ERSCHÜTTERNDE WAHRHEIT/CONCUSSION

Peter Landesman erzählt von schweren Hirntraumata, der Macht der NFL und dem Kampf eines einzelnen Mediziners

Dr. Bennett Onalu, forensischer Pathologe im Aleghenny County, Pennsylvania, soll den ehemaligen Football-Star der Pittsburgh Steelers, Mike Webster (David Morse) obduzieren.

Webster lebte zuletzt in einem Auto, betäubte sich selbst mit einem Teaser, um seine körperlichen Schmerzen zu ertragen, und war offenbar geistig verwirrt, Das unter anderem musste sein Kumpel aus Steelers-Tagen, Justin Strzelczyk (Matthew Willig) erfahren, als er ihn aufsuchte, um mit ihm über seine physischen und psychischen Probleme zu reden. Webster war kaum mehr zugänglich, sprach lediglich davon, „das Spiel“ beenden zu müssen. Darauf und nur darauf käme es an.

Onalu, der für seine Kollegen ein Ärgernis, für seine Vorgesetzten oft anstrengend ist, da er eine ganze Reihe an Spleens und Eigenarten besitzt, die den Nigerianer für Amerikaner fremd erscheinen lässt, wundert sich darüber, daß Webster, gerade einmal 50 Jahre alt und an sich in guter gesundheitlicher Verfassung, an einem Herzinfarkt starb. Mehr noch aber verwundert den Pathologen, daß dieser Mann offenbar sehr schnell der Demenz verfallen ist.

Gegen den Wunsch seines Kontrahenten am pathologischen Institut, einem glühenden Verehrer der Steelers, der es für eine Schande hält, einen Helden zu zerschneiden, lässt Onalu Teile von Websters Hirn untersuchen. So fällt ihm bald auf, daß Webster offenbar an Neurotraumata als einer Langzeitfolgen immer wiederkehrender Stöße und Schläge litt. Die Störung wurde zuvor grob bei Schwergewichtsboxern erkannt, jedoch nie genauer untersucht. Onalu, der Rückendeckung von seinem Vorgesetzten Dr. Cyril Wecht (Albert Brooks) erhält, nennt die Krankheit chronisch-traumatische Enzephalopathie, kurz CTE. Unter seinem Namen, aber mit der Unterstützung verschiedener Ärzte, veröffentlicht Onalu seine Ergebnisse. Vor allem dem früheren Mannschaftsarzt der Steelers, Dr. Julian Bailes (Alex Baldwin) ist an einer genauen Analyse gelegen, denn ihn treiben Schuldgefühle um, war er doch dafür mitverantwortlich, Spieler wie Webster wieder aufs Feld zu schicken, nachdem sie schwere Schläge hatten einstecken müssen. Zudem fühlt sich Bailes einigen Spielern auch persönlich verpflichtet.

Die NFL, die National Football League, ist an dem Artikel allerdings nicht interessiert und lehnt die Befunde als empirisch nicht gesichert ab.

Über einen längeren Zeitraum kann Onalu seine Ergebnisse allerdings an zwei weiteren früh verstorbenen Spielern überprüfen. Sowohl Strzelczyk als auch Tony Long und Andre Waters landen im Laufe der Zeit auf seinem Autopsietisch.

Als Roger Goodell (Luke Wilson) neuer Chef der NFL wird, hofft Onalu, seine Ergebnisse doch noch einmal vortragen zu dürfen. Doch bei einer Anhörung, die auf einer Konferenz zur Sicherheit der Spieler angesetzt wird, soll nicht er, sondern Dr. Bailes sprechen. Die Anhörung selbst entpuppt sich als Farce, die Vertreter der NFL behaupten, es gäbe keine Evidenz, daß die Neurotraumata bei den betreffenden Spielern durch ihre Profi-Spiele hervorgerufen seien und nicht etwa von anderen, noch vor ihre Profi-Karrieren zurückreichende Verletzungen hervorgerufen wurden. Bailes kommt enttäuscht aus dem Saal, vor dem Onalu wartet.

Auch der ehemalige Sprecher der Spielergewerkschaft, Dave Duerson (Adewale Akinnuoye-Agbaje), auf dessen Hilfe sowohl Bailes als auch Onalu gehofft hatten, zeigt sich äußerst aggressiv. Er geht Onalu direkt an und empfiehlt ihm, nach Afrika zurück zu kehren. Onalu beginnt zu begreifen, daß er es mit einem sehr mächtigen Konzern zu tun hat, bei dem alle an einem Strang ziehen.

Die NFL beginnt, schwere Geschütze gegen Onalu aufzufahren. Er wird angegriffen, immer wieder soll er genötigt werden, seine Anschuldigungen zurück zu nehmen. Privat wie öffentlich wird ihm vorgeworfen, ein nationales Heiligtum – den American Football als Ganzes – zu diskreditieren. Aber der sei auch Arbeitgeber, biete soziale Aufstiegschancen usw. Als Onalu nicht bereit ist, zurück zu stecken, wird sein Chef, Dr. Wecht angegangen. Ihm werden alle möglichen Verfehlungen vorgeworfen, bis hin zu Korruption. Wenn Wecht gehen müsse, so wird Onalu mitgeteilt, habe er jeden Schutz verloren. Schließlich wird Onalu selbst aufgefordert, Pittsburgh zu verlassen, da man ihm sonst entweder steuerliche Verfehlungen anhängen oder die Aufenthaltserlaubnis in den USA entziehen würde. Onalu weiß nun, wie weit die Arme der NFL reichen.

Als Onalus Frau Prema (Gugu Mbatha-Raw) eine Fehlgeburt erleidet, nachdem sie auf einer Autofahrt verfolgt wurde, sieht Onalu ein, daß er gegen die NFL nicht ankommen kann. Die beiden ziehen nach Kalifornien, wo Onalu einen Job als Pathologe im Joaquin County  bekommt.

Drei Jahre später erschießt sich Duerson. In seinem Abschiedsbrief gesteht er ein, daß Dr. Onalu wohl recht hatte, auch er litte an kognitiven Störungen, Gedächtnislücken und aggressiven Schüben. Onalu wird eingeladen, seine Ergebnisse noch einmal bei einer Anhörung vorzutragen. Dort erklärt er, daß es ihm vor Jahren lieber gewesen sei, Mike Webster nie gekannt zu haben, doch sei es seine ärztliche Pflicht gewesen, die anderen Spieler zu warnen, nachdem er seine Entdeckungen erst einmal gemacht habe. Er habe nichts gegen das Spiel an sich, seine Frau sehe es gern und versuche ihm zu erklären, worin die Schönheit des Ganzen begründet liege. Dann fordert er die Anwesenden, darunter Dr. Bailes, auf, sich keine Vorwürfe zu machen, sondern jetzt gemeinsam dafür zu sorgen, daß zukünftige Spielergenerationen besser geschützt werden.

Auch aufgrund der Ergebnisse von Dr. Onalu fordert der Kongreß die NFL schließlich auf, CTE nicht nur ernst zu nehmen, sondern die Spieler über mögliche Folgen und Risiken zu informieren.

Dr. Onalu wird der Posten als Chefpathologe des District of Columbia angetragen, also auch der Hauptstadt und somit des FBI. Doch Onalu lehnt ab. Texttafeln informieren darüber, daß der Arzt weiterhin in Kalifornien lebe, die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen habe und mittlerweile Leiter der Pathologie des Joaquin County sei.

Es heißt, Sport ist die schönste Nebensache der Welt. Gerade Mannschaftssport. Man kann so herrlich darüber streiten: Über Fehleinkäufe, Fehlentscheidungen, Schiedsrichterentscheidungen, Managemententscheidungen, Trainerentscheidungen, überbewertete Spieler und faule Athleten, die falschen Vereinsfarben oder das Verhältnis von Kommerz und sportlicher Leistung. All das sind Themen und Aufreger, die an Stammtischen, in Internetforen oder daheim vorm Fernseher, im Stadion sowieso, diskutiert werden.

Eine Frage, die gern schnell beantwortet wird, weil man sie lieber umgeht, ist die Frage, wann und wo der Sport politisch wird. Und daran anschließend die Frage, wann die Politik – und damit die Gesellschaft – in sportliche Abläufe eingreifen darf. Aus Gesundheitsgründen, beispielsweise. Die Frage, welche Gefahren einzelne Sportarten bergen, ist vielleicht so alt, wie der (moderne) Sport selbst. Die Gelenke, die Sehnen und Bänder, die Muskeln, kaum ein Körperteil oder Organ, das nicht im Laufe der Jahre im Fokus der Medizin stand. Umso erstaunlicher, daß medizinische Gründe oftmals zwar als Begründungen von Schwächephasen einzelner Spieler, manchmal auch ganzer Teams herangezogen werden, sich die meisten (Mannschafts)Sportarten aber wehren, wenn sie genauer und strukturell unter die Lupe genommen werden.

Die nordamerikanische Gesellschaft (an diesem Punkt kann man Kanada getrost einbeziehen, sind die nationalen Ligen doch teils zusammengelegt) hat eine ganze Reihe von Mannschaftssportarten ausgebildet, die in Europa nie verfangen haben, sieht man einmal vom Eishockey und dem mittlerweile erfolgreich importierten Basketball ab. Ob der den Europäern eigentlich immer fremd gebliebene Baseball, Basketball als wirkliches Massenphänomen oder das archaische American Football – alles Sportarten, die für sich stehen und ihre eigenen Regeln, Sitten und Traditionen ausgebildet haben. Allerdings sind sie alle – wie auch das Eishockey – die kommerzialisiertesten Sportarten des Planeten. Wenn Anfang Februar der Super Bowl, das Finale um die Meisterschaft im American Football, ausgetragen wird, ist dies mittlerweile nicht nur das weltweit meistbeachteste Sportereignis, sondern auch das am teuersten vermarktete. Für kein anderes Sportevent, nicht einmal das 100-Meter-Finale der Olympischen Spiele, werden in den USA Werbeeinnahmen in vergleichbarer Höhe generiert.

Man hat es gerade beim American Football mit einer interessanten Mischung zu tun: Ein Volkssport, dem ähnlich hingebungsvoll gehuldigt wird, wie in Deutschland dem Fußball, der aber zugleich längst ein in sich geschlossenes Wirtschaftssystem darstellt. Die NFL, die National Football League ist ein global agierender Konzern. Wenn nun von außen an einen solchen Konzern, dessen Kerngeschäft moderner Gladiatorenkampf ist, Maßstäbe angelegt werden, deren Fokus vollkommen anders, auf jeden Fall nicht ökonomisch, ausgerichtet ist und daraus Ansprüche und mögliche Vorgaben erwachsen, die das Kerngeschäft vielleicht so nachhaltig verändern, daß möglicherweise ein signifikanter Teil der Kundschaft das Interesse verlieren könnte, wird sich der Konzern wehren. Mit allen Mitteln. Umso mehr, wenn es sich um einen medizinischen Fokus handelt. Denn über bestimmte Diagnosen lässt sich nur schwerlich streiten.

Und so muß immer wieder überprüft werden, wie weit eine Sportart zu gehen bereit ist, um ihre Attraktivität zu behalten. Was wäre der American Football ohne jene Zeitlupenballette, die in etlichen Pausen der Übertragungen, aber auch in vielen Sportsendungen und Dokumentationen, wieder und wieder gezeigt werden? Jene ins Unendliche, ins Abstrakte gedehnten Momente, wenn diese mit Polstern und Helmen berüsteten Männer aufeinanderprallen, in die Luft geschleudert werden, wenn sie sich überschlagen und in unmöglichen Winkeln aufeinander oder auf den Rasen des Spielfeldes stürzen. Man kann, gerade in den Zeitlupen, sogar eine gewisse Schönheit darin erkennen, wie hier durch Kraft und Wucht die Schwerkraft scheinbar überwunden wird. Es ist ein seltsames Gemisch aus Faszination und innerer Abscheu, da das Rohe, das man da betrachtet, augenscheinlich wird. Es ist eben etwas Archaisches, das im American Football bedient wird. Auch bedient wird, denn ganz sicher ist das Spiel durchaus ein interessantes und auch komplexes mit seinem aufwendigen Regelwerk, seinen Taktiken und Strategien.

Doch daß dieser Sport der Gesundheit schadet, weiß jeder, der sieht, welche Gewalten da aufeinandertreffen. Genau das ist ja ein Teil der Faszination. Aber zu leugnen, daß, wer diesem Sport professionell frönt, wahrscheinlich viele und schwere körperliche Schäden durch den Rest seines Lebens mitschleppen wird, wäre naiv, schlimmstenfalls blanker Zynismus. Man wird wohl davon ausgehen müssen, daß es letzteres war, was die NFL in einen Rechtsstreit ziehen ließ, um einen Mediziner mundtot zu machen, der Beweise für die schweren neurologischen Schäden vorlegen konnte, die das Spiel vor allem für jene bedeutet, die an der Frontlinie gespielt haben. Dort muß die Offense, der Angriff, den Quarterback schützen und ihm zugleich Raum für seine so wichtigen spieleröffnenden Pässe verschaffen. Die Defense, die Verteidigung, muß die Offense um jeden Preis stoppen, durch puren Körpereinsatz. Diese Spieler sind also ununterbrochen Stößen und der Wucht des Aufeinanderprallens der Körper ausgesetzt, da sie hier, im Zentrum des Spiels, wie menschliche Rammböcke wirken.

Dr. Bennet Onalu ist der Mediziner gewesen, der es 2002 wagte, offen gegen die NFL anzugehen und seine Ergebnisse zu veröffentlichen. Er war damals ein Pathologe, der eher zufällig die Leichen zweier ehemaliger Football-Spieler untersuchte und bei der Obduktion ihrer Hirne auf Anomalien stieß, die an die neuralen Degenerationen von Schwergewichtsboxern oder alte Alzheimerpatienten erinnerten. Es kam zu dem erwarteten Rechtsstreit, wollte die NFL natürlich von all dem nichts hören. Wenn der frühere Center Mike Webster bei der Aufnahme in die Pro Football Hall of Fame eine pathetische Rede hält, hört ihm jeder gern zu; wenn er sein Leben in einem Auto fristet, den Stimmen in seinem Kopf nicht mehr entkommen kann und den Schmerzen in seinem Körper nur noch Stromstöße eines Teasers entgegen zu setzen weiß, will davon aber niemand etwas wissen. Webster war der erste ehemalige Footballer, der auf Onalus Seziertisch landete. Der nächste war Justin Strzelczyk, der bei einem Autounfall umkam, möglicherweise einer Selbsttötung. Strzelczyk wies in den Monaten vor seinem Tod markante Veränderungen in Charakter und Persönlichkeit auf, darunter aggressive Schübe gegen seine Familie. Onalu musste für seine Nachforschungen und Analysen Verleumdungen über sich ergehen lassen; jene, die bereit waren, ihn in seinen Untersuchungen zu unterstützen, gingen teils ihrer angesehenen Jobs verlustig. Es dauerte, bis die Forschungen und daraus resultierenden Diagnostiken anerkannt wurden und Onalus und der Ruf seiner Mitstreiter rehabilitiert war. Mittlerweile ist er Leiter der Rechtsmedizin im Joaquin County, Kalifornien, und hat eine Professur an der University of California in Davis inne.

Eine Geschichte, wie gemacht für einen Film, für einen Polit-, Wirtschafts- oder Wissenschaftsthriller. Das kann man sich aussuchen. Der Journalist, Drehbuchautor, Schriftsteller und Regisseur Peter Landesman hatte ein Drehbuch verfasst, dem die Geschichte von Dr. Bennett Onalu zugrunde lag. Er konnte unter anderem Ridley Scott für das Projekt gewinnen, dessen Firma Scott Free Productions den Film finanzierte. Als Hauptdarsteller gelang es, Will Smith zu engagieren. An der Kamera stand Salvatore Totino, die Musik, hauptsächlich bestehend aus zeitgenössischen Songs, steuerte James Newton Howard bei. Das Ergebnis war CONCUSSION (2015).

Es ist ein politisch korrekter Film etstanden, der sich Mühe gibt, die Ereignisse adäquat abzubilden. Will Smith spielt hervorragend, weicht dabei weit von seinem üblichen Sonnyboy-Image ab, und gibt Onalu eine interessante Note, indem er ihn überheblich wirken lässt, ohne daß er dies wirklich ist. Onalu ist nigerianischer Herkunft und hat zu Beginn der Handlung noch nicht die amerikanische Staatsbürgerschaft, was im weiteren Verlauf der Ereignisse eine Rolle spielen sollte, da die NFL unter anderem damit drohte, ihm das Aufenthaltsrecht in den USA entziehen zu lassen. Onalu, der im Film bei einem Gerichtsprozeß eingeführt wird, bei dem es ihm durch den Nachweis einer seltenen Krankheit gelingt, ein Todesurteil abzuwenden, hat etliche Masterabschlüsse und zählt diese im Gerichtssaal auch stolz auf. Er ist sich bewußt, daß diese Reihe von Titeln äußerst ungewöhnlich ist, erst recht für einen jungen Mann aus Nigeria. Sein Stolz mag also arrogant wirken, gründet aber in einem gesunden und auch berechtigten Selbstbewußtsein. Zugleich verpasst der Film Onalu eine ganze Reihe von leicht exzentrisch wirkenden Spleens – unter anderem lauscht er bei seinen Obduktionen über Kopfhörer moderner Hip-Hop-Musik, nachdem er die Toten gebeten hat, ihm ihre Geheimnisse zu verraten, also mit ihnen spricht, wobei er sie auch berührt, manchmal sogar zu streicheln scheint  – weshalb er bei Kollegen nicht unbedingt beliebt ist. Die Klinikleitung weiß um Onalus Brillanz, findet ihn aber häufig anstrengend, vor allem, weil er sich bei seiner Arbeit sehr viel Zeit lässt. Das, so sein Argument, sei er den Toten schuldig.

Als Mike Webster auf seinem Seziertisch landet, erfährt der wenig sportbegeisterte Onalu erstmals, womit er es zu tun bekommen wird. Denn sein Kollege sieht es als eine Art Heiligenlästerung an, daß ein Held der Pittsburgh Steelers schnöde aufgeschnitten und obduziert werden soll. Gleiches gilt für Justin Strzelczyk, der zwei Jahre nach Webster stirbt, was im Film allerdings zeitlich verkürzt dargestellt wird. Zudem unterstellt das Drehbuch, daß Strzelczyks Unfall ein Freitod gewesen sei. Onalu, dessen Frau ihm das American Football-Spiel nahezubringen versucht, ihm erklären will, worin die Schönheit des Sports besteht, sind die gesellschaftlichen Implikationen seiner Arbeit zunächst vollkommen egal, weshalb er etwas naiv in den Streit mit der NFL stolpert. Ihm geht es um die Entdeckung einer neuartigen Krankheit, der Chronisch-traumatischer Enzephalopathie, kurz CTE, bzw, des Zusammenhangs dieser Krankheit mit dem American Football. Die nötigen Untersuchungen bezahlt Onalu auf eigene Kosten, was seine Vorgesetzten im Krankenhaus sehr verwundert. Auch dies ist eine Eigenheit dieses außergewöhnlichen Mannes. Er nimmt seine Ergebnisse ersnt.

Hilfe erhält Onalu zunächst nur durch den früheren Mannschaftsarzt der Steelers, Dr. Julian Bailes, im Film von Alec Baldwin dargestellt. Bailes seinerseits wird von Schuldgefühlen umgetrieben, da ihm klar ist, wie viele dieser Männer er nach etlichen Zusammenstößen wieder aufs Feld zurückgeschickt hat. Er sieht sich in der Mitverantwortung für die Folgeerkrankungen und die familiären und sozialen Dramen, die sich daraus ergeben haben. Zudem betrachtet er einige dieser früheren Spieler als Freunde. Allerdings muß Bailes zunächst Onalus Vertrauen erringen, der ihm, nicht ganz zu Unrecht, gewisse Eigeninteressen unterstellt.

Landesman erzählt seine Geschichte recht geradlinig, nah am Geschehen, verdichtet, um den dramaturgischen Effekt der Zuspitzung nutzen zu können. Leider erzählt er seine Geschichte aber nicht sonderlich spannend. Er kann dem Stoff nicht wirklich etwas Fesselndes abgewinnen. Denkt man an einen Film wie Michael Manns THE INSIDER (1999), der vom Kampf eines Journalisten und dessen Informanten gegen die Zigarettenindustrie erzählt – ebenfalls auf einem wahren Fall beruhend – , dann denkt man eben an die ungeheure Spannung, die man aus einem solchen Konflikt generieren kann. Sicher, der Vergleich ist vielleicht unfair, Will Smith ist nicht Al Pacino und Peter Landesman nicht Michael Mann, der für THE INSIDER verantwortlich war. Dennoch kann man gerade dort studieren, wie man aus einem an sich trockenen Stoff ein Höchstmaß an Spannung erzielt. Die Ausgewogenheit zwischen der fachlichen Expertise – in jenem Fall ging es um eine berühmte Klage gegen die Tabakindustrie und die Frage, ob diese wusste, daß ihr Produkt grundsätzlich süchtig macht – den privaten und sozialen Folgen und einer Figur, die ihre ganz eigenen Komplexe und Neurosen mitbringt, schafft ein hohes Maß an Authentizität und sorgt dafür, daß der Zuschauer mitfiebert.

CONCUSSION treibt seine Story zwar temporeich voran, vergisst dabei aber, Ambivalenzen und doppelte Böden einzubauen. Wir sind immer auf Onalus Seite, egal wie abgehoben oder exzentrisch er uns auch vorkommen mag. Wenn die Vertreter der NFL ihm übel mitspielen, ja sogar, wenn sein direkter Vorgesetzter seinen Job zu verlieren droht, da er seinem Schützling zu lange Rückendeckung gegeben hat, wir vertrauen darauf, daß es für alle uns am Herzen liegenden Beteiligten schon gut ausgehen wird. Wir glauben einfach nicht, daß hier ernsthafte und langfristig üble Folgen für diese Männer drohen, die wir schätzen und deren Kampf wir natürlich für richtig halten. Und von dem wir ja aufgrund der realen Ereignisse, so sie uns interessieren, wissen, wie sie sich dann tatsächlich entwickelt haben – ein Problem vieler Filme, die sich bemühen, nah an der überlieferten Wirklichkeit entlang zu erzählen.

Die Vertreter der NFL werden ihrerseits nie so bedrohlich gezeichnet oder wirken auch nur ansatzweise mächtig genug, um uns ernsthaft um Dr. Onalu bangen zu lassen. Dafür haben sie zu wenig Leinwandzeit und in der, die ihnen gestattet wird, sind sie zu eindimensional und klischeehaft. Zwar erklärt der Film all die Maßnahmen, die gegen Onalu und sein Umfeld aufgefahren wurden, inklusive einer Verfolgung seiner Frau, was eine Fehlgeburt bei ihr auslöst, doch wirklich dramatisch ist all das im Film nicht. Zu überzeugt wirken diese Menschen in ihren Ansichten und Haltungen, die Inszenierung, das Tempo und der Rhythmus des Films lassen uns auch nie wirklich spüren, welche psychischen Folgen all das für Onalu, seine Frau, Dr. Bailes und andere hat. Aus dem eigentlichen Konflikt, der Anhörung, hätte man wiederum ein begeisterndes oder packendes Drama machen können, doch gerade über diese Möglichkeiten geht der Film fast gleichgültig hinweg. Da kommt dann alles sehr schnell und recht harmlos zu einem guten Ende, bei dem Onalu auch noch eine versöhnliche Ansprache an die natürlich alle in Demut und Selbstzweifeln befangenen Vertreter der NFL. So vergibt Landesman viele Möglichkeiten, die der Stoff geboten hätte.

Bleibt neben der hervorragenden Kameraarbeit von Totino vor allem das Spiel von Will Smith als absoluter Pluspunkt des Films zu nennen. Smith spielt, wie bereits erwähnt, an seinem Image vorbei, wenn er es nicht sogar gegen den Strich bürstet. Zwar ist dieser Dr. Onalu ebenfalls ein positiv denkender Mensch, wie so viele von Smiths Figuren, doch kann der Film schon darstellen, daß er als Ausländer an den Eigenarten der amerikanischen Kultur abprallt und gelegentlich auch zu verzweifeln droht. Für ihn ist die Vorstellung, daß der Kommerz der Gesundheit der Spieler vorgezogen, ja übergeordnet wird, vollkommen abwegig. Er muß mühsam lernen – auch mit Hilfe seiner Frau – was American Football, was die NFL in Amerika für einen Stellenwert hat. Daß Onalu selbst ebenfalls aneckt und auf seine amerikanischen Mitbürger gelegentlich fremd und auch seltsam wirkt, thematisiert der Film allerdings auch. Dabei bleibt er aber eben ganz bei Onalu. Smith gelingt es gut, dieses Fremde mit dem Positiven der Figur zu vereinen. Onalus kleine Eigenarten zeigt er manchmal als Verschrobenheit, doch lässt er die Figur nie auch nur in die Nähe eines billigen Witzes driften. Onalus Kompetenz und die Richtigkeit seiner Diagnose stehen generell nie in Frage. Auch nicht, als die Anwälte der NFL meinen, Beweise vorlegen zu können, die seine Seriosität in Frage stellen. Dafür allerdings sorgt die Inszenierung von Landesman, denn zu diesem Zeitpunkt des Films ist Dr. Onalu längst etabliert und hat auch zu viel Zuspruch unter seinen Kollegen erfahren, als daß der Zuschauer ihn nun plötzlich in Frage stellen würde.

Nach gut zwei Stunden Laufzeit werden wir dann auch mit Tafeln versorgt, die uns mit dem weitergehenden Schicksal der Protagonisten versöhnen. Das Gute hat gesiegt, was in der Realität meist so nicht vorkommt. Onalus Forschungen – und die einiger Kollegen, was der Film nicht unterschlägt, allerdings auch nicht sonderlich herausstellt – wurden anerkannt, zumindest offiziell haben sie zu Veränderungen im Regelwerk der NFL beigetragen, und der Doktor selbst, wie auch sein Ziehvater oder Dr. Bailes, haben keine nachfolgenden Schäden gelitten, weder privat noch in ihren jeweiligen Karrieren. So ist CONCUSSION ein leidlich spannender Unterhaltungsfilm, der es sehr gut meint, der es auch oft richtig macht, der aber an entscheidenden Stellen nicht packen kann. An die wirklichen Erfolge des Genres des Polit-, Wissenschafts- oder Wirtschaftsthrillers reicht Peter Landesmans Film leider nicht heran. Und gewarnt sei, wer einen Sportfilm erwartet, denn von inchts könnte dies weiter entfernt sein.

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