KAHLSCHLAG/SUNSET AND SAWDUST

Ein Land unter der Plage

Joe R. Lansdale entpuppt sich mehr und mehr als einer der führenden gegenwärtigen Noir-Autoren Amerikas.

Hier, in dem 2004 erschienen Roman SUNSET AND SAWDUST, entführt er den Leser – wie eigentlich fast immer in seinen Werken – in das östliche Texas, kurz vor der Grenze zu Louisiana. Hier spürt man den Hauch des Südens, der Westen ist noch ein paar Meilen entfernt. Und auch wenn das restliche Texas sicherlich kein Hort des Friedens und der Bürgerechte ist, Osttexas ist in Lansdales Erzählung immer noch etwas rauer, etwas rassistischer, etwas verkommener.

Es ist die Zeit der Depression, Arbeit ist rar, die Menschen sind arm und Armut macht gierig. Die rothaarige Sunset erschießt Pete, ihren Gatten, als der versucht, sie zu vergewaltigen. Sie stellt sich ihren Schwiegereltern. Marilyn, ihre Schwiegermutter, zürnt ihr zwar, folgt dann jedoch dem Beispiel und verprügelt ihren ewig schlecht gelaunten Mann, Jones. Dieser bringt sich daraufhin spektakulär um. Pete war Constable in dem Kaff, in dem sie alle leben, den Job übernimmt nun Sunset.

Und mit Sunset in dieser Rolle, die in Osttexas wie im ganzen Süden grundsätzlich immer einem Mann zustünde, ändert sich doch einiges gewaltig im Ort. Nicht nur geht sie Betrügereien nach, die Weiße an Schwarzen begehen, nein, sie ist auch noch bereit, es mit den örtlichen Schwergewichten aufzunehmen und deren dreckigen Geschäften und Mordtaten auf den Grund zu gehen. So entsteht eine Phalanx aus Frauen, Dropouts, Flüchtigen und vor allem Schwarzen, die sich gegenseitig stützen, helfen und – leider – auch füreinander sterben, wenn es am Ende des Buches – mitten in einer apokalyptischen Heuschreckenplage, die das Land überzieht und kahl zurück lassen wird – zu einem allerdings wirklich blutigen Showdown kommt.

Lansdale erzählt das alles bewußt einfach. Sein Sätze sind Hauptsätze mit seltenen Einschüben, er nutzt den Dialog zur Charakterisierung seines Personals und dieses entstammt den einfacheren Bevölkerungsschichten. Hier sprechen die Menschen direkt, sagen sich, was sie voneinader halten und wollen und so bleibt nie lange unter Verschluß, wer wonach strebt. Das Ganze erhält so nicht nur einen (im Original sicher sehr viel stärkeren) Anstrich der Authentizität, sondern auch das Flair eines Märchens.

Schwarze Rächer, schwarze Reiche, eine Frau als Gesetezshüterin, Familienzusammenführungen auf texanisch und das Glück des Tüchtigen, wenn es ans Töten geht und ein Haufen Freiwilliger, die praktisch noch nie geschossen haben, plötzlich einem teuflisch bösen Duo (bzw. Trio – einer der Teufel ist schizophren und heißt auch gleich mal „Two“) gegenübersteht, welches Töten nicht nur gelernt hat, sondern es sowohl als Freude als auch unbedingt als nötig betrachtet – all dies sind Zutaten, die ganz sicherlich dem Wunsch entprechen, bestimmten Minderheiten und Unterdrückten literarisch Gerechtigkeit widerfahen zu lassen, realistisch sind sie nicht.

Und Lansdale will es auch sicherlich nicht realistisch, was die Story angeht, die im Übrigen auch eher dünn daherkommt. Das Milieu, das er schildert, die Verkommenheit einiger Menschen, die fast alltägliche Gewalt, die hier herrscht, oder der extrem rassistische Umgang mit der schwarzen Bevölkerung – es sind diese Tatsachen, die Lansdale so deutlich und realistisch wie möglich schildert. Er nimmt sich die Freiheit, all dem Elend dann eben eine Handlung entgegen zu stellen, die so kaum je passiert sein dürfte oder hätte passieren können (zu befürchten steht, daß eine Frau wie Sunset in den 20er oder 30er Jahren wohl ein äußerst übles Schicksal ereilt hätte). Und doch bleibt er auch hier im Rahmen einer glaubwürdigen Erzählung, denn wenn alles vorbei ist, bleiben lauter beschädigte Menschen übrig, und einige ihrer Freunde sind tot. Kahle Landschaften, nachdem die Heuschrecken weitergezogen sind, entsprechen kahlen emotionalen Gebieten. Nachdem der Pulverrauch der Waffen sich verzogen hat, bleibt – Schmerz.

Joe R. Lansdale wird in Deutschland, so scheint es, erst nach und nach entdeckt. Man kann ihn nur empfehlen, gelingt es ihm doch, sich mit seinem Stil einigen der ganz, ganz Großen der amerikanischen Südstaatenliteratur anzunähern.

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