MEMORY

Michel Franco bietet ein berührendes Großstadtdrama aus den modernen Zeiten

Sylvia (Jessica Chastain), eine trockene Alkoholikerin, die gemeinsam mit ihrer Tochter Anna (Brooke Timber) in einem etwas heruntergekommenen Teil von Brooklyn lebt, als Sozialarbeiterin arbeitet und ansonsten versucht, ihren Alltag zu meistern, wird eines Nachts, als sie von einer Party in ihrer ehemaligen Highschool heim fährt, von einem ihr zunächst fremd erscheinenden Mann (Peter Saarsgard) verfolgt. Dieser Mann nächtigt dann sogar im strömenden Regen vor dem Haus, in welchem Sylvia und Anna leben.

Sylvia ruft am Morgen mit dem Handy des Mannes dessen Bruder Isaac (Josh Charles) an, der Saul – so der Name des Fremden – abholt. So erfährt Sylvia, dass Saul unter Demenz leidet und wahrscheinlich nicht erklären kann, weshalb er der ihm fremden Frau gefolgt ist.

Sylvia sucht Saul in dessen Heim auf, geht mit ihm spazieren und erklärt ihm dann, dass er derjenige sei, der sie einst als Zwölfjährige gemeinsam mit einem anderen Schüler der Highschool missbraucht habe. Saul ist entsetzt, erinnert er sich doch nicht an diese Episode, wobei er sich ansonsten immer an die weit zurückliegenden Dinge in seinem Leben erinnern kann.

Olivia (Merritt Wever), Sylvias Schwester, klärt diese darüber auf, dass Saul nicht der von ihr beschuldigte Mann sein kann, da er erst an die Highschool kam, als Sylvia diese auf Geheiß ihrer Mutter Samantha (Jessica Harper) bereits verlassen hatte.

Sylvia und ihre Mutter haben seit Jahren keinen Kontakt mehr, da Samantha ihrer Tochter nicht glauben wollte, als diese ihre Mitschüler des Missbrauchs beschuldigte.

Isaac, der nicht weiß, dass Sylvia Saul Vorwürfe gemacht, sondern nur wahrgenommen hatte, dass sie sich gut mit seinem Bruder versteht, bietet ihr an, gegen Bezahlung auf Saul aufzupassen. Sylvia nimmt den Job an, da sie mit dem, was sie als Sozialarbeiterin verdient, kaum über die Runden kommt.

Während der Nachmittage, die Sylvia mit Saul verbringt, entwickelt sich zunächst eine außergewöhnliche Nähe zwischen den beiden, die nach und nach zu echter Zuneigung wird. Sylvia und Saul verlieben sich ineinander. Sie erkennt in ihm einen einst wohl sehr gebildeten und immer noch zärtlichen Mann, der sein Schicksal – das langsame Verdämmern in der Erinnerungslosigkeit – scheinbar gleichmütig hinzunehmen scheint. Er fühlt sich bei ihr geborgen und sicher.

Anna ist bereit, Saul in der Wohnung aufzunehmen. Sie mag es, dass ihre Mutter aus ihrem selbstbereiteten Kokon herauskommt, wieder am Leben teilnimmt. Immer öfter schläft sie aber auch bei ihrer Tante Olivia und deren Mann Jorge (Josh Philip Weinstein), einem Anwalt. Hier trifft die auch häufiger auf Samantha.

Anna versteht sich mit ihrer Großmutter und versucht dahinter zu kommen, was zum Bruch ihrer Mutter mit Samantha geführt hat. Samantha bleibt bei ihrer Darstellung, dass Sylvia immer schwierig gewesen sei und oft gelogen habe. Sie sich dieses komplizierten Kindes aber immer angenommen habe, der Kontaktabbruch dementsprechend ungerecht sei.

Anders als Anna scheinen alle anderen – sowohl Sylvias als auch Sauls Angehörige – die Liaison abzulehnen. Samantha forciert sogar einen Umzug Annas zu Olivia, um ihre Enkelin „schadhaftem“ Einfluss zu entziehen.

Eines Tages kommt es zu einem Unfall, als Saul allein in Sylvias Wohnung ist. Er wird in ein Krankenhaus eingeliefert. Daraufhin unterbindet Isaac alle weiteren Kontakte zwischen Sylvia und Saul und schließt ihn regelrecht in dem Haus ein, in dem er, seine Familie und Saul leben. Tatsächlich gehört das Haus aber Saul, weshalb es vermehrt zu Konflikten zwischen den Brüdern kommt.

Sylvia und Anna sind bei Olivia eingeladen. Hier ist es schon öfter zu Zusammenstößen zwischen Sylvia und Jorge gekommen, der nicht will, dass in seinem Haus über irgendetwas Negatives – womit Sylvias „Lügen“, aber auch ihr Alkoholmissbrauch gemeint sind – gesprochen wird.

Sylvia ahnt nicht, dass sie bei diesem Treffen auf ihre Mutter stoßen wird. Es kommt zu einer Eskalation, bei der Sylvia erstmals erzählt, was damals wirklich geschehen ist: Sie war jahrelang das Missbrauchsopfer ihres Vaters, der sie nachmittags, wenn außer den beiden nur Olivia in der Wohnung war, ins Schlafzimmer brachte und vergewaltigte. Die zusammenbrechende Sylvia, die von ihrer Mutter, die den Missbrauch offenbar gedeckt hat, erneut gedemütigt wird, fordert ihre Schwester auf, endlich zuzugeben, dass sie von den Vorgängen wusste. Und Olivia gesteht dies nun vor ihrer Familie und auch Anna und Samantha ein.

Sylvia und Anna kehren in die gemeinsame Wohnung zurück. Olivia kommt nach einigen Tagen, um sich bei Sylvia, die in eine schwere Depression stürzt, zu entschuldigen.

Anna, die fürchtet, dass ihre Mutter in alte Verhaltensmuster zurückfallen könnte und deshalb große Angst um sie hat, fährt zu Saul und nimmt ihn kurzerhand mit. Sein Auftauchen reißt Sylvia tatsächlich aus ihrer düsteren Stimmung.

In seinem zweiten in den USA gedrehten Spielfilm MEMORY (2023) bietet der mexikanische Autorenregisseur Michel Franco ein manchmal erschreckend nüchternes, vielleicht gerade deshalb aber so packendes und aufwühlendes Stück Independent-Kino. Ebenso differenziert wie distanziert, äußerst genau in der Beobachtung und in der Darstellung, erzählt er eine ruhige Liebesgeschichte um eine zutiefst verstörte Frau und einen an Demenz leidenden Mann. Die in ihrer Rollenauswahl oft so mutige Jessica Chastain und der immer beeindruckende Peter Saarsgard hatten die Hauptrollen übernommen und überzeugen beide mit ihren zurückhaltenden, doch umso präziseren Darbietungen.

Das Drehbuch, das aus der Feder des Regisseurs stammt, wirkt zunächst ein wenig überfrachtet. Die mittlerweile trockene, von Chastain gespielte Alkoholikerin Sylvia, der nachts ein Mann von einer Party bis nachhause folgt, glaubt in diesem denjenigen wieder zu erkennen, der sie einst, gemeinsam mit einem Kumpel, noch zu Highschool-Zeiten betrunken gemacht und vergewaltigt hatte. Dass dieser Mann – der von Saarsgard gespielte Saul – unter Demenz leidet, mutet ihr doch allzu passend an, da er sich so scheinbar nur an das erinnern muss, was ihm gerade in den Kram passt. Kurze Zeit später teilt Sylvias Schwester Olivia ihr dann aber mit, dass sie sich irrt. Saul könne nicht der Mann sein, den die in Verdacht hat, da er die Highschool erst ab jenem Jahr besucht habe, in dem Sylvia sie verließ – auf Druck ihrer Mutter, die sie verdächtigte, Lügen über Mitschüler zu erzählen, um Aufmerksamkeit zu erheischen. Tatsächlich hat Sylvia aber eine wahre Missbrauchsgeschichte, allerdings war es ihr eigener Vater, der sie jahrelang vergewaltigt hat, gedeckt von seiner Frau und auch unter Mitwissen von Olivia, die als viel jüngere Schwester jedoch zu verängstigt war, um Sylvias Darstellung zu stützen.

Es ist einerseits Francos zurückhaltenden, manchmal schmerzhaft sachlichen Inszenierung, andererseits den diese Inszenierung kongenial unterstützenden Bildern des belgischen Kameramanns Yves Cape geschuldet, dass diese Geschichte nicht nur nicht zu einem kitschtriefenden Melo verkommt, sondern ganz im Gegenteil funktioniert, überzeugt und anrührt. Einzig Sylvias Entschluss, die von seinem Bruder angefragte Pflege für Saul zu übernehmen, nachdem sie ihn zuvor einer Vergewaltigung verdächtigt und auch wirklich Angst empfunden hatte, als er ihr durch das nächtliche New York gefolgt ist – eine Handlung, an deren Motivation er sich nicht erinnern kann – wirkt ein wenig aufgesetzt. Es hätte diesen Umweg im Grunde auch nicht gebraucht. Und auch Sauls Demenz wäre für die Handlung im Grunde nicht wirklich nötig gewesen, sie ist eher ein Aufhänger, um ihn überhaupt hilfsbedürftig erscheinen zu lassen. Doch sei´s drum, es schmälert die Wirkung des Films keinesfalls.

Doch hat Franco – anders als in den Kritiken oft dargestellt – weder ein Demenz-Drama à la STILL ALICE (2014) oder THE FATHER (2020), noch eines über eine trockene Alkoholikerin gedreht, sondern in erster Linie die sanfte Liebesgeschichte zweier zutiefst lädierter Charaktere in einer kalten und unwirtlichen Umgebung. Demenz und Alkoholismus sind hier einfach Bedingungen der Lebenswirklichkeit dieser Menschen, stehen eher symbolisch für Beschädigung, Deformation, vielleicht auch für Entfremdung und Vereinsamung. Die Umgebung allerdings, diese Umwelt, in der beide sich zurechtfinden müssen, spielt eine entscheidende Rolle in diesem Film.

Es ist ein New York, das ebenso nüchtern und distanziert, dadurch aber umso eindringlicher und ausgesprochen authentisch beobachtet und eingefangen wird, mindestens so nüchtern, wie die Geschichte des Paars dem Publikum dargereicht wird. Wie der Mexikaner Franco und der Belgier Cape auf diese Stadt blicken, wie sie sie einfangen, darstellen, zu einem integralen Bestandteil ihrer Geschichte machen, ist ein wesentlicher, wenn nicht sogar bestimmender Teil ihres Films und seiner Handlung. Diese Stadt wird zu einer Bedingung ebenso wie zu einem Spiegel der seelischen Verwundungen der Protagonisten. Mehr als zwanzig Jahre nach 9/11 und in dieser filmischen Darstellung bar aller touristischer Sehenswürdigkeiten, ja überhaupt bar aller Wiedererkennungsmerkmale, angesiedelt zwischen Sunset Park, einem industriell-städtisch geprägten, recht gesichtslosen Teil Brooklyns, wo Sylvia mit ihrer Tochter lebt, und einer wohlsituierten, bürgerlichen Gegend in Brooklyn, wo Olivia und deren Familie residieren, wirkt dieses New York selbst wie etwas zutiefst Verletztes, Unsicheres, Prekäres und Suchendes.

So wird MEMORY neben all seines dramatischen Potentials auch zu einer Beobachtung und Bestandsaufnahme der amerikanischen Alltagswirklichkeit im Amerika des 21. Jahrhunderts. Hier eine gesichtslose, kalte, einer Schnellstraße gegenüberliegende Wohnung, welche Sylvia zu einer Art Hochsicherheitstrakt verschanzt, zugleich aber liebevoll für sich und ihre Tochter eingerichtet hat; dort eine scheinbare Vorstadtidylle, die den darin Lebenden vermittelt, die Welt sei in Ordnung – oder könne zumindest in Ordnung sein. Dazwischen Hochbahngleise, Delis, Burgerbuden, Geschäfte – teils geöffnet, teils verrammelt -, Gitter und Rollladen vor Schaufenstern, Busse und Lieferwagen, das alltägliche Leben auf den Straßen einer Metropole.

Doch ausgerechnet das scheinbar so idyllische Heim der Schwester, der Ort, den Olivias Mann hilflos durch Sprechverbote von allem „sauber“ zu halten versucht, was er nicht in seinem trauten Heim haben will, was seine (imaginäre?) Lebenswirklichkeit bedrohen könnte – mehrmals fordert er Sylvia auf, hier nicht über ihre Alkoholsucht und erst recht nicht über den an ihr begangenen Missbrauch zu reden, auch nicht auf explizite, dahingehende Fragen seiner Kinder zu antworten -, genau dieser Ort wird schließlich in der vielleicht bedrückendsten, einer wahrlich nur schwer erträglichen Szene zur Bühne für die finale Auseinandersetzung in Sylvias Familie. Hier nämlich trifft sie auf ihre Mutter, zu der sie seit Jahren keinen Kontakt hat, hier wirft ihr die mittlerweile gealterte Dame vor, nach wie vor Lügen zu verbreiten und hier schließlich erklärt Sylvia vor ihrer Schwester, von der sie verlangt, endlich zuzugeben, was sie weiß, vor ihrem Schwager, der Mutter, ihrer Tochter und ihren Nichten, was es wirklich mit dem Missbrauch auf sich hatte: Dass es ihr Vater gewesen ist, der sie jahrelang nachmittags ins Schlafzimmer befohlen und dann Olivia die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Er ist es gewesen, der Sylvia missbraucht und damit fürs Leben gezeichnet und geschädigt hat. Ihre Beschuldigungen anderer waren hilflose Versuche, das ihr angetane Leid nach außen zu projizieren, kann doch nicht sein, was nicht sein darf. Und so bricht das Elend Sylvias massiv in die Trutzburg ihrer Schwester und deren Gatten ein.

Es ist eins der großen Verdienste des Buchs, dass Franco die Beschädigungen seiner Hauptfigur – die zweifelsohne Sylvia ist, nicht Saul – dem Publikum erst nach und nach offenbart und wenn, dann meist ohne diese Momente sonderlich zu dramatisieren. Fast beiläufig werden die Grausamkeiten, die aus einem von Chastain auch klar als solchen markierten Charakter gemacht haben, was er ist: Ein schwieriger, komplizierter, unzugänglicher, oft in sich verschlossener Mensch. Der Film verzichtet nahezu gänzlich auf Musik und damit auf jedwede Emotionalisierung seiner emotionalsten Momente. Die Musik, die zu hören ist – vor allem, mehrfach, Procol Harums A Whiter Shade of Pale – läuft entweder im Radio oder auf den Abspielgeräten der Protagonisten, ist also ebenfalls Bestandteil der jeweiligen Szenerie, ist Teil der Handlung, eine Art Soundtrack im Leben dieser Protagonisten. Das macht einige dieser bedrückenden Momente, von denen schon die Rede war und derer es neben dem oben beschriebenen einige im Film gibt, umso sperriger und umso schwerer auszuhalten. Auch die beschriebene Szene, in der Sylvia vor ihrer Familie ausspricht, was sie zu verdrängen suchte, wird von Yves Cape in einer stehenden Totalen mit größtmöglicher Distanz eingefangen. Und so müssen wir einfach ertragen, was wir in dem Tableau sehen: Eine weinende, in sich zusammengesunkene Frau und ein Ensemble von Figuren, denen es schier die Sprache verschlagen hat. So sind solche Situationen wohl: Eher undramatisch, eher implodierend denn explodierend, eher verhalten, weniger emotional aufbauschend. Peinlich, schambesetzt und eben nur sehr, sehr schwer auszuhalten.

Man kann Franco vorwerfen, seine Story sei überladen mit Missbrauch, Demenz, innerfamiliären Verwerfungen und all den Schrecknissen dazwischen. Doch letztlich gelingt ihm eben ein berührendes Portrait zweier geschundener Seelen, die irgendwie versuchen, in einem Leben, das im Grunde komplett beschädigt ist, zu bestehen. Manches leuchtet tatsächlich nicht wirklich ein – so wirkt Sauls Demenz nicht immer glaubwürdig, ist er doch in der Lage, in entscheidenden Momenten sehr wohl zu erinnern, worauf es ankommt, wundern sich Zuschauer*innen bald, weshalb ein Mann, der eben noch behauptete, sich an lang Zurückliegendes erinnern zu können, nicht aber an das, was gestern geschah, überhaupt in der Lage ist, sich in eine Frau zu verlieben, die er gestern erst kennen gelernt hat. Doch sind dies im Kontext des Films Kritteleien. Es ist ein Film, es bleibt ein Drama, ein hervorragend inszeniertes und gespieltes noch dazu. Man taucht in die Leben dieser Figuren ein und wenn man diese Leben nach gut 100 Minuten wieder verlässt, kann man nur hoffen, dass es diesen Menschen irgendwie gelingen wird, sie zusammen zu halten, diese Leben, so lang dies irgend geht. Ein Anfang ist gemacht, doch bleiben die Verhältnisse prekär.

MEMORY ist ein großer und es ist ein zarter Film, der sein Publikum noch länger begleitet. Es ist ein stilles Drama, das doch von tiefen und großen Gefühlen in einer sehr authentischen Welt, in sehr authentischen Leben erzählt.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.