MARLÈNE

Philippe Djian hält sein neu gefundenes Niveau und liefert uns eine weitere große Frauenfigur in seinem Werk...

Eine Frau hat sich in der Toilette eingeschlossen, ein Mann tritt eine Tür ein, die Katastrophe ist da, bevor die erste Seite gelesen ist – wir sind mitten drin. Mitten in einem Roman von Philippe Djian. MARLÈNE heißt sein letztes Werk (zumindest das letzte, das auf Deutsch erschienen ist) und der Autor von BETTY BLUE hat sich voll gefangen und schließt da an, wo er mit OH… aufgehört hat. Djian hat noch nie halbe Sachen gemacht und deshalb weiß der geneigte Leser, worauf er sich einzustellen hat. Die Katastrophen bei Djian sind total, die Krisen allumfassend. Selbstmorde, Amokläufe, Wetterextreme – die Figuren in diesen Romanen sind immer vollkommen ausgeliefert, die bekommen die volle Breitseite ab und sind selten bereit, einzusehen oder sich einzugestehen, wo ihre eigene Beteiligung liegt.

So auch hier. Dan und Richard sind Veteranen des Irak-, des Afghanistan- und des Tschetschenien-Krieges, wo sie als Soldaten gedient haben. Zurück in der Heimat, macht der eine, Richard, so weiter, wie er sein Leben immer gelebt hat – auf der Überholspur; der andere, Dan, versucht, mit den Alpträumen, den Verlusten und Ängsten zurecht zu kommen, die er aus seinen Einsätzen mitgebracht hat. Mona, die Tochter von Richard und Nath, will bei ihm einziehen, eigentlich will sie aber noch viel mehr. Dann taucht die Titelfigur Marlène auf, Naths Schwester, die 18 Jahre verschwunden war und bringt – zumindest aus der Sicht von Nath und Richard – alles durcheinander. Etwa ein Jahr begleiten wir diese fünf Personen, bis die Katastrophe vollends aus- und das Leben aller vollends auseinander bricht.

Djian hatte so seine Schwierigkeiten, von jenen Werken, die seinen Ruhm begründeten – allen voran natürlich BETTY BLUE, aber auch deren direkte Nachfolger – in ein ruhigeres Fahrwasser zu gelangen, einen angemessenen Altersstil zu entwickeln und dennoch seinen speziellen Sound, seinen ureigenen Stil beizubehalten. Und Stil ist ihm bekanntlich alles. Doch seit einigen Jahren schafft er es, genau diesen ureigenen Sound in ein angemessenes Alterswerk zu übertragen, ohne dabei trivial oder oberflächlich zu werden. MARLÈNE schließt qualitativ nahtlos an OH… an, das bereits ein hohes, wenn nicht gar sehr hohes Niveau erreicht hatte.

Wie in seinen besten Zeiten schafft es Djian, den Leser in ein Niemandsland zu entführen. Wir wissen nicht, ob diese Geschichten in einem mythischen Amerika oder einem Amerika nachempfundenen mythischen Frankreich spielen. Geschickt gelingt es ihm ein ums andere Mal, die Ähnlichkeiten der Länder aufzudecken, die Verwandtschaft spürbar zu machen. Auch seine Figuren gestaltet er wieder ähnlich kompromißlos, wie in seinen besten Zeiten. Richard, der Draufgänger, der keine Gefangenen macht, Dan, der Neurotiker, einem zwanghafte Ordnungswahn verfallen, der einem aus den Fugen geratenen Leben Leitplanken einziehen will, die dem verstörten Mann helfen sollen, sich zurechtzufinden. Nath, eine von Djians schon gewohnten lebensklugen Frauen, die alles gesehen hat und umso besser versteht, warum sie an dem Punkt im Leben ist, an dem sie sich befindet. Mona, eine von Djians mittlerweile  zum Repertoire gehörigen Teenagern, die die Eltern in den Wahnsinn treiben, weil sie im Grunde reifer, aber auch lebensmüder als diese sind und exemplarisch für eine Generation stehen, die der der Eltern vielleicht überlegen ist, vielleicht aber auch nur in gnadenloser Abgrenzung verachtend gegenüber steht. Und da ist Marlène, die auf den ersten Blick eine liebenswerte und ebenso verpeilte Frau ist, die ab und an das Bewußtsein verliert, der unablässig Mißgeschicke passieren und die dann, auf den zweiten Blick, alles mitbringt, um als Femme Fatale durchzugehen. Und die doch nur nach etwas Ruhe, einem klein wenig Glück sucht und die Hoffnung nicht aufgeben mag, daß auch ihr etwas davon zusteht.

Es gelingt Djian einmal mehr, den Zuschauer mit seinen Sprüngen und Cuts nahezu Schocks zu versetzen. Aber ebenso gelingt es ihm, seine Figuren, seinen Plot, gegen den Strich zu bürsten und damit umso interessanter zu machen. Da entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen Dann und Marlène, die zwei beschädigte Seelen scheinbar wieder gesunden kann und die gnadenlos bekämpft wird von jenen, die sich für vernünftig, klar und lebensklug halten, bis das Unheil sie gnadenlos aus der Bahn wirft – und sie in ihrer Trauer und ihrer Wut Unheil über alles und jeden bringen lässt. Stärker als in den frühen Jahren, zeigt der Autor das Monströse dieser Charaktere, zeigt, wie die Ungeheuer in diesen schlafen und jederzeit auszubrechen bereit sind. Und anders als vor 20 oder 30 Jahren, sind die, die allerseits als krank und bedrohlich wahrgenommen werden, die, die nur um ein wenig Respekt und Glück ringen. Das wahrlich Monströse schlummert in den scheinbar Gesunden.

Rasant treibt Djian die Handlung voran, dabei immer auf der Suche nach dem passenden Vergleich, der treffenden Metapher. Dräuend ziehen die Wolken am Himmel auf, markant trieft der Regen und lässt das kleine Städtchen fast versinken, drückend ist die Hitze und mitten drin sitzen diese Figuren – verloren, verbiestert, verärgert und im Kern auch verfeindet. Man kann das gut lesen, geradezu runter lesen, auch, weil Djian seinen Stil mittlerweile derart verfeinert hat, daß er kaum noch 300 Seiten braucht, um eine Geschichte zu erzählen, die wie so oft bei ihm kaum einen nennenswerten Plot aufweist, und darin Figuren zu entwerfen, die glaubhaft sind und zugleich überlebensgroß und uns damit viel über uns und darüber erzählen, was wir sind, was wir gern wären und was wir nie sein wollen.

Zudem gelingen ihm mittlerweile brillante Frauenfiguren, die einmal seine größte Schwäche waren. Ob Nath, Mona oder Marlène – alle drei sind plastisch, besitzen Tiefe und sind wahrhaftig. Dagegen verblassen die Herren eher, zumal sie mit vielen von Djians männlichen Figuren verwandt sind, ja, im Grunde nur Variationen. Aber auch damit trifft der Autor eine tiefere Wahrheit, die seinen männlichen Lesern sicher nicht gefallen wird – es gibt über uns einfach nicht so viel zu erzählen, funktionieren wir doch nach einfachsten Regeln. Frauenfiguren sind schlicht interessanter.

Hoffen wir also, daß Philippe Djian sein neu gefundenes Niveau hält und uns noch einige Werke dieses Kalibers beschert. Denn so sollte ein großer Autor alt werden. Reflektierend auf das, was er bereits geleistet hat, zugleich aber immer noch bereit, sich in neue, unbekannte, vielleicht unwegsame Gefilde aufzumachen, die Unsicherheit suchend und immer bereit, grandios zu scheitern. So hat der Meister seine Romane immer geschrieben, oft ist er dabei in fantastische Regionen vorgestoßen, gelegentlich ist er dabei voll auf die Fresse gefallen, immer war es spannend, ihm zu folgen. Mit MARLÈNE ist ihm definitiv einmal mehr ein Gewinner gelungen.

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