ZWEI LEBEN UND EIN TAG

Eindringlich bis an die Schmerzgrenze erzählt Anna Mitgutsch vom beschädigten Leben

Der WDR will laut Klappentext in diesem Buch ein „selten großes Lesevergnügen“ ausgemacht haben, der BR konstatiert, daß man der Lektüre „bewegt, erschüttert“ folgt und sich „diesem Buch anvertraut“ – offenbar hat der BR ,abgehärtete Literaturkritiker. Denn so großartig dieses Buch ist, ein Vergnügen ist es nicht.

Auf drei verschiedenen Ebenen wird die Geschichte von Edith und Leonhard, ihrer gescheiterten Ehe und letztlich ihrer gescheiterten Leben, die ihres Sohnes Gabriel und zudem noch jene des amerikanischen Großromanciers Herman Melville (MOBY DICK) erzählt. Die sterbende Edith schreibt ihrem Exmann Leonhard Briefe, in denen sie versucht, den Tatsachen des Scheiterns ihrer Ehe nachzuspüren ebenso wie der Tatsache, daß etwas mit ihrem Sohn passiert sein muß in dessen früher Kindheit. Und sie schreibt an Fragmenten einer Melville-Biographie, ein Projekt, das sie und ihr Mann während ihrer Ehe gemeinsam verfolgt hatten – dies ist die zweite Ebene. Eingeschoben in kursiv gedruckten Kapiteln wird der eine, der letzte Tag im Leben Gabriels erzählt. Dieser Gabriel ist ein Sonderling, wirkt nach außen zurückgeblieben, eigen. In den eingeschobenen Beschreibungen des „einen Tages“, von dem der Titel des Werkes spricht, erfahren wir allerdings allerhand über seine Sichtweise auf eine ihm verschlossene Welt, die er nur in ihrer Oberfläche wahrnehmen kann, ohne tiefere Zusammenhänge erklären zu können. Und so konterkariert er auch manches, das wir zuvor aus den Briefen seiner Mutter erfahren haben, indem er ihre Wahrnehmung wenn nicht lügen straft, so doch zumindest als eingeschränkt erscheinen läßt.

Anna Mitgutsch nutzt eine einfache, klare Sprache, um den Leser in diese emotional so erdrückende Geschichte zu ziehen. In manchen Passagen erlangt sie dabei eine Intensität, die das Lesen streckenweise unerträglich macht. Wie sie nüchtern und ohne Larmoyanz oder Selbstmitleid im Grunde vier gescheiterte Leben beschreibt und dabei aufzeigt, daß die Menschen eben nicht alle gleiche Chancen und auch nicht alle gleichviel Glück haben, daß man bei allem Versuchen und Bemühen eben dennoch scheitern und untergehen kann, daß das Leben nicht zwangsläufig Gerechtigkeit walten läßt, das hat schon enorme schriftstellerische Klasse. Es gibt hier Momente und Formulierungen, die dem Leser die Luft abdrücken und ihn hilflos vor dem Schmerz, der sich ganz von selbst einstellt, zurückzucken läßt.

Selbst in Momenten, die ob der Gefahr in gruseligen Kitsch abzugleiten ein jeder Autor wohl eher meiden würde (so ein Besuch Gabriels am Grab seiner Mutter, während dessen er versucht ihr zu sagen, daß er ihr nichts vorwirft, die Briefe gelesen habe und ihr sagen wolle, daß sie mit ihren Selbstvorwürfen falsch läge und ihm immer eine gute Mutter gewesen sei), gelingt es Anna Mitgutsch einfach und dadurch wahrhaftig zu bleiben. Man ist ergriffen und berührt und zweifelt während des Lesens keinen Augenblick am Gelesenen. Das ist schon große literarische Kunst.

Warum nicht volle Zustimmung zu diesem Roman? Eben weil Mitgutsch ihre eindringlich tragische Geschichte mit der Melvilles koppelt. Man sollte als Leser schon ein gewisses Interesse an ihm, seiner Literatur und seinem Leben mitbringen. Sonst kann dieses Buch durch die langen Einschübe doch langatmig werden. Immerhin bekommt man eine gut recherchierte und sich tief in den Gegenstand einfühlende Minibiographie dieses Giganten des 19. Jahrhunderts. Ob MOBY DICK nun das „größte Buch“ des 19. Jahd. war, „der Bibel gleich“, wie es einmal im Text heißt, sei einmal dahingestellt, daß Melville – in seiner Zeit Sonderling, Außenseiter, literarisch vollkommen verkannt, geächtet und verhöhnt – zu den ganz Großen seiner Zunft gehört, steht außer Frage. Insofern lohnt die Beschäftigung mit ihm ganz sicher. Daß er als Doppelung zum irgendwie behinderten Gabriel herhalten muß, mutet allerdings etwas seltsam an. Aber es gibt der Verzweiflung der Briefeschreiberin Edith (Leonhard existiert nur als Adressat, eine eigene Stimme erhält er nur an einer Stelle im Buch, als seine Einträge am Rand seiner Bücher zitiert werden, wo er festhält, kein eigenes Leben mehr zu haben) eine große Glaubwürdigkeit, das muß man festhalten. Diese Frau, die in ihren Selbstzweifeln, aber auch in ihrem Beharren darauf, ein Recht auf Glück, Träume und deren Erfüllung zu haben, manchmal trotzig, oft nur abgrundtief verletzt wirkt, kämpft mit jedem Satz um ihre Würde, die Würde ihres Kindes und die ihrer Erinnerungen. Gabriels wiederholte, verzweifelte Aufforderung, sie solle ihm eine Zeitmaschine besorgen, damit er in die Vergangenheit könne und dort alles anders, alles besser machen und somit ein besserer Mensch werden kann, ist einer dieser Momente, die beim Lesen die Luft abschnüren.

Dies ist kein einfacher Text, nur weil die Autorin eine einfachen, klar verständliche Sprache nutzt. Dies ist ein Text, der den Leser tief hineinzieht in das Unglück von vier Personen, von denen eine nur als Idee vorhanden ist (Melville), und ihm einiges an emotionaler Beteiligung und Empathie abfordert. Man muß wissen, worauf man sich einläßt und wird belohnt mit einer Wahrhaftigleit, die selten ist.

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