JEDER VON UNS BEWOHNT DIE WELT AUF SEINE WEISE/TOUS LES HOMMES N´HABITENT PAS LE MONDE DE LA MÊME FAÇON

Jean-Paul Dubois erzählt von einem "ganz normalen Leben"

Das „ganz normale Leben“ ist Gegenstand in Jean-Paul Dubois´ mit dem Prix Goncourt des Jahres 2019 ausgezeichneten Roman JEDER VON UNS BEWOHNT DIE WELT AUF SEINE WEISE (TOUS LES HOMMES N´HABITENT PAS LE MONDE DE LA MÊME FAÇON, 2019; Dt. 2020). Der in Deutschland bislang wenig bekannte Autor lässt seinen Ich-Erzähler Paul Hansen, der zu Beginn des Romans im Gefängnis von Montreal sitzt, wo er sich die Zelle mit einem Hell`s Angel teilen muß, aus eben einem solchen „ganz normalen Leben“ berichten. Wechselnd zwischen der Gegenwart der Zelle und den Bedingungen, unter denen Menschen auch in den Haftanstalten des Westens leben müssen, und der Vergangenheit seines Lebens, erfahren wir nach und nach vom Werdegang des Mannes und schließlich, warum er einsitzt. Und verstehen so, daß selbst das normalste und unscheinbarste Leben eine Magie und jene Momente bereithält, in denen man die Welt erobern möchte. Vor allem aber begreifen wir, daß im Grunde kein Leben „ganz normal“ ist, sondern sich in jedem Leben Besonderheiten und Eigenarten finden, die es einzigartig machen.

Bei Paul Hansen beginnt dies schon mit seiner ungewöhnlichen Abstammung. Der Vater ein dänischer Priester, den es nach Frankreich verschlagen hat, wo er eine junge Französin heiratet, die ihrerseits in Toulouse ein Kino betreibt. Dieses Kino wird in den wilden Jahren um 68 zu einem Hort des Diskurses, es werden die neuesten Godard-Filme gezeigt, es gibt Diskussionsrunden, bei etlichen Gitanes redet man sich die Köpfe heiß, probt die Revolution, gibt sich ultralinks. Während der evangelische Pastor in der Fremde nach und nach seinen Glauben verliert, wagt seine Frau immer neue Experimente, unter anderem zeigt sie den damals äußerst populären Pornofilm DEEP THROAT (1972), was der Ehe nicht unbedingt zuträglich ist. Nach der Scheidung geht Vater Hansen nach Kanada, wohin ihm sein Sohn Paul alsbald folgt. Dort, irgendwo in der Einöde einer Bergarbeiterstadt, verfällt der alternde Geistliche schließlich der Spielsucht, während Paul sich ein vergleichsweise ruhiges Leben aufbaut.

Schon ein solcher Werdegang kann kaum noch als „ganz normal“ oder der eines „Durchschnittsbürgers“ betrachtet werden. Paul wird Hausmeister in einem Wohnkomplex der Schönen und Reichen in Montreal, wo er als Faktotum enge Bindungen zu den Bewohnern eingeht, mit einigen wenigen sogar Freundschaften schließt. Er lernt eine Indianerin kennen, die die Liebe seines Lebens wird, mit ihr gemeinsam lebt er in der Einliegerwohnung der Anlage. Gemeinsam mit dem gemeinsamen Hund sind sie eine eingeschworene Gemeinschaft, deren Glück durch ein plötzliches Unheil zerstört wird.

Dubois lässt seinen Paul Hansen mit einem wirklich seltenen Misch aus feiner, unterschwelliger Ironie und einer manchmal deutlicher, manchmal zurückhaltend erscheinenden Melancholie aus diesem Leben berichten. Ein Leben, das in jenen Momenten des Erzählens eigentlich schon zerstört ist, denn ohne seine geliebte Winona Mapachee wird dieser Mann kaum mehr glücklich werden. Allerdings hat ihn das Leben, vor allem aber das Unglück, eine gewisse Demut und stoische Hinnahme gelehrt. So kann er sein Leben erzählen, ohne je melodramatisch oder gar selbstmitleidig zu werden, ebenso aber auch seinen Zellengenossen Patrick Horton ertragen. Dieser nie wirklich bedrohlich wirkende Riese von einem Kerl, wie erwähnt Mitglied bei den Hell´s Angels, erklärt dem durchaus gebildeten Paul die Welt auf seine ganz eigene, oft rudimentär und primitiv anmutende Weise, die aber erstaunliche Einsichten bereithält und Paul durchaus auch Halt zu geben versteht.

Die oft banal erscheinenden Berichte aus dem Knastalltag – die Tatsache, daß man nahezu alles mitbekommt, was der andere tut, vom Klogang bis zur Selbstbefriedigung, die kleinen Schrecknisse, Triumphe und Erleichterungen, die man herausschlägt, aber auch die Widrigkeiten, bspw. wenn im Winter die Temperatur in den Zellen selten über 14, 15 Grad Celsius steigt – erzählt Paul mit ebensolcher Leichtigkeit und sprachlichen Finesse, wie er seine Lebensgeschichte wiedergibt. Der Leser erhält den Eindruck eines Mannes, der durchaus mit sich im Reinen ist, der seinen inneren Frieden gefunden hat, indem er durch einen Schmerz gegangen ist, von dem er irgendwann begriffen hat, daß er ihn zwar mitteilen, nicht aber teilen kann. Und mit fortlaufender Lektüre freundet man sich immer mehr mit diesem Mann an, der vom Leben und der Welt so wenig verlangt und dennoch so bitter enttäuscht wurde. Wenn er schließlich den Grund beichtet, der ihn in das Gefängnis gebracht hat, letztlich eine Nichtigkeit, ist man fast schon froh, daß Paul getan hat, was er tat, einfach weil er mit seiner Tat beweist, daß auch er eine Sollbruchstelle besitzt, einen Druckpunkt, an dem der Dampf aus dem Kessel muß. Ein „kleiner“ Mann, der sich letztlich wehrt und verlangt, daß die Welt und ihre Vertreter Kenntnis von seinem Schmerz nehmen.

Nathalie Mälzer ist es gelungen, Dubois´ sprachliche Feinheit kongenial ins Deutsche zu übertragen und damit das Flirrende, das Leichte und manchmal Schwebende wiederzugeben, welches Pauls Erzählung ausmacht. Wie dieser Mann, dem niemand sonderliche poetische Fähigkeiten zuschreiben würde, die Magie des ganz einfachen Lebens einfängt und vermittelt, das hat einen ganz eigenen Zauber und zeugt von tiefer Einsicht in die Bedingungen unseres Daseins. Bleibt allerhöchstens zu kritisieren, daß wir uns manchmal etwas mehr Verve und Wut von diesem Mann gewünscht hätten, etwas mehr Widerständigkeit gegen das Schicksal. Andererseits – wieso sollte er widerständig sein gegen ein Schicksal, das es jahre-, wenn nicht jahrzehntelang gut mit ihm gemeint hat, bevor seine ganze Härte sich über ihn ergoss?

Nur einige wenige Romane von Jean-Paul Dubois wurden bisher ins Deutsche übertragen, man wünscht sich als Leser, von diesem Autor auch hierzulande mehr erfahren zu können. Denn dies ist eine literarische Stimme, der es gelingt, ohne Dramatik von den „ganz normalen“ Dramen des Lebens zu erzählen, dabei dem Leben und den Menschen aber eine ganz eigene Poesie zuzuschreiben. Dubois ist ein Menschenfreund, der das Menschliche auf seine eigene Art zum Scheinen bringt.

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