INTO THE WILD – DIE GESCHICHTE EINES AUSSTEIGERS/INTO THE WILD

Sean Penns kongeniale Verfilmung von Jon Krakauers Aussteiger-Reportage

Christopher McCandless (Emile Hirsch) ist ein hervorragender Student der Geschichte und Anthropologie. In der Mindestzeit absolviert er sein Studium an der Emory University in Atlanta. Während des Studiums hat er sich viel mit der Geschichte Afrikas, vor allem der Südafrikas, auseinandergesetzt und dabei immer wieder Partei für den Freiheitskampf der Schwarzen ergriffen. Mit den Büchern Tolstois, Thoreaus und Jack Londons vertraut, steht er dem kapitalistischen und konsumistischen System der Vereinigten Staaten zutiefst kritisch gegenüber.

Am Tag seines Abschlusses gehen seine Eltern Walt (William Hurt) und Billie (Marcia Gay Harden) mit Christopher und seiner Schwester Carine (Jena Malone) essen. Hier kommt es, wie zuvor schon häufiger, zu einer Auseinandersetzung zwischen Christopher und seinem Vater, der ihm ein neues Auto schenken will. Walt ist ein technisch wohl genialer Ingenieur, aber auch ein knallharter Verfechter amerikanischer Werte und ein sozialer Analphabet. In seinen Augen muß man besser sein als andere, Vermögen anhäufen, sich als Sieger beweisen. Er und Billie haben gemeinsam eine Beratungsagentur gegründet und es zu Reichtum gebracht. Dennoch ist die Ehe nahezu zerrüttet, regelmäßig kommt es zu Streitereien und handgreiflichen Auseinandersetzungen, derer die Kinder auch früher schon immer wieder ansichtig wurden.

Christopher spendet seine Barschaft – fast 25.000 Dollar – an eine Wohltätigkeitsorganisation und bricht, ohne irgendjemandem eine Nachricht zu hinterlassen, gen Westen auf. Für nahezu zwei Jahre – es handelt sich um den Zeitraum von 1990 bis 1992 – werden weder seine Eltern, noch seine Schwester, die in einer Over-Voice von ihrem Bruder berichtet, von ihm hören.

Zunächst mit seinem alten Nissan, später zu Fuß, trampend und mit einem Kajak, durchmisst Christopher, der sich den Namen „Alexander Supertramp“ gibt und sich zukünftig Menschen auch so vorstellt, den nordamerikanischen Kontinent. Zunächst treibt es ihn – klassisch amerikanisch – Richtung Kalifornien. Seinen Wagen verliert er, als er eines Nachts im Flutungsgebiet eines Flusses von dem plötzlich ansteigenden Wasser überrascht wird. Allerdings stört ihn dieser Verlust nicht, da er Besitz grundlegend ablehnt.

In South Dakota jobbt er für Wayne Westerberg (Vince Vaughn), einen Getreidefarmer, der Christopher schwarz für sich arbeiten lässt. Schon hier entwickelt der junge Mann den Wunsch, nach Norden, gen Alaska, zu ziehen. Wayne empfiehlt ihm, stattdessen Richtung Süden zu wandern, Mexiko sei das wahre Leben. Nachdem Wayne wegen illegalen Besitzes von Empfangsgeräten vom FBI verhaftet wird, bricht Christopher in gutem Einvernehmen mit seinen Kollegen wieder auf. Zuvor hat er sich von einem seiner Kumpels allerhand Tipps die Jagd betreffend geben lassen.

Christopher kommt in den Südwesten, wo er illegal mit einem Kajak den Colorado River hinunterfährt. Unterwegs trifft er das schwedische Pärchen Mads (Thure Lindhardt) und Sonja (Signe Egholm Olsen), die ihm erzählen, daß man praktisch bis Mexiko auf dem Fluß weiterfahren kann. Christopher erreicht schließlich wirklich die Baja California, wo er eine Weile als Surfer an den Stränden lebt. Auf einem Güterzug fährt er illegal zurück in die USA, muß dabei aber auch die Erfahrung machen, daß mit sogenannten Hobos nach wie vor nicht gut umgegangen wird. Er kommt nach Los Angeles, das ihm noch einmal die Schrecken der Zivilisation vor Augen führt und ihm verdeutlicht, weshalb er all das hinter sich lassen wollte.

In Nevada jobbt er in einem Burger Joint, verliert den Job aber, weil er sich den Küchenregeln nicht anpassen will. Unterwegs an den Highways versucht er immer wieder zu trampen. Das Hippiepärchen Jan Burres (Katherine Keener) und Rainey (Brian Dierker) nimmt ihn mit, Mit ihnen freundet sich Christopher an. Bis nach Kalifornien reist er mit ihnen, muß aber feststellen, daß auch an der „Hippiefront“, wie Rainey es nennt, nicht alles eitel Sonnenschein ist. Zwischen Jan und Rainey herrscht eine unterschwellige Spannung, die Christopher nicht versteht, die ihn aber an seine Eltern erinnert. Umgekehrt erinnert er Jan an ihren Sohn, den sie Jahre nicht gesehen hat. Durch die beiden erfährt Christopher von einer Hippiekolonie, wo er jederzeit willkommen sei.

Eines Morgens ist Christopher verschwunden, er ist weitergezogen. Doch kehrt er nach einigen weniger schönen Erlebnissen zurück und findet sich in der Kolonie ein. Hier herrschen Hippie-Regeln, es gibt praktisch kein Privateigentum, die Leute sind freundlich zueinander, man kümmert sich um den andern. Hier lernt Christopher die junge Tracy (Kristen Stewart) kennen, die mit ihrem Vater in der Kommune lebt. Sie versucht sich als Folksängerin und die beiden musizieren gemeinsam. Christopher ist ein recht guter Pianist. Tracy verliebt sich in ihn, doch erwidert er diese Liebe nicht. Er erklärt ihr, daß sie zu jung sei, er selber will aber vor allem in Askese leben. Schließlich verabschiedet er sich endgültig von Jan, Rainey und Tracy und bricht gen Norden auf, weil er endlich sein großes Ziel, Alaska, erreichen will.

Unterwegs nimmt ihn Ron Franz (Hal Holbrook) mit. Der ist ein einsamer, eher konservativer Armee-Veteran, der einen Narren an dem jungen Kerl frisst. Christopher schlägt sein Lager nahe einer Nudisten-Kolonie auf, ist aber häufig Gast in Rons Haus. Dieser ist ein Ledermacher und bringt Christopher bei, wie man das Material bearbeitet. Die beiden philosophieren aber auch viel über ihre unterschiedlichen Weltanschauungen und obwohl der Alte nicht nachvollziehen kann, weshalb ein junger, begabter Mann wie Christopher nichts aus seinem Leben machen will, fasziniert ihn dessen Lebenseinstellung auch und er lässt sich immer wieder auf die Sichtweise des Jungen ein.

Doch auch von hier treibt es Christopher schließlich weiter. Auch das Angebot des alten Ron, Christopher zu adoptieren, schlägt dieser aus, bzw. vertröstet den Alten auf später, wenn er aus der Wildnis zurückkäme. Ron hat Christopher allerhand Nützliches zusammengestellt, das ihm beim Überleben in der Wildnis helfen könnte.

So trennen sie sich und Christopher macht sich endlich gen Alaska auf. Im April 1992 ist es soweit. Mit einem Kleinkalibergewehr, einem Survival-Guide und einem Paar Gummistiefel, das ihm seine letzte Mitfahrgelegenheit vermacht, bricht er in den Denali-Nationalpark auf.

Für Christopher ist es wie eine Katharsis: Endlich findet er sich in der Natur, wie er sie sich vorstellt: Wild, frei, unbesiegt und menschenleer. Durch Zufall stößt er auf einen alten Schul- und Linienbus, der irgendwo mitten in der Wildnis steht. In seinen Tagebüchern tauft er ihn den „Magic Bus“.

Zunächst gestaltet sich Christophers Erfahrung so, wie er es sich vorstellt. Er bastelt sich mit einfachsten Mitteln allerhand nützliche Geräte zusammen, darunter eine Dusche; er schreibt und liest immer wieder in den wenigen Büchern, die er mitgebracht hat. Einzig seine Versuche zu jagen, sind selten von Erfolg gekrönt. Mal erwischt er seine Beute nicht, dann sieht er im letzten Moment, daß eine Rehkuh, die ihm vor die Flinte läuft, ein Junges bei sich hat. So erlegt er meist nur Kleintiere, die nicht viel hergeben.

Zu einem wirklichen Fiasko wird der Versuch, einen Elch zu erlegen. Zwar tötet Christopher das Tier, allerdings nicht, wie es die Jagdregeln eigentlich vorsehen, mit einem einzelnen Schuß, sondern indem er eine ganze Ladung Patronen in den Körper des riesigen Tiers jagt. Dann macht er bei dem Versuch, den Elch zu häuten und zu zerlegen, nahezu alles falsch. Er ist nicht schnell genug, macht Fehler beim Ausweiden, die Fliegen fallen über das blutige Fleisch her und legen ihre Eier hinein, schließlich winden sich die Maden sogar durch das Fleisch, das er zu räuchern versucht. Schließlich gibt Christopher auf. Für ihn, der sich hohen Respekt für das Leben bescheinigt, ist es eine vollkommene Niederlage, ein Wesen getötet und dann nicht verwertet zu haben. Zu allem anderen Übel taucht nun auch ein Wolfsrudel auf, das sich über die Reste des Elchs hermacht. Christopher fällt nichts anderes ein, als die Stelle, an der er das Tier getötet hat, mit einem Kreuz zu markieren.

Schließlich bringen ihn die Lektüre Tolstois, aber auch seine eigenen Überlegungen und Empfindungen zu dem Schluß, daß er zwar das Glück, bzw. tiefe Zufriedenheit gefunden hat, daß diese aber nur wirklich zählen, wenn man sie teilt. Er beschließt, in die Zivilisation zurück zu kehren. Doch der Fluß, den er auf dem Hinweg problemlos durchwaten konnte, ist durch Schmelzwasser zu einem reißenden Strom geworden. Als er versucht, hinein zu steigen, kann er sich nicht halten, bekommt mit letzter Kraft Geäst und Wurzelwerk am Ufer zu packen und kann sich aus dem Wasser ziehen. Allerdings geht ein Teil seiner Ausrüstung dabei verloren.

Mit letzter Kraft kämpft Christopher sich zum Bus zurück. Nun ist er auf den Survival-Guide angewiesen, um sich durch Pflanzen zu ernähren. Dabei verwechselt er zwei Gewächse miteinander und vergiftet sich. Er ist extrem geschwächt, übersteht diese Zeit aber wider Erwarten. Doch ist er nun derart abgemagert und entkräftet, daß selbst ein Bär, der ihm am Bus begegnet, sich seiner nicht annimmt und weiterzieht.

Christopher hat keine Kraft mehr, sich Essen zusammenzusuchen. Zudem lässt sein Augenlicht nach, er kann die Erklärungen und Zeichnungen in dem Guide nicht mehr richtig erkennen. Er wird immer schwächer. Schließlich legt er sich in seinen Schlafsack und richtet sich so aus, daß er durch die Rückscheibe des Busses den Himmel und die Sonne sehen kann. Er deliriert, dann stirbt er an Entkräftung und Hunger. Zwei Wochen später finden Jäger die Leiche.

Go West, young man!“ – Dieser Slogan wird allgemein dem Verleger Horace Greeley zugeschrieben, der damit die junge Generation seit Mitte des 19. Jahrhunderts aufforderte, den Westen, die Territorien jenseits des Mississippi, zu besiedeln und damit in Besitz zu nehmen. Bis heute ist es ein geflügeltes Wort, das weiterhin den Westen und damit die Idee der „frontier“, der Grenze, als nicht nur physische, sondern auch psychische, intellektuelle und spirituelle Erfahrung umschreibt. Man könnte es wohl gut auf einen jungen Mann wie Christopher McCandless anwenden, dies geflügelte Wort. McCandless erlangte Berühmtheit, als Jon Krakauer 1996 von seinem tragischen und letztlich vergeblichen Überlebensversuch in der Wildnis Alaskas erzählte[1], wohin der ehemalige Student sich abgesetzt hatte, um die Einsamkeit, die reine Natur und darin sich selbst als reines Wesen, bar aller zivilisatorischen Versuchungen, finden zu wollen. Krakauer hatte mit den Eltern, vor allem der Schwester von McCandless, gesprochen, er hatte versucht, die Wege nachzuvollziehen, die der junge Mann genommen hatte und war auch nach Alaska gereist, um jenen Bus zu sehen, in dem McCandless einige Wochen gelebt hatte und in dem er schließlich gestorben ist. Den „Magic Bus“, der irgendwo in der Wildnis verlassen herumstand.

Aufgrund der Vorlage von Krakauer, verfilmte Sean Penn im Jahr 2007 die Geschichte des Christopher McCandless. INTO THE WILD (2007) ist ein grandioses Road Movie geworden, das sein Augenmerk vor allem auf die Grunderfahrung der Bewegung im Raum als amerikanische Wirklichkeit unter dem Aspekt spiritueller Reinigung und Befreiung legt. Penn kümmert sich recht wenig um die durchaus umstrittene Persönlichkeit von McCandless, der ein Asket gewesen sein soll, enthaltsam lebte und recht rigoros in seinen Ansichten gewesen ist. Penn ist weitaus mehr an der Erfahrung des Unterwegsseins, auch als Lebens-, Erfahrungs- und Entwicklungsreise, interessiert, womit er die Geschichte in jene Tradition stellt, die seit jeher amerikanische Literatur und auch amerikanische Filme beschäftigt hat: Der Weg nach Westen als Befreiung aus alten Fesseln, als persönliches Wachsen, als Suche nach spiritueller Erneuerung, den auch McCandless einschlägt, bevor er den Norden als sein mythisches Ziel entdeckt, das Freiheit und Unabhängigkeit verspricht. Damit kann Penn seinen Film-Helden in eine Reihe mit Männern wie Jack Kerouac stellen, aber auch Anschluß an Helden der amerikanischen (Pop)Kultur finden, sei es Huckleberry Finn, seien es die Biker in EASY RIDER (1969), seien es die Pioniere und Siedler der klassischen Hollywood-Western.

Der Film-McCandless, der zu uns in einer Over-Voice spricht, wobei Penn sich wohl Mühe gab, dessen Original-Tagebucheintragungen zu nutzen, ist ein junger Mann kritischen Geistes, der sein Studium in Windeseile durchzieht, mit hervorragenden Noten abschließt und dann umgehend das Weite sucht. Er entflieht den strengen Anforderungen seiner Eltern, die seit Jahren im Dauer-Clinch miteinander liegen und wenig Verständnis für einen Sohn aufbringen, der sich nicht dem amerikanischen Motto immerwährender Kapitalvermehrung anschließen mag, sondern das Konsumverhalten seiner Landsleute grundsätzlich in Frage stellt. Stattdessen interessiert sich dieser Sohn anhand der Texte eines Leo Tolstoi, eines Jack London und jener der Transzendentalisten um Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau für Naturphilosophie und die Idee der Askese.

Die zweite Stimme, die uns per Over-Voice durch die Geschichte führt, ist die von McCandless Schwester Carine. So wird zumindest auf der persönlichen Ebene miterzählt, was das plötzliche, wortlose Verschwinden eines jungen Menschen mit denen macht, die er zurücklässt. Mutter und Vater gehen durch diverse Stadien der Verzweiflung, Carine selbst fühlt sich von ihrem älteren Bruder, der sie bei all den Familiendramen, die die beiden als Kinder beobachten mussten, eben auch beschützt hat, verraten. Ihre Stimme ist implizit auch die der Kritik, die es auch nach Krakauers Veröffentlichung der Geschichte an Christopher McCandless gegeben hat. Er sei ein unruhiger Geist gewesen, unnahbar, auch unversöhnlich, was seine Ansichten betraf. Daß er sich über die Bedürfnisse anderer hinwegsetzt, verdeutlicht der Film zwar, folgt dabei aber weitestgehend seinem Helden, der als rigoroser Sinnsucher vorgestellt wird. Hier ist er noch einmal in seiner ganzen Pracht zu bestaunen: Der unbestechliche amerikanische Youngster, die Jugend, die ihr Recht auf Unbedingtheit einfordert und ihren eigenen Plänen, Hoffnungen und Idealen folgt, koste es, was es wolle.

McCandless zahlte dafür den höchsten, zu entrichtenden Preis: Den seines Lebens. Verloren in der Einsamkeit, der Wildnis Alaskas, wahrscheinlich stark geschwächt durch die Einnahme falscher Pflanzen, wurde er ein Gefangener seiner eigenen Rigorosität. Und wahrscheinlich auch seiner romantischen Vorstellungen. Die Jagd entpuppt sich als schwieriger denn erwartet, das Erlegen, Ausweiden und Verarbeiten eines Elches wird zum persönlichen Fiasko, bei dem McCandless erleben muß, wie seine zusammengebastelte Naturphilosophie an der rauen Wirklichkeit der Wildnis scheitert. In diesen Szenen, die Penn wie ein privates Martyrium für den jungen Mann inszeniert, der verzweifelt versucht, das Fleisch seiner Beute gegen die Fliegen zu verteidigen, wird auch die nachträglich an McCandless – und seinen Nachahmern – immer wieder geübte Kritik virulent: Er war nicht wirklich vorbereitet, er wusste zwar einiges über das Leben in der Wildnis, doch hatte er elementare Kenntnisse ignoriert.

Als er sich schließlich entscheidet, in die Zivilisation zurückzukehren, als er begreift, daß Glück und Zufriedenheit sich erst entfalten und erfüllen können, wenn man sie mit anderen teilt, ist es zu spät: Der Fluß, den er überqueren muß, ist durch Schmelzwasser angeschwollen und nicht mehr zu passieren. Um es mit einem Lehrsatz des altgriechischen Philosophen Heraklit zu sagen, heute längst selbst ein geflügeltes Wort: Man steigt niemals zweimal in denselben Fluß. So wird der junge Mann letztlich und ironischerweise Opfer einer grundlegenden philosophischen Weisheit – und der gravierenden Unkenntnis nicht nur der Wildnis und ihrer Regeln, sondern auch jener seiner Umgebung, denn es gab in kaum 500 Metern Entfernung eine Hängebrücke, die es ihm erlaubt hätte, seiner mißlichen Lage zu entkommen. Eine ganz konkret aufzufassende Wahr- und Weisheit obsiegt über all jene transzendentalen und spirituellen Gedanken, die sich in dem jungen Kopf ausgebreitet haben.

McCandless ist schlicht zu schwach, um es mit dem nun reißenden, vormals so friedlich dahingleitenden  Strom aufzunehmen, er kehrt zum Bus zurück und stirbt hier schließlich an Unterernährung. Er verhungert. Doch Penn inszeniert dieses Sterben keineswegs als höhere Strafe, es wird nicht impliziert, daß da ein dummer Junge die Tragweite seines Handelns nicht begriffen habe. Auch impliziert Penns Regie nicht, daß es einen heimlichen Todeswunsch gegeben habe. Ganz im Gegenteil. Sein McCandless verzweifelt, als er begreift, welch fatalen Fehler er beim Sammeln der Beeren und Gräser gemacht und daß er sich wahrscheinlich vergiftet hat. Er kämpft gegen das Gift in seinem Innern an, er wehrt sich und überlebt. Nur ist er danach zu geschwächt, als daß er sich weiterhin der Nahrungssuche widmen könnte. Ein Teufelskreis.

Dieser junge Mann ist nicht fertig mit der Welt, er ist eben kein Zarathustra, kein Heiliger vom Berge. Mag sein, daß solche Überlegungen halb- oder gar unbewußt in seinem Denken eine Rolle gespielt haben, der Film drückt sie aber nicht aus. McCandless ist auf seinem Weg durch die USA – zunächst mit dem Auto gen Westen, dann nach Süden in einem Kanu auf dem Colorado River und schließlich durch Kalifornien nach Norden, nach Alaska – definitiv auf einer Sinnsuche, die sein weiteres Leben und Werden inspirieren soll. Weite Teile seines Weges legt McCandless zu Fuß und per Anhalter zurück. Passend gibt er sich den Namen „Alexander Supertramp“. Aber McCandless ruft auch Assoziationen der amerikanischen Pop-Kultur hervor, wenn er, gleichsam ein Hobo, auf Güterzügen reist, auf die er aufspringt, und ähnliche Erfahrungen wie seine historischen Vorbilder in den 30er und 40er Jahren macht, wenn er vom Personal der Bahn aus einem Zug geholt und zusammengeschlagen wird. It´s the whole american adventure, das hier noch einmal durchlebt wird. McCandless vollzieht einen Teil der amerikanischen Geschichte nach, in dem er sich von der eigenen Geschichte zu befreien sucht.

Passend dazu sind es vor allem auch Vertreter jener Subkultur, die einst, in den 60er Jahren, die Straße und die Bewegung auf ihr als Teil ihrer Lebenserfahrung betrachteten, denen er begegnet: Beatniks und Hippies. Doch trifft McCandless im Film generell fast ausschließlich auf ihm wohlgesonnene Menschen, auch jenseits der Subkulturen. Er verdingt sich als Landarbeiter und Erntehelfer auf einer Farm in South Dakota, wo er problemlos mit den „einfachen“ Männern, harten Kerlen, die ein hartes Leben führen, zurechtkommt und die seinen Wunsch nach Einsamkeit und Wanderung akzeptieren, auch wenn sein direkter Vorgesetzter sich bemüht, ihn von der Idee, nach Alaska zu gehen, abzubringen. Zugleich unterstützt er ihn aber auch, indem er ihn an einen Kumpel verweist, der sich mit der Jagd und der Behandlung von etwaiger Beute auskennt und McCandless wichtige Hinweise gibt.

Wesentlicher wird dem jungen Mann jedoch die Begegnung mit Jan und Rainey, einem alternden Hippie-Pärchen, die mit einem Wohnmobil durch Kalifornien und den Südwesten der USA fahren und sich des Jungen annehmen. Sie laden ihn auch in ihr Zuhause, eine Hippie- und Aussteiger-Kolonie, ein, wo er auf andere Menschen trifft, die eine alternative Lebensform gewählt haben – Künstler, Handwerker, Musiker, Hippies.

Und schließlich trifft Christopher auf Ron Franz, einen alten Mann, mit dem er über Wohl und Wehe seiner Weltsicht philosophieren kann und der sich nach anfänglicher Skepsis bereitwillig auf die Sichtweise des jungen Mannes einlässt. Der Junge sucht die Einsamkeit, die der Alte bereits seit vielen Jahren – er hat Frau und Tochter früh durch einen Unfall verloren – kennt. Unterschiedliche Prinzipien stoßen hier aufeinander und ergänzen sich. Eine wunderbare Freundschaft, deren Möglichkeit der Film andeutet. Doch teilt der Film auch McCandless Unerbittlichkeit, seinen eigenen Weg gehen zu müssen. Er kann und will keine Rücksicht auf die Bedürfnisse von Jan nehmen, die in ihm ihren Sohn sieht, der sich ebenfalls, wie McCandless bei seiner Familie, nicht mehr bei ihr meldet, wie er keine Rücksicht auf die Bedürfnisse des alten Franz nehmen kann, der in ihm den Sohn sieht, den er nie hatte.

Penn unterteilt sein Werk in verschiedene Kapitel. Damit gibt er seinem a-chronologisch und episodenhaft erzählten Film, der mit gefakten Super-8-Bildern auf die Kindheit der McCandless-Kinder zurückblickt und zugleich immer wieder auf die Wochen im „Magic Bus“ vorgreift, eine Struktur. So beschreiben die Kapitel auch eher geistige Zustände – „Jugend“, „Erwachsen-Dein“ oder „Weisheit erlangen“, als daß sie den zeitlichen Ablauf organisierten. Der wird durch Einblendungen genauer Daten erklärt. Die erzählte Geschichte umfasst etwa zwei Jahre – die zwei Jahre, die zwischen McCandless Verschwinden und seinem Tod vergingen.

Penn bietet fantastische Naturaufnahmen und erfasst die Schönheit und Weite des Kontinents perfekt. Kameramann Éric Gautier sorgt für diese Bilder, die mit einem später sehr beliebten, von Eddie Vedder – Sänger der Rockband Pearl Jam – und anderen Künstlern komponierten Soundtrack unterlegt sind. Gelegentlich ist die Musik etwas aufdringlich und nimmt dem Film, besser: den Bildern, ein wenig von ihrer Stärke. Denn diese Bilder – gleich, ob sie die Natur pur einfangen, oder ob sie sich der Betrachtung der Symbole amerikanischer Alltagskultur wie Diners und Bars, Autobahnauffahrten und Werbeplakaten widmen – können durchaus für sich sprechen. Sie brauchen das Pathos von Vedders Stimme nicht, so schön diese Songs auch sein mögen. In diesen Natur- wie Kulturbetrachtungen kommt vielleicht auch der Unterschied zwischen Christopher „Supertramp“ McCandless und Sean Penn selbst zum Ausdruck. Wie in seinen drei abendfüllenden Filmen zuvor, ist Penn ein sehr aufmerksamer Beobachter und Chronist dieser amerikanischen Alltagskultur und er kann ihr auch etwas – eine ganz eigene Poesie – abgewinnen. Die Kontraste zwischen einem Abendhimmel über den Weiten des Westens und der Künstlichkeit des Neonlichts an einer Raststätte im Sonnenuntergang haben auch andere vor ihm fasziniert, dennoch gewinnen Penn und Gautier ihr noch einmal eine eigene Wahrheit ab. Es ist eben auch ein Staunen über die spezifische Schönheit dieser Kontraste, die man so wahrscheinlich nur in den USA findet.

Genau darin, in diesem Kontrast und dem Hinschauen auf das, was er bietet, erfüllt sich schließlich auch die Eigenschaft des Road Movies, hier macht sich am deutlichsten bemerkbar, daß INTO THE WILD in allererster Linie ein astreiner Genre-Film ist. McCandless Geschichte, wie Krakauer sie aufbereitet, ist geradezu prädestiniert, wenn man sich in oder bereits nach der Postmoderne noch einmal dem Thema der Bewegungserfahrung widmen will, die für die amerikanische Geschichte und ihre Kultur so tiefgreifend und definierend ist. McCandless mit seiner Unbedingtheit, der Ernsthaftigkeit seiner Auseinandersetzung mit den Deformationen der eigenen Kultur, seinem spirituellen Ansatz, der bar aller Ironie ist, bietet da eine nahezu perfekte, eine verführerische Projektionsfläche. Die Tragik, wie Sean Penn sie vermittelt, liegt darin, daß sein Held genau in jenem Moment scheitert, da er bereit ist, Kompromisse einzugehen, mehr noch: Es ist der Moment, in dem er begreift, daß die Liebe bspw. kein Kompromiß ist, sondern möglicherweise erst die eigentliche Erfüllung all dessen, was er sucht Die Liebe mit all ihren Schwierigkeiten und den Unwägbarkeiten und der Ungewißheit, daß sie ewig hält.

Vielleicht wäre Christopher McCandless zu Ron Franz zurückgekehrt und hätte dort die Liebe eines Vaters gefunden, wie er sie sich vorgestellt hat, vielleicht wäre er zu Jan und Rainey zurückgekehrt – und damit zu Tracy, einer Minderjährigen, die sich in ihn verliebt hatte während seiner Zeit in der Kommune – und hätte Erfüllung in einer alternativen Lebensform gefunden. Penn bietet dem Zuschauer (und McCandless) diese Aussichten und Möglichkeiten an, wenn er McCandless bspw. einem alten Künstler lauschen lässt, der seltsame Gebilde in die Wüste zaubert, selbst nicht wissend, was er damit bezweckt und der lediglich feststellt, daß sie auf eigenartige Weise schön seien. Vielleicht wäre Christopher McCandless aber auch zu seiner Familie, zumindest seiner Schwester, zurückgekehrt, wer weiß? Wir werden es nicht erfahren, das Leben hat ihm einen bösen Streich gespielt.

So bleibt dieser junge Mann, dieser asketische Sinnsucher und unbedingte Individualist, der so, wie Sean Penn ihn zeichnet, sehr viel amerikanischer ist, als er dies selbst vielleicht wahrhaben wollte oder sich dessen auch nur bewußt war, eine perfekte Projektionsfläche für all jene, die sich in einer Waren- und Konsumwelt, im Spätkapitalismus, in einer globalisierten, vereinheitlichten Welt voller scheinbar klarer Regeln bei extremer Überkomplexität und voller vorgestanzter Wahr- und Weisheiten, entfremdet fühlen. Und Penn bleibt der Hohepriester eines Amerika, das immer wieder eine Chance auf Erneuerung und Rückbesinnung hat und bietet. Ein Land, das genau diese Fähigkeiten gleichsam einer kollektiven DNA in sich trägt und dadurch immer noch Traum und Sehnsuchtsort vieler, vieler Menschen weltweit ist. Solange dieser Künstler diese Sicht in solchen Filmen verpackt, kann man nur hoffen, daß er uns noch einige davon beschert.

 

[1] Krakauer, Jon: INTO THE WILD. (Deutsch: IN DIE WILDNIS; München, 1996)

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