traven aber auch, dass diese Gesellschaft auf allen Seiten erbarmungslos ist. Mehrfach wird geschildert, dass mit einmal gestellten Banditen kurzer Prozess – also eigentlich gar kein Prozess – gemacht wird. Sie werden kurzerhand an die Wand gestellt oder aufgeknüpft. Wenn Dobbs schließlich genau diesen Banditen in die Hände fällt – Banditen, die an seinem Gold gar nicht weiter interessiert sind, weil sie dessen Wert einerseits nicht erkennen, es mitten in der Wüste aber eben auch gar keinen Eigenwert besitzt – haben die kein Problem, ihn kurzerhand einen Kopf kürzer zu machen. Die Wirklichkeit, die Traven entwirft und schildert, ist gnadenlos und erbarmungslos.

Dabei scheut er sich nicht, das Geschehen im Großen wie im Kleinen zu kommentieren. Immer wieder wird deutlich, aus welcher Sicht er die Welt betrachtet – und es ist eine zumindest sozialistische Perspektive. Immer wieder lässt er Analysen und Betrachtungen einer kapitalistisch geprägten Welt einfließen, deren Beschreibung recht nüchtern ausfällt. So kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Traven an diesem Punkt seines Lebens zumindest einen gewissen Frieden mit dieser Welt geschlossen haben muss. Wenn er nicht schon resignativ war, in gewissem Sinne. Denn seine Äußerungen hinsichtlich der besitzenden Klassen, des Kapitalismus als Finanzsystems und als System der Ausbeutung lassen das Handeln von Dobbs, Curtin und Howard nicht als etwas Verwerfliches erscheinen, sondern eher als etwas Folgerichtiges. Und so will Howard über Dobbs, den Mann, der ihn betrogen und Curtin fast umgebracht hat, auch kein endgültiges Urteil sprechen. Im Gegenteil: Immerhin habe man fast ein Jahr Hand in Hand und Seite an Seite geschuftet und er selbst hätte in jüngeren Jahren vielleicht auch nicht anders gehandelt, als „der“ Dobbs es schließlich getan habe. So kann Howard selbst in seinem Widersacher noch den Menschen erblicken. Und in dessen Handeln eben menschliches Tun in seiner ganzen Schlechtigkeit.

DER SCHATZ DER SIERRA MADRE ist somit ein kluges, vor allem ist es ein lebenskluges Buch. Es ermöglicht Leser*innen des 21. Jahrhunderts Einblicke in das Denken, Fühlen und Handeln einer lange vergangenen, und doch gerade heute immer wieder beschworenen Epoche. Es erzählt aber auch ganz sachlich und nüchtern von Arbeit und ihrer Bedeutung unter prekären Bedingungen, womit keineswegs nur die Arbeit in der Goldmine gemeint ist. Zuvor wird recht ausführlich und anschaulich davon berichtet, was es bedeutet, Gelegenheitsjobs in der Fremde zu verrichten, für die man wenig und manchmal gar nicht bezahlt wird. Es erzählt davon, was Hunger und Verlorenheit in einer als feindlich, zumindest als indifferent wahrgenommenen Umwelt bedeuten. Und es bietet – das vor allem – Unterhaltung auf einem hohen, weil verbürgten Niveau.

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