DER GROSSE SCHLAF/THE BIG SLEEP

Der doch leicht überschätzte Auftakt zur Reihe um Privatdetektiv Philip Marlowe

Der erste von Raymond Chandlers Marlowe-Romanen, THE BIG SLEEP, vereint bereits alle Stärken und Schwächen, die Chandlers hard-boiled Kriminalliteratur ausmachen. Verloren in einem Plot, der spätestens nach 100 Seiten nicht einmal mehr den Autoren zu interessieren scheint (Marlowe übernimmt einen Auftrag, weitet diesen im Alleingang aus, weil er es nun mal wissen will, findet ebenso massenweise soeben Verstorbene wie er massenweise nackte Mädchen an den unglaublichsten Stellen und Orten antrifft, löst alles zur Zufriendheit fast aller auf und behält doch ein kleines Geheimnis bei sich, das er nur mit einer einzigen Person – natürlich einer Dame – teilt), werden wir durch eine märchenhaft anmutende Erzählung in ein märchenhaft anmutendes Los Angeles geführt, in dem es praktisch immerzu regnet, in dem Straßenbahnen ihr Geklingel hören lassen und eine Fahrt Richtung Santa Monica nicht eine Fahrt durch LA, sondern eine Reise von 30 Meilen in einen anderen Ort ist. Es ist ein magisches LA, das teils so in den 30ern existiert hat (es gab wirklich und wahrhaftig Straßenbahnen in dieser Weltmetropole des Automobils), in dem nahezu magische Dinge passieren.

Zufälle und eine Erotisierung allererster Klasse prägen diese 200 Seiten ebenso, wie eine Lust an Brutalität und Sadismus, die selbst heute noch auffällt. Wir tauchen ein in eine Atmosphäre steter Bedrohung, eine Atmosphäre der Unsicherheit und Ungewißheit, in der ständig etwas hinter Türen lauern, um Ecken gestürmt kommen kann, in der hinter jedem Lächeln der Verrat aufblitzt. Eine manchmal nahezu poetische Sprache – metaphernreich und voller Umschreibungen – entführt uns in die Straßen dieser Stadt, beschreibt uns ebenso die Geographie des Beckens zwischen Wüste und Bergen am Pazifischen Ozean, wie die der Gesichter der Protagonisten, oft zerklüftete Landschaften das eine wie das andere, beschreibt uns die Architektur und die Räume dieser sich damals erst ausbreitenden urbanen Landschaft. läßt uns die Räume und Entfernungen spüren – zwischen Punkt A und Punkt B wie zwischen Menschen. DIese Sprache läßt uns das erotische Knistern spüren, das hier nahezu immer zwischen Marlowe und Frauen entsteht, auch wenn Marlowe selbst dies entweder zu unterdrücken oder nur instrumentell einzusetzen weiß, ebenso die Gewalt, die an allen Ecken und Enden, in fast jedem zu lauern scheint.

Wir werden verführt von Dialogen, die es in sich haben, sowohl sprachlich (Chandlers Wille zu einer Kunstgossensprache ist deutlich spürbar und er schafft eine ganze Reihe von wunderbar schnoddrigen Metaphern, Beschimpfungen und Kraftausdrücken), als auch inhaltlich, denn diese Figuren sprechen in einer Härte und sind bereit, sich diese Härte gegenseitig spüren zu lassen, die ebenfalls heute noch auffällig ist. Es verwundert kaum, daß er maßgeblich am Script von DOUBLE INDEMNITY (Billy Wilder – 1944) beteiligt gewesen ist. Liest man dies hier, fallen einem reihenweise Dialogzeilen aus Film Noirs ein, die ihr Vorbild offensichtlich hierin haben.

Das Problem dieser Literatur heute, nahezu 80 Jahre nach ihrer Erstauflage, ist schlicht die Häufigkeit, mit der sie imitiert, plagiiert und vor allem ironisiert, also in Parodien verballhornt wurde. Liest man all diese knallharten Sprüche, die Marlowe allen und jedem an den Kopf wirft, bemerkt man den Zynismus, mit dem er – ein vom Leben und der Welt schwer enttäuschter Moralist – jedem und allem begegnet, vor allem Frauen (obwohl er die Erotik immerzu einzusetzen bereit ist und sich in seinem Herzen durchaus einen Platz erhalten hat, für die wirklich Gefallenen und vom Leben wirklich Gebeutelten), dann möchte man manchmal laut auflachen, mutet es doch öfters fast lächerlich an. Natürlich ist es eine hard boiled novel, natürlich ist dies der Sound, der hard boiled novels ausmacht und natürlich ist Chandler – neben Dashiell Hammett – eben jener Autor, der diese sehr amerikanische Literaturgattung erfand und prägte. Man wird ihm also schwerlich seinen Stil vorwerfen können. So sollte man sich heutzutage bewußt sein, daß man sich mit Chandlerromanen einer Literatur anvertraut, die ganz am Anfang einer langen Reihe von Verzweigungen, Metaerzählungen, Parodien und Travestien steht. Und der Metamorphose in reinen Filmmstoff.

Man vertraut sich aber auch einer Literatur an, die uns etwas zuraunt über fast ein ganzes Jahrhundert hinweg und uns etwas erzählt über eine Zeit, die uns heute schwer faßbar ist. Sie erzählt von Menschen am Beginn einer neuen Zeit, dem, was man heute die „kulturelle Moderne“ nennen würde, sie erzählt von Orten, die es heute nicht mehr gibt und sie erzählt von Begegnungen unter Menschen, die so nicht mehr stattfinden würden. Atmosphärisch dicht, in gelungenen Dialogen zeichnet Chandler Figuren, die oft bar aller Moral, nur noch auf den eigenen Vorteil bedacht, längst auf dem Weg in die Hölle sind. Besonders differenziert geht er dabei zwar nicht vor, doch läßt er uns durch Marlowes Blick auf die Welt spüren, daß die meisten dieser Menschen Möglichkeiten hatten, daß sie Entscheidungen getroffen haben und daß sie – wohl oder übel – einen Preis werden zahlen müssen für das Leben, welches sie führen, die Entscheidungen, die sie getroffen haben.

Raymond Chandler war wohl ein Moralist, anders als der oft in Opposition zu ihm gesehene Dashiell Hammett. So sollte man die Welt, die Chandler kreiert, nie für bare Münze nehmen, alles in dieser Welt scheint etwas zu groß, zu brutal, zu böse, zu zynisch. Doch anders als Hammett, der immerhin aus einer Welt berichtete, die er als Ex-Pinkerton-Detektiv wirklich kannte, berichtet Chandler aus einer rein literarischen Phantasiewelt, aus einer „längst vergangenen Zeit“, manchmal mutet dies eben wie eine Märchenwelt an, die uns als Spiegelung etwas zu berichten weiß über uns und unsere Welt der sehr viel kleineren Dinge. So hat man es bei Hammett mit einer weitaus realistischeren Zeichnung (die manches Mal allerdings gewaltig ins Holzschnittartige abrutscht), bei Chandler jedoch mit dem weitaus literarischeren Stil zu tun. Immerhin haben sie gemeinsam einen ganzen Zweig der modernen Kriminalliteratur begründet. So sollte beides seine Berechtigung haben und beides sollte nebeneinander stehen dürfen als originär amerikanischer Beitrag zur modernen Romanliteratur.

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