PHANTOME DES TERRORS. DIE ANGST VOR DER REVOLUTION UND DIE UNTERDRÜCKUNG DER FREIHEIT 1789-1848

Ein würdiger, manchmal etwas zu eng geführter Nachfolger zu Zamoyskis Untersuchungen der Napoleonischen Kriege und des Wiener Kongresses

Adam Zamoyski konnte mit dem 2004 im Original erschienenen Werk MOSCOW 1812: NAPOLEON`S FATAL MARCH nicht nur seine Kollegen aus der Zunft der Historiker, sondern auch die Kritik und ein breites Publikum europaweit überzeugen. Danach legte er ein weiteres erfolgreiches Werk zum Wiener Kongreß 1815 vor[1] und um das Triptychon zu vollenden nun also PHANTOM TERROR: THE THREAT OF REVOLUTION AND THE REPRESSION OF LIBERTY  1789-1848[2]. Ein in sich logischer Abschluß, ging die Zeit der Restauration, ja, der Reaktion, doch unmittelbar aus den Wirren des späten 18. Jahrhunderts und der Französischen Revolution hervor.

Napoleon als Geschöpf dieser Revolution, der Wiener Kongreß und seine Ergebnisse als Folge der Napoleonischen Kriege, diese wiederum direkte Entwicklungen der Koalitionskriege, in denen sich das revolutionäre Frankreich gegen die europäischen Mächte zur Wehr setzen musste – daß diese ebenso aufregenden wie gefährlichen Zeiten bei den europäischen Herrschern, Machthabern und Verantwortlichen, der herrschenden Klasse auf dem Kontinent ein tiefes Mißtrauen und den unbedingten Wunsch, die alte Ordnung wiederherzustellen, hervorriefen, wer wollte es ihnen verdenken?

Zamoyski folgt also in weiten, elliptischen Bewegungen den Entwicklungen nach den „Hundert Tagen“ erneuter Napoleonischer Herrschaft, die ihr blutiges und endgültiges Ende auf dem Schlachtfeld im belgischen Waterloo fand. Angeführt vom Grafen Metternich, der in Diensten des Österreichischen Hofes der Habsburger der führende Staatsmann Europas nach 1815 wurde, und dem russischen Zar Alexander I., erlebte Europa außerhalb Frankreichs und Großbritanniens einen immensen Restaurationsdruck, der von Paranoia und teils berechtigten Ängsten befeuert zu einer wahren Flut an Repression, Verfolgung und Denunziation führte. Nicht nur wurde militärisches Eingreifen in die inneren Angelegenheiten anderer Länder zu einer routinierten Maßnahme im Repertoire der kontinentalen Großmächte, es wurden auch erstmals flächendeckend Polizeieinheiten aufgebaut, die eher frühen Geheimdiensten ähnelten und die Aufgabe hatten, revolutionäre Umtriebe aufzudecken, Geheimbünde zu desavouieren und ununterbrochen furchteinflößende Meldungen zu generieren, die wiederum von Metternich geradezu aufgesogen wurden. Schwer zu beurteilen, ob hier ein getriebener Geist nur mit Randständigem gefüttert werden musste, um immer stärker in ein fast apokalyptisch anmutendes Wahngebilde abzudriften, oder aber, ob hier ein bis in den blanken Zynismus hinein realpolitisch denkender Machtpolitiker Furcht und Schrecken verbreiten will, wohl wissend, daß der „Ausnahmezustand“ die Mittel weitgehend deckt. Und mit Fug und Recht kann man behaupten, daß Europa mit der Französischen Revolution derart erschüttert worden war, daß von einem „Ausnahmezustand“ zu sprechen nicht unbedingt eine Übertreibung darstellt. So wird wohl letztlich beides eine Rolle gespielt haben: Ein paranoider Geist wusste sich, realpolitisch bewandert, seiner schlimmsten Ängste so zu bedienen, daß seine Machtstellung darob immer weiter ausgebaut und gesichert wurde

Doch bleibt festzuhalten, daß man es bei Metternich offenbar mit einem ausgewachsenen Verschwörungstheoretiker zu tun hatte, der sogar ein klassisches „Mastermind“ hinter sämtlichen in Europa zu  beobachtenden Verwerfungen sozialistischer, nationalistischer oder  jakobinischer Art vermutete. Das „Direktoriat“, eine aus Freimaurern und anderem von ihm als solches angesehenem Geheimgesindel gebildete Gesellschaft, soll das Netz internationaler Revolten nicht nur geplant, sondern seine Agenten auch überall und nirgendwo im Einsatz gehabt haben. Klassische rechte Agitation: Der Feind sitzt überall, hat seine Fäden weit gesponnen und verfügt über immense ökonomische, militärische und intellektuelle Kräfte, die ihm enorme Machtfülle verleihen. Der antisemitische Reflex war  hier noch nicht relevant, immerhin wandte Metternich sich mehrere Male an das Bankhaus Rothschild, um nicht nur den Habsburgern Überbrückungskredite zu verschaffen. Doch Vieles, was sich andeutet, verweist schon auf die weitaus griffigeren und auch gefährlicheren Entwicklungen des späteren 19. Jahrhunderts.

Zamoyski weist im Vorwort zu seiner Studie ausdrücklich darauf hin, daß er eine Unmenge an Analogien zur Gegenwart gefunden habe während seiner Beschäftigung mit den Napoleonischen Kriegen und dem Wiener Kongreß. Er habe eigentlich auf genau diese Analogien hinweisen wollen, doch seien diese derart offensichtlich, daß er dem Leser den Spaß  nicht verderben wolle, selbst darauf zu stoßen. So ist dies also eine Art Nachklapp zu den Studien europäischer Restaurationspolitik der vorangegangenen Werke. Hier allerdings – und diese Kritik muß sich Zamoyski gefallen lassen – wird ein extrem kompliziertes und in sich widersprüchliches Geflecht aus entstehendem Patriotismus, man kann auch sagen: Nationalismus, ohne diesen mit dem gleichzusetzen, der das späte 19. Und das 20 Jahrhundert  beherrschen sollte, aus Konservatismus, Liberalität, sozialen Ängsten und der intellektuellen Bewältigung neuer Ideen, enggeführt und nahezu ausschließlich auf den Kampf ultrakonservativer Kräfte gegen die der Erneuerung beschnitten. Dabei nutzt Zamoyski eine manchmal fast spöttelnde Sprache, beim Leser entsteht momentweise der Eindruck, der Autor nehme das alles nicht wirklich ernst und mache sich gar über die Protagonisten seiner Erzählung lustig.

Dennoch entsteht ein weitestgehend spannend zu lesendes Panorama jener Jahre zwischen dem Aufbruch der Französischen Revolution und den Biedermeierjahren des 19. Jahrhunderts, die den Kontinent zu ersticken drohten und deren Auswüchse schließlich über den Imperialismus des späten 19. Jahrhunderts zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts führte. Daß sich Mächtige gern die Ängste ihrer Untertanen zu eigen machen, nutzen, um dadurch Repression und Spitzelei zu rechtfertigen – eine Binse mittlerweile. Dennoch kann man hier noch einmal genau nachlesen, wie diese Binse zustande kam. Daß es gerade die Briten waren, denen ein weitgehend entspanntes Verhältnis zu möglichen revolutionären Umtrieben gelang, daß sie sich aus den Aufgeregtheiten heraushielten – es mag der Insellage geschuldet sein, vielleicht auch der Tatsache, daß die britische Monarchie schon damals eine konstitutionelle war und der „common man“ somit zumindest den Eindruck hatte, gehört zu werden. Es gelingt Zamoyski, die spezifischen Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Königshäusern und ihren Bedürfnissen auszuleuchten und dadurch ein recht eindringliches Bild von der Entwicklung der europäischen Mächte zu vermitteln. Man vergleiche nur die Karten, die in den Deckblättern des Buches abgedruckt sind und man erkennt schnell, wie sich Europa in den knapp 60 Jahren seit Ausbruch der Französischen Revolution verändert hatte, als 1848 Metternichs Furcht vor der kommenden, wirklich großen Revolution bestätigt zu werden schien. So sehr Zamoyski die Erhebungen von 1830 herunter zu spielen vermag, die großen Umwälzungen und die für Liberale fürchterlichen Folgen der Ereignisse von 1848 beschreibt er durchaus. Vielleicht liegt hier schon die Saat für einen weiteren Teil dieses weit ausschweifenden europäischen Panoramas.

 

[1] Zamoyski, Adam: 1812: NAPOLEONS FELDZUG IN RUSSLAND. München, 2012.; sowie: 1815:  NAPOLEONS STURZ UND DER WIENER KONGRESS. München, 2014.

[2] Zamoyski, Adam: PHANTOME DES TERRORS. DIE ANGST VOR DER REVOLUTION UND DIE UNTERDRÜCKUNG DER FREIHEIT 1789-1848. München, 2016.

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