EIN MANN SUCHT SICH SELBST/FIVE EASY PIECES

Ein frühes und dennoch zentrales Werk des 'New Hollywood'

Bobby (Jack Nicholson) arbeitet auf einem Ölfeld, in seiner Freizeit unternimmt er Ausflüge oder geht zum Bowling mit seiner Freundin Rayette, genannt Ray (Karen Black), und dem befreundeten Paar Elton (Billy „Green“ Bush) und Stoney (Fannie Flagg). Bobby ist weder ein sonderlich glücklicher Mensch, noch wirkt er allzu unzufrieden. Dennoch gibt es immer wieder Reibereien mit Ray, die sich eine engere, gültigere Beziehung wünscht. Es kommt zum Streit, als Bobby auf der Bowlingbahn, wo Ray sich als wenig begabt entpuppt, zwei Frauen anbaggert und sich dabei über Ray lustig macht. Trotz aller Streitereien ist sie immer wieder bereit, Bobby aufzunehmen, selbst, als sie ahnt, daß er ihr fremdgeht. Denn er und Elton haben eine Affäre mit den Mädchen von der Bowlingbahn begonnen. Bobby erweist sich während eines Staus auf dem Freeway als begabter Pianist, als er die Ladefläche eines Transporters entert, das dort festgezurrte Klavier freilegt und anfängt zu spielen. Als Bobby erfährt, daß Ray schwanger ist, bespricht er die Sache mit Elton. Dieser lacht sein ewig meckerndes Lachen und meint, daß Bobby sich schon dran gewöhnen würde. Bobby läßt Elton stehen, wütend und unverstanden, denn aus dem sonst eher ruhigen Mann bricht die ganze Verachtung für das Leben, das sie beide führen, heraus. Während Bobby sich beim Schichtleiter abmeldet, er habe keine Lust mehr auf den Job, sieht er, daß Elton an seiner Pumpe Probleme mit zwei Männern hat. Bobby rennt hin und wird niedergeschlagen. Es erweist sich, daß Elton wegen eines Überfalls gesucht wird, er bittet Bobby, Stoney Bescheid zu geben. Dann wird er abgeführt. Bobby besucht seine Schwester Tita (Lois Smith) in Los Angeles, die dort an Plattenaufnahmen als Pianistin arbeitet. Sie erzählt ihm, daß daheim, im Staat Washington auf einer der Küste vorgelagerten Insel, der Vater sehr krank sei, der gemeinsame Bruder Carl (Ralph Waite), ein Geigenvirtuose, einen Unfall gehabt habe und nicht mehr spielen könne. Bobby ist vor nunmehr drei Jahren seine bürgerlich-künstlerische Familie und Heimat geflohen. Er beschließt, hinzufahren, da der Vater nach einem zweiten Schlaganfall jederzeit sterben könne. Er will Ray verlassen, die sich kaum mehr rührt, apathisch liegt sie im Bett. Als Bobby bereits im Auto sitzt, packt ihn das Gewissen und er nimmt Ray schließlich mit. Unterwegs greifen sie zwei Anhalterinnen auf, von denen sich eine als dauerplappernde Weltenhasserin entpuppt. In Washington State angekommen, läßt Bobby Ray in einem Motel zurück, verspricht ihr aber, sich telefonisch zu melden, sobald er weiß, wie es auf der Insel steht. Dort angelangt trifft er sowohl seinen Vater, der nicht mehr sprechen kann, als auch Tita wieder, ebenso trifft er auf seinen Bruder, der hier seine neue Freundin auf ihre Klavierprüfungen vorbereitet. Diese Freundin – Catherine Van Oost (Susan Anspach) – hat sofort eine erotische Anziehung auf Bobby. In den zwei Wochen, die er auf der Insel bleibt, beginnt er eine Affäre mit Catherine, vor der er den Bruder lächerlich macht. Er müht sich um Verständigung mit dem stummen Vater, der ihn nurmehr mitleidig anblickt. Nachdem er Ray mehrmals am Telefon abgewimmelt hat, steht sie eines Tages einfach vor der Tür des Anwesens. Es kommt zu einem für Bobby unangenehmen Abendessen, bei dem Ray ihm zusehends peinlich vor der Familie wird. Er flieht von der Insel, betrinkt sich und wird morgens am Hafen wach. Er will zurück auf die Insel, trifft an der Fähre Catherine, die ein paar Freunde vom Festland abholt. Darunter eine Psychoanalytikerin, die sich abends – intellektuell daher schwadronierend – auch über Ray lustig macht. Daraufhin bricht der ganze angestaute Frust aus Bobby hervor, der nicht nur die Dame, sondern alle Anwesenden aufs übelste beschimpft. Am nächsten Tag versucht Bobby, mit Catherine über eine feste Beziehung zu sprechen, doch sie fragt ihn, wie er, der sich so wenig selbst liebe, erwarten könne, geliebt zu werden? Bobby und Ray wollen fahren, Tita kommt hinzu und sieht, daß Bobby erneut abhauen will, ohne sich zu verabschieden. So verlassen er und Ray schließlich die Insel. An einer Tankstelle sucht sie die Toiletten auf, woraufhin Bobby einen LKW-Fahrer anspricht, ob der ihn mitnehmen könne. Er steigt ein und in einer Totalen sehen wir den Highway, die Tankstelle mit Bobbys Wagen und die in der Kälte der nördlichen Wälder zitternde Ray, die mitten auf dem Parkplatz der Tankstelle auf den im Hintergrund im Lastwagen entschwindenden Bobby wartet. Dann läuft der Abspann durch das Bild.

Eine zitternde, einsame Frau auf einem Tankstellenrastplatz im Regen – dieses Schlußbild brennt sich dem Zuschauer unvergesslich ein, drückt es doch ohne die Unterstützung eines Soundtracks und ohne alle Dramatik eine solche Traurigkeit aus, wie es sie im modernen Hollywood selten gegeben hat. Bob Rafelsons erster wirklicher Spielfilm (zuvor hatte er eine TV-Serie um die allererste Casting-Band „The Monkees“ und den daraus resultierenden Film HEAD gedreht), berichtet unaufgeregt, undramatisch und deshalb umso eindringlicher von der Verlorenheit eines Mannes, der sich in seiner angestammten Umwelt als Außenseiter fühlt, in seiner angenommenen Existenz hingegen ein Außenseiter IST. Dieser Robert ‚Bobby‘ Dupea, dessen Zweitname bezeichnenderweise ‚Eroica‘ lautet, steht stellvertretend für eine Generation, die sich zwischen den Ansprüchen der Altvorderen – hier ist es ein offenbar übermächtiger Vater, der den Kindern abverlangte, aus ihren musikalischen Talenten Großes zu machen – , dem Zeitgeist, der genau das zu Beginn der 70er Jahre für überholt erklärte und der eigenen inneren Zerrissenheit, aufzureiben drohte. Bobby möchte sich mit den blue-collar-Arbeitern gemein machen, er möchte die Welt der Kunst, der Musik fliehen und weiß dazu seine Herkunft gut zu verstecken. Und dennoch wird er dort nicht heimisch, ebenso wenig, wie er es daheim war. In jener Szene, da er und Elton sich über das Kinderkriegen unterhalten, wird dies überdeutlich: Bobbys ganze Verachtung für das Leben der „kleinen Leute“, daß er im Grunde zu imitieren versucht, ohne die wirklichen Härtefälle dieses Lebens zu akzeptieren, bricht hier aus ihm heraus. In verschiedenen Szenen sehen wir Bobby unvermittelt in Gewalt gegen Sachen ausbrechen, sein innerer Unfriede, die Uneinigkeit mit sich selbst kommen so mehrmals an die Oberfläche dieses anfangs scheinbar so ruhigen Menschen. Aber auch in jener wunderbaren Sequenz, in der er die Ladefläche des Lasters entert und dann klavierspielend mit diesem entschwindet, verdeutlicht nicht nur seine Stellung als verrückter Hund, sondern die prononcierte Außenseiterstellung, die er so oder so einnimmt. Daß er auch in seiner angestammten Umgebung auf der Insel nicht mehr „funktioniert“, wird spätestens deutlich, wenn Ray auftaucht und er anfängt, sich für sie zu schämen. Überdeutlich erleben wir, wie entfremdet er mittlerweile allem und allen ist: Seinem bürgerlichen Ich ist diese einfache Frau, die einfache, ehrliche Fragen stellt und die der ganze Film als eine zwar naive aber durch und durch ehrliche Haut zeigt, peinlich; wirklich wütend jedoch macht ihn die feine „Dame der Gesellschaft“, die den damals als typisch empfundenen Intellektuellensermon absondert und die er dann massiv angeht, indem er u.a. bewusst die Sprache spricht, die er mit seine Kollegen auf den Ölfeldern pflegt. Er ist das einzige Bindeglied zwischen der Wirklichkeit, die Ray kennt und der dieser vergeistigten Menschen, die sich aber ununterbrochen Urteile und Klassifizierungen aller anderen Menschen anmaßen. Er kann Rays „einfachen“ Wünschen nicht gerecht werden, doch ebenso wenig kann er noch die Gepflogenheiten ertragen, die in „seinen“ Kreisen herrschen. Wenn Catherine ihn bittet, für sie zu spielen, ihm anschließend attestiert, mit Herz und Seele gespielt zu haben, wo er weder das eine noch das andere in die kleine Etude gelegt hat und ihr das auch sagt, was sie damit quittiert, ihn abblitzen zu lassen, dann verdeutlicht diese Szene sehr genau, worin die Verlogenheit dieser „Kreise“ zum Ausdruck kommt. Bobby hat sich längst viel zu weit von da entfernt, um noch dorthin zurück zu können. Und das wiederum erkennt Catherine und sagt es ihm auch in aller Deutlichkeit. Sie entscheidet sich, die Ehe mit Carl zu wagen, den sie augenscheinlich nicht liebt, der ihr aber einen „sicheren Hafen“ bietet. Es war genau dieses Seichte, vermuten wir, das Bobby einst hat fliehen lassen. Das er aber – so deutet sein verzweifelter Versuch, diese Beziehung einzugehen an – mittlerweile doch als das für ihn lebbare Modell erkannt haben könnte.

Bob Rafelson ist mit FIVE EASY PIECES (Originaltitel) 1970 einer der frühen und wesentlichen Filme des sogenannten ‚New Hollywood‘-Kinos gelungen. Er hatte gemeinsam mit Bert Schneider „Raybert Productions“ gegründet, die nach der Produktion von FIVE EASY PIECES in BBS umbenannt wurde, da man den unabhängigen Produzenten Stephen Blauner als vollwertiges Mitglied aufnahm. BBS wird allgemein als eine der ganz wenigen, wenn nicht die einzige echte unabhängige Produktionsfirma angesehen, die in Amerika das produzierte und auf den Markt (allerdings in Verleihallianz mit Columbia Pictures) brachte, was in Europa „Autorenkino“ genannt wurde. Der vorliegende Film entspricht sowohl in seiner Thematik, als auch der filmischen Umsetzung, dem Profil eines Autorenfilms. Es ist ein erwachsener Film, der ein erwachsenes Thema behandelt und keine leichten, im Grunde gar keine Antworten auf die aufgeworfenen Fragen gibt. Vieles wird nicht ausgesprochen und erklärt sich lediglich beim genauen Betrachten der einzelnen Szenen. Wenn Bobby seine Schwester im Studio besucht, sehen wir eine gebückt über dem Piano sitzende Frau, die sich selbst summend beim Spiel begleitet. Der ganze Druck, der auf diesen musikalisch offenbar hochbegabten Kindern lasten muß, drückt sich nahezu perfekt in diesem Bild aus; an anderen Stellen werden ganze Beziehungsgeflechte nur mit Blicken und kleinen Gesten angedeutet; wenn Bobby sich mit seinem stummen Vater zurückzieht und ihm unter Tränen erklärt, daß er sich eben doch auch schäme, aus sich und seinen Talenten derart wenig gemacht zu haben, sagen die Blicke, die der schweigende Alte ihm zuwirft, unendlich mehr, als jedes Wort es tun könnte. Aber dieses Schweigen drückt natürlich in sich schon viel über die Versehrtheiten dieser Familie aus. Ohne daß uns der Film je eine explizite Erklärung über die Vergangenheit der drei Geschwister Bobby, Tita und Carl gäbe, verstehen wir, wovor Bobby einst weggerannt sein muß. Übrigens versagt der programmatische deutsche Titel an dieser Stelle vollends, erklärt Bobby seinem Vater doch in der eben erwähnten Szene, daß er nie etwas suche, nichts zu finden hoffe, sondern es lediglich auf Dauer da, wo er sei und wo die Dinge sich zu entwickeln begännen, nicht aushielte. Für Bobbys innere Getriebenheit wird es wahrscheinlich niemals befriedigende Antworten oder ein wahrhaftiges Ziel geben. Als er neben dem Fahrer im Lastzug sitzt, nichts am Leibe außer seinen Klamotten – selbst das Jackett hat er im Toilettenraum der Tankstelle zurückgelassen – bietet der ihm eine Jacke an, denn da wo sie hinführen (wahrscheinlich Kanada), sei es kalt. Bobby steckt die Hände unter die Achseln und sagt, er habe alles, was er brauche.

New Hollywood zieht einen guten Teil seiner Faszination daraus, daß seine Macher nicht mehr an der Hermetik der Studios interessiert waren, sondern (gerade in der frühen Phase) ihre alltäglichen Geschichten genau da und vor dem Hintergrund erzählen wollten, wo sie spielten: In den Straßen und auf den Highways, in den Diners und an den Tankstellen, in den kleinen Clubs und den Wohnungen, oder, wie hier, den Trailern, wo ihre Protagonisten lebten. So ist auch und gerade FIVE EASY PIECES – der Titel bezieht sich übrigens auf die fünf Stücke klassischer Musik, die im Film neben den Songs von Tammy Wynette zu hören sind – ein brillantes Beispiel dafür, wie die Kamera in diesen Filmen nahezu obsessiv den amerikanischen Alltag, die amerikanische Wirklichkeit einzufangen bemüht ist. Hier wird sie vom großen László Kovács in einem seiner früheren Filme geführt. Anders, als oft angenommen, standen die Macher dieser Filme keineswegs grundsätzlich auf Kriegsfuß mit ihrer Heimat. Ganz im Gegenteil waren sie sehr daran interessiert, diese Heimat zu zeigen – nur eben nicht die Hollywoodversion davon, sondern das Original. ‚New Hollywood‘ ist in seinen besten Momenten auch immer ein Chronist amerikanischer Lebenswirklichkeit, ist immer auch „Americana“. So bekommt auch dieser Film einen fast dokumentarischen Charakter in den (vielen) Momenten, in denen jemand, meist Bobby, unterwegs ist, ebenso in jenen auf dem Ölfeld in der ersten Szene des Films. Und wenn wir am Ende jene Totale sehen, die mit so wenig so viel ausdrückt, dann kommt dem Betrachter auch die Idee, daß er da gerade einen Moment irgendwo und irgendwann im 20. Jahrhundert sieht. Einen Moment, so gut wie jeder andere, der die ganze Verlorenheit des Individuums irgendwo in der Zeit ausdrückt.

Heute finden Filme dieser Machart kaum mehr Beachtung, was schade ist. Hier hat man es mit einem packenden Familiendrama zu tun, wenn man bereit ist, sich auf die langsame Erzählweise und sehr ruhige Tonart des Films einzulassen. Großartiges Schauspielerkino erwartet den Zuschauer, bei dem Nicholson und vor allem Karen Black heraus zu heben sind, denn beiden nimmt man ihre Rollen so sehr ab, daß man nahezu vergisst, es mit Darstellern zu tun zu haben. Beide wurden auch mehrfach für Preise nominiert. Hinzu kommt die außergewöhnliche Leistung von Lois Smith, die kaum prägende Szenen hat und diese Tita Dupea in den wenigen extrem glaubwürdig werden läßt.

Wer sich für das Neue Hollywood, seine Geschichte und Genese interessiert, findet in FIVE EASY PIECES einen der ganz typischen Vertreter. Bob Rafelson verwirklichte noch vier weitere Filme mir Jack Nicholson, doch außer dem direkten Nachfolger THE KING OF MARVIN GARDENS (1972) gelang ihnen kein solcher Triumph mehr, wie es dieser Film hier war. Ein wunderbares Stück Autorenkino. Unbedingt zu empfehlen.

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