MIND CONTROL/END OF WATCH

Der abschließende Band der Bill-Hodges-Trilogie kann leider nicht überzeugen

2016 erschien mit MIND CONTROL (Original: END OF WATCH – ein seltsames Verfahren, der Übersetzung eines englischsprachigen Buches einen neuen, ebenfalls englischsprachigen Titel zu verpassen) der dritte und abschließende Teil von Stephen Kings Krimi-Trilogie um den ehemaligen Detective Bill Hodges, der nun als Privatermittler arbeitet.

Begonnen hatte alles mit MR. MERCEDES (2014), in welchem davon berichtet wurde, wie der Exzentriker Brady Hartsfield zunächst versuchte, Menschen in den Selbstmord zu treiben, dann mit einem entwendeten Mercedes in eine Menschenmenge raste, um schließlich von Hodges und seinen Freunden Holly Gibney und Jerome Robinson gerade noch daran gehindert zu werden, sich und dabei gleich eine ganze Halle voller Teenager während eines Konzerts einer beliebte Boy-Band in die Luft zu sprengen. Es war Holly, die Hartsfield mit einem von Hodges selbstgebastelten Totschläger bearbeitete und in ein Koma prügelte. Seitdem dämmert der Mann in einem als „Schüssel“ bezeichneten Flügel des örtlichen Krankenhauses vor sich hin, juristischem Zugriff entzogen, da verhandlungsunfähig.

In FINDERLOHN (2015, Original: FINDERS KEEPERS), dem zweiten Fall, den Hodges und Holly zu bearbeiten hatten, spielte die Story um Hartsfield nur am Rande eine Rolle, der eigentliche Fall hatte mit den Ereignissen des ersten Teils nichts zu tun. Allerdings wurden dort die in Teil drei auftretenden Geschehnisse bereits vorbereitet.

Nun also Teil drei. MIND CONTROL erzählt davon, wie Hartsfield es geschafft hat, allen – außer Hodges, der das immer geahnt hatte – seinen Zustand vorzuspielen, während er entdeckte, daß sein malträtiertes Hirn ganz neue Fähigkeiten entwickelt hat. Telekinetisch gelingt es ihm, Gegenstände zu verschieben, Wasserhähne aufzudrehen, Bilder umfallen und Jalousien tanzen zu lassen. Als er in den Besitz eines uralten Game-Boys kommt, der Hunderte von recht einfachen Spielen gespeichert hat, stellt er fest, daß es ihm über das Demo eines dieser Spiele gelingt, labile und also empfängliche Menschen praktisch zu übernehmen. Er dringt in den Geist eines Angestellten der Klinik ein, dann in das seines behandelnden Arztes Dr. Babineau und sorgt nach und nach dafür, daß bestimmten Besuchern des Konzertes, das er in die Luft sprengen wollte, eines der Geräte zukommt und er Zugriff auf diese Menschen bekommt. Zunächst versucht er, einige in den Selbstmord zu treiben, doch obwohl ihm dies auch gelingt, will er Rache, wozu er schließlich seinen Arzt komplett übernimmt, dessen Persönlichkeit löscht und beginnt, gegen Hodges und seine Freunde vorzugehen.

Nachdem King seine Trilogie  um Hodges als Experiment in reiner, wenn auch hard-boiled  Krimi-Literatur angekündigt hatte, was vor allem in Teil zwei, FINDERLOHN, erstaunlich gute Ergebnisse zeitigte, wird er dem Anliegen in Teil drei nicht ganz gerecht. Er greift auf eine ganze Reihe auch früher schon von ihm behandelter Motive zurück, die durchaus übernatürlichen Ursprung sind. Mindestens das Motiv der Telekinese erinnert an frühere Werke wie CARRIE, SHINING oder ES. Es wurde aber auch in einer Reihe von Kurzgeschichten und anderen Romanen immer mal wieder aufgegriffen. King fällt dem folgend aber leider auch in Erzählmuster zurück, die er so oder ähnlich schon oftmals angewandt hat. In teils längeren, teils schnellen, knappen Kapiteln treibt er seine Handlung an verschiedenen Schauplätzen, in verschiedenen Figurenkonstellationen voran und gnadenlos aufeinander zu. Unterschiedliche Stränge, die zunächst nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, werden im Verlauf des Romans immer dichter miteinander verstrickt, bis es unweigerlich auf das zu erwartende Ende in einem Show-Down hinausläuft. Was King oft gelingt, wirkt hier allerdings eben wie ein Rückgriff auf Bewährtes und dadurch arg angestrengt.

Hartsfield macht sich Menschen zu Untertan, im Buch „Drohnen“ genannt, und funktioniert sie zu seinen Helfern um, auch dies ist ein von King schon häufig angewandtes Schema. Hodges und Holly ermitteln, ahnen aber schon früh, daß sie es mit etwas nicht im rationalen Bereich Liegenden zu tun haben. Natürlich mag die Polizei – allen voran Hodges alter Partner Pete Huntley und dessen neue, karriereorientierte Partnerin – ihnen nicht glauben, weshalb die beiden schließlich mit der Hilfe ihres alten Freundes Jerome auf eigene Faust vorangehen, bis zumindest Pete beginnt, Hodges Instinkten und Intuitionen wieder zu trauen und seinem alten Kumpel hilft, indem er ihm allerlei Hinweise zukommen lässt, die in den polizeilichen Untersuchungen außen vor gelassen wurden. Dies alles sind für King typische Wendungen und Konstellationen.

Natürlich gelingen dem Autor die für ihn typischen, oft gelungenen Figuren, auch wenn man konstatieren muß, daß auch diese hier oft etwas klischeehaft und an andere King-Figuren angelehnt wirken. Natürlich verpackt er alles in seine immer gelungenen Alltagsbeobachtungen, aber auch diese haben nicht die politische und gesellschaftliche Bedingungslosigkeit, die sie in FINDERLOHN noch hatten. Ein Rassismus-Motiv wird recht oberflächlich eingeführt, dann aber fallen gelassen, bzw. lediglich als Movens für die Handlung genutzt. Indem unter anderem Jeromes Schwester Barbara – auch sie eine Besucherin des Konzerts – in Mitleidenschaft gezogen wird, haben die Ereignisse eine persönliche Note und mit Hodges Krebserkrankung wird eine zweite Ebene eingebaut. Dadurch wird der „Wettlauf mit der Zeit“ ergänzt und konterkariert. Hodges muß eben nicht nur Hartsfield  rechtzeitig zur Strecke bringen, bevor dieser größeres Unheil anrichten kann, sondern zugleich seinen immer stärkeren Schmerzen trotzen. Er sollte schnell eine Behandlung antreten, um dem Leben noch ein wenig Zeit abzuknapsen. Einmal in Behandlung kann er aber seinen selbst auferlegten Aufgaben nicht mehr nachkommen. Diese zweite Ebene führt zu einer ganzen Reihe durchaus rührender Szenen zwischen Hodges und Holly, die ohne ihren früheren Chef und mittlerweile Partner kaum überlebensfähig scheint.

Es bleibt alles in allem der Eindruck, daß King sein Krimi-Experiment vor allem zu einem Ende bringen wollte. Möglicherweise fiel ihm zu den Figuren der Reihe auch nicht mehr allzu viel ein, weshalb er auf die oben skizzierten Muster und Schemata zurückgriff. MIND CONTROL wirkt uninspiriert, manchmal etwas fahrig und ungenau, manchmal wie ein zweiter Aufguss längst bekannter Topoi des King-Kosmos. Das sei dem Meister aus Maine durchaus verziehen, auch er darf mal kürzer treten, nicht alle Werke können auf gleichem Niveau sein.

Es bleiben einige interessante Motive, die King subtil in seine Story hineinwebt. Hartsfield ist fasziniert von Suiziden, da sie in seinen Augen, vor allem, wenn man sie anderen einredet, absolute Kontrolle bedeuten. Er beschäftigt sich – wie Autor King seinerseits offenbar auch, bedenkt man die Häufigkeit, mit der es in seinen Büchern auftaucht – obsessiv mit dem Massenselbstmord, den der selbsternannte Prediger Jim Jones seine Gemeinde 1978 im Dschungel von Guyana begehen ließ. Hartsfield nutzt die Methoden islamistischer Attentäter – mit Wagen in Menschenmengen rasen, Selbstmordanschläge mit Sprengstoff, das Internet als wesentliches Kommunikationsmittel – ohne deren ideologische Überhöhung, leidet aber unter genügend Größenwahn, seine Taten als historisches Fanal zu betrachten. King setzt sich mit den Taten von Terroristen auseinander, stülpt ihnen aber ein zutiefst amerikanisches Muster und Motiv über: Grenzenloser Egoismus, eben Größenwahn, übersteigerter Individualismus, der sich erst durch eine „bleibende Tat“ bestätigt sieht. King pathologisiert im Kern ideologisch-religiöses Verhalten und amerikanisiert es damit. Und er stellt seinen Landsleuten damit nicht unbedingt das beste Zeugnis aus. Erst recht nicht, indem er es in diesem abschließenden Teil der Trilogie mit dem gedankenlosen Gebrauch des Internets und seiner Gefahren koppelt.

So liest sich MIND CONTROL wie einer von unzähligen King-Romanen, ohne etwas wirklich Originelles oder Eigenes bieten zu können. Das Krimi-Experiment mag in den Augen des Meisters gelungen sein, für den Leser bleibt festzuhalten: Krimi-Autoren gibt es bessere. Und Band zwei der Trilogie, FINDERLOHN, wird von diesen dreien sicher derjenige sein, der dem Leser nachhaltig in Erinnerung bleibt. Er hat die besten Ideen, die tiefgreifendsten Motive und genug Witz, die Lektüre wirklich zum Vergnügen zu machen. MIND CONTROL kann zunächst fesseln, doch irgendwann fällt King spürbar nichts mehr ein und die letzten 200 Seiten sind dann eher Pflicht als Kür – für den Leser ebenso, wie sie es offenbar für den Autoren waren.

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