DER FREMDE SOHN/CHANGELING

Clint Eastwood erzählt eine "wahre" Geschichte...

Beruhend auf den wahren Begebenheiten um die sogenannten „Wineville-Chicken-Morde“, wird die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter – Christine Collins, dargestellt von einer einmal mehr wirklich überzeugenden Angelina Jolie – erzählt, die im JAhr 1928, am Ende einer Sonderschicht in der Telefonzentrale von Los Angeles, heim kommt und das Haus leer vorfindet. Ihr achtjähriger Sohn Walter ist verschwunden. Er ist ein an sich braver Junge, der es kennt, daß sie plötzlich auf ihrer Arbeit einspringen muß, ist sie als Schichtleiterin doch verantwortlich, daß es läuft. Als sie sich an die Polizei wendet, wird ihr beschieden, daß Vermisstenanzeigen gerade bei Kindern erst nach 24 Stunden Absenz aufgenommen würden. Doch schließlich sieht auch das LAPD ein, daß Christines Geschichte stimmt. Wochen vergehen, in denen sie das Warten ertragen muß, unterstützt von Arbeitskollegen, aber auch in der Öffentlichkeit in Person des Reverend Gustav Briegleb (John Malkovich), der nicht nachlässt, anzuprangern, daß nichts geschehen würde, die Polizei sich nicht angemessen des Falles annähme. Nach Monaten präsentiert das LAPD dann einen neunjährigen Jungen, der im Mittelwesten aufgegriffen wurde und selber behauptet Walter Collins zu sein. Christine hingegen merkt sofort, daß dies nicht ihr Sohn ist. Es beginnt ein wiederum monatelanges zähes Ringen um Wahrheit und Falschaussage zwischen ihr, die nahezu zwingende Beweise hat, daß dies ihr Sohn nicht sein kann, und der Polizei, vor allem Captain J. J. Jones (Jeffrey Donovan), der selbst um die bizarrste Erklärung nicht verlegen ist. Schließlich – Christine verliert zusehends die Geduld und auch die Contenance, denn in ihren Augen wird wesentliche Zeit vertan, die zur Ermittlung und Suche nach ihrem wirklichen Sohn genutzt werden sollte – läßt Jones sie direkt aus seinem Büro in eine Nervenheilanstalt einweisen, dessen Leitung mit der Polizei eng zusammenarbeitet. Dort verweigert Christine die Forderung, eine Verzichtserklärung zu unterschreiben, die aussagt, daß sie sich geirrt, die Behörde recht gehabt habe bezüglich des Jungen. Sie findet schnell heraus, daß sie sich in Station 12 unter lauter Fällen von LAPDitis befindet. Frauen, die der Behörde in die Quere gekommen sind, würde- und rechtlos, scheinbar vergessen. Nur der Reverend hält nun noch zu ihr, allerdings gelingt es ihm schließlich, sie aus der Psychiatrie herauszuholen. Parallel geht der Polizist Detective Lester Ybarra (Michael Kelly), der ebenfalls in die Ermittlungen um den Collinsjungen eingebunden war, einem Fall nach, in welchem ein weiterer Junge, der nach Kanada ausgewiesen werden soll, eine wahnwitzige Geschichte erzählt: Er sei bei seinem Cousin Gordon Northcott (Jason Butler Harner) auf dessen Farm außerhalb des Stadtgebiets gewesen und wäre von diesem gezwungen worden, Kinder umzubringen. Ybarra legt ihm Fotos vermisster Kinder vor und unter anderen erkennt der Junge Walter Collins – den echten Walter Collins. Es kommt schließlich zu einem Prozess, der dazu führt, daß Jones suspendiert wird und der sowohl den Polizeichef als auch den Bürgermeister zwingt, zurückzutreten. Christine glaubt aber weiterhin nicht, daß Walter tot ist. Es gibt Hinweise, daß einige Kinder den Mördern entkommen konnten. Und wirklich – fünf Jahre nach den geschilderten Geschehnissen, anfangs der 30er Jahre – wird ein Teenager aufgegriffen, der von seiner Flucht von der Farm berichtet und davon, daß es nur Walter Collins Einsatz zu verdanken war, daß er entkommen konnte. Ob Walter jedoch selber die Flucht gelungen ist, wusste er nicht, weil die drei Flüchtigen einfach in die Nacht der Prärie davon gestoben sind. Christine gibt die Hoffnung nicht auf.

Der späte Clint Eastwood verlegte sich ab der Jahrtausendwende immer öfter darauf, Regie zu führen, ohne selber in seinen Filmen aufzutreten. So gelang ihm 2003 mit der Literaturverfilmung MYSTIC RIVER ein zu Herzen gehendes Drama um Kindesentführung, Mißbrauch und Mord. Zugleich war dies aber auch eine Analyse, daß Gewalt solange ein Konfliktlösungsmittel bleiben wird, solange Männer mit gewissen Ansichten über Stolz und Würde meinen, sie hätten das Recht, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen. Fünf Jahre später legte er eine Art Gegenstück dazu vor: CHANGELING (2008), zu Deutsch DER FREMDE SOHN. Während im ersten Film Kevin Bacon als Polizeibeamter sich müht, seine Kindheitsfreunde davon abzuhalten, sich selber ins Unrecht zu setzen, ist es diesmal die Polizei, die – um eigene Fehler zu vertuschen – schreckliches Unrecht begeht.

Clint Eastwood wird dafür gelobt, daß es ihm gelingt, seine Filme sehr konzentriert, an entspannten Sets, an denen intensiv gearbeitet wird, schnell und zielgerichtet zu produzieren. Mit wenigen Takes bekäme er meist, was er wolle. Eastwood gelingen oft packende Erzählungen, die organisch sich entwickelnd verschiedene Erzählebenen ineinander greifen lassen. Doch durchaus wirken seine Arbeiten gelegentlich eben auch genau wie das, wofür sie gelobt werden: Schnell produziert. Dann stimmt zwar alles – Sets, Design, Kostüme, Maske – doch hat man den Eindruck, die Geschichte sei nicht wirklich rund, nicht von einer sich entwickelnden Story oder Figuren getragen, sondern mäanderte in aneinander gereihten Szenen vor sich hin. So ist es auch hier. Es gelingen Momente in diesem Film, die nachhallen für lange Zeit: am Verhörtisch, wo Ybarra jener realen Schauergeschichte lauscht, die der Junge ihm von der Farm draußen erzählt und ihm nach und nach aufgeht, was das bedeuten könnte. Und sicher wird die Hinrichtung Northcotts, den Harner auf unangenehm fröhliche Art spielt, nicht vergessen, der die Szene „durchgestanden“ hat. Eine der kältesten Szenen, die selbst Eastwood je inszeniert haben dürfte. Er nimmt einen eher distanzierten Standpunkt zur Gesamthandlung ein, sehr oft visuell, aber auch inhaltlich. In den wenigen Szenen, die das Verhältnis Christines zu ihrem Sohn verdeutlichen, gibt der Film sich keine Mühe, dieses als ein sonderlich warmes zu zeigen. Und der Film zeigt auch keine kinderfreundliche Welt. Man kann Christines Horror, ein ihr fremdes Kind einfach als eigenes zu akzeptieren, durchaus verstehen, doch die Kälte, die sie dem Kind gegenüber entwickelt, steht schon recht stellvertretend für eine Gesellschaft, die Kindern gegenüber wenig Milde oder gar Gnade aufbringt. Wenn die Polizisten Jungs aufs Revier bringen oder verhören, gibt es Knuffe und kleine Nickligkeiten. Niemand nimmt diese Jungs als Kinder wahr. Sie sind in den Augen der Erwachsenen dieser Welt Kriminelle. Kein Wunder, daß die Kinder Angst haben, einzugestehen, was ihre wahren Motive gewesen sind.

Die Inszenierung bleibt inkohärent, selten kann der Film sich entscheiden, was er sein will – Drama oder Thriller? Gar ein Horrorfilm, wenn er uns die soundsovielte Version der Psychiatrie als Höllenvision bietet? Durchgehend bleibt er der Idee einer institutionellen Verschwörung verpflichtet. Da erinnert er in der Anlage an Stories von James Ellroy oder Pete Dexters Konzept für MULHOLLAND FALLS (1996). Die Polizei von Los Angeles als Sündenpfuhl, als durch und durch korrupte Bürokratie, die vor nichts zurückschreckt, auch nicht vor Mord. Diese Geschichte legitimiert sich lediglich durch das „Based on a true story“-Etikett. Sie ist nicht wirklich spannend und im Grunde erzählt uns diese Geschichte auch nichts neues, nichts, was wir nicht schon wüssten oder so schon anderswo, oft besser, weil spannender, gesehen hätten. Und man wird den Eindruck nicht los, daß auch Eastwood, das Buch, der ganze Film nicht wirklich wissen, was sie mit alldem anfangen sollten.

So driftet die Handlung unentschlossen über eine Spieldauer von fast zweieinhalb Stunden, kann der Film mit wahrlich beeindruckenden Sets und Settings und Kostümen und Masken aufwarten, wird das Los Angeles der 20er Jahre gekonnt heraufbeschworen, gibt es die bereits erwähnten eindringlichen Szenen und muß man den Schauspielern gute Leistungen attestieren, doch bleibt der Eindruck von etwas Unfertigem. In gewisser Weise wirkt das alles sogar recht lieblos. Ebenso lieblos, wie die Menschen in diesem Film mit Kindern umgehen, geht der Film mit seiner Handlung und den Figuren um. Wie mechanisch scheint sich diese Handlung abzuspulen, wie zwangsläufig und ohne jeglichen wirklichen Spannungsaufbau wird Szene an Szene gereiht, wobei man oftmals den Eindruck hat, daß die einzelnen Szenen kaum inneren Zusammenhang aufweisen. Es wurde anfangs schon erwähnt, daß Eastwood in seinen schlechteren Momenten oft in dieses Aneinanderreihen abgleitet – man denke nur an die nicht enden wollende Szenenabfolge in MIDNIGHT IN THE GARDEN OF GOOD AND EVIL (1997), der ähnlich unentschlossen wirkt wie dieser Film, auch in dem später entstandenen J. EDGAR (2011), Eastwoods Biopic über den langjährigen FBI-Chef Hoover, wirkt Vieles uninspiriert und recht wahllos aneinander gereiht. Nun muß er sicher niemandem mehr etwas beweisen und hat alles Recht der Welt, die Filme zu drehen, die ihn interessieren und dies auf eine Art und Weise, die er für angemessen hält. Doch fragt man sich bei einigen seiner Arbeiten schon, was ein jüngerer, mehr vom Eifer erfüllter Eastwood wohl daraus gemacht hätte? Jener Eastwood, der mit HIGH PLAINS DRIFTER (1973) den Western in eine Metadimension führen konnte, mit BIRD (1988) ein kraftvolles Sittengemälde der Be-Bop-Ära des Jazz vorlegte oder in WHITE HUNTER, BLACK HEART (1990) einen teils urkomischen und äußerst satirischen Blick auf Hollywood warf? Denn die reine Story dieser Verschwörungsgeschichte gäbe Stoff sowohl für ein Gesellschaftsportrait, für einen wahren Thriller, einen Horrorfilm oder einen Polizei/Detective-Film her. Wenn man all das allerdings auf einmal erledigen will, könnte sogar ein Clint Eastwood überfordert sein. So sieht dieser Film dann leider eben auch aus. Immerhin: Bei Clint Eastwood ist auch ein mißlungener/weniger gelungener Film meist besser als der Durchschnitt dessen, was heute aus Hollywood kommt.

 

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