ORAKEL/ORACLE
Ein später Nachfolger zu Thomas Olde Heuvelts Erstling HEX - leider ohne dessen Klasse zu erreichen
Thomas Olde Heuvelt fiel vor allem mit einer sehr guten Idee in der literarischen Szene auf. HEX (2016) erzählte von einer Stadt, die seit Jahrhunderten im Banne einer Hexe lebt, deren Einwohner sich an genaue Regeln zu halten haben, damit das Geheimnis unentdeckt bleibt, und in der alles aus dem Ruder läuft, als einige Jüngere gegen eben diese Regeln aufbegehren. Eine der Hauptfiguren war Robert Grim, dessen Aufgabe es war, über die Vorkommnisse in Black Springs – so der Name der Stadt – zu wachen. Eine brillante Idee für einen Horrorroman und zudem literarisch grandios umgesetzt. Nun taucht eben dieser Robert Grim – deutlich gealtert und vom Alkohol gezeichnet – in ORAKEL (ORACLE, 2024; Dt.2025) wieder auf, was Heuvelts aktuellen Roman nicht zwingend zu einem Nachfolger von HEX macht. Leider. Denn ORAKEL fällt gegenüber dem Vorläufer deutlich ab.
In einer kleinen niederländischen Stadt an der Nordsee findet der junge Luca eines Wintermorgens ein Schiff im Nebel. Das Schiff – der Namenszug Orakel ist deutlich erkennbar – liegt mitten in einem Tulpenfeld. Lucas Freundin Emma klettert auf das Vordeck und verschwindet dort in einer Luke. Sie wird nie wieder auftauchen…bzw. als sie wieder auftaucht, Tage später, wird sie ein Wesen sein, das nichts mehr mit Emma gemein hat. Ebenso ergeht es einigen anderen Menschen, die ebenfalls – vor allem, weil sie helfen wollen – in die Luke krabbeln und spurlos verschwinden. Verschiedene Abteilungen der niederländischen wie auch der amerikanischen Geheimdienste werden auf das Phänomen angesetzt und nach und nach entwickelt sich eine enorme Vertuschungsaktion, da alle an dem geheimnisvollen Schiff interessiert sind, aber niemand weiß – oder auch nur ahnt – womit man es hier zu tun hat. Es wird schließlich Luca sein, der mit der Hilfe des wegen seiner Expertise als Kenner des Übernatürlichen hinzugezogenen Grim die Geheimnisse hinter dem Auftauchen des Schiffes enthüllen wird. Und es wird Luca sein, der die wesentliche Rolle dabei spielt, die Welt – oder zumindest Teile von ihr – vor einer Apokalypse zu bewahren.
Apokalypse – drunter scheint es momentan nicht zu gehen, gleich ob in der Genreliteratur oder aber im Genrefilm. Je größer die Zerstörungen, je umfassender die Katastrophen, je gewaltiger die Untergangsfantasien, desto besser. Zumindest kann man sich als Leser*in und/oder Zuschauer*in dieses Eindrucks nicht erwehren. Und dann braucht es natürlich dementsprechende Lösungen. Es müssen dann, wie in diesem Fall, schon vorgeschichtliche Götter sein, die da miteinander ringen und in deren Händen Menschen nur Schachfiguren sind, Instrumente, mit denen sie ihre kosmischen, Äonen umspannenden Kämpfe austragen können. In ORAKEL sind es letztlich die mythischen Kräfte der See und des Landes, die miteinander ringen. Und glaubt man dem Tenor des Romans, ist dieses Ringen auch keinesfalls beendet, es wird weitere Äonen andauern. Stoff für viele, viele weitere Romane.
Das alles wäre ja durchaus zu verkraften, wenn es denn stringent und straff erzählt wäre. Doch Heuvelt, der es auch in den vorangegangenen Romanen durchaus verstand viele Seiten zu füllen, verliert sich in Nebenhandlungen, die teils versanden, obwohl sie in der Anlage nicht nur spannend sind, sondern auch wirken, als spielten sie eine zentrale Rolle. Zudem sind viele der Figuren nicht wirklich interessant, einige der interessanteren tauchen auf und verschwinden sang- und klanglos wieder; die Geschehnisse sind eine Weile unterhaltsam, doch irgendwann, so nach ca. 400 Seiten, wird das Ganze doch eher mühselig und anstrengend. Und die Leser*innen werden den Eindruck nicht los, dass der Autor es ebenfalls so empfunden hat. Es ist natürlich auch ermüdend, immer gewaltigere Szenarien zu ersinnen, um das Publikum zu fesseln. Und wenn dann auch noch der Eindruck entsteht, dass das Ganze auch (oder vor allem?) auf eine Verfilmung hin geschrieben wurde, dann fehlt einfach etwas – Herz, Seele, auch Verstand. Zu viel Action in Romanen lässt Rezipient*innen ratlos zurück, da man sowas alles auf der Leinwand natürlich viel besser vermittelt bekommt, zumindest besser als in einem Lesevorgang.
Dabei hat auch ORAKEL zunächst eine hervorragende Anlage und Grundidee. Das Schiff, das da mitten in einem Tulpenfeld liegt, ist an sich schon ein überzeugendes Ausgangsszenario. Und ein schönes Bild, Ganz konkret und im übertragenen, metaphorischen Sinne. Auch die Idee, lauter durch und durch rational denkende Beamte und Sicherheitsleute mit einem durch und durch irrationalen Phänomen zu konfrontieren, ist eine gute. Selbst der Gedanke, ein Kind (das, allerdings, wirkt dann doch sehr bei Stephen King abgekupfert, aber sei´s drum) als eine Art Medium zu nutzen, damit uralte, vorzeitliche Kräfte mit den Menschen der Gegenwart in Kontakt treten können, ist ein durchaus reizvoller, wenn auch kein sonderlich origineller. Und auch die Überlegung, Geheimdienste in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen, mag zunächst ansprechen.
Doch beginnen genau da dann auch die Probleme des Romans. Denn Heuvelt mag sich mit Vertretern des Schlapphut-Business ins Vernehmen gesetzt haben (wie er in einem Nachwort erläutert), die Figuren, die er entwirft, sind nicht nur klischeehafte Stereotypen, sondern als solche auch noch medialen Vorbildern nachempfunden. Es sind Abziehbilder, Pappkameraden – Kamerad*innen, hier passt der Genderstern einmal besonders gut, da es sich vor allem um Damen handelt, die hier die Kommandos geben. Die Handlungen all dieser Figuren sind meist vorhersehbar, ihre Maßnahmen entsprechen ziemlich genau denen, die geneigte Betrachter*innen oder Leser*innen einschlägiger Werke genau so erwartet hätten. Dann jedoch verhalten sich diese angeblich supergeheimen Geheimagenten erstaunlich unbedarft, teilweise anfängerhaft und vor allem dumm. Das braucht es allerdings, um die heldenhaften Teenager und Zivilisten, die hier die Gefahr schließlich abwenden, entsprechend abzugrenzen und leuchten zu lassen.
Die Probleme dieses Buchs setzen sich darin fort, dass der Spannungsbogen – wie oben bereits erwähnt – nach ca. 400 Seiten doch spürbar absinkt, da ab hier etwa klar ist, wo der Hase langläuft und man eigentlich nur noch auf die Auflösungen einzelner Situationen oder Handlungsstränge wartet. Und derer, auch das wurde bereits erwähnt, werden dann einige fallen gelassen. So trifft Eleanor Delveaux, die eigentliche Antagonistin und schließlich das Gefäß jener (bösen) Kräfte, die sich gegen Luca und die von ihm vertretenen (guten) Mächte stellen, ein Abkommen mit einigen Saudis, die aus Gründen, die der Text nie wirklich erläutert, Mittel gegen die Chefin der Abteilung NOVEMBER 6 des niederländischen Geheimdienstes in der Hand haben – und aus ebenfalls unersichtlichen Gründen weiß Robert Grim irgendwann, dass es diese Verbindung gibt. Doch so gefährlich diese Männer auch dargestellt werden – zumal es Heuvelt die Gelegenheit gibt, eine Story einzubauen, die stark an jene um den Journalisten Jamal Kashoggi erinnert, der mutmaßlich von saudischen Agenten im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul getötet und zerstückelt aus diesem entfernt wurde; eine Geschichte, an die nicht oft genug erinnert werden kann, die hier aber tatsächlich ebenfalls überhaupt keine sinnvolle Rolle im Gesamtkonzept spielt -, schließlich und endlich entschwinden sie einfach aus der Handlung; ihr Schicksal wird dann irgendwann nachgereicht. Desgleichen, was Maßnahmen betrifft, die eigentlich ausgesprochen weitreichend sind, denn Luca begreift, dass die Mächte, die sich seiner bedienen, Opfer fordern – und zwar gleich im Übermaß. Diese Opfer werden dann in Form eines fingierten Flugzeugunglücks gebracht, was an sich schon eine Ungeheuerlichkeit darstellt, in der Weise, wie das Buch sie präsentiert, aber erst recht geradezu obszön wirken.
Es stellt sich ohnehin die Frage, wieso in Zeiten, in denen die Welt und vor allem die westlichen Gesellschaften von Krisen geradezu geschüttelt werden, gerade in der Genreliteratur das Religiöse fröhliche Urständ´ feiert? Oder, vielleicht besser formuliert: Feiert das Religiöse in der Genreliteratur fröhliche Urständ´, weil die Welt und vor allem die westlichen Gesellschaften von Krisen geradezu geschüttelt werden? Sicher, die Horrorliteratur, jenes Genre, das sich mit dem Übernatürlichem, dem Abseitigem, dem Unheimlichen beschäftigt, erfordert grundlegend den Glauben. Denn wer nicht an Geister glauben mag, wird sich niemals an einer Spukhausgeschichte erfreuen können, wer nicht an Monster glauben will, findet keine Unterhaltung in Romanen wie DRACULA oder FRANKENSTEIN. Doch immer häufiger ist das Crossover mit der Fantasy-Literatur augenscheinlich – wenn es auch immer schon nahelag und naheliegt – und immer häufiger werden dabei Systeme bedient, die sich spezifisch religiöser Grundsätze bedienen und welche spezifisch religiöse Grundsätze bedienen. Ein Wechselspiel. Wenn dies dann wie im Fall von ORAKEL nahezu unhinterfragt vermittelt wird, wenn ein Junge wie Luca – und natürlich die ihn Umgebenden, die im Kontext des Buchs dienende Funktionen haben – bereit ist, alles anzunehmen, was „das Schicksal“ ihm scheinbar zugedacht hat, dann allerdings wird diese Haltung irgendwann zum Ärgernis.
Wohl gemerkt ist ORAKEL kein rundum schlechter Genrebeitrag, doch fällt er im Vergleich zu HEX eben enorm ab. Thomas Olde Heuvelt droht einer jener Autoren zu werden, die gute Ausgangsideen haben, denen aber irgendwann der Sprit ausgeht und die sich dann mit Ach und Krach und viel Brimborium über die Ziellinie retten. Das ist schade, denn dass dieser Schriftsteller etwas kann, dass er nicht nur gute Ideen hat, sondern auch über die Mittel verfügt, sie souverän zu entwickeln und umzusetzen und zu vermitteln, das hat er ja bereits bewiesen. Er sollte noch einmal zur Startlinie zurückkehren und sich besinnen. Geneigte Leser*innen sind gespannt. Und werden es ihm danken.