ZERSTÖRUNGSLUST. ELEMENTE DES DEMOKRATISCHEN FASCHISMUS

Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey liefern eine bedrückende und besorgniserregende Gegenwartsanalyse

Nachdem sie 2022 in ihrer Studie GEKRÄNKTE FREIHEIT dem Phänomen nachgegangen sind, wie die Idee der Freiheit sich gegen eben diese wenden kann, indem das radikale Individuum, anders als in der Geschichte zumeist üblich, sich nicht mehr frei zu etwas bekennt, sondern frei von – bspw. von der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft während einer Pandemie – wenden sich Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey in ZERSTÖRUNGSLUST. ELEMENTE DES DEMOKRATISCHEN FASCHISMUS (2025) einem aus dem Vorgänger erwachsenen, radikalisierten Phänomen zu. Faschistoiden, bzw. Faschistischen Tendenzen in Demokratien, die sich der Mittel der Demokratie bedienen, um diese zwar nicht gänzlich abzuschaffen, jedoch derart auszuhöhlen und autoritär zu gestalten, dass man von einem demokratischen Faschismus sprechen kann.

Zusehends können wir erkennen, wie autoritäre, teils autokratischen Ideen anhängende und teils schon mit faschistischem Gedankengut experimentierende Parteien überall in Europa entweder schon an der Macht sind – in Ungarn (wenn auch kürzlich das Orbán-Regime tatsächlich abgewählt wurde, so wurde es durch eine weitere, als autoritär erkennbare, wenn auch nicht ganz so radikal aufgestellte Partei wie zuvor die Fidesz ersetzt), in einigen weiteren osteuropäischen Ländern, in Italien, aber auch in den USA mit den Republikanern in der Trump´schen Prägung – oder sich, wie in Frankreich und, will man den Umfragen Glauben schenken, zumindest auch in einigen der östlichen Bundesländer Deutschlands anschicken, demnächst die Macht zu ergreifen.

Diese Parteien werden gewählt. Sie putschen sich nicht an die Macht, es gibt keine Bürgerkriege, keine gewaltsamen Umstürze. Sie werden gewählt und machen sich dann im Rahmen dessen, was die jeweiligen Verfassungen ihnen unter Mehrheitsrecht zugestehen daran, den Staat nach ihrem Gusto umzubauen. Zunächst greifen sie die wesentlichen Institutionen an – zumeist den Justizapparat und die Medien -, schnell beginnen sie aber auch den Kulturkampf, ändern Lehrpläne, sorgen dafür, dass ihnen unliebsame Fächer oder Studiengänge aus den Schulen und Universitäten verschwinden. Sie greifen in die Spielpläne der Theater ein, kürzen oder streichen Subventionen bspw. für Erinnerungsstätten. Das Mittel – das legale Mittel wohlgemerkt! – der Wahl ist dabei das Geld. Wenn man so will: Der Markt.

Wesentlich ist, dass sie auch dann, wenn sie die Macht in Händen halten, zunächst (und bisher überall, wo sie sie errungen haben) den Anschein aufrechterhalten, man habe es weiterhin mit demokratischen Verfahren zu tun. Es wird gewählt, zunächst wird niemand verhaftet, der sich unbotmäßig verhält oder äußert, wie dies in Russland bspw. schon lange der Fall ist. Doch höhlen sie die Institutionen ebenso aus, wie die demokratischen Mittel und Methoden desavouiert und lächerlich gemacht werden. Bestes Beispiel sind die Bemühungen der Republikanischen Partei in den Vereinigten Staaten, in jenen Einzelstaaten, in denen sie die entsprechenden Mehrheiten halten, die Wahlkreise so zurechtzuschneiden, dass bspw. Schwarze keine Chance mehr haben, eigene, möglicherweise eher liberale oder der Demokratischen Partei zugeneigte Kandidaten durchzubringen.

Die Autor*innen gehen in vier großen Abschnitten ihren Thesen nach und legen die Ergebnisse ihrer Überlegungen dar. Dabei greifen sie vor allem auf einen breiten, fast unüberschaubaren Fundus an bereits bestehenden Studien und Untersuchungen zurück, haben zudem selbst „Feldforschung“ betrieben, indem sie Befragungen zu mit ausgewählten Personen der verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Spektren geführt haben. Diese soziologisch zwar nicht direkt umstrittene Methode wirkt auf den Leser aber irgendwie immer willkürlich, da man es hier doch stark mit anekdotischer Evidenz zu tun hat, also Ableitungen aus persönlichen Erlebnissen und oftmals eher gefühlten denn belegten Wahrheiten. Die Befragten schätzen sich selbst sogar dann nicht als faschistoidem Gedankengut zugeneigt ein, wenn sie tatsächlich schon echte Vernichtungsfantasien äußern und ein extrem hartes Vorgehen bspw. gegen Migranten propagieren. Es stellt sich also die Frage, was der Mehrwert solcher Befragungen sein soll?

Die Autor*innen möchten diese Befragungen als Beleg einer methodischen Empathie verstanden wissen: Wir müssen zuhören und ernst nehmen, was jene sagen, die sich dem Gedankengut anschließen, das hier als „demokratisch faschistisch“ eingeordnet wird. Nur so sei ein tieferes Verständnis für die inneren Antriebskräfte dieses Phänomens zu erreichen – und dieses dann auch erfolgreicher zu bekämpfen.

Die theoretische Grundierung der gesamten Untersuchung besteht vor allem aus Hannah Arendts Thesen und Überlegungen zu den Grundlagen des Totalitarismus, mehr noch aber sind es die Schriften der Frankfurter Schule, hier einerseits natürlich Adorno/Horkheimers DIALEKTIK DER AUFKLÄRUNG (1947) und die NEGATIVE DIALEKTIK (1966), andererseits Adornos gemeinsam mit Else Frenkel-Brunswik u.a. erstellten STUDIEN ZUM AUTORITÄREN CHARAKTER (1950/1973), die zu Rate gezogen werden. Zudem greifen Amlinger und Nachtwey vor allem auf die Schriften Erich Fromms zurück, der sich schon früh mit der menschlichen Destruktivität auseinandergesetzt hatte.

Anhand des doch recht umfangreichen Anhangs und Methodenteils, kann man erkennen, dass dieser Band theoretisch sehr viel stärker soziologisch und philosophisch ausgerichtet ist als der Vorgänger es war. Das Buch ist dementsprechend schwerer zu lesen, man muss aber ebenso konzedieren, dass es tiefgreifender ist, sein Thema eindringlicher, vielleicht genauer, letztlich auch bedrückender auslotet. Denn hier liegt eben deutlich der Zusammenhang zum historischen Faschismus, seinen Wurzeln, Quellen und seiner Entwicklung offen, ebenso die Unterschiede.

Amlinger und Nachtwey führen ihre Leser in eine Tiefenbetrachtung jener politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen, die dem Aufstieg neofaschistischer Ideen Vorschub geleistet haben. Gerade ihr Exkurs in die Geschichte des politischen wie gesellschaftlichen Liberalismus ist dafür ausgesprochen aufschlussreich. Letztlich läuft es in der Untersuchung tatsächlich auf die Frage hinaus, inwiefern der Liberalismus, der mit der Aufklärung aufkam, dort seinen Ausgangspunkt nahm, es nicht vermocht hat, die faschistische Bedrohung zu erkennen und vor allem – oder mehr noch – inwiefern vor allem der Neoliberalismus, der im Kern ja ein reiner Marktliberalismus gewesen ist, welcher nun von Leuten wie Elon Musk und Peter Thiel – die sich nicht als liberal, sondern als libertär verstehen – an seinen äußersten Rand getrieben wird, wo der Staat als Regulator nur noch ein Hülle darstellt, wenn er nicht gar komplett überwunden wird, wie diese Spielart des Liberalismus dem neuen Faschismus Vorschub geleistet hat.

Amlinger und Nachtwey spüren also den kulturellen und den politischen sowie den ökonomischen Gründen für das Erstarken des modernen – oder post-modernen? – Faschismus nach. Sie stellen diese Frage aber auch im Angesicht der Frage, welche Bürger*innen und welche Wähler*innen unter welchen Voraussetzungen denn nun eigentlich aus welchen Gründen beschließen, faschistisch zu wählen? Es ist die Kardinalfrage, die sich seit nunmehr gut zehn Jahren alle möglichen Soziologen, Politologen, Leitartikler und Politiker stellen. Und die u.a. in den Befragungen beantwortet werden soll.

Das Gefühl – ein Versprechen des Nachkriegsliberalismus -, es zu etwas bringen zu können, mit der eigenen Arbeit etwas aufbauen zu können und den eigenen Nachkommen das berühmte „bestellte Haus“ zu hinterlassen, sei ins Wanken geraten. Das eigene Leben fühle sich zusehends blockiert an, man komme nicht voran, man stecke gleichsam fest, ohne dass sich eine echte Perspektive eröffne. Es mache sich viel mehr ein „Nullsummendenken“ breit. „Nullsummendenken“ bedeutet in diesem Fall: Der eigene Erfolg ist nur noch möglich, indem ich anderen wegnehme, es ist nicht mehr möglich, alle am Kuchen teilhaben zu lassen, sondern ich muss in den nun anstehenden Verteilungskämpfen den eigenen Vorteil suchen und nutzen.

Dies ist einer der Fluchtpunkte für die Überlegungen, die Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey anstellen und die sie – in einem manchmal etwas wild anmutenden Ritt durch die oben angerissene Theorielandschaft – dahin bringt, verschiedene Muster der Destruktion, bzw. Destruktionsbereitschaft zu identifizieren und zu analysieren. Denn die Destruktion wird als mögliche Befreiung aus dieser gefühlten Blockade empfunden. „Gefühlt“ ist dabei ein Schlüsselwort, denn die Befunde beruhen vor allem auf Gefühlen, Empfindungen, auf Annahmen und auch Meinungen, die empirisch oftmals nicht gedeckt sind, nicht selten sogar statistisch widerlegt werden. Dies ist ein wesentlicher Punkt für jene, die diese Gefühle auszunutzen gedenken, die Populisten von rechts und auch jene von links: Annahmen, empfundene Wahrheiten zu bekräftigen, auch gegen die reine Empirie. Dadurch wird das, was wir bisher „Wahrheit“ nennen als Grundlage eines Diskurses natürlich massiv untergraben.

Die Kämpfe, die nun entstehen – oder auch ganz konkret angefacht werden, bspw. mir Äußerungen zu massenhafter „Remigration“, sprich: Massendeportationen missliebiger Mitbürger -, werden nicht mehr – klassisch “links“ – vertikal, also als Klassenkämpfe ausgetragen, sondern horizontal zwischen einzelnen Gruppen. Die gegeneinander ausgespielt und aufgehetzt werden. Und sich teils auch allzu gern aufhetzen lassen; auch das gehört zur Wahrheit (wenn es die denn noch gibt).

In einer Gegenwart, die immer unübersichtlicher erscheint, in der die Krisen in einer ungeheuren Geschwindigkeit aufeinander folgen oder einander gar überlappen, scheint es nicht mehr möglich, den eigenen Standpunkt wirklich zu artikulieren, sich rück zu besinnen, sondern ein jeder empfindet sich in einem ununterbrochenen Kampf um Anteile, Positionen, Plätze in einer zusehends regressiven und auch als repressiv empfundenen Gesellschaft. Daraus resultiert der Wunsch nach der großen Disruption – Zerstörung als Möglichkeit der Befreiung und daraus resultierend des Neuaufbaus.

Wobei der Neuaufbau zumeist in den Worten jener, die ihn als Populisten oder gar überzeugt Autoritäre im Munde führen, selten bis nie einen Ausdruck findet. Er bleibt ein vages Versprechen, eine Utopie am Horizont, eine Phantasmagorie, ein Wunschbild, das erreichbar sei, wenn, ja wenn…

Im Kurzschluss mit den Überlegungen zum historischen und dem neuen Faschismus können die Autor*innen dann deutlich die Unterschiede, aber auch Kontinuitäten herausarbeiten. Dass wir keinen Faschismus der Fackelmärsche und Parteiabzeichen, der einschlägigen Grüße und der sich aus all dem ergebenden Folgen – Unterdrückung, Verfolgung, Krieg, Vertreibung oder Internierung – erleben, liegt auf der Hand. Der moderne Faschismus – und da kommt dieser Text wieder bei seinem Beginn an – wird sich sehr viel geschmeidiger einer Wirklichkeit anpassen, die ihre Lektionen bis zu einem gewissen Grad natürlich gelernt hat. Er wird sich ein demokratisches Gewand umlegen, es wird Wahlen geben, es wird – bis auf Weiteres (?) – keine offenen Verfolgungen geben. Stattdessen werden jene Gruppen, die den Mächtigen nicht in Konzept passen, verhöhnt, werden Wahlkreise so zugeschnitten, dass es – s.o. – passt, wird den Medien die Arbeit möglichst schwer gemacht und wird derart in die Justiz eingegriffen, dass Recht zu Willkür werden wird. Und das, was einmal „Wahrheit“ hieß und was es bedeutete, wird zusehends bedeutungslos. Vielmehr wird „Wahrheit“ zu einem Element, mit dem man spielen kann, das man einsetzen und verwerfen kann, wie es gerade passt. Trump macht dies bis zum Exzess vor. Und immer, wenn die andere Seite es dann ähnlich macht, ruft jemand „Fake News!“ – ganz gleich, dass man selbst einmal damit angefangen hatte. So setzt man eine Gemeinschaft vollends außer Kraft, da sie keine Basis mehr hat, auf die sie sich einigen kann. Es tritt eine Zersetzung ein, die schlussendlich natürlich auch dem Vorschub leistet, worauf der Faschismus nachgerade hinarbeiten muss. Den Ausnahmezustand. Der nämlich wird einst erlauben, was mit demokratischen Mitteln eben nicht möglich ist: Die Außerkraftsetzung durch die Verfassung, durch das Grundgesetzt verbürgter Rechte. Dann aber reden wir nicht mehr von „demokratischem Faschismus“, dann sind wir ganz einfach wieder beim „Faschismus“ angelangt.

Wenn man es richtig draufhat, dann verkauft man das Ganze nicht als Geisterbahn, wie es der russische Neu-Zar Wladimir Putin tut, sondern als komödiantische TV-Show, wie der amerikanische Horrorclown D.J. Trump. Jene, die nicht unmittelbar betroffen sind von Maßnahmen an Grenzen, jene, die nicht in Gefängnissen verschwinden, die sich in diesen Systemen immer noch aufgehoben fühlen, die werden lachen und sich freuen und den Grill anwerfen. Und immer wird man den andern, denen, die „Faschismus!“ rufen und warnen wollen vorhalten, sie seien Alarmisten, so schlimm sei es doch gar nicht und außerdem verharmlose man damit doch den wirklichen, den historischen Faschismus.

Und so dreht und wendet der Destruktivist noch das letzte gute Argument gegen sich selbst. Der Moment, in welchem er der Gefahren gewahr wird, die er selbst damit heraufbeschworen hat, wird ein schrecklicher Momente sein. Vor allem aber wird es einer sein, in dem noch der Letzte merkt, dass es zu spät ist und der „wahre Faschismus“ wieder sein Haupt erhebt.

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