ENDURING LOVE

Roger Mitchell liefert eine gelungene, eigenständige Verfilmung von Ian McEwans Erfolgsroman

An einem Sommertag außerhalb Oxfords will der Philosophieprofessor Joe (Daniel Craig) seiner langjährigen Freundin Claire (Samantha Morton) bei einem Picknick einen Heiratsantrag machen. Doch bevor er dazu kommt, wird die Aufmerksamkeit des Paares auf einen Heißluftballon gelenkt, der offenbar unkontrolliert über das Feld gleitet. An einem Seil hängend bemüht sich ein älterer Herr, den Ballon am Boden zu halten und seinen im Korb befindlichen Enkel zu retten. Joe eilt zur Hilfe. Ebenso finden sich einige andere Männer ein, insgesamt sind sie zu fünft. Es gelingt ihnen, den Ballon zu kontrollieren, als ein plötzlicher Windstoß ihn erneut in die Luft hebt. Die am Korb Hängenden lassen alle los, bis auf einen Mann, der sich am Seil festklammert und in die Höhe gerissen wird. Er versucht, sich in den Korb zu retten, doch gleitet er ab und stürzt in den Tod. Als Joe zu der Leiche gelangt, trifft er dort auf Jed (Rhys Ifans), der ebenfalls am Korb gehangen und ebenfalls losgelassen hat. Jed bittet Joe, mit ihm um die Seele des Toten zu beten, was Joe, der ein gnadenloser Rationalist ist, dem andern zuliebe dann auch tut.

In den Wochen nach dem Vorfall wird Joe zunehmend von Gewissensbissen geplagt. Er ist sich nicht mehr sicher, ob er als erster losgelassen und damit der Tragödie Vorschub geleistet hat. Claire, die die Aktion beobachtet hatte, versucht ihn davon zu überzeugen, dass es ein Unfall war und niemand schuld daran trägt.

Joe, der in seinen Seminaren und Vorlesungen ein nahezu biologistisches Liebeskonzept vertritt, bei dem er den Zustand des Verliebtseins schlicht als Strategie der Natur bezeichnet, damit die Spezies fortbesteht, zieht sich mehr und mehr in sich selbst zurück, vertritt seine Theorie nach außen aber nicht nur gegenüber seinen Studenten rigoros – der junge Spud (Ben Wishaw) zeigt sich geradezu angetan von Joes Überlegungen –, sondern auch gegenüber Claire und ihren Freunden Robin (Bill Nighy) und Rachel (Susan Lynch). Bei einem Abendessen, bei dem Claires Bruder Frank (Justin Salinger) seine neue Freundin vorstellt, für die er seine Familie verlassen hat, wird Joe geradezu ausfallend.

Claire, die eine bildende Künstlerin ist und u.a. von Robin eine Büste anfertigt, womit sie Joe ein wenig eifersüchtig zu machen scheint, weist ihren Freund mehrfach daraufhin, dass er sich zu verlieren droht und dies auch die Beziehung bedroht.

In einem Buchladen steht plötzlich Jed vor Joe. Der Joe letztlich ja fremde Mann fordert ihn auf, „es“ zu sagen und endlich „zuzugeben, dass es so ist“. Was er damit meint, sagt Jed allerdings nicht. Joe bittet Jed, davon abzusehen ihm nachzustellen, doch in der Folge kommt es zu mehreren Zusammenkünften, bei denen Jed zunehmend aggressiver auftritt, es zugleich aber so aussehen lässt, als würde er von Joe belästigt. Irgendwann erklärt der Stalker Joe, dass er an jenem Tag des Unglücks gespürt habe, dass es eine tiefe Verbindung zwischen ihm und Joe gegeben habe, seitdem wisse er, dass Joe ihn liebe. Eine Vorstellung, die Joe schon aus intellektueller Überzeugung aberwitzig findet.

Joe kann aufgrund all der auf ihn einstürmenden Dinge nicht mehr schlafen und steht nachts oft am Fenster und späht durch die Vorhänge hinaus auf den Spielplatz gegenüber dem Haus, in welchem er und Claire wohnen. Eines Nachts entdeckt er Jed, der dort im strömenden Regen auf einem Gerüst sitzt und schmachtend zu ihm aufblickt.

Joe beginnt, Jed nachzuspionieren, während seine Beziehung zu Claire immer brüchiger wird.

Er nimmt auch Kontakt zu der Witwe (Helen McCrory) des Toten Mannes auf, welche ihn bittet, sich genau zu erinnern, ob in dem Auto, aus dem ihr Mann ausgestiegen ist, um am Ballon zu helfen, eine zweite Person saß. Offenbar hatte der Tote just an jenem Tag ein Treffen mit einer anderen Frau. Doch Joe kann nicht helfen, er erinnert sich ebenso wenig daran, ob jemand anderes im Auto saß, wie er sich daran erinnern kann, ob er als erster den Ballon losgelassen hat.

Als Joe erneut nachts nicht schlafen kann und Jed auf dem Spielplatz entdeckt, wird ihm klar, dass der Mann seine Art, die Vorhänge zu öffnen und zu schließen als einen Code missdeutet, mit dem er ihm mitteilen will, ob Claire da ist oder nicht. Aufgeregt weckt Joe Claire und erklärt ihr seine Erkenntnis, die in ihren Ohren aber einfach nur wirr klingt. Sie erklärt Joe, dass es vorbei sei, sie mit seiner Obsession mit dem Unfall und nun mit Jed – den sie mehr oder minder für ein Hirngespinst hält – nicht mehr klarkomme.

Joe zieht aus und schläft einige Nächte bei Robin und Rachel und deren Kindern.

Als Jed in einer seiner Vorlesungen auftaucht und dort unter anderem vor Spud, dessen Bewunderung Joe durchaus genießt, Anschuldigungen gegen den Professor vorträgt, reicht es Joe. Er folgt Jed, dringt in dessen Wohnung ein und entdeckt dort eine ganze Wand mit Fotos und Artikeln über sich, den Unfall mit dem Ballon, aber auch über Claire als Künstlerin. Joe bedroht Jed mit einem Baseballschläger und erklärt ihm ultimativ, dass der sich von ihm und Claire fernhalten soll.

Jed taucht jedoch bei Claire auf, er will endgültig einen Keil zwischen sie und Joe treiben. Er erzählt ihr, er und Joe seien schon lange ein Paar und wie Joe sie schon seit Langem hintergangen habe. Joe kommt dazu, die Situation eskaliert und Jed rammt der wehrlosen Claire plötzlich ein Küchenmesser in den Bauch. Joe gelingt es durch Zureden, Jed das Messer abzunehmen, sticht es seinerseits seinem Widersache in den Leib und rettet dann die stark blutende Claire.

Nach einiger Zeit treffen Claire und Joe sich erneut auf der Wiese, wo die ganze Geschichte ihren Anfang genommen hatte. Joe versucht, zu verarbeiten, was passiert ist. Dafür ist es ihm auch gelungen, die Frau aufzutreiben, die in dem Auto des bei dem Unglück Verstorbenen saß. Es war eine junge Assistentin, die sich bei ihm bedanken wollte. Joe führt sie und die Witwe zusammen, so dass beide ihren Frieden finden können.

Als Joe ansetzt, Claire doch noch den Heiratsantrag zu machen, bittet sie ihn, nichts zu sagen. Gemeinsam sitzen sie schweigend auf der Wiese und betrachten den Sommertag.

Jed sitzt in einer psychiatrischen Klinik und schreibt Briefe an Joe.

Ungeachtet der Tatsache, dass nahezu 90% aller Filme auf literarischen Vorbildern welcher Art auch immer beruhen, sind ausgewiesene Literaturverfilmungen immer so eine Sache. Allzu schnell arten sie in den Versuch aus, ein bestehendes Konstrukt schlicht zu bebildern. Auch die zahlreichen Verfilmungen der Werke des englischen Großliteraten Ian McEwan sind davor nicht gefeit. Es gibt einige echte Meisterwerke darunter – Paul Schraders THE COMFORT OF STRANGERS (1990) ist unbedingt zu erwähnen -, aber auch arg konventionelles Kino, dessen Machern nicht viel eingefallen ist, um die Vorlage kongenial umzusetzen. Joe Wrights ATONEMENT (2007) wäre zu nennen.

Den Roman ENDURING LOVE, zu Deutsch LIEBESWAHN, hatte McEwan bereits 1997 veröffentlicht, im Jahr 2004 wagte sich Roger Mitchell an eine Verfilmung. Mit seiner gleichnamigen Version ENDURING LOVE (2004) gelang ihm ein ebenso aufregender Thriller, womit er sich ein wenig von der Vorlage entfernt, aber auch ein tiefschürfendes Drama um Fragen nach der Liebe und dem Tod und wie wir mit beidem umgehen. Zudem stellen sich auch Fragen nach Schuld – oder eingebildeter Schuld – und nach der Verantwortung, die wir für uns und andere tragen. Um es gleich vorwegzunehmen: Mitchell ist eine der besseren, vielleicht sogar die beste Verfilmung eines Romans von McEwan gelungen – neben der von Schrader, natürlich.

Inhaltlich erzählt Mitchell vermeintlich konventionell die Geschichte des intellektuellen Philosophieprofessors Joe, bei dessen Darstellung der Prae-Bond-Daniel Craig einmal mehr beweisen kann, was für ein außergewöhnlich guter Schauspieler er ist, wenn er nicht nur über Dächer rennen und schnelle Autos fahren muss. Joe glaubt, bei dem Versuch, einen sich losgerissenen Heißluftballon zu kontrollieren, versagt zu haben. Er und einige andere, die ebenfalls dabei gescheitert sind, ließen den Korb irgendwann los, lediglich ein einzelner Mann klammerte sich weiter fest in dem verzweifelten Versuch, einen im Korb befindlichen Jungen zu retten. Dieser Mann fiel schließlich aus erheblicher Höhe in ein Feld und fand so einen grausigen Tod. Joe kann die Momente am Korb nicht vergessen, seine Schuldgefühle werden verstärkt, als der Wirrkopf Jed sich Joe geradezu aufdrängt, ist er doch der Meinung, an jenem Tag gespürt zu haben, dass Joe ihn liebt.

Rhys Ifans spielt diesen seltsamen Kerl bedrohlich und stattet ihn zugleich mit einem zunächst betörenden Charme aus, so dass man ihn nie wirklich einzuschätzen weiß. In der Folge zerrüttet Joes Innenleben ebenso, wie seine Beziehung zu der Künstlerin Claire, der er an eben jenem Tag, da das Unglück geschah, einen Heiratsantrag hatte machen wollen. Und dies, obwohl er eigentlich nicht viel von dem Konzept der Ehe hält; so, wie er in seinen Vorlesungen und auch in persönlichen Gesprächen immer wieder das Konzept der Liebe als solches in Frage stellt. In seinen Augen ist es eine Strategie der Natur, damit die Spezies sich vermehrt und überlebt. Ein radikal biologistischer Ansatz.

McEwan gelang es in seinem Roman ein dichtes und komplexes Netz aus philosophischen und doch auch zutiefst emotionalen Diskursen und Fragen zu spinnen, ein Labyrinth, aus dem es keinen einfachen Ausgang gab und dessen Enden trotz eines Roman-Endes an vielen Stellen offenblieben. Mitchell und der Drehbuchautor Joe Penhall entwickeln die Vorlage zu einem ebenfalls dichten Drama, allerdings mit gegenüber dem Roman deutlich gesteigertem Suspense-Anteil. McEwan, der manches Mal die Drehbücher zu seinen Filmen selber geschrieben hat, gibt in Interviews durchaus zu, dass es als Autor schwerfällt, den eigenen Entwurf, das eigene Konzept entschwinden zu sehen und zu beobachten, wie es sich in den Händen eines anderen entwickelt, verändert, vielleicht sogar besser wird. Das sollte man nun in diesem Fall nicht behaupten, eindeutig anzumerken aber ist, dass Penhall den vergleichsweise komplexen Roman, der eben auch mit komplizierten theoretischen Ansätzen arbeitet, kongenial für die Leinwand adaptiert. Denn der Film packt. Was wiederum den verstärkten Thriller-Anteilen zu verdanken ist. Wenn Jed im Regen auf dem Klettergerüst des Spielplatzes gegenüber der Wohnung sitzt, in der Joe und Claire leben, und zur Wohnung hochstarrt, dann hat diese Einstellung durchaus schon Horrorfilm-Charakter. Allerdings vereinfacht es die Figur des Jed auch, da sein Stalker-Charakter schnell sehr deutlich wird.

So konventionell das inhaltlich, so konventionell chronologisch es erzählt sein mag, es ist vor allem Mitchells Inszenierung, mehr noch aber sind es die Bilder von Kameramann Haris Zambarloukos, der hier recht früh in seiner Karriere eine brillante Arbeit liefert, die den Film außergewöhnlich machen. Diese Bilder sind immer ein wenig unscharf, ein wenig unfokussiert. Die Kamera geht immer etwas zu nah an die Personen heran oder sie nimmt einen etwas zu entfernten Standpunkt ein. Auch sucht Zambarloukos immer wieder Perspektiven, Einstellungen und Winkel, die die Betrachter*innen verwirren, für Unsicherheit sorgen, ein tiefgreifendes Gefühl von Entfremdung und Desorientierung schaffen. So wird ENDURING LOVE zu einem der raren Filme des neuen Jahrtausends, denen es tatsächlich gelingt, ihre Geschichte eher über Bilder denn über Dialoge zu erzählen. Dies ist also im besten Sinne ein Film. Ein Film, der seinem Publikum abverlangt, eigene Gedankengänge zu entwickeln, mitzudenken, zu interpretieren und auch, eine eigene Haltung zu dem einzunehmen, was da abläuft und erzählt wird.

Denn wenn wir annehmen, dass die Kamera, das Bild selbst, nicht lügt, nicht lügen kann, dann müssen wir auch annehmen, dass das, was wir beobachtet haben in jenen wahrlich ebenso grauenerregenden wie intensiven Eingangsszenen des Films, als der Ballon übers Feld treibt und Joe und andere sich bemühen, ihn zu halten, bis ein plötzlicher Windstoß den eigentlich schon gesicherten Ballon wieder losreißt und in die Höhe treibt, dass also diese Szenen authentisch und wahr sind. Dann aber hat Joe nichts falsch gemacht. Und seine Zweifel, ob er etwas hätte besser machen können, sind zwar psychologisch nachvollziehbar und damit wesentlicher Kern der Handlung, in der Objektivität des Films aber nicht begründet. Nun ist das Problem eines Films gegenüber der Literatur immer seine Eindeutigkeit. Wir stellen das Bild nicht infrage, es ist unmittelbar, viel unmittelbarer als die Sprache, die in (innere) Bilder zu übersetzen für Leser*innen eben immer Arbeit, immer Voraussetzung, immer Abstraktion bedeutet. Entpuppen sich Filmbilder – schon Hitchcock musste damit unliebsame Erfahrungen machen – als Lüge, wird das Publikum gern ungemütlich. Dies ist einer der Gründe, weshalb Jed im Film sehr viel schneller denn im Roman als der Irre zu erkennen ist, als der er sich schließlich entpuppt. Denn sein Versuch, Joe zu manipulieren funktioniert nur, solange „objektiv“ nicht eindeutig festzustellen ist, wer denn nun als Erster den Ballon losgelassen hat. Der Film beweist aber, dass die Männer, die am Korb hingen, alle nahezu gleichzeitig losließen – und damit die Schuld, sollte von einer solchen überhaupt zu sprechen sein, auf alle Schultern gleich verteilt wäre.

Einziger Schwachpunkt des Films bleibt dann auch Jeds Transformation von einem vom Liebeswahn (um den deutschen Titel des Romans zu bemühen) Befallenen zum Psychopathen zu erklären. Wirklich einleuchten kann seine Obsession mit Joe nicht. Sicher, Craig und damit auch die Figur, die er spielt, sieht gut aus, vor allem verströmt er eine gewisse virile Sexualität, die in ENDURING LOVE insofern perfekt eingesetzt wird, als dass sie die von Joe als Intellektuellem vertretenen Thesen einerseits konterkariert, andererseits unterstützt, weil er mit seinem Aussehen eben als Beispiel dafür betrachtet werden kann, dass die Natur die unterschiedlichsten Strategien zur Fortpflanzung einsetzt. Doch ist Jed nun mal ein Mann und so gesehen ist die von ihm empfundene und, wie er meint, empfangene Liebe nicht auf Fortpflanzung angelegt. Es ist dies nicht die einzige dem Film inhärente Meditation zum Thema. Auch die Frau des bei dem Vorfall tödlich Verunglückten muss sich Fragen nach der Beständigkeit der Liebe stellen, denn sie findet in den Hinterlassenschaften ihres Mannes Hinweise, dass er an jenem Tag nicht allein war. Joe kann sich aber bei allem Bemühen nicht erinnern, eine Frau an der Seite des Mannes gesehen zu haben. Eine weitere Ebene, die der Film einzieht: Erinnerung und die Wahrheit des Erinnerns. Schließlich steht auch die Liebesbeziehung zwischen Claire und Joe mehr und mehr zur Disposition, zerbricht schließlich an Joes zunehmenden Zweifeln und seiner Unfähigkeit, diese wirklich mit seiner Freundin zu teilen.

Konterkariert wird sowohl Joes zunehmende Verinnerlichung wie auch seine manchmal schon brutal offensiv vorgetragene Theorie zur Liebe und dem Verliebtsein durch ein befreundetes Ehepaar, welches trotz seines fortgeschrittenen Alters kleine Kinder hat und darin Erfüllung zu finden scheint, sowie Claires Bruder, der seine Frau für eine wesentlich Jüngere verlässt, die nach der Ansicht Claires gar nicht zu ihm passt. Scheinbar irrationale Verhaltensweisen. Joe wird also massiv mit Liebes-Konzepten konfrontiert, die seine philosophischen Denk-Ansätze unterlaufen und in Frage stellen. Seine Verunsicherung ist also nicht nur rein emotional und durch die Frage nach Schuld geprägt, sondern auch eine intellektuelle, muss er doch seine gesamte Konzeption infrage stellen.

Hinzu kommt Jeds verwirrte Liebes-Idee, die vor allem als Projektion funktioniert. Jene Szenen, in denen er Joe aufsucht – in einem Buchladen, auf der Straße, in dessen Vorlesung an der Universität – gehören dann auch mehr oder weniger zu den intensivsten und den verstörendsten des Films. Denn es gelingt Mitchell, sie so zu inszenieren, dass die Zuschauer*innen Joes (Selbst)Zweifel mitempfinden. Wie er beginnt auch das Publikum sich zu fragen, ob etwas nicht mit ihm stimmen, ob er etwas übersehen haben, sich Jed gegenüber missverständlich verhalten haben könnte. Und Ifans spielt diesen Jed so überzeugend, dass dessen aufdringliche, übergriffige, zugleich aber zurückhaltende Art greift und zu enormer Verunsicherung führt. Immer wieder fordert er Joe auf, „es“ endlich zuzugeben, auf Joes Nachfrage, was Jed damit meine, antwortet dieser, das wisse Joe doch „ganz genau“. Es ist dies eine Taktik, die der ein oder die andere kennen dürfte – brillant, um das Gegenüber maximal zu verwirren, um Zweifel zu säen, Verunsicherung zu stiften.

Dass die ganze Nummer am Ende zu einer blutigen wird, dass Claire für Joes vermeintliche Uneindeutigkeit und Jeds Wahn büßen muss, als Letzterer in ihr Heim eindringt und Lügen über sich und Joe und eine angebliche Beziehung der beiden zueinander erzählt, um dann, als auch dieser Versuch zu scheitern droht, Gewalt anzuwenden, ist dann der Dramaturgie eines Thrillers geschuldet. Eines Thrillers, den man, es wurde nun schon mehrfach gesagt, aus McEwans Buch herauslesen kann, den das Buch aber tatschlich so nicht bietet. Obwohl Penhalls Script sich vergleichsweise eng an die Vorlage hält[1]. Jed wird also zu Joes ultimativer Nemesis, denn sein Wahn stellt den Rationalismus und fast schon brutalen Biologismus, den Joe vertritt, radikal in Frage. Sind Claires Liebe, die lange hält, die Ehe der Freunde oder die scheinbar grund- und sinnlose Liebe von Claires Bruder zu einer viel jüngeren Frau noch Konzepte, über die Joe sich zumindest lustig machen kann, bzw. argumentativ anzugreifen versteht, ist Jeds Liebeskonzept für Joe nicht mehr greifbar.

Mitchell und Penhall finden erschütternde Momente, um die Verunsicherung und auch die Entfremdung vom eigenen Denken, die Joe durchläuft, darzustellen. Wenn er Claire in seiner Frustration vorschlägt, zu heiraten – und schließlich zugibt, dass dies sein Anliegen an jenem verhängnisvollen Tag gewesen ist -, dann hat dies etwas Verzweifeltes und zutiefst die Liebe selbst Verdammendes. Sie wird in diesem Moment im Film zur Verhandlungssache, damit ein Mann wie Joe zumindest noch an den Prinzipien seines Lebens – eines zutiefst bürgerlichen, also geordneten und gesicherten Lebens, das sich vor allem in den Kulissen, den Details der Mise en Scene und auch in der Helligkeit der Bilder manifestiert – festhalten kann. Es ist aber eben auch ein Moment, der die Liebe grundlegend unterläuft. Und der für eine Künstlerin wie Claire – die Samantha Morton im Übrigen brillant spielt, zurückhaltend, authentisch und glaubwürdig in ihrer Angst um den Liebesverlust, der ihr droht – umso schwerer wiegt. Joe entdeckt seinen eigenen Kopf, von Claire aus einem Klumpen Ton herausgeschält. Als er sie zuvor gebeten hatte, dies zu tun, konnte sie ihm glaubhaft vermitteln, dass sie ihn, den sie liebt, nicht als Objekt abbilden wolle. So wird dieser Moment, da er sich selbst als ihre Arbeit entdeckt, zu einem wahren Moment des Schreckens: Selten wurde der Liebesverlust deutlicher und brutaler und dabei erstaunlich unaufgeregt und damit umso schmerzhafter dargestellt, als in dieser Einstellung. Claire hat bereits begonnen, das gemeinsame Leben hinter sich zu lassen, es künstlerisch zu verarbeiten und zu verwerten.

ENDURING LOVE bietet trotz einiger kritischer Punkte doch nicht nur Spannung, sondern auch Tiefgang. Jeds Transformation mag nicht gut nachvollziehbar sein und Behauptung bleiben, auch versteht man Joe manches Mal in seinem Tun nicht – weshalb er bspw. Claire nicht auf den im Regen hockenden Jed aufmerksam macht und damit seine Erzählungen zu dem Mann beglaubigt, bleibt sein Geheimnis und das des Drehbuchs -, und auch der dramaturgische Nutzen einer Figur des jungen, von Ben Wishaw gespielten Spud bleibt fragwürdig, auch wenn man ahnt, was das Script mit ihr bezweckt. Doch sind dies Lässlichkeiten, die dem Grundgefüge der Handlung keinen Abbruch tun.

ENDURING LOVE gehört, es wurde eingangs schon klar gesagt, zu den besseren McEwan-Verfilmungen und kann doch auch als eigenständiger Film bestehen. Er unterhält und weiß sein Publikum doch auch mit der einen oder anderen Frage zu beschäftigen, durchaus auch über den eigentlichen Filmgenuss hinaus.

 

[1] Es gibt allerdings wesentliche Änderungen: Der Joe des Buchs ist ein an Minderwertigkeitskomplexen leidender Wissenschaftsjournalist; Claire, die im Roman Clarissa heißt, ist in McEwans Vorlage eine Literaturwissenschaftlerin, die sich intensiv mit Keats beschäftigt; überhaupt spielt die sprachliche Ebene im Roman eine wesentliche Rolle, sind Jeds Briefe aus der Psychiatrie ein bestimmendes Merkmal der Handlung, die im Film – auch das allerdings gelungen – in Bilder übersetzt werden.

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