LONG BRIGHT RIVER

Liz Moore führt dem Leser das ganze Drogenelend in Amerikas Metropolen vor Augen

Im Frühjahr und Sommer 2020 war viel die Rede von Epidemien und Pandemien. Mit dem Corona-Virus Covid-19 sah sich die Menschheit mit einer Bedrohung konfrontiert, die einige für eine Geißel, vergleichbar den großen Seuchen des Mittelalters, andere lediglich für eine verschärfte Grippe hielten. Der Begriff „Epidemie“ lässt sich aber auch gut als Metapher nutzen. Er kann ein Bild für Probleme und Krisen sein, die Gesellschaften heimsuchen und denen schwer – oder gar nicht – beizukommen ist. Drogen beispielsweise. Seit über 40 Jahren führen die USA – mehr noch als die europäischen Gesellschaften – einen regelrechten „War on Drugs“, einen Krieg gegen die Drogen. Widerhall findet dieser Krieg in der amerikanischen Kultur. In Filmen wie SICARIO (2015) oder Romanen wie Don Winslows THE POWER OF THE DOG (erschienen 2005) werden dabei meist die oft brutalen und nicht immer legalen Maßnahmen und Methoden der Polizei- und Geheimdienste behandelt, die gegen die Drogenkartelle in Mittel- und Südamerika zum Einsatz kommen. Seltener wird von den Folgen des Drogenkonsums und -mißbrauchs für die Opfer auf den Straßen, in den Gettos und in der Provinz erzählt.

Daniel Woodrell berichtete in WINTER`S BONE (2006, Dt. 2011) sehr dezidiert von Crystal Meth und den verheerenden Folgen, die diese ebenso billige wie tödliche Droge gerade in der tiefsten Provinz zeitigt. Liz Moore gelingt ein ebenso beeindruckendes wie bedrückendes Bild der Folgen des Heroins, das seit einigen Jahren ein Comeback erlebt und in ihrem Roman LONG BRIGHT RIVER (2019; Dt. 2020) die Straßen Philadelphias flutet.

Moore lässt in ihrem vierten Roman die Streifenpolizistin Mickey als Ich-Erzählerin auftreten. Mickey erzählt von ihrem Alltag in den Straßen der geschichtsträchtigen Stadt. Sie schlichtet häuslichen Streit, muß Tatorte sichern und sich – gerade als Frau – vor ihren Kollegen beweisen. Ihr fester Partner Truman ist seit geraumer Zeit krankgeschrieben, weshalb Mickey mit wechselnden Kollegen arbeiten muß, am liebsten aber allein Streife fährt. Das nämlich gibt ihr die Möglichkeit, nach ihrer Schwester Kacey Ausschau zu halten, mit der sie zwar seit Jahren kein Wort mehr gewechselt hat, über die sie aber zu wachen versucht. Kacey ist schwer heroinabhängig und arbeitet in dem Revier, in dem Mickey hauptsächlich eingesetzt wird, als Prostituierte. Nun aber scheint ein Serienmörder es auf die Straßenhuren abgesehen zu haben, weshalb Mickey immer größere Angst um ihre Schwester hat. Mit jeder Leiche, die gefunden wird, scheint auch Kacey gefährdeter.

Langsam entwickelt Liz Moore anhand dieser vordergründig als Kriminalgeschichte angelegten Story ein Familiendrama, das tiefe Einblicke in die immer dysfunktionalere amerikanische Gesellschaft bietet. Abwesende Väter, Mütter, die sich bemühen, ihren Kindern irgendwie ein funktionierendes Zuhause zu bieten, Desinteresse und egozentrische Blickwinkel, die wenig Mitgefühl für das Leiden anderer zulassen – Moore findet stimmige Bilder und kann so an einer scheinbar individuellen Geschichte genau diese Dysfunktionalität aufzeigen. Abwechselnd im „jetzt“ und im „damals“ erzählt sie die Geschichte von Mickey und Kacey. Mickey ist selbst alleinerziehende Mutter. Sie und Kacey sind die Kinder einer ebenfalls drogenabhängigen Mutter, der Vater ist verschwunden, als die beiden noch im Kindesalter waren, sie wuchsen bei ihrer kalt wirkenden Großmutter Gee auf. Mickeys Sorge um ihre Schwester und der Beruf lassen immer weniger Zeit für Thomas, ihren Sohn. Dessen Kindermädchen Bethany interessiert sich mehr für die neuesten Nachrichten auf ihrem Handy, als für ihren Schutzbefohlenen. All diese Details erzählen eben nicht nur von Mickey und Kacey, sondern exemplarisch auch von einer Gesellschaft, die zusehends zu zerbrechen droht. Die Drogen sind das Schmiermittel, das Ventil für und der scheinbare Ausweg aus einem Leben, das immer weniger lebenswert scheint, das scheinbar nur Schrecknisse und Niederschläge bietet. Und eine Mittelschicht, die selbst immer mehr kämpfen muß, um einfachste Standards – Ernährung, Bildung, Gemeinschaftssinn – zu halten, ist immer bereiter, ebenfalls zu Drogen zu greifen. Sei es, um am „Laufen“ zu bleiben, sei es, um abends vergessen zu können, sei es, um sich kurze Auszeiten zu gönnen.

Bei all der Düsternis, die Moore dem Leser zumutet, bleiben aber doch hier und da Lichtblicke. Mrs. Mahon, eine Nachbarin, die Mickey zunächst eher Unbehagen einflößt, entpuppt sich für sie und den kleinen Thomas als Glücksfall, der ehemalige Partner wird zu einem Lehrmeister in Sachen Lebensführung und selbst einer der abwesenden Väter taucht irgendwann wieder auf. Auch in der Community, unter den Junkies, gibt es zumindest ab und an Solidarität und Zusammenhalt, auch wenn der Roman hier kein beschönigendes Bild malt. Je mehr sich die Familiengeschichte und deren Geheimnisse vor Mickey und damit dem Leser entfalten, desto trübsinniger und bedrückender wird der Roman, bis sich die Erzählerin schließlich aus der Bedrängnis befreien kann – wozu sie sich allerdings auch einigen Wahrheiten über sich selbst stellen muß.

Eine der wenigen Schwachstellen des Romans ist die schließliche Auflösung des Kriminalfalls, die zwar nicht wirklich wesentlich ist für das, was in LONG BRIGHT RIVER eigentlich erzählt wird, die die Story, so wie sie angelegt ist, nun aber erfordert. Wie so häufig wirkt das konstruiert, zu gewollt, auch zu einfach, um ja keine jener Figuren, die der Leser mittlerweile mag, in ernsthafte Bedrängnis zu bringen. Allerdings – und das ist wiederum ein Pluspunkt für Moore – kann die Autorin anhand der Auflösung ein weiteres strukturelles gesellschaftliches Problem in ihren Roman einfließen lassen. Denn nebenbei erzählt sie auch von Institutionen, hier der Polizei, die längst in Korruption und Korpsgeist erstarrt sind, in denen Vorgesetzte entweder nicht mehr genau hin- oder bewußt wegschauen. Auch dies ist ein Symptom in einer Gesellschaft, die langsam zu zerbrechen droht.

So hat der Leser es bei LONG BRIGHT RIVER mit einem klug austarierten Roman zu tun, der meistens all seinen Anliegen und Bestrebungen gerecht wird. Er kann die unterschiedlichen Ebenen bedienen, bietet glaubwürdiges Personal und eine Geschichte, die nie zur Kolportage gerinnt, die sich einer sozialen Wirklichkeit annimmt und sie angemessen schildert. Das ist vielleicht nicht die allergrößte Literatur, erfüllt aber sowohl als Unterhaltung, wie auch als Gesellschaftsroman seine Aufgabe. Ein kluges Stück amerikanischer Gegenwartsliteratur.

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