DER WASSERTÄNZER/THE WATERDANCER

Eine kraftvolle Erzählung von der Underground Railroad

Als Colson Whitehead 2016 seinen Roman THE UNDERGROUND RAILROAD (Deutsch 2017) vorlegte, war man gespannt darauf, wie der Autor dieses wenig beachtete Kapitel der amerikanischen Geschichte, speziell der Geschichte der Sklaverei, verarbeiten würde. Die „Underground Railroad“ war eine lose Organisation, die sich im frühen 19. Jahrhundert darum bemühte, Schwarze aus der Gefangenschaft in den Südstaaten zu befreien und in den Norden oder nach Kanada zu verschaffen, wo sie in Freiheit leben konnten. Whitehead erzählte eindringlich von den Qualen und Schmerzen, die ein Leben in Unfreiheit bedeutete, nutzte die „Underground Railroad“ allerdings metaphorisch, oder, besser, anti-metaphorisch, wenn man so will, indem er von einer real existierenden unterirdischen Eisenbahn erzählte. Das schuf beeindruckende Sprachbilder und Beschreibungen, entsprach aber nicht der Realität, war die Bezeichnung doch eben eine metaphorische. Als Leser fragte man sich, wieso ein Autor, ein schwarzer dazu, nicht schlicht entlang der Realität erzählte, birgt die Geschichte doch genügend Stoff, ohne sie derart zu verfremden.

Ta-Nehisi Coates hat nun mit THE WATERDANCER (Original 2019; Deutsch: DER WASSERTÄNZER, 2020) einen großen Roman vorgelegt, der ebenfalls aus dem Innern der Organisation erzählt, sich dabei aber weitaus näher an der Realität orientiert. Hier wird die Organisation realistischer dargestellt als das, was sie wahrscheinlich war: Eben ein loses Netzwerk, bei dem einzelne Zellen oft auf eigene Rechnung arbeiteten und in dem es auch durchaus Unstimmigkeiten gab, wie man vorgehen wollte und welche Ziele man verfolgte. Erzählt wird die Geschichte von Hiram Walker. Dieser ist Sohn einer Sklavin und eines Plantagenbesitzers in Virginia. Er berichtet vom Leben auf der Plantage, die sich zu der Zeit, in der er aufwuchs – der Erzähler ist deutlich als älterer Mann gekennzeichnet, der mit dem Abstand der Jahre seine Geschichte vorträgt, was Reflektion und Richtigstellung zulässt – bereits im Niedergang befindet. Es ist eine Plantage, auf der hauptsächlich Tabak angebaut wird, deren Böden aber langsam erodieren und die deshalb immer magerere Erträge einbringt. Deshalb werden immer mehr der „Verpflichteten“, wie die deutsche Übersetzung die Sklaven häufig benennt, in den Süden, nach Louisiana, Alabama und Georgia verkauft.

Hiram, der aufgrund seiner Stellung als Sohn des Patriarchen Sonderrechte genießt, stellt eines Tages, als er mit seinem Halbbruder Maynard unterwegs ist, auf den er aufpassen soll, da dieser ein Hallodri und Tunichtgut ist, fest, daß er über eine seltsame Fähigkeit verfügt. Offenbar kann er sich per Gedankenkraft über gewisse Distanzen hinwegsetzen. Diese als „Konduktion“ bezeichnete Fähigkeit erregt die Aufmerksamkeit einer jungen Dame der Gesellschaft, die heimlich eine Station der „Underground Railroad“ aufgebaut hat. Sie möchte seine Begabung nutzen. So geht es im Fortgang der Geschichte nicht nur um Hirams Geschichte – wie er gen Norden flüchtet, dort den Underground näher kennenlernt, die Freiheit genießt, allerdings auch begreifen muß, daß Freiheit ein weiter Begriff ist, den ein jeder mit ganz eigenen Inhalten zu füllen hat, wie er dann wieder nach Virginia zurückkehrt, um dort für den Underground zu arbeiten und vor allem die Frau, die er liebt und seine Ersatzmama zu retten – sondern vor allem auch darum, wie er lernt, seine Begabung besser zu verstehen und sie schließlich auch bewusst zu nutzen.

Diese Begabung, die „Konduktion“, ist ein Element des magischen Realismus, wie man es aus der südamerikanischen Literatur der 60er, 70er und 80er Jahre kennt. Warum Coates auf solche Elemente zurückgreift, lässt sich nur erahnen. Auf jeden Fall verweist es auf den Mythos. Und der Mythos, daran lässt der Autor wenig Zweifel, spielt für die Sklaven des Südens eine wesentliche Rolle, um sich in einer fremden, lebensfeindlichen Umwelt, die sie schlicht nicht als Menschen wahrnimmt, einer eigenen Identität zu versichern. Afrika – für einige der Sklaven auf der Plantage noch reale Heimat, reale Erinnerung, für die in Amerika Geborenen aber nur eine Erzählung – bürgt für diesen Mythos. Afrika ist der Sehnsuchtsort, an den zurückzukehren Freiheit und vor allem Würde verspricht. Und so wird auf der Plantage sogar davon berichtet, wie eine Ahnin von Hiram einst sogar an die fünfzig Sklaven über das Meer zurück nach Afrika führte. Hiram selbst weiß von einer Frau, die irgendwo im Grenzland zwischen Virginia und Maryland leben soll und ebenfalls über die Gabe der „Konduktion“ verfügt. Und auch sie, die man gemeinhin „Moses“ nennt, ist schon ein halber Mythos, mindestens eine Legende. So ahnt er, daß er nicht der Einzige ist, der die Gabe besitzt.

Man kann darüber streiten, ob dieser Anschluß an den Bereich der Fantasy unbedingt notwendig ist für den Roman an sich. Vielleicht wäre er noch packender, wenn Coates schlicht aus dem Leben des Hiram Walker erzählte, ohne ihm übernatürliche Fähigkeiten zuzuschreiben. Doch liegt darin natürlich ein gewisser Trost. Der Trost, eigene Überlegenheit behaupten zu können. Sieht man von diesem für den Roman allerdings wesentlichen Element ab, erzählt Coates nämlich nicht nur stringent – vielleicht sogar etwas konventionell – sondern auch mit viel Kraft, ja Wucht, vom Leben auf den Plantagen. Dabei enthält er sich expliziter Darstellungen von Folter, Prügel, Strafen und Qual. Für ihn ist die Tatsache der Unfreiheit der eigentliche Skandal. Es braucht nicht noch all die Gewalt und die Schmach, die diese mit sich bringt, um dem Leser anschaulich vor Augen zu führen, was die Sklaverei im Süden der USA bedeutete. Allein der Fakt, daß Menschen Menschen als Ware behandeln, ihnen das Recht des Mensch-Seins absprechen und sie sich gefügig machen, reicht, um zu schockieren. Dafür findet Coates eindringliche Sprachbilder.

Es ist die Selbstermächtigung dieser Figuren, die den Leser glauben lässt. Coates Sklaven sind denkende Menschen, die vielleicht nicht über Bildung verfügen, jedoch über Lebensklugheit. Sie reflektieren ihre Situation und haben ein klares Bewußtsein davon, welch eine Ungerechtigkeit ihr Dasein bedeutet. Und sie sind in hohem Maße klüger als ihre „Besitzer“. Keiner der Tätigkeiten, die von Sklaven verrichtet werden und die schlicht dem alltäglichen Leben entsprechen – Wasser kochen, Essen zubereiten, die Hausarbeit erledigen etc. – sind diese Weißen, die Besitzer und Herrscher, mehr fähig. Sie sind in geradezu dialektischer Weise auf ihre Sklaven angewiesen, um das normale Leben überhaupt bestehen zu können. Doch besteht die innere Überlegenheit der Schwarzen nicht nur darin, sondern sie drückt sich auch in der Kenntnis vom Charakter der Weißen aus. Denn diese zu kennen, sie zu durchschauen, ist für die Schwarzen lebensnotwendig.

Die Weißen in diesem Roman – es kommen nicht nur Sklavenhalter vor, doch selbst diejenigen Weißen, die ebenfalls für die Sache der Freiheit kämpfen, kommen nicht unbedingt gut weg und vor allem zeigt Coates, daß sie letztlich für eine andere Sache kämpfen, eine christliche vielleicht, eine moralische, nicht aber ums nackte Überleben, was eine Kluft darstellt, die nicht zu überbrücken ist – sind oft dümmlich, gar degeneriert. Coates stellt damit das ganze System des Südens bloß, dessen wirtschaftliche Kraft auf der Sklavenarbeit beruhte und an sich schon etwas Anachronistisches hatte. Seine herrschenden Vertreter ergingen sich in Müßiggang und Ablenkung, Feste wurden gefeiert, Jagden veranstaltet, sie heiraten immer wieder innerfamiliär und die Sprösslinge sind zusehends dekadentere Figuren, allen voran Maynard, der früh im Buch das Zeitliche segnet und danach von Hiram lediglich beschrieben wird. In dieser Beschreibung liegt sogar eine Art Zuneigung, weil dieser Mensch nicht mehr in der Lage war, seinen Charakter hinter Höflichkeitsfloskeln und überkandidelten Manieren zu verbergen, sondern auch unter Seinesgleichen gnadenlos auffiel als Trunkenbold, Spieler und Hasardeur. So gesehen ist Maynard vielleicht die ehrlichste weiße Figur im Buch.

Anhand des Niedergangs der Plantage, auf der Hiram aufwuchs und zu der er schließlich auch zurückkehrt, wird aber ebenfalls klar, daß das System, das auf Sklaverei und gnadenloser Ausbeutung basierte, aus sich heraus nicht tragfähig war. Die „spezielle Lebensart“, für die schließlich vor allem die Armen des Südens in einen fürchterlichen Bürgerkrieg zogen, war kaum aufrecht zu erhalten in einer Welt, die sich zusehends industrialisierte. Und erst recht war dieses Feudalsystem, das sich in gewisser Weise am europäischen Adel orientierte, eben auch nur aufrecht zu erhalten, indem nicht nur Schwarze als Sklaven gehalten wurden, sondern auch auf eine weiße Unterschicht gestützt war, die ihrerseits wenig bis nichts hatte, selten Sklaven hielt und dahingehend ausgebeutet wurde, indem man sie die Drecksarbeit erledigen ließ. Immer wieder wird die Kraft der Erde (nicht des Bodens) beschworen, der die Menschen bindet – Schwarze wie Weiße. Die Besitzer, auch davon berichtet und Hiram, ziehen weiter, als die Plantagen des Ostens nichts mehr abwerfen. Sie hinterlassen im Wortsinn verbrannte Erde, gehen nach Westen, nach Tennessee und Kentucky, um dort neue Pflanzungen aufzubauen und den Kreislauf aus Ausbeutung, Gewalt und Unterdrückung erneut zu initiieren. Hirams Vater, der schließlich mutterseelenallein auf seiner Plantage sitzt, ist einer der wenigen, der sich nicht lösen kann oder mag, es nicht seinem Bruder gleichtut und ebenfalls gen Westen zieht. Für diesen Mann, den alten Walker, ist die Plantage Heimat, Zuhause.

Ein wesentlicher Aspekt, den Coates wie nebenbei herausarbeitet, ist somit gerade die Frage nach Heimat. Afrika – das ist die mythische Heimat. Doch die Plantage, auf der man geboren wurde, aufwuchs, die einem ein Zuhause war, ist ebenso Heimat. Auch und gerade für die Schwarzen. Immer wieder wird von Schicksalen berichtet, wo ganze Familien auseinandergerissen wurden, weil die Gutsbesitzer die Väter so oder so verkauften, aber auch Kindern die Mütter entrissen, wenn es darum ging, die Frauen in den Süden zu verschicken. Auch Hiram ist dies passiert. Und ihm fehlt ein wesentlicher Bestandteil, um die „Konduktion“ in den Griff zu bekommen und nutzen zu können: Die Erinnerung an seine Mutter. Deren Verlust war derart traumatisch für das damalige Kleinkind, daß er sie schlicht verdrängt hat. Doch wie „Moses“ Hiram lehrt, ist es gerade die Erinnerung – sowohl die individuelle als auch die kollektive – die dafür verantwortlich ist, daß die „Konduktion“ funktioniert. Und als Hiram schließlich seine Ziehmutter Thena befreien und in den Norden bringen will, wo er eine ihrer ihr einst entrissenen Töchter kennengelernt hat, sieht er sich mit einem ganz anderen Problem konfrontiert: Erinnerung kann auch eine ewig schwärende Wunde sein. Thena will ihm nicht folgen. Sie hatte fünf Kinder, die ihr alle genommen wurden. Sie hat ihr Leben gerade damit verbracht, sich nicht zu erinnern. Und Hiram reißt ihre Wunden wieder auf. Weit auf.

Coates gelingt es, dem Leser diese widersprüchlichen Gefühle zu verdeutlichen. Wie kann man den Ort, der Unfreiheit bedeutet, Schmerz und Verlust, zugleich als Heimat betrachten und nicht gegen die (vermeintliche?) Freiheit des Nordens eintauschen wollen? Und wann ist man wirklich frei? Wie will man frei leben, wenn Tausende der eigenen Leute weiterhin in Unfreiheit unter dem Joch der Sklaverei leben? Und ist die Flucht in den Mythos – vielleicht die Fantasie – wirklich eine Alternative? THE WATERDANCER wirft diese Fragen auf, ohne abschließende oder gar befriedigende Antworten zu finden. Die kann es, wahrscheinlich, auch nicht geben.

So oder so ist Ta-Nehisi Coates ein kraftvoller Roman gelungen, der im letzten Drittel ein wenig abfällt, da der Autor sich zusehends auf die private Motivation seines Ich-Erzählers konzentriert, wodurch auch die Story selbst konventioneller gerät. Zudem wiederholen sich gewisse Aspekte doch stark. Hirams Kampf um seine Erinnerungen, gerade die an seine Mutter, seine Flucht mit Thena, indem er die Konduktion erstmals vollumfänglich nutzt, und auch die Liebe zu Sophia, der Frau, der er verfallen zu sein glaubt und die ihn lehrt, daß sie zu lieben nur bedeuten kann, sie nicht zu „haben“, nicht zu „besitzen“, die ihm niemals „gehören“ wird – all jene Umschreibungen, die Liebende so gern nutzen, sind hier aus naheliegenden Gründen toxisch – sind leider auch literarisch nicht mehr so stark, wie die ersten zwei Drittel des Romans, die das Leben auf der Plantage und Hirams Weg in die Freiheit beschreiben.

Der Roman ist im Original in jenem African American Vernacular English geschrieben, welches in jüngster Zeit die schwarze Literatur der USA bestimmt. Dies zu übersetzen, ist nahezu unmöglich, will man nicht, wie es bspw. jahrzehntelang die Übersetzer eines William Faulkner getan haben, in einen künstlich nachempfundenen Slang verfallen, der die Sprechenden vor allem als dumm und ungebildet ausweist. Übersetzer Bernhard Robben weist in einer kurzen Nachbemerkung auf die Schwierigkeit hin, dieses Englisch adäquat ins Deutsche zu übertragen. So ist THE WATERDANCER vielleicht ein unübersetzbares Buch, verliert im Deutschen an Kraft – all das mag sein. Gelesen werden sollte es dennoch.

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