KORNBLUMENBLAU. DER GEHEIMNISVOLLE TOD MEINES GROSSVATERS 1945 UND DIE FRAGE, WAS ER MIT DEN NAZIS ZU TUN HATTE. EINE SPURENSUCHE

Susanne Beyer nimmt ihr Publikum tief in die eigene Familiengeschichte mit

Manchmal ist die Bewertung eines Buchs ja bereits in der Erwartungshaltung angelegt, mit welcher man an die Lektüre herangeht. So erwartet man bei Susanne Beyers Bericht KORNBLUMENBLAU. DER GEHEIMNISVOLLE TOD MEINES GROSSVATERS 1945 UND DIE FRAGE, WAS ER MIT DEN NAZIS ZU TUN HATTE. EINE SPURENSUCHE (2025) wohl eine Auseinandersetzung mit dem Großvater als Täter, erst recht, wenn man nach einigen Seiten begriffen hat, dass dieser als Chemiker für die I.G. Farben gearbeitet hat. Also für jenen seltsamen „kopflosen Koloss“, ein Wirtschaftskonglomerat aus teils zwangsweise zusammengeführten Chemie-Werken und Firmen, der vor allem für seine furchtbare Zusammenarbeit mit den Nazis berüchtigt ist. So war die I.G. Farben tatsächlich das erste Unternehmen, das mit Auschwitz III Monowitz das erst privat betriebene Konzentrationslager einrichtete. Darüber hinaus war die I.G. Farben aber auch eng mit staatlichen Stellen wie dem Reichsamt für Wirtschaftsausbau und diversen Ministerien verbandelt und in vielerlei Hinsicht nicht mehr als eigenständiger Konzern erkennbar.

Wenn also der eigene Großvater in diesem Konzern, und sei es auch nur als kleiner Angestellter, wie Beyer zunächst vermutet, gearbeitet hat, muss man wohl davon ausgehen, dass er nicht vollends frei von Schuld gewesen sein kann. Da Beyers Großvater allerdings in den letzten Kriegstagen einen wohl gewaltsamen Tod fand, um dessen genauere Umstände sich innerfamiliäre Geschichten und Legenden ranken, konnten sich alle Familienmitglieder vergleichsweise lange weismachen, dass er eher Opfer als Täter gewesen sei. So suggeriert ja auch der Untertitel auf dem Buchcover deutlich Doppeldeutiges: Was hatte er – der Tod oder der Großvater? – mit den Nazis zu tun? Der Tod wohl weniger, da die Legende will, dass die Russen für den gewaltsamen Tod des Großvaters verantwortlich waren. Allerdings sollen dessen Kollegen ihn an die Soldaten der Roten Armee ausgeliefert haben, die ein grausiges Spiel spielten und die Belegschaft der Abteilung, die zu Kriegsende in dem alten Zisterzienser-Kloster Lehnin (sic!), südwestlich von Berlin gelegen, untergebracht war, zwangen, einen der ihren zur Erschießung auszuwählen. Da sei die Wahl eben auf Beyers Opa gefallen, auch, weil der als angeblich überzeugter Demokrat nach dem Krieg gefährlich hätte werden können, er habe zu viel gewusst.

Beyer macht sich nun also auf die Suche nach der Wahrheit. Und sie nimmt die Leser*innen mit, lässt sie teilhaben an den Recherchen und auch an ihren Gefühlen. Viel wird sie nicht herausfinden, sie wird die genauen Umstände des Todes ihres Großvaters auch nicht aufklären, sie wird sich lediglich Klarheit über einige Details verschaffen. Dass der Großvater „uk“ – unabkömmlich – gestellt war und also nicht an die Front musste, deutet darauf hin, dass er keineswegs, der Titel des Buchs verweist darauf, an Blütenfarben wie dem Kornblumenbau geforscht hat, sondern mit weitaus Wichtigerem betraut war. So findet sie heraus, dass ihr Großvater wohl beim bereits erwähnten Reichsamt für Wirtschaftsaufbau, das kaum von der I.G. Farben zu trennen gewesen ist, an synthetischem Kautschuk – Buna – gearbeitet hat, durchaus kriegswichtige Forschungen also. Vor allem aber findet Beyer Vieles über ihre Gefühle hinsichtlich dieses Mannes heraus, der lange vor ihrer Geburt – sie ist Jahrgang 1969 – gestorben ist. Beyer ist Journalistin, sie schreibt für den SPIEGEL, bekleidet dort sogar eine Führungsposition und weiß also sehr genau, wie man recherchiert und sie weiß, wie man das Recherchierte in einen Fließtext transformiert. Vielleicht kommt ihr genau dieses, allzu routinierte Wissen in die Quere bei der Erarbeitung der Familiengeheimnisse.

Denn im Laufe dieses Buchs werden die Leser*innen eher Begleiter bei einem Referat über Grundlagen der Recherche, später darüber, wie man mit den eigenen Gefühlen umgehen sollte, wenn man nicht wirklich weiß, woher sie stammen. Übergenau lässt Susanne Beyer die Leser*innen wissen, wie es in den Abteilungen der Bibliotheken und Archive aussieht, die sie konsultiert; sie teilt uns mit, wie die Karteikartenreiter funktionieren und wie der Kaffeeautomat; wir erfahren, wie viel Zeit sich die Archivare mit ihrer Suche lassen. Möglicherweise sollen diese oft überflüssig wirkenden Hinweise und Beschreibungen die Ängste, ja den Widerwillen der Autorin spiegeln, den diese immer wieder in Anbetracht dessen, empfunden haben muss, was sie bei ihrer Suche nach dem Großvater entdecken könnte.

Später erklärt sie uns mit gleicher Akribie, welche Formen der Psychotherapie und psychotherapeutischer Aufarbeitung von Familiengeheimnissen es gibt, sie nimmt uns mit in eine Familien-Aufstellung, bei der sie aber nicht recht weiß, ob die ihr was bringt. Pflichtschuldigst lässt sie uns auch wissen, dass diese Form therapeutischen Handelns nicht ganz unumstritten ist usw. Nach und nach entwickelt sich während der Lektüre der Eindruck, dass man es mit einer Art Ratgeber zu tun hat. Einem Ratgeber zur Erforschung der eigenen Gefühle in Bezug auf die Familie während des 3. Reichs. Und einem Ratgeber zur Ahnenforschung. Wohin kann ich gehen, an wen kann ich mich wenden? Und wer hilft mir, wenn ich mit den so gewonnenen Erkenntnissen nicht klarkomme? Beziehungsweise nicht begreife, ob die Gefühle, die ich da hege, meine eigenen sind oder innerfamiliär übertragene, generationsübergreifende?

Sicher sind das alles spannende Fragen und Beyer ist ehrlich und dringt tief in die eigene Gefühlswelt vor, geht teils auch dorthin, wo es beginnt, wirklich weh zu tun. Doch ist man als Leser*in ehrlich, muss man zugeben, dass andere – Niklas Frank, Thomas Harlan, in jüngster Vergangenheit Lorenz Hemicker – eben genau das getan haben, dabei aber etwas weniger um die eigenen Befindlichkeiten kreisten. Vielleicht mag das in den genannten Fällen daran liegen, dass die Schuld der Väter, respektive des Großvaters (in Hemickers Fall) unbestritten ist, dennoch standen bei ihnen allen eher die Taten im Vordergrund, weniger das, was es mit den Kindern und Kindeskindern abgestellt hat. Beyer reflektiert dieses Kreisen ums eigene Befinden allerdings und konterkariert dies immer wieder mit ihrem schlechten Gewissen hinsichtlich der Opfer (die im Fall der I.G. Farben fürchterlich waren, war der Konzern doch sehr aktiv am Programm „Vernichtung durch Arbeit“ beteiligt). Das allerdings nötigt Respekt ab und ist durchaus ein wesentlicher Teil des Buchs.

Wie anfangs beschrieben: Vielleicht hat die Art und Weise, wie man ein Buch beurteilt eben auch und gerade damit zu tun, was man erwartet. Und hier hat zumindest dieser Rezensent eher eine Aufarbeitung in der Tradition der oben genannten Autoren erwartet, weniger eine Reflektion darüber, was die Aufarbeitung mit dem Aufarbeitenden macht. Beyer gibt sich große Mühe, die Ergebnisse ihrer Recherche zu beschreiben, manchmal wird sie dabei so grundsätzlich in ihren Erklärungen, dass man sich fragt, ob sie der Meinung ist, ihr Publikum habe noch nie vom 3. Reich, Adolf Hitler und den Nazis gehört. Aber gut – das ist Krittelei, denn sie kann ja nicht wissen, wie alt oder jung, wie informiert oder desinteressiert ihr Publikum ist. Wobei sie eigentlich voraussetzen könnte, dass, wer ein Werk wie ihres liest, sich durchaus schon mit der Materie befasst hat. Doch sei´s drum.

Die Erläuterungen hinsichtlich der I.G. Farben sind aufschlussreich, nicht zuletzt, weil dieses wahrlich düstere Kapitel deutscher Industriegeschichte heutzutage nicht mehr sehr bekannt ist. Auch die Erklärungen zum Kloster Lehnin, einer Außenstelle des Konzerns unter der Leitung von Carl Krauch, einem der wesentlichen Wehrwirtschaftsführer des 3. Reichs, zugleich Manager bei der I.G. Farben, sind bemerkenswert, werfen sie doch ein Schlaglicht auf die Vermischung von Staat und Wirtschaft unter den Nazis. Und selbst die das letzte Viertel des Buchs bestimmende Suche nach Hilfe bei der Aufarbeitung der eigenen Gefühlslage hinsichtlich der Familiengeschichte, die Beschäftigung mit therapeutischen Maßnahmen ebenso wie die Angebote, die bspw. in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme gestellt werden, sind zumindest für jene, die ähnliche Krisen durchleben, wie die Autorin sie beschreibt, sicherlich hilfreich.

Man bleibt schließlich ein wenig ratlos mit der Lektüre dieses Bands zurück, weiß nicht so recht, was man davon halten soll, will das alles nicht verurteilen, natürlich nicht, aber fühlt sich auch nicht wirklich wohl mit dieser Seelenschau einer Spätgeborenen. Was man lernt über transgenerationale Weitergabe von und transgenerationale Traumata generell ist allerdings interessant und wesentlich, wurde aber auch an anderer Stelle schon eindringlich beschrieben. Die mitgelieferte Geschichte der I.G. Farben fordert eigentlich auf, sich intensiver mit diesem Kapitel des 3. Reichs zu beschäftigen. Und die Erlebnisse derer, die im Kloster Lehnin ausgeharrt haben und dort erleben mussten, wozu die Rote Armee in ihrem Sieges- und Racherausch fähig war, erfordern ebenfalls weitergehende Recherche und Lektüre.

So wird hier Vieles angerissen, in Erinnerung gerufen und vermerkt, doch im Grunde – abgesehen von der Gefühlslage der Autorin – nichts erschöpfend behandelt. Nachdem man KORNBLUMENBLAU geschlossen hat, beginnt im Grunde die eigentliche Arbeit. Aber das geleistet zu haben, diese Pforten des Erinnerns aufgestoßen zu haben, ist ja schon einiges für einen solch schmalen Band.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.