DIE STUNDE DER WAHREN EMPFINDUNG

Peter Handkes Versuch über die Entfremdung und wie mit ihr umzugehen sei

„Neue Innerlichkeit“, „egozentrische Ich-Bezogenheit“, „blanker Narzissmus“ – die Reihe abwertender Urteile über Peter Handkes Roman DIE STUNDE DER WAHREN EMPFINDUNG (erschienen 1975) war lang bei seinem Erscheinen. Es gab einige wenige Handke-Jünger, die den Meister verteidigten, es gab (man lese die online abrufbare Besprechung von Hellmuth Karasek im SPIEGEL) ein paar objektiv sich um Verständnis bemühende Rezensionen, im Großen und Ganzen jedoch wurde Handkes Entwicklung als „esoterisch“ abgetan. Seit Beginn der 70er wandte er sich einer radikalen Innenschau zu, machte das eigene Erleben und Empfinden zum Gegenstand seines Schreibens (ohne dabei jene Wege zu beschreiten, die später Autoren wie der Norweger Karl Ove Knausgård gingen; bei Handke bleibt immer die Welt im Blick – als Eigenständiges), was in jenen Jahren nach 1968 und der damit einhergehenden Politisierung vielleicht einer der wenigen gangbaren literarischen Wege gewesen sein mag, um aus den selbstgestellten Fallen auszubrechen.

Der Pressereferent der österreichischen Botschaft in Paris, Gregor Keuschnig, erwacht eines Morgens und hat geträumt, zum Mörder geworden zu sein. Er muß nun sein Leben so weiterführen, als sei nie etwas gewesen, doch spürt er die Ver-Rückung, wenn auf einmal die bis eben noch gültige und stimmige Außenfassade seines Daseins plötzlich zur Camouflage, zur Mimikry wird. In Folge des Traums wird Keuschnig von einem tiefsitzenden Ekel gegen die Welt, die Begriffe, die die Welt definieren, und auch gegen sich selbst, den vermeintlichen Mörder und Sich-Versteller, ergriffen. Zwei Tage folgt der Leser Keuschnig bei seinen Streifzügen durch Paris, seinen Versuchen, sich sich selbst zu entziehen und sich mit sich selbst zu konfrontieren. Immer stärker wird seine Abneigung gegen seine Umwelt, zugleich verhält er sich exakt, wie es im Traum gewesen ist: Hat er das Bedürfnis zu schreien oder seinen Mitmenschen unangenehme Wahrheiten ins Gesicht zu schleudern, bleibt er höflich und zuvorkommend. Er hat einige Begegnungen, manche intellektueller Art, einige sexueller Natur, die ihm aber letztlich die Entfremdung zur Welt nur bestätigen. Doch zunehmend begreift Keuschnig die Welt auch als eine Entität. Die Dinge treten hervor und werden „sie selbst“. Keine Signifikanten mehr, die ununterbrochen symbolisch auf anderes verweisen und nicht sie selbst sind, sondern nur noch für sich selbst stehend, erstrahlen die Dinge der Welt neu, wird die Ordnung der Dinge neu arrangiert. Und obwohl in den beschriebenen zwei Tagen entscheidende Ereignisse seines Lebens geschehen – seine Frau verlässt ihn, seine Tochter geht verloren, findet sich dann aber bald bei einem einst befreundeten Schriftsteller wieder, der ihr und Keuschnigs Frau Unterschlupf gewährt hat – findet der Held, oder, je nach dem, der Anti-Held dieser Erzählung zu sich selbst zurück, ja, er erlebt sich als einen neuen Menschen, der mit einem völlig neuen Blick auf die Welt und damit auch das Leben und mehr noch sich selbst in dieser Welt ausgestattet ist.

Man kann Gregor Keuschnig mit Karasek als Verwandten von Gregor Samsa aus Kafkas Erzählung DIE VERWANDLUNG (veröffentlicht 1915) betrachten, ganz sicher aber – allein die Hingabe, mit der Handke hier Paris beschreibt, legt dies schon nahe – ist Keuschnig ein Verwandter von Antoine Roquentin in Sartres LA NAUSÉE (DER EKEL, erschienen 1938). Keuschnigs Ekel erinnert stark an Roquentins Erfahrungen – allerdings findet Keuschnig einen anderen Zugang, bzw. Rückweg in die Welt. Werden Roquentin die Dinge, die Gegenstände und auch die natürlichen Erscheinungen der Welt, die ohne Bezeichnung nahezu nichts sind, zu Beweisen der Nicht-Existenz, bzw. der Nichtigkeit der Existenz, so entdeckt Keuschnig einen neuen Sinn gerade darin, die Dinge und Erscheinungen auf ihr eigentliches Wesen zurückzuführen und sie so „neu“ zu sehen. Neu in dem Sinne, daß er sie überhaupt zum ersten Mal „sieht“, wahrnimmt, wie sie sind. Die Existenz, das Dasein selbst, erklärt sich so aus sich selbst heraus und es liegt am Individuum – dies wiederum eine Engführung mit Sartre – , es richtig zu erkennen.

Einen Roman wie DIE STUNDE DER WAHREN EMPFINDUNG nahezu fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen zu lesen – wieder zu lesen – kann natürlich nicht der Erfahrung entsprechen, die es 1975 gewesen sein muß, ein solches Buch zu lesen. Daß ein Roman wie dieser in einer Zeit, in der das Politische als privat und das Private als zutiefst politisch deklariert wurde, in einer Zeit, in der es harte Kämpfe um die Frage gab, was das Erzählen, was Romane, also Fiktionen, überhaupt noch leisten können, als literarischer Skandal wahrgenommen wurde, ist leicht vorstellbar. Die Abkehr von allem (offensichtlich) Politischen, die Handke hier vornimmt, muß wie ein Affront gewirkt haben. Heutzutage allerdings ist dieser Roman eher interessant innerhalb der Werkgeschichte des Autors. Er hatte mit DIE ANGST DES TORMANNS BEIM ELFMETER (1970), DER KURZE BRIEF ZUM LANGEN ABSCHIED (1972) oder WUNSCHLOSES UNGLÜCK (1972) einen für ihn neuen Weg eingeschlagen, wie oben erwähnt. Er wandte sich von den Kämpfen seiner Generation ab und denen des eigenen Ichs zu, radikal und immer radikal sprachlich. Die genannten Titel – nach wie vor Großwerke der jüngeren deutschsprachigen Literatur – sind dabei allerdings weitaus zwingender als der vorliegende Band.

So sehr man in Gregor Keuschnigs Weg (Passionsweg?) auch das Exemplarische suchen und finden will, so sehr man sich müht, hier den großen Umbruch im Leben zu erhaschen, bei allem sprachmächtigen Zugriff auf das Innere dieses Menschen in Verwandlung, man kommt nicht umhin, auch wahrzunehmen, daß hier einer einfach sehr, sehr schlechte Laune hat. Und je länger die Erzählung voranschreitet – sieht man einmal vom letzten Kapitel ab – desto mehr drängt sich der Eindruck auf, daß man es hier mit einer sehr gelungen Innenschau der Midlife-Crisis eines Mannes zu Beginn der mittleren Jahre zu tun hat. Keuschnigs Abneigung gegen seine Nächsten ebenso wie seine Abneigung gegen die Welt an sich wirkt eben auch wie der Ekel eines Mannes, der plötzlich und mit einem Mal begreift, alles falsch gemacht zu haben, sich in (häuslichen) Verhältnissen eingerichtet zu haben, die ihn fesseln, ihn seiner Möglichkeiten berauben. Die hier gelegentlich recht expliziten Beschreibungen sexueller Handlungen, die für einen Text von Peter Handke eher unüblich sind, tun ihr Übriges dazu, einer solchen Lesart aus heutiger Sicht Vorschub zu leisten. Denn Gregor Keuschnig versichert sich so auch seiner selbst. Wortlos fallen er und eine Kollegin übereinander her und eine Fremde verabredet sich nolens volens mit ihm für einen der folgenden Abende. Keuschnigs „Marktwert“ scheint also durchaus noch hoch zu sein.

Andererseits wird das Sexuelle in seiner Wortlosigkeit auch selbst zu einem Zustand des reinen Empfindens, zu einem Hinweis auf das, was Keuschnig in seiner neuen Wahrnehmung widerfahren wird. Es ist, sieht man vom rein Biologischen ab, die eine Handlung, die aus sich selbst heraus Sinn macht, die aber sinniger Weise im Grunde keiner Worte, keiner Begriffe bedarf, um nicht nur ausgeführt, sondern auch beschrieben zu werden. Die Literatur kennt etliche Euphemismen, um den Liebesakt zu be- und zu umschreiben. Vielleicht neigt Handke genau aus diesem Grunde dazu, sie so genau, explizit eben, zu beschreiben.

DIE STUNDE DER WAHREN EMPFINDUNG kann heute kaum mehr halten, was sie damals ausgelöst hat. Es ist ein kurzer Roman, der sich ganz großer Themen annimmt und in seiner stilistischen Erscheinungsform doch auf das hinweist, was da kommen sollte in den folgenden Jahren bis hin zum weltliterarischen Ereignis von MEIN JAHR IN DER NIEMANDSBUCHT (1994). Vielleicht eher ein Werk für Handke-Exegeten. Und eines für diejenigen, die sich fragen, wie sich die deutschsprachige Literatur in jenen bewegten 70er Jahren veränderte, was ihre wesentlichen Bewegungen waren. Denn zu diesen Bewegungen ist dieser Roman ganz sicher zu zählen.

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