DIE WIEDERHOLUNG

Peter Handkes Meisterwerk aus den lang vergangenen 1980er Jahren - unbedingt wieder lesen!

In einer ihrer ersten Reaktionen auf den ihr verliehenen Nobel-Preis für Literatur, sagte die Österreicherin Elfriede Jelinek, daß sie es ungerecht fände, weil nie im Leben bald erneut ein Österreicher den Preis bekäme und wenn, dann habe Peter Handke ihn verdient. Bedenkt man die qualitative Fülle der österreichischen Literatur, möchte man annehmen, daß auch die Akademie zu der Erkenntnis in der Lage sein wird, diesem kleinen aber feinen Land der Weltliteratur auch in kurzem Intervall den trotz allem immer noch wichtigsten Literaturpreis, den es weltweit zu vergeben gibt, zuzugedenken. Ansonsten nämlich müsste man Jelinek bei aller Bewunderung ihres literarischen Könnens unumwunden recht geben.

Die (verspätete) Lektüre der WIEDERHOLUNG, erschienen 1986, bestärkt diesen Eindruck einmal mehr. Mit der Kenntnis späterer Werke wie dem JAHR IN DER NIEMANDSBUCHT (1994), dem BILDVERLUST (2002) oder der MORAWISCHEN NACHT (2008) spürt man in diesem Text, wie sich der Autor wandelt. Kein Vergleich mehr zu früheren Texten, obwohl auch hier postuliert wird, das es die Erzählung sei, die alles überstrahle, die letztlich das Leben zurückhole: Die Erzählung ist hier längst gewichen: Einer Erkundung. Handke erkundet die Sprache als Weltmittler, ja Welt-Ermittler. Denn was, außer Sprache, lässt uns die Welt begreifen? Wollen wir aus der phänomenologischen Objektwelt in eine ontologisch erfassbare Referenz, wird uns nichts bleiben, außer den diversen Sprach-, Zeichen- und also Textsystemen.

Trotz etlicher Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten, sollte man nicht den Fehler begehen, den uns als Erzähler ebenso egozentrisch wie seltsam transparent begegnenden Filip Kobal mit dem Autor Peter Handke gleichzusetzen. Denn das würde die Lektüre zugleich erschweren, suchte man doch immer nach der Biographie des Autors, und zu stark vereinfachen, würde es dem Leser doch in Momenten des Verdutzt-Seins, der literarischen Schwierigkeit zu schnell einen Ausweg bieten, sich auf Handkes eigenes Leben zu stützen und dort „Erklärung“ zu finden, wo es möglicherweise keine Erklärung im herkömmlichen Sinne gibt.

Filip Kobal erzählt uns davon, wie er zwanzig Jahre vor der Niederschrift seines Textes, nach dem Abitur, anstatt mit den Kameraden ins sonnige Griechenland zu reisen, einen Trip nach Slowenien unternommen hat, den im Krieg verschollenen Bruder wenn nicht zu finden, so doch, ihm nachzuspüren, ihn „wieder zu holen“. Ausgestattet mit einem Garten- und Landwirtschaftsbuch, in welchem der Ältere seine Kenntnisse dazu niedergeschrieben hat, macht sich Kobal also auf, bis hinunter in den Karst, jenes unwirtliche Land, das sich an die Triester Bucht anschließt und das ihm, Kobal, zu einem Spiegel der Seele, zu einer Urlandschaft, zum Ausgangspunkt wird, von dem her nicht nur „Land“ oder „Erde“, sondern auch „Ich“ oder „Bruder“ oder „Familie“ oder „Heimat“ gedacht werden können. Im Karst, so stellt Kobal am Ende seiner Reise/seines Textes fest, im Karst erst war es ihm möglich – entschlackt aller Sehnsüchte, frei von dem Wunsch zu verstehen, aufgehend im Wunsch zu schaffen, sich den Bruder als Erzählung neu zu erschreiben, sich ihm und ihn sich (neu) einzuschreiben – den tieferen Sinn oder vielleicht Un-Sinn seiner Unternehmung zu erfassen. Hier erst, am Ende seiner „Erzählung“, wird der Erzähler Handke wieder zu sich finden und, sollte DIE WIEDERHOLUNG wirklich die Summe seines bisherigen Werkes sein, wie Martin Lüdke es sieht, den (sprachlichen) Grund erkennen, von welchem aus er sich aufmachen konnte, sein späteres Werken und Wirken in Gang zu setzen.

In drei Teilen, vielleicht drei Erzählungen, kommt uns diese WIEDERHOLUNG entgegen. Zunächst macht er sich auf, der junge Mann und verliert sich umgehend in der Erzählung seiner Familie. Da sind Anklänge an Prousts berühmte „Madeleine“, wenn Kobal die Haut eines Milchkaffees fortträgt in Erinnerungen, die kaum die eigenen sein können. Die Fremde und die Ent-Fremdung einer Familie, die vor nicht allzu vielen Generationen aus dem Slowenischen ins Österreichische kam, dort zwar „Fuß fassen“ konnte, jedoch nie wirklich heimisch wurde, sind die herrschenden Themen, vermischt mit sehr persönlichen Stimmungen, Gefühlen und Ansichten. Kobal verliert sich.

Der zweite Teil, der Aufbruch und die ersten Eindrücke der „neuen“ Welt, die der junge Mann in der „alten Welt“ seiner Familie antrifft, bietet sich dem Leser als der gängigste, zugänglichste Teil der Erzählung, des Textes an. Doch hier auch wird uns Kobal zunächst unsympathisch, scheint doch alles Aneignung, sein ganzer Zugriff auf „Welt“ lediglich auf ihn bezogen, möglicherweise aus ihm kommend. Welt als „Ich“. Und die Ich-Werdung durch Welt in der Welt. Endloser Ego-Zentrismus, will dem Leser scheinen, alles wird zum direkten Bezug auf das Eigene: Menschen, Situationen, die Umgebung. Scheibar nichts und niemand steht für sich, alles bezieht sich auf Kobal. Und wir ahnen, daß Welterfahrung, Welterkenntnis, wohl letztlich nur so funktionieren kann, denn was könnte Welt erfahren, erkennen, erwirken – außer dem „Ich“?

Es sind die kleinen sprachlichen Stolpersteine, die Widerhaken, die diesen Seiten auch einen untergründigen Witz einschreiben. Da wird der Vater erzählt, wie er „keinmal“ auf den Stufen vor dem Haus saß oder auf einer Bank, die nicht daheim, sondern in einem entfernten Dorf steht. Dieses „Keinmal“ gefällt dem Autor (Kobal? Handke?) derart gut, daß es auf 17 Seiten viermal genutzt wird, um dann ca. 120 Seiten lang nicht mehr aufzutauchen und uns im dritten Teil – dem wohl unzugänglichsten dieses Buches und zugleich wesentlichen, was Handkes Schreiben angeht – plötzlich an unerklärlicher Stelle anzuspringen. Es ist die Sprache selbst, die hier zum Thema des Buches wird.

Es ist dies auch das „Eigentliche“ dieses Werkes: Sein Erlebnis ist dieses Lesen, wie immer beim Autoren Handke. Wir werden gelockt un verführt durch die Schönheit, die Abenteurlichkeit der Grammatik, begeben uns auf halsbrecherische Kurse wortreicher Höhen, immer in Angst, der Autor könne stürzen und uns endlos mit sich reißen in einen Abgrund aus sprachlicher Wirrnis und doch finden wir immer „sicheren Grund“, auf dem uns Handke absetzt und doch nich tin RUhe lässt, setzt er doch gleich an, uns auf den nächsten kamm eines WOrtgebirges zu führen. Handke lesen ist das eigentliche Abenteuer dieser Lektüre: Der Moment, in dem es geschieht, womit es dem Autor gelingt, die sprachliche, erkenntnistheoretische Aufschiebung, die Sprache in Schrift gegossen immer darstellt, momentweise aufzuheben. Wir müssen uns im Moment des Lesens vollkommen einlassen, sonst geht uns verloren, was Handke postuliert im Sein, das er zu erfassen sucht: Die Magie.

Es ist der dritte Teil dieses Werkes, der uns begreiflich werden lässt, wo der Autor schließlich steht. Hier „weltet“ es nicht mehr durch Kobal, vielmehr geht Kobal auf in der Welt. Und wie tut er dies? In der Sprache, natürlich. Der dritte Teil der WIEDERHOLUNG lässt uns genau dies verstehen: Welt IST Sprache. Und der einzige Zugang, sich dieser Welt zu bemächtigen, ist die WIEDER-HOLUNG. Es bleibt uns nichts übrig, als zu begreifen, vielleicht mit dem französischen Sprachphilosophen Jacques Derrida gedacht, daß Welt und Sprache in einem immerwährenden Werden sich vollziehen, einem vorursprünglichen Ursprung verhaftet sind. Da mag es die Welt, die Geschichte, das Ich, die Emotionen oder Gedanken geben, doch wie sie einholen? Wie je deckungsgleich werden mit ihnen? Wie den seit zwanzig Jahren gegangenen Bruder ein- oder gar wiederholen? Außer in der Sprache? Und wo hat er je existiert? Außerhalb der Sprache?

DIE WIEDERHOLUNG ist eines der Werke, die Peter Handke eben jene Preise zugestehen müssten, die er nicht erhalten wird. Es ist dies ein Sich-Ehrlichmachen, das Sich-Ehrlichmachen eines Wortarbeiters. Selten konnte man am praktischen Beispiel das Theoretische derart einfangen, erkennen und abpassen, es sozusagen auf seine Tauglichkeit prüfen, wie in diesem Text. Ein schwieriger Text, ein Text, der die Re-Lektüre wahrscheinlich wieder und wieder er- und einfordert, ein Text, der heute leider wie aus der Zeit gefallen wirkt. Und deshalb wahrscheinlich so zeitgemäß ist wie nichts sonst, das dieser Tage geschrieben und veröffentlicht wird.

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