DORFROMAN

Christoph Peters führt seinen Ich-Erzähler und den Leser tief in den Westen der 70er und 80er Jahre

Man kann, wenn man es so will, die Geschichte der Bundesrepublik bis 1989 als eine Geschichte von Aufklärung und innerer Emanzipation erzählen. Nach den wirtschaftlich erfolgreichen Jahren des Wiederaufbaus, den 50ern und frühen 60ern, die auch im Zeichen von Verdrängung und Traumatisierung standen, kam mit 1968 ein Jahr (das natürlich viel früher anfing, manche würden sagen mit den ersten Ostermärschen gegen die Wiederbewaffnung in den 50ern, und somit eher eine Chiffre denn eine Jahreszahl ist), in dem das Unterdrückte, das Verdrängte aufbrach und sein Recht einforderte. Daraus hervor gingen die Bürgerbewegungen der 70er Jahre – die Frauenrechtsbewegung, die Schwulen- und Lesbenbewegung, die Friedensbewegung und natürlich die ökologische Bewegung, damals vor allem als Kampf gegen die Atomkraft und die Atomkraftwerke, kurz AKW.

Christoph Peters bietet in seinem DORFROMAN (2020, eine solche Deutung der BRD-Geschichte. Hier fällt eine Coming-of-Age-Geschichte mit dem Aufbegehren gegen den „schnellen Brüter“, ein bis dato neues Kernkraftwerk, das in Kalkar, einem verschlafenen Nest am Niederrhein, gebaut werden sollte, in eins. Ein nicht mehr ganz junger Mann kehrt in sein Heimatdorf zurück und besucht die mittlerweile sehr alten Eltern. Durch Anmerkungen des Vaters und die Durchsicht seines alten Zimmers verfällt er in Erinnerungen an jene Zeit Mitte der 70er bis Anfang der 80er Jahre, als in Hülkendonck, dem Dorf, in dem er aufwuchs, die Gemeinschaft langsam in zwei Lager zerfiel – die Befürworter des AKW und die Gegner, die von ortsfremden Öko-Bewegten unterstützt wurden. In deren Kommune auf dem Hof eines der alteingesessenen Bauern lernt der Ich-Erzähler Juliane kennen, die, einige Jahre älter als er selbst, einerseits höchst engagiert, andererseits jedoch auch von einer ihm unverständlichen Aura der Traurigkeit und Melancholie umgeben ist. Sie wird seine erste große Liebe werden.

Peters erzählt seine Geschichte auf zwei Ebenen. Da sind die Erinnerungen des nunmehr Erwachsenen, der sich fragt, wie es mit den Eltern weitergehen soll, die zusehends unbeholfener werden und vielleicht nicht mehr lange das Haus bewohnen können in dem sie leben, in dem er aufwuchs. Eine zweite Ebene ist ein Erzählstrang, der von der Kindheit des Jungen erzählt, den frühen 70ern, als das Leben noch einfach und unkompliziert erscheint, als LASSIE und SKIPPY im schwarzweißen Fernsehen liefen und man stundenlang in den Auen am Rhein Vögel und Insekten beobachten, auf den umliegenden Höfen spielen konnte und die größten Probleme darin bestanden, wer bei wem in der Fußballmannschaft spielte. Eine scheinbar unbeschwerte Kindheit, die aber ebenfalls schon ihre Abgründe hatte, welche sich allerdings nur indirekt, subtil, offenbaren.

Markiert mit lateinischen und arabischen Ziffern – die lateinischen für die „Kindheitsgeschichte“, die arabischen für die „Erinnerungen des erwachsenen Mannes“ – treibt Peters die unterschiedlichen Stränge aufeinander zu, bis sie sich schließlich treffen, sich verbinden, der eine im anderen aufgeht. Da ist die kindliche Angst vor den „bösen“ RAF-Terroristen, die den Vater vielleicht holen wollen, weil er im Dorf eine exponiert konservative Stellung einnimmt; da ist die Faszination eines Kindes an einer Natur, die noch ungebunden wirkt, die sich aber schon als beschädigt darstellt, wenn immer mal wieder erwähnt wird, wie die toten Fische im Rhein dahintreiben; da ist die Härte eines Landlebens und von Menschen, die Flora und Fauna auch mit einer gewissen Brutalität begegnen (bei Maulwürfen kennt Mutter keine Gnade), aber auch das Gefühl der Geborgenheit in einer Familie, die zumindest oberflächlich funktioniert. Da ist die kindliche Weltsicht, geprägt durch die Schule, ein konservatives Elternhaus und die Kirche, die im Dorf, bei Entscheidungen und schließlich auch in der Frage nach dem „schnellen Brüter“ eine enorm wichtige Rolle spielt. Dem entsprechend und diametral entgegen stehen die Erinnerungen an jenen Jugendlichen, der sich die Haare wachsen lässt, immer kritischer gegenüber den Lehrern, der Kirche und dem Elternhaus wird, der sich mit dem Vater anlegt und die Einwände und Bitten der Mutter geflissentlich überhört. Und der schließlich immer öfter außer Haus schläft, um bei Juliane zu sein, um die Kommune und die dortigen Gepflogenheiten kennen zu lernen, um sich dem Kampf gegen das AKW anzuschließen – und in entscheidenden Momenten lernen muß, die eigene Feigheit einzugestehen.

Peters bietet über den Erfahrungshorizont einer niederrheinischen Kindheit und Jugend hinaus aber vor allem ein recht prägnantes Gesellschaftsbild. Die Mutter, die tief traumatisiert durch den Krieg, Konflikte oder gar Streit kaum ertragen kann; der Vater, der in seinem Konservatismus doch auch eine gewisse Liberalität ausstrahlt und erst, als der Riss hinsichtlich des „schnellen Brüters“ sogar die Familie zu spalten droht, streng und dann auch autoritär wird; die Nachbarn, die, je nach eigener Überzeugung, nicht mehr grüßen oder über die Vertreter der „anderen Seite“ lästern; die Gemeinde, der ein netter aber schwacher Pfarrer vorsteht, das Bistum, das – anonym und bedrohlich – die gewählte Kirchenleitung ab- und passend neu besetzt; die Bauern, die ökonomischen Vorteil aus dem Verkauf des Landes an die Brütergesellschaft ziehen wollen, die aber auch in einem dauernden, unterschwelligen Kampf mit den anderen Bewohnern des Dorfes liegen, da sie sich als die Dorfoberen verstehen – all diese Aspekte des Landlebens der 70er und 80er Jahre fließt in Peters Text mit ein.

Das klingt großartig und birgt auch hohes Potential. Leider aber bleibt es unter seinen Möglichkeiten. Daß Peters eine manchmal leicht rudimentäre Sprache nutzt, vor allem natürlich bei den „kindlichen“ Kapiteln, ist dem Alter seines Protagonisten geschuldet. Doch allzu Vieles bleibt Stückwerk. Da wird angedeutet, aber nicht ausgeführt, potentiell interessante und spannende Verbindungen und Zusammenhänge bleiben skizzenhaft. Zudem verliert der Autor sich auf den ersten 200 Seiten zu sehr in den Beschreibungen kindlicher Freuden – vor allem seine Vorliebe für das Beobachten von Vögeln und das Sammeln von Insekten, vor allem Schmetterlingen, ist zwar relevant, wird dann aber doch arg ausgewälzt. Dann wiederum gelingen Peters Momente, Szenen, die von unglaublicher Intensität sind. Wenn seine Mutter einen Maulwurf mit dem Messer traktiert, wenn er beschreibt, wie die Spannungen in der Familie steigen, aber vor allem jene Momente, in denen sich ein junger Kerl erstmals verliebt und jede Berührung die Welt, jeder Blick die Ewigkeit ist – man kann in diesen Momenten im Text fast das eigene Leben in jenen Jahren noch einmal spüren. Dies sind Momente von gelegentlich großer Härte, aber eben auch großer Zärtlichkeit. Momente, die kindliche Wahrnehmung und jugendliches Empfinden nahezu perfekt zu spiegeln vermögen.

Und doch ist das Ganze weniger als die Summe seiner Teile. Leider. Denn sicherlich gehört auch diese Perspektive zur Geschichte der BRD und des wiedervereinigten Deutschlands. Die Perspektive aus der Sicht des äußersten Westens, jener Landstriche an der holländischen Grenze, wo man so lange meinte, die Welt sei „in Ordnung“ und wo eine Jugend in den 70ern und 80ern fern aller weltpolitischen Zeitläufte verlaufen konnte, zwischen Rhein und den Vogelschutzgebieten, geborgen und behütet – bis die große Welt auch hier vorstellig wurde und einem Heranwachsenden bewußt wurde, daß es da ein Mehr gibt, das man entdecken kann und entdecken sollte. Ein Mehr, das es zu erleben, auszuhalten, manchmal einfach zu ertragen gilt. Ein Mehr, das ein ganzes Leben prägen kann.

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