DER LANGE ABSCHIED/THE LONG GOODBYE

Obwohl der vorletzte der Marlowe-Romane, ist THE LONG GOODBYE der gefühlte Abschluß der Serie um den ritterlichen Privatdetektiv

THE LONG GOODBYE ist der vorletzte der sieben Romane um den Privatdetektiv Philip Marlowe, die Raymond Chandler zwischen 1939 und 1958 schrieb. Erschienen 14 Jahre nach dem ersten dieser Bände – THE BIG SLEEP – , gilt er vielen nicht nur als der beste der Marlowe-Romane, sondern auch als das Werk Chandlers, das über den reinen Kriminalroman/Thriller hinausweist und eingegangen ist in den Kanon jener ‚great american novels‘, die die amerikanische Moderne literarisch begleiteten und auch definierten.

Einmal mehr haben wir es Chandler-typisch mit einer recht verzweigten Handlung zu tun, in welche Marlowe eher per Zufall hineingezogen wird. Er lernt den Trinker Terry Lennox kennen, eine ehrliche Haut, ein feiner Kerl, der durch die zweimalige Heirat mit derselben Frau droht, vollkommen dem Alkohol zu verfallen. Marlowe und Lennox laufen sich ein paar Mal über den Weg, bis Terry Marlowe eines Tages bittet, ihn über die Grenze nach Mexico zu bringen, wo er verschwinden wolle. Seine Frau sei tot und er, Terry, würde eh dafür verantwortlich gemacht. Marlowe hilft ihm, läßt im Anschluß ein mehrtägiges Martyrium in einer der Arrestzellen des LAPD über sich ergehen und hält den Mund hinsichtlich dessen, was er über Terry weiß und wie es zwischen ihm und Terry stand. Als dieser schließlich in Mexico gestellt wird, Selbstmord begeht und zuvor ein Geständnis ablegt, sind alle Beteiligten erstaunlich zufrieden. Erst durch seinen nächsten Auftrag, der Betreuung eines trinkenden Bestsellerautoren, bis dessen neuestes Werk fertig gestellt ist, werden auch die alten Geschichten um Terry Lennox wieder aufgewühlt. Und schließlich erweist sich einmal mehr das, was zunächst wie die Wahrheit aussah, als äußerst brüchiges Konstrukt…

Es ist müßig, die immer gleichen Vorwürfe an Chandler zu richten – daß seine Handlungen zu brüchig, zu sprunghaft und zu kompliziert seien; daß es immer wieder Logiklöcher und Ungereimtheiten gäbe; daß er, Chandler, ohnehin kein Interesse an Handlungen habe und deshalb schlicht als Romanautor gescheitert sei – , man soll ihn nicht lesen, wenn man sich daran stört. Das alles KANN nerven, doch gerade im vorliegenden Band treffen die Vorwürfe weniger zu, als in den Vorgängern. Chandler kapriziert sich auf einen im Grunde einfachen Plot, weniger Handlungsstränge, als in früheren Werken, auch weniger Personal – vor allem scheint er selbst klarer gesehen zu haben, auf wen es ankommt, auf wen weniger – und auch einige der früheren Elemente werden weniger stark in den Vordergrund gerückt, das gilt vor allem für die manchmal unmotivierte und extrem aggressive Art und Weise, wie Sex eingesetzt wurde. Man könnte sagen, daß man es mit einem Chandler zu tun hat, in dem die Nachteile so weit wie irgend möglich zurückgedrängt, die Vorteile hingegen – prächtige Dialoge zwischen fein ausgearbeiteten Figuren und Charakteren sowie ein untrügliches Gespür für Atmosphäre – beibehalten, bzw. noch feiner ausgearbeitet wurden. Der eigentliche Unterschied zwischen THE LONG GOODBYE und seinen Vorläufern besteht allerdings in der Figur des Philip Marlowe selbst.

Vier Jahre waren vergangen, seit THE LITTLE SISTER erschienen war, Chandler muß danach gefühlt haben, daß die Figur ausgereizt sei. Doch er hatte etwas zu sagen – vielleicht liegt auch darin einer der Maximalunterschiede dieses zu den anderen Bänden – und wollte es anhand eines Marloweromans sagen. Er nutzte diese mittlerweile v.a. durch die Verfilmung von THE BIG SLEEP mit Humphrey Bogart ins Allgemeingut eingegangene Figur, um einige Statements abzugeben hinsichtlich Amerikas nach dem 2. Weltkrieg, der amerikanischen Gesellschaft im Allgemeinen und der des prosperierenden Los Angeles im Besonderen. Dazu modellierte er Marlowe leicht um. Die Zynismen und überharten Sprüche wurden zurückgefahren zugunsten eines nahezu melancholischen Marlowe, der sich seiner Melancholie bewußt ist und sich ihr auch durchaus bereitwillig überläßt. Ein Marlowe, der an Freundschaft glauben will, der nicht hinterfragen will, was eine Freundschaft im Besonderen ausmacht und warum man jemanden mag, ein Marlowe, dem es reicht, daß man jemanden mag und ihm vertraut. Dieser Philip Marlowe hilft einem hilflosen Betrunkenen auf dem Parkplatz eines Clubs – so lernen sich Marlowe und Terry Lennox kennen – , weil jemand Hilfe braucht. Das reicht ihm als Erklärung. Dieser Marlowe ist aber auch maximal angewidert von dem Ausmaß an moralischer Verkommenheit, wenn er später durch den Schriftsteller Roger Wade in die „besseren Kreise“ von Idle Valley eingeführt wird, wo eine „ideale“ Welt sich als durch und durch korrupt, verlogen und von zutiefst bösartigen Menschen bevölkert entpuppt. Und in der er wohl auch deshalb immer weiter eine Brühe umrührt, von der alle eigentlich wollen, daß sie unangetastet bleibt, weil er schlicht sehen will, was noch zum Vorschein kommt; aber auch, weil er wissen will, wie weit all diese Figuren bereit sind zu gehen. Daß dabei sein eigenes Leben mehrfach in Gefahr gerät, scheint diesen Marlowe nicht weiter anzufechten, er geht seinen Weg – entweder schicksalsergeben oder lebensmüde. Oder in einem tiefen Wissen, daß dem Gerechten nichts passieren kann?

Einigen wurde dieser Marlowe ja einer Christusfigur gleich. Allerdings sollte man soweit dann doch nicht gehen. Dazu ist er zu besessen davon, aufzudecken, wie der innere Mechanismus dieser Gesellschaft funktioniert. Zu versessen ist er, sich das ganze Panorama der Korruption aufzudecken und fasziniert anzustarren, welches hier auch keineswegs auf die im Klischee ja sowieso moralisch verkommenen „oberen Zehntausend“ beschränkt ist. Diese Gesellschaft ist durch und durch korrupt, wie an dem Hausdiener Candy dargelegt wird, der sich trotz seiner südamerikanischen Abstammung keineswegs unterwürfig zeigt (was eigentlich in der klischeehaften Verbindung Lateinamerikaner/Hausdiener einfach voraus gesetzt wird…), sondern ganz im Gegenteil derart undurchsichtig und dennoch eigenmächtig handelnd dargestellt wird, daß man sich als Leser mehrfach fragt, ob er vielleicht heimlich die Fäden in den Händen hält? Ähnlich ist es mit der Polizei, die wie sonst selten als eine Institution gezeigt wird, die eine in sich geschlossene Gesellschaft in der Gesellschaft ist, eigenen Regeln folgend und ihrer eigentlichen Ziele weitestgehend verlustig. Nein, die Korruption, scheint Chandler verdeutlichen zu wollen, die Korruption ist längst in alle Bereiche vorgedrungen, alle Schichten, alle Institutionen sind betroffen, die Korruption, die Korrumpierbarkeit selbst, ist längst der eigentliche Movens hinter aller Bewegung. Ein niederschmetterndes Urteil.

Die Schlußpointe, die man eigentlich ab der Mitte des Buches erahnt, ist deshalb so wichtig, weil sie doch einen äußerst menschlichen Marlowe zeigt, der eben auch zu enttäuschen ist, der selbst und gerade da enttäuscht wird, wo er noch einmal bereit gewesen ist, dem Dasein, der Welt, den ihn ihr Lebenden Kredit zu geben. Und der merkt, daß andere Menschen manchmal schlicht nicht einmal nachvollziehen können, was uns an ihnen, von ihnen ent-täuscht wurde. Wo wir klarer sehen als vor der Enttäuschung und plötzlich besser verstehen, warum Freundschaft unter gewissen Umständen schlicht nicht möglich ist, einerlei, wie sehr man sie sich wünscht. Daß die Liebe nicht möglich ist, das weiß Marlowe seit den ersten Seiten von THE BIG SLEEP.

Betrachtet man PLAYBACK (1958) als oft geschmähten Nachzügler, kann man THE LONG GOODBYE als krönenden Abschluß der Marlowebände sehen, als Metaband, der noch einmal Wesentliches der fünf Vorläufer reflektiert und manchmal vielleicht auch neu bewertet. Ein bitter gewordener Raymond Chandler reflektiert eine ihm bitter gewordene Welt und nimmt sich dabei auch ein wenig wie der ‚grumpy old man‘ aus, der mit der Moderne nicht wirklich zurecht kommen kann, zurecht kommen mag. Das Fernsehen findet besondere Erwähnung allein durch die Häufigkeit, mit der es genannt wird. Und schon Mitte der 50er spricht Chandler darüber, wie der postmoderne Mensch 60 und mehr Jahre später: Es ist ein Nebenbeimedium, doch ist anhand seiner Beiläufigkeit eben auch die Schnelligkeit, das Oberflächliche der Gegenwart des Romans benannt. Es gibt einige dieser Hinweise, nicht zuletzt die Trinkerei, die eine große Rolle spielt. Getrunken wurde immer in den Marloweromanen, diesmal jedoch ist es um keinen Gran gut darum. Terry trinkt, um in eben jene Oberflächlichkeit zu gelangen, die es braucht, um ein „falsches“ Leben zu ertragen, Roger trinkt, um dabei die abseitigeren Gegenden seines Geistes aushalten zu können. Beide ruiniert der Alkohol. Marlowe trinkt wirklich und klassisch, um zu vergessen. Und er ist der einzige, dem sein Vorhaben vorübergehend gelingt. Aber Marlowe weiß, daß es ihn kaputt macht.

Marlowe trägt etwas zutiefst Ritterliches in sich, eine Wertschätzung der Werte an sich, wenn man so will. Das muß Chandler äußerst wichtig gewesens ein, beim Entwurf dieses Romans. Es ist eine Ritterlichkeit und ein Glaube an Werte, die er einmal mehr einer immer ambivalenteren Wirklichkeit entgegenstellen wollte. Ein Wert übrigens, den es wahrscheinlich brauchte, um massenhaft Männer dazu zu bekommen, weitestgehend freiwillig in einen Krieg zu marschieren, der sie in vier Kontinenten sterben ließ, weit fort der Heimat. THE BIG SLEEP erschien 1939, seine direkten drei Nachfolger in relativ schneller Folge alle während des Krieges, dieser nun zur Mitte der 50er, in einer nahezu anderen Welt. Einer Welt, die, geprägt von drohender atomarer Vernichtung, vollkommen andere Werte brauchte, bestenfalls gar keine mehr. Eine Welt, in der die von James Ellroy beschriebenen Figuren weitaus mehr zu hause gewesen sind, als es ein Philip Marlowe je sein konnte. Eine Welt wie gemacht für eine andere „Serienfigur“, die eine weitaus längere Zeitspanne Bestand haben sollte und ebenfalls eine Art Gradmesser ihrer Zeit gewesen ist – Tom Ripley. Sein erster Auftritt erfolgte zwei Jahre nach THE LONG GOODBYE und es ist reizvoll die Figuren zusammen zu denken. Denn Ripley ist kulturtechnisch der „moderne“ Mensch par excellence.

THE LONG GOODBYE ist also auch ein Abschied von einer Zeit und der Menschen, die sie prägten und durch sie geprägt wurden und die mit dem Aufkommen des Kalten Krieges vorbei war. Eine Zeit, von der uns auch John le Carré oder Graham Greene immer wieder berichtet haben – der eine eher indirekt, der andere viel direkter: Jene Jahre, in denen der Krieg das Leben sozusagen auf natürliche Art und Weise existenzialistisch machte und in Amerika und Großbritannien eine Menge Männer und Frauen wussten, wofür es sich zu kämpfen lohnte.

THE LONG GOODBYE ist aber ebenso einer jener Romane, die weit über sich hinausweisen und ihre Zeit großartig reflektieren. Aus der Reihe der Romane um Philip Marlowe ragt er weit hinaus und weit hinein in die Sphären der modernen amerikanischen Literatur, wo uns John Dos Passos oder Scott Fitzgerald gelehrt haben, wie er tickt, der moderne, entwurzelte Mensch.

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