AUFKLÄRUNG: DAS DEUTSCHE 18. JAHRHUNDERT. EIN EPOCHENBILD

Steffen Martus führt den Leser tief in das Jahrhundert der Aufklärung

In den momentanen Diskussionen um die Frage, ob das Abendland ernsthaft bedroht sei durch zu viel Zuwanderung aus kulturfremden Regionen, durch Anhänger des Islam, durch kulturelle und religiöse Zuwanderung, die uns fremde und aus Sicht einer säkularisierten  Gesellschaft rückständige Aspekte sozialen Lebens re-importiert, wird viel von „der“ Aufklärung gesprochen. Sie wird dabei von den unterschiedlichsten Lagern aufgerufen und ins Feld geführt. Sowohl jene, die im Namen von Menschlichkeit und Empathie zur Öffnung der Grenzen aufrufen, berufen sich auf die Werte des Abendlandes, auf seine Tradition der Toleranz, Weltoffenheit und Liberalität, aber auch die, die genau diese Grenzöffnung ablehnen, die darüber hinaus die politische Kaste unter Generalverdacht stellen, das Land bereits wieder in einer Diktatur sehen, rekurrieren auf den Aufklärungsbegriff nach Kant – daß der Mensch sich aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreien und selbst denkend zum Subjekt werden solle.

Das führt natürlich zu Verwirrung. Kann denn ein jeder sich der Aufklärung „bedienen“, sich auf ihre Werte und Traditionen berufen, ohne sich in Widersprüchen zu verheddern? Da tut es gut, den überhitzten Kopf einen Moment zu beruhigen, sich zurückzulehnen und noch einmal genauer den Gedanken nachzuspüren, die die Aufklärung definieren. Steffen Martus hat das passende Buch zur Lage geschrieben: Ein Epochenbild des 18. Jahrhunderts in Deutschland unter der sammelnden Überschrift ‚Aufklärung‘.

Auf gut 1000 Seiten inklusive Appendix entwirft der Autor ein breites Panorama der historischen Bedingungen, der Sitten und Gebräuche auch und gerade zu Hofe, von der Entwicklung der Städte im reformierten und konfessionell geteilten Deutschland, das damals in dieser Form natürlich nicht existierte. Wie wurden Berlin und Potsdam unter Friedrich II. zu Orten aufklärerischen Denkens? Wie konnte der preußische Monarch zum „aufgeklärten“ Regenten avancieren, inwiefern stimmte diese Bezeichnung in Bezug auf seine unter realpolitischen Bedingungen getroffenen Entscheidungen vor allem im Hinblick auf den großen Konflikt seiner Zeit, den Siebenjährigen Krieg, den Martus in Anlehnung an viele seiner Kollegen als Ersten Weltkrieg bezeichnet? Welches waren die Zentren der frühen, der hohen und der späten Aufklärung? Wie verliefen die Linien zwischen den verschiedenen Schulen und Zentren der Aufklärung in den deutschen Fürstentümern, wie standen sie zueinander, wie hoben sie sich voneinander ab?

Martus unterteilt seine Studien in vier große Abschnitte, wobei er groben zeitlichen Festlegungen folgt.

Die Anfänge der Aufklärung verortet er zwischen den Jahren 1680 und 1726. Anhand einer genaueren Betrachtung höfischen Zeremoniells und der Entwicklungen unter dem einstmaligen brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III., der sich im Jahr 1700 in Königsberg – und damit außerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – zum König krönen ließ, und der Bedeutung, die dessen Selbstermächtigung für das Europa der Fürsten- und Königshäuser hatte, gelingt es, dem Leser nicht nur spannend erzählt die Geschichte jener Jahre in jenem zerrissenen Vielstaatenwerk, das einst ‚Deutschland‘ genannt werden sollte, zu vermitteln, sondern auch die Sollbruchstellen und Verwerfungslinien aufzuzeigen, sowie zu erläutern, welchen kommunikativen Wert das Zeremoniell hatte. Vom fürstlichen, höfischen Zeremoniell ist der Weg nicht weit zu jenen Zentren der Gelehrten wie Halle und Göttingen, wo die frühe Aufklärung sich manifestierte, wo ihre frühen Vertreter lehrten wie Christian Thomasius oder Christian Wolff, der die „gründliche Vernunft“ dem reinen Glauben vorzog und dennoch auf eine Welt vertraute, die von Gott perfekt gestaltet worden ist. Martus kann gerade anhand der Verkreuzung des höfischen mit dem universitären Leben verdeutlichen, inwiefern die Aufklärer auf die Gunst der jeweiligen Landesherren angewiesen waren, wie eng oft Denken und momentaner Brotgeber miteinander verbunden waren und wie oft das eine auch am andern scheitern konnte. Allerdings zeigt das Buch auch, wie sich einzelne Fürsten, die mit der Zeit gehen wollten und sich durchaus Wettbewerbe lieferten, wer die aufgeklärteste Universität zu bieten hatte, gegenseitig die Gelehrtenn abspenstig zu machen suchten und wie diese wiederum manches Mal alles daran setzten, ihren gegenwärtigen Gönner zu verärgern, um anderen, lukrativeren Angeboten folgen zu können. Das ist einerseits amüsant, da es einen durchaus nüchternen Blick auf die hohen Herren des Zeitalters wirft, zugleich erzählen gerade diese anekdotisch erscheinenden Geschichten überdeutlich, wie sich Denken, Macht und Abhängigkeit bedingen.

So schön sich uns die Erkenntnisse der Aufklärung heute anmuten, so sehr wir sie uns heute als homogenes Denken und Erfahren vorstellen – keineswegs war „die Aufklärung“ eine international einheitliche Denkbewegung und schon gleich keine der reinen Vernunft folgende Veranstaltung. Auch waren „die Aufklärer“ keinesfalls allesamt Atheisten, und erst recht waren sie nicht frei von Eitelkeiten. Wie stark manchmal freies Denken oder bestimmte Denkschulen von der Gunst des einen oder anderen Potentaten abhängig waren, arbeitet Martus gerade hier gut heraus und es gelingt ihm, gerade daran den Wettbewerbscharakter, der bspw. unter den einzelnen Universitäten herrschte, zu verdeutlichen. Auch, wie stark Zank, Streit und Hader, Eifersüchteleien und Eitelkeiten oft das Denken und Handeln einzelner beherrschten, wird so für den Leser fassbar.

Der zweite Abschnitt, den der Autor zeitlich auf die Jahre 1721 bis 1740 datiert und unter dem Titel „Aufklärung ohne Grenzen“ zusammenfasst, befasst sich mit eben jenen Thesen, Entwicklungen und Denkbewegungen, die wir heute sowohl philosophisch wie historisch am engsten mit der Aufklärung verbinden: Die Skepsis gegenüber der institutionalisierten Kirche und Religion, Bildung als Mittel, den Menschen zu einem Subjekt werden zu lassen, bürgerliche Werte als Entstehungsbasis einer neuen Schicht, weibliche Emanzipation – hier vor allem die „Gottschedin“, Johann Christoph Gottscheds Gattin, die relativ gleichberechtigt an der Seite ihres Mannes wirken konnte – , natürlich dessen Wirken und natürlich das Buch und die Zeitschrift als Medien der Stunde. Hier postuliert Martus am ehesten das, was klassisch unter Aufklärung verstanden wird.

Der dritte Abschnitt – „Aufklärung im Widerstreit“ – umfasst den Zeitraum ab 1740 bis ca. 1763 und bringt dem Leser noch einmal deutlich nah, wie eng Denken und politische Wirklichkeit gerade in Bezug auf den Krieg, den die Aufklärer mit einer erstaunlichen Blut- und Gewaltlust begleiteten und kommentierten, miteinander verknüpft waren. Hier werden aber auch die großen Dispute – die Anhänger Wolffs gegen jene Thomasius`, der „Dichterkrieg“ zwischen Leipzig/Gottsched und Zürich/Bodmer & Breitinger, die Verachtung auch angehender Dramatiker wie Lessing oder Goethe für Gottscheds starre Theaterreform und engen Ansichten zur dramatischen Form (die Goethe immerhin derart relativierte, indem er zugab, daß er Gottscheds Theater-Lexikon immer in Griffnähe habe) – verhandelt, anhand derer Martus aufzeigen kann, mit welcher Verächtlichmachung, Verbissenheit und mit welchem Willen zur Verletzung unter den unterschiedlichen Schulen der Aufklärung vorgegangen wurde. Interessant, mit welcher Lust und Vehemenz schon damals die soziale Existenz anderer, ihre Reputation als Denker, ihr Ruf als Gelehrte angegriffen und teils zerstört wurde. Hier, in diesem Abschnitt, werden dem Leser aber auch widerstreitende und die Aufklärung begleitende, ihr zum Teil widersprechende Strömungen des Geistes- und Kulturlebens beschrieben. Der Pietismus findet ebenso Erwähnung und wird in Bezug zur Aufklärung gesetzt und erklärt, wie der Sturm und Drang.

So, wie der erste Abschnitt – und gerade dies ist eines der ganz großen Verdienste des Buches – dem Leser unmißverständlich verdeutlicht, wie die Aufklärung aus dem Barock und seinen ersten empirischen Versuchen, aus den Überlegungen des Humanismus und schließlich auch den Verwerfungen der Reformation – nicht von ungefähr waren die deutschen Höfe, die die Aufklärung als universitäres Unterfangen wie als philosophische Form förderten, allesamt protestantisch, das erzkatholische Habsburgerreich unter Maria Theresia zog da bedeutend später und auch dann nur bedingten Willens nach – hervorging, daß sie kein einheitliches Projekt war und auch nicht als Entität zu begreifen ist, so verdeutlicht der dritte Abschnitt auch noch einmal, daß die Aufklärung durchaus Neben- und Gegenströmungen zu gewärtigen hatte und auch in „ihrem“ Jahrhundert keineswegs unangefochtener oder alleiniger Star am denkerischen Himmel war.

Der vierte und letzte Abschnitt befasst sich verstärkt mit den Gedanken Kants und – Überraschung – zeigt den deutschen Sonderweg des Idealismus. Kant, der die bis heute im deutschen Sprachraum griffigste und gängigste Definition dessen, was Aufklärung sei, gegeben hat, war selbst alles andere als ein Aufklärer. Im Gegenteil: Nicht nur wollte er eine „metaphysische Wende“, die das gesamte Denken noch einmal neu startete und auf eine neue, sachliche und der reinen Vernunft vertrauende Grundlage stellen sollte, sein Denken steht auch zu bestimmten aufklärerischen Ansichten und Thesen in direktem Widerspruch. Doch kann Martus auch und gerade in diesem abschließenden Abschnitt deutlich aufzeigen, wie stark aufklärerisches Denken gerade dort ist, wo es sich an sich selber reiben muß, wo es mit seinen eigenen Waffen des Denkens, der Vernunft, in Frage gestellt wird. Die Kraft des Aufklärungsprojekts, wie wir es heute oftmals verstehen, drückt sich gerade in diesen Disputen und Streitereien aus.

Natürlich ist es nicht möglich und auch nicht Sinn und Zweck, in einer Rezension minutiös aufzuzeigen, was das besprochene Buch beinhaltet. So sei gewiß, daß die hier aufgeführten Vorzüge des Buches nur einen Bruchteil dessen darstellen, was dieses Werk ausmacht. Es gelingt Martus, dem Leser eine Epoche wirklich nahe zu bringen und darin deren hauptsächliches Denken. Das ist manchmal schwere Kost, scheut er sich eben nicht, die wesentlichen Denkbewegungen nachzuvollziehen und zu erläutern, manchmal ist es auch einfach lustig, wenn der Autor sich an einer der großen sozialen Errungenschaften der Aufklärung beteiligt – dem gnadenlosen Klatsch und Tratsch, der nicht nur in der Waschküche bleibt, sondern auch schriftlich fixiert zu den tollsten Verwerfungen führt – und damit all die großen Dichter und Denker zu Menschen mit allzu menschlichen Eitelkeiten und Bedürfnissen eindampft. So werden aus historischen Figuren Menschen, die sich in den Möglichkeiten ihrer Zeit bewegten, die diese Möglichkeiten ständig erweiterten, die die Chancen nutzten und Europa damit eine der wenigen wirklich großen geistigen Wenden der Geschichte bescherten.

Oft wird behauptet, es habe gar keine deutsche Aufklärung gegeben, die großen Namen – Locke, Voltaire, Diderot, Pope u.v.m. – seien französisch und englisch, wenige Deutsche hätten echte Aufklärungsarbeit geleistet. In gewissem Sinne könnte man das so stehen lassen. Das ließe zwar Lessing als wesentlichen Dramatiker der (deutschen) Aufklärung außen vor, würde Klopstock oder Mendelssohn und viele andere diskreditieren und vor allem außer Acht lassen, daß Sanssouci und der Hof Friedrich II. Voltaire eine Heimat boten, als der sie dringend brauchte, doch es würde insofern greifen, als daß viele deutschen Denker von Weltrang – Goethe, Schiller, Kant, Hegel et al. – nicht zwingend der Aufklärung zuzurechnen sind. Doch ist es wesentlich, gerade in der aktuellen Auseinandersetzung um die Deutungshoheit dessen, wofür ‚Aufklärung‘ zu stehen habe, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, daß die ‚Aufklärung‘ in England, Frankreich, Deutschland, der Schweiz oder dem Habsburgerreich relativ unterschiedliche Formen ausgeprägt hatte und die deutsche Aufklärung nicht zuletzt deshalb so wichtig ist, weil sie, gerade einmal ca. 30 Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs, im Spannungsfeld der Konfessionen und der konfessionellen Entwicklung und in diesem Zusammenhang auch auf das Judentum als stark unterdrückte Religion Maßstäbe der Auseinandersetzung setzte und maßgeblich dazu beitrug, sozialen Frieden zu generieren und zu garantieren.

Steffen Martus gelingt es, all diese Aspekte in seinen Text einfließen zu lassen, nur selten zu kurz zu greifen und dennoch ein derart spannendes Buch vorzulegen, daß man sich gar nicht mehr von dieser Epoche trennen, sie nicht mehr verlassen möchte. Wie einen guten Roman kann man dieses Buch lesen, man wird unterhalten und dennoch belehrt. Und genau so sollte es sein!

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