IN MEINES VATERS HAUS/MY FATHER´S HOUSE

Ein seltsamer literarischer Hybrid: Ein Rom liebender Ire erzählt von einem irischen Helden in Rom während des 2. Weltkriegs

Überall in Europa gab es Widerstand gegen die deutsche Besetzung während des 2. Weltkrieg. Es gab Menschen, die sich den Partisanen hinter der Ostfront oder auf dem Balkan anschlossen, der Résistance in Frankreich oder, später, in Italien der Resistenza. Es gab solche, die offen kämpften und viele, die es versteckt taten. Es gab darüber hinaus aber vor allem viele, viele Mutige, die das Unrecht, das sie tagtäglich sahen, nicht hinnehmen wollten. Die begannen, jenen zu helfen, die vor den Deutschen auf der Flucht waren: Juden vor allem, aber auch anderen, wegen ihrer Religion Verfolgten, Künstlern, Intellektuellen, Kommunisten, Homosexuellen und auch aus deutschen Gefangenenlagern Geflohenen. Viele dieser Helfer blieben ungenannt, viele wurden gefangen genommen, gefoltert, in KZ verschleppt, hingerichtet. Einige taten Gutes im Kleinen, andere zogen regelrechte Hilfsorganisationen auf und konnten so Dutzende, manchmal Hunderte, selten gar Tausende retten.

Nun ist der Vatikan für seine Rolle während der faschistischen Regime in Italien und Deutschland, noch weniger für seine Rolle während der Zeit des Franco-Regimes in Spanien bis weit in die 70er Jahre hinein sonderlich berühmt. Eher stand er lange im Verdacht, wenn nicht kollaboriert, so doch zumindest geduldet zu haben, was vorging. Nach dem Krieg spielte er dann eine wahrlich unrühmliche Rolle beim Aufbau der sogenannten Rattenlinie, einer Fluchtroute für NS-Täter hinaus aus Europa und größtenteils gen Südamerika und in den Nahen Osten, wo viele von ihnen bis ins hohe Alter unbehelligt leben konnten.

Der irische Autor Josephn O´Connor setzt mit seinem Roman IN MEINES VATERS HAUS (MY FATHER`S HOUSE; Original erschienen 2023; in der deutschen Übersetzung von Susann Urban 2023/2025) einem der weniger bekannten, eher stillen Helden ein Denkmal. Der irische Priester Hugh O`Flaherty hatte mit anderen – Diplomaten, befreundeten Künstlern, italienischen Bürgern, die etwas tun wollten – eine kleine Widerstandsgruppe aufgebaut, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, so viele aus deutscher und italienischer Gefangenschaft geflohene alliierte Soldaten wie möglich zu verstecken und ihnen irgendwie zur weiteren Flucht außer Landes zu verhelfen. Aber auch Juden half die Gruppe, als die Deportationen auch aus Italien massiv einsetzten. Viele der Flüchtigen wurden zunächst im Vatikan selbst untergebracht, später verteilten sich bis zu 6.000 Männer und wenige Frauen über ganz Rom in geheimen Verstecken. Immer drohte die Gefahr der Entdeckung.

Die Figur des Monsignore Hugh O`Flaherty beruht auf einem realen Vorbild, auch die Gruppe um ihn herum hat es gegeben. Doch besteht O`Connor in einem Nachwort darauf, das es sich bei seinem Roman um ein fiktionales Werk handelt. Ein fiktionales Werk, das sich aber doch nah an die realen Vorgaben hält.

O´Connor erzählt in 3 Akten, wie er die übergeordneten Abschnitte nennt, und einer Coda – also grob am Aufbau einer Oper orientiert – von einem sogenannten ‚Rendimento‘, einer Aktion, welche die Gruppe durchführt. Da die Gruppe sich nach außen hin als Chor tarnt und ihre Codes sich aus musikalischen Termini und Versatzstücken ergeben, liegt diese Unterteilung nah. O´Connor bemüht dabei einen recht postmodernen Stil, um seine Geschichte zu erzählen. So berichtet er in erzählenden Teilen, die minutiös den Ablauf der Tage und schließlich Stunden der Aktion wiedergeben von der Gefahr, der der Monsignore und alle Beteiligten ausgesetzt sind, zugleich flicht er (fiktive, bzw. fiktionalisierte) Aufzeichnungen verschiedener Interviews, die die BBC mit den Beteiligten in den frühen 60er Jahren führte (die es mit den wirklich an den Aktionen Beteiligten tatsächlich gegeben hat), sowie (fiktionalisierte) Tagebuchaufzeichnungen und Briefe in seinen Text ein. So entsteht eine Art Collage, ein Pastiche, aus dem sich vor allem das ebenso lebensnahe wie liebenswerte Portrait eines streitbaren Charakters – nämlich eines irischen Sturkopfs namens O´Flaherty – ergibt. Es ist eine interessante literarische Bewegung, diese Person aus den unterschiedlichen Perspektiven anderer zusammenzusetzen und so immer in einer gewissen Äquidistanz zu halten (abgesehen von einer seiner Mitstreiterinnen, die offenbar ein engeres Verhältnis zu ihm hatte). So begreift man diesen Mann als einen distanzierten Menschen, zugleich wird er aber in ein Verhältnis zum Leser gesetzt, das schon dem eines Heiligen, eines Gerechten ähnelt. Zu groß, als dass wir mit solch einem Menschen auf Augenhöhe bestehen könnten.

Allerdings zeichnet O´Connor diesen Mann, via der Berichte seines literarischen Personals nicht durchgehend sympathisch, unterläuft mit dieser Strategie auch ein mögliches Heiligenbild, was dem Roman grundsätzlich guttut, um dem Verdacht der reinen Heldenverehrung zu entgehen. Allerdings werden die Eigenarten des Priesters oftmals mit irischen Eigenarten gleichgesetzt, wodurch sie aufgewertet und zu phänotypischen Topoi nationaler Identität umgedeutet werden. Ein wirkliches Psychogramm entsteht so nicht. Da der Roman vor allem in seinem Mittelteil – also dem 2. Akt – eine sehr genaue Beschreibung der Nacht bietet, in der Hugh O´Flaherty seine Runde durch Rom dreht, Geld verteilt und einige Flüchtige in Sicherheit bringt, dabei immer der letztlich sein Leben bedrohenden Gefahr bewusst, die von deutschen Patrouillen ausgeht, die zu diesem Zeitpunkt Rom bereits kontrollieren, wirken lange Passagen des Romans eher wie ein rein deskriptiver Thriller. Und da dieser Gang durch die nächtliche Stadt dann doch nicht so spannend ist, baut O´Connor jede Menge Beschreibungen der Schönheiten und Sehenswürdigkeiten ein, die Rom ja zweifelsohne zu bieten hat. Das soll möglicherweise die Brutalität der unmittelbaren Gegenwart, die Gefahr der Situation kontrastieren, immerhin bewegen wir uns mit dem Protagonisten durch die „ewigen Stadt“, doch wirken diese Schilderungen ein wenig lückenfüllend. Selbiges widerfährt O´Connor auch schon in ellenlangen und nicht immer wirklich mitreißenden Beschreibungen der Innenausstattung des Vatikan.

So erfüllt der Roman scheinbar zwei wenig miteinander in Zusammenhang stehende Zwecke: Er erzählt von dem Mut einiger weniger, die etwas getan haben, als es darauf ankam – und er erzählt von der Liebe des Autors zu einer wunderbaren Stadt, die eben nie vergeht. Sicherlich könnte man den Roman als Straßenführer durch Rom nutzen.

Was O´Connor allerdings gelingt, ist, die Bedrohung der im Roman geschilderten Menschen spürbar zu machen. Es ist der Dezember 1943, Mussolini wurde bereits abgesetzt, die Deutschen haben Italien, so weit das noch möglich war, besetzt und in Rom herrscht im Roman der Chef des NS-Sicherheitsdienstes Paul Hauptmann, als Figur eng angelehnt an den SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler, der als der Hauptverantwortliche für das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen gilt. O´Connor entwirft hier ein zwar nicht sehr originelles dennoch treffendes Psychogramm eines Mannes, der einerseits das Gute, Schöne, Wahre liebt, über eine humanistische Bildung verfügt und Rom ganz sicher dem Dreck an der Ostfront oder dem Partisanenkrieg auf dem Balkan vorzieht, der sich aber abends, bevor er heimfährt in seine Villa vor den Toren der Stadt, zu seiner trunksüchtigen Frau, die dieses Leben nur noch im Rausch erträgt, das Blut derer von den Händen und Armen waschen muss, die er tagsüber „verhört“ hat. O´Connor scheut sich nicht, seinen Lesern die eine oder andere Beschreibung zuzumuten, wie diese „Verhöre“ abliefen. Allerdings treibt er es nie zum Äußersten, blendet aus, bevor die Lektüre unerträglich wird.

IN MEINES VATERS HAUS bleibt letztlich ein seltsamer Hybrid von Roman. Er packt, er ist – zumindest über weite Strecken – spannend und doch scheint dieser Krieg eine Privatsache zwischen einem irischen Monsignore in Diensten des Vatikan und einem deutschen SS-Führer zu sein. Eine Art Katz-und-Maus-Spiel. Und als solches bleibt dann vielleicht doch ein wenig zu viel dessen auf der Strecke, was gerade diese letzten anderthalb Jahre des Krieges für Italien wirklich bedeuteten. Das Land, zumindest der Norden, wo Deutsche und einige italienische Einheiten erbitterten Widerstand gegen die Alliierten leisteten, die sich Stück für Stück den Stiefel hinaufkämpften, wurde zusätzlich zu den Kriegsgräueln und Kämpfen – die italienischen Industriestädte im Norden, Mailand, Turin waren Ziele massiver Bombenangriffe – von einem ebenfalls erbittert geführter Bürgerkrieg zwischen den sich nach Mussolinis Befreiung wiedererstarkt glaubenden Faschisten und den sich bildenden Partisanengruppen zerrissen. Das spiegelt O´Connors Roman viel zu wenig, er wird dann eben doch ein wenig zu sehr zu einem irischen Heldenmythos. Einem etwas klischeebeladenen noch dazu.

So taugt der Roman ganz sicher als Unterhaltung, ob er viel mehr zu bieten hat, sei jedem Leser, jeder Leserin zu beurteilen selbst überlassen. Ein wenig dünn wirkt das alles leider schon.

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