AUF EIGENE FAUST/RIDE LONESOME

Ranown-Zyklus VI: Kurz und konsequent

Ben Brigade (Randolph Scott) ist ein Kopfgeldjäger, der den jungen Billy John (James Best) ergreift, auf den in Santa Cruz ein Lösegeld ausgesetzt ist.

Die beiden machen sich auf den Weg, doch schlägt Brigade von Anfang an Umwege ein. An einer Poststation trifft er auf einen alten Bekannten: Sam Boone (Pernell Roberts), der in Begleitung des jungen Whit (James Coburn) angeblich auf die Frau des Postmeisters, die bildhübsche Mrs. Lane (Karen Steele), aufpasst, bis deren Mann einige Pferde eingefangen habe. Als die Postkutsche kommt, begreift Brigade, daß Boone und sein Kompagnon selbige wohl hatten überfallen wollen. Da die Kutsche nur noch Leichen transportiert, ist allen klar, daß die Mescaleros wohl auf dem Kriegspfad sind.

Brigade reitet weiter, nimmt Mrs. Lane mit und Boone und Whit schließen sich an. Boone schwebt dabei vor, den jungen Billy John selber in die Stadt zu bringen, las er doch, daß, sollte der Mörder von einem seiner Kumpane ausgeliefert werden, diesem Amnestie gewährt werde. So will Boone sich und Whit von den Fahndungslisten streichen lassen und dann auf einer kleinen Farm, die er gekauft hat, ein neues Leben beginnen, bei dem er Whit gern zu seinem Partner machen möchte – „weil ich dich mag“, wie er dem erstaunten Mann erklärt. Doch auch Boone begreift schnell, daß Brigade gar nicht Richtung Santa Cruz unterwegs zu sein scheint.

Und wirklich: Ben Brigade ist keinesfalls an Billy John interessiert, zumindest weder als Mensch noch als Lösegeldpfand; nein, Brigade nutzt Billy John als Köder, um dessen Bruder Frank (Lee van Cleef) anzulocken, mit dem er eine Rechnung zu begleichen hat: Frank hat einst, als Brigade Sheriff von Santa Cruz war, dessen Frau vergewaltigt und dann an einem Baum aufgehängt. Und genau zu diesem Galgenbaum verschlägt es zunächst die kleine Truppe um Ben Brigade, am nächsten Tag kommen auch Frank und seine Leute dort an. Es muß zum finalen Show Down kommen, den alle außer Frank überleben. Doch obwohl Mrs. Lane Brigades toter Frau „sehr ähnlich sieht“, wie dieser ihr eines Nachts erzählt, bleibt er allein zurück, als Boone und Whit mit der Frau und Billy John, den Brigade den beiden überlässt, Richtung Santa Cruz aufbrechen.

Während die anderen sich entfernen, zündet Brigade den Galgenbaum an und verschwindet in dessen Schatten…

Der sechste der sieben Ranown-Filme, die Budd Boetticher zwischen 1956 und 1960 mit dem Darsteller Randolph Scott nach Drehbüchern von Burt Kennedy drehte[1], RIDE LONESOME (1959), wirkt wie eine Art Quintessenz dessen, was dieser Zyklus zu bieten hatte, was ihn definierte: Der Minimalismus, die Rache-Story, der „zerstörte“ Mann, der die Rache vollziehen muß, generell die Dominanz des Männlichen und schließlich die Ambiguität der Bösewichter, die sich – gerade in diesem Film – kaum wirklich als solche klar definieren lassen, zumindest nicht die, die im Bild zu sehen sind.

All diesen Filmen ist gemein, daß Boetticher sich nicht mit Geplänkel aufhält. Story und Personal sind immer auf das Minimalste reduziert, manchmal wirken seine Werke des Ranown-Zyklus, als seien es Kammerspiele in der Unendlichkeit der Landschaften, in denen die Protagonisten auch hier wieder zu verschwinden drohen. Die Wüste, steinige Felsformationen, platte Prärie – die schiere Weite und die von der Kamera – hier, wie schon in THE TALL T (1957), von Charles Lawton jr. geführt – eingefangenen scharfen Schattenrisse der Sonne lassen die Figuren vollkommen verloren wirken. Das Land und die Hitze scheinen sie zu verschlucken. Die Wüste verdeutlicht die Reduzierung in ihrer Kargheit. Brigade macht kaum Worte, er will nichts hören, er ist eindeutig, sobald man sein eigentliches Ziel versteht. Wenn Mrs. Lane in der ersten Nacht versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen, läßt er sie nicht einen Satz zuende sprechen. Sie ist für ihn eher Ballast, doch ist ihm auch klar, daß er eine Frau nicht allein in einer Poststation in der Wüste, umgeben von Indianern auf dem Kriegspfad, zurücklassen wird. Ben Brigade ist von den Randolph-Scott-Figuren vielleicht die eindimensionalste. Und Scott spielt hier auch am ehesten, wie es ihm generell gern garstig nachgesagt wurde: hölzern. Doch wie es ihm durchaus gelingt, Entwicklungen (die deutlichste möglicherweise die des Pat Brennan in THE TALL T) glaubhaft zu machen, wie er eigentlich immer die richtige Einstellung zu der Spezifik seiner Figuren findet, geht auch hier das Hölzerne eigentlich auf: Dieser Mann, der nur Augen für seine Rache haben will, nicht aber aus seiner Haut kann und so plötzlich eine ganze Truppe um sich hat, in der alle in gewisser Weise bedürftig sind (von Billy John einmal abgesehen, der sicherlich der Bedürftigste von allen ist, bei dem, was ihm bevorsteht, doch das kümmert weder die anderen noch den Film sonderlich), müht sich, auf sein Ziel fixiert zu bleiben. Und ist innerlich eh längst erkaltet und erhärtet, wie sein Antlitz es spiegelt.

Letztlich gibt die Figur nicht viel her, in diesem Film sind die eigentlichen Hauptdarsteller, die Figuren, die auf der Leinwand, im Bild, die Handlung vorantreiben, Boone und Whit. Boetticher hatte immer sowohl einen Hang zum Machohaften als auch dazu, genau das zu unterlaufen. Er ist sich den Ambivalenzen der Situationen, die er kreiert, mehr als bewußt. Ist in THE TALL T Freundschaft das Begehr Ushers gegenüber Brennan, wird hier das Motiv einer möglichen Liebe wirklich ausgespielt: Wenn Whit Boone den Spiegel hält, damit dieser sich rasieren kann, die Aufmerksamkeit der beiden sich dann auf die recht weit entfernte Mrs. Lane richtet, deren von Boone so genannten „Vorteile“ sich im Gegenlicht deutlich abzeichnen, und sie sich dann wieder einander zuwenden, um die Szenen mit jenem Dialog zu beenden, der Boone Whit die Partnerschaft „auf der Ranch“ anbieten läßt, dann ist das nicht nur zum Schreien komisch, sondern eben auch Beweis für Boettichers Meisterschaft im Umgang mit dem eigenen Genre. Es ist diese Fähigkeit, in einer kurzen Szene auf mehreren Ebenen klar zu erzählen und dabei den Ton exakt zu halten. Die Ranown-Filme waren alle auch von einem manchmal durchaus rüden Humor gezeichnet. Hier wird er Träger eines Teils der Handlung und einer subversiven Unterwanderung der darin transportierten Männerbilder.

Möglicherweise ist RIDE LONESOME nicht nur einer der kürzesten, sondern auch der konsequenteste Film der Serie. In THE TALL T deutet das ebenfalls von tiefer Ironie, vielleicht schon Zynismus, geprägte Ende an, daß man aus solch existenziellen Erfahrungen, wie sie die Protagonisten dieser extrem ökonomisch erzählten Geschichten machen müssen, niemals mit einem Happy-End entkommen kann. Ben Brigade hat keine Möglichkeit, mit Mrs. Lane zu gehen. Vielleicht hat er gar keine Möglichkeiten mehr, irgendwohin zu gehen. Wenn der brennende Baum den in einer Kamerafahrt immer kleiner werdenden Brigade verschwinden läßt, dann ist er sicher an seinem persönlichen Nullpunkt angekommen. Mit Erfüllung seiner Rache ist sein Zweck erfüllt. Kennedy und Boetticher verstehen zwar die Tragik dieses Mannes, aber sie scheinen eben auch genau zu wissen, daß diese Entwicklung schon zu Beginn des Films feststand. Im Grunde erzählen sie in den 73 Filmminuten lediglich den allerletzten Schluß einer viel längeren Geschichte. So müssen sie nicht pathetisch oder gar sentimental werden. Diese Regungen hat Boetticher dem Western gnadenlos ausgetrieben. Nüchtern und klar – wie das Licht in der sengenden Sonne über der Wüste – erzählen Regisseur und Drehbuchautor ihr Rachedrama. Sowohl Setting, als auch der Verlauf der Story, sind ihnen, den Protagonisten und dem Publikum bekannt, also kann es sich der Regisseur leisten, anderes in den Fokus zu setzen. Und so dreht er die Schraube seiner äußerst widersprüchlichen Banditenfiguren um eine weitere Schraube: Nimmt man Frank einmal aus[2], der sich zwar als wahres Ekelpaket entpuppt, doch zumindest in einigen Szenen als intelligent dargestellt und somit immerhin leicht charakterisiert wird, hat man es bei allen anderen mit recht ambivalenten Charakteren zu tun. Boone und Whit werden eher als liebenswürdige Kerle dargestellt; Billy John muß zumindest für die Diskussion herhalten, wie es sich mit dem eigenen Gewissen und dem Wunsch „ein neues Leben“ anzufangen vereinbaren läßt, dieses neue Leben mit dem eines anderen zu erkaufen? Der Film, wie erwähnt, kümmert sich letztendlich nicht wirklich um das Thema, doch es ehrt ihn, daß diese Dimension weder ausgespart noch verschämt verhandelt wird.

RIDE LONESOME entläßt das Gros seines Personals mit einer Zukunft, für seinen einsamen Helden hat der Film keine mehr übrig. Und doch haftet den anderen, den Lebenden, etwas an, etwas, daß ihr Überleben auch bitter macht. Auch darin scheint der Film am konsequentesten die ihm zu Grunde liegende Weltsicht umzusetzen. Vielleicht ist bei ihm nur die Fallhöhe nicht ganz so schmerzhaft hoch, wie sie das in den früheren Filmen des Teams war.

 

[1] Die Zählweise variiert, je nach dem, ob man SEVEN MEN FROM NOW (1956) dazu rechnet. Nominell noch keine Ranown-Produktion (Ran- steht für Randolph und -own für die letzten Lettern des Namens seines Kompagnons Harry Joe Brown, mit dem er sich die Leitung des Studios teilte), sondern für John Waynes Batjac-Produktionsfirma hergestellt, weist der Film allerdings schon all die stilistischen, inhaltlichen und darstellerischen Merkmale auf, die die Ranown-Filme ausmachen.

[2] Der Name Frank machte Karriere im Western, wenn es um die Benennung der Bösewichte geht: Frank Miller in HIGH NOON (1952), dieser hier, Henry Fondas Frank in C`ERA UNA VOLTA IL WEST (1968) – doch fällt hier etwas anderes auf: An einer Stelle erzählt Brigade Mrs. Lane, wie er und seine Frau auf der Flucht – sie hatte ihn angefleht, sie sollten fliehen – im offenen Land von Frank und seinen Kumpanen gestellt und seine Frau dann schließlich geschändet und getötet wurde: Im Grunde ist ihm also (stellvertretend) exakt DAS passiert, was Will Kane in HIGH NOON befürchtete und ihn umdrehen ließ.

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