DER SIEBENTE IST DRAN/SEVEN MEN FROM NOW

Ranown-Zyklus I: Der reine Western

Ben Stride (Randolph Scott) – Exsheriff, dessen Frau bei einem Überfall auf eine Wells-Fargo-Kutsche getötet wurde – trifft auf seiner Verfolgung der sieben Banditen, die sie auf dem Gewissen haben, auf das Farmerehepaar Greer. Er hilft John Greer (Walter Reed), den Planwagen zu befreien, der in einem Schlammloch feststeckt. Stride und die Greers haben denselben Weg: gen Süden, Richtung Flora Vista, von wo ein sicherer Weg nach Kalifornien führen soll.

Stride verliebt sich recht bald in Annie Greer (Gail Russell), die er als eine starke, vernünftige und mutige Frau wahrnimmt, während John ein zwar freundlicher, jedoch naiver und wenig „männlicher“ Mann zu sein scheint. Unterwegs schließen sich den Dreien Bill Masters (Lee Marvin) und sein Kumpel Clete (Don ‚Red‘ Barry) an. Sie sind ebenfalls hinter den Räubern her, allerdings nicht aus Rachegründen, sondern Masters verspricht sich von einem Zusammentreffen eine Möglichkeit, die geraubte Kiste mit dem Gold an sich zu bringen. Auch ihm gefällt Annie sofort. Bei einer ersten Begegnung mit den die Gegend unsicher machenden Indianern, kann Stride die Situation ohne Blutvergießen entschärfen; später wird die Gruppe Zeuge, wie ein Mann von Indianern verfolgt wird, Stride, Masters und Clete können eingreifen und den Mann retten. Dieser versucht umgehend, Stride zu erschießen, Masters tötet den Mann. „Kennen Sie ihn?“, fragt er Stride. Dieser verneint. „Aber er kannte Sie.“, merkt Masters an.

In einer nächtlichen Szene erzählt er den Greers in Strides Anwesenheit die Geschichte eines „starken, großen Mannes“, der einst einem „Schwächling“ die Frau wegnahm. Ob die Geschichte erfunden ist, bleibt offen, wesentlich ist der Keil, den er zwischen die Drei zu treiben scheint. Stride jagt Masters fort. Masters reitet nach Flora Vista und trifft dort auf Rayte Bodeen (John Larch), den Anführer der Räuber. Dieser entlarvt Greer als den gedungenen Transporteur der Beute, womit sich auch erklärt, warum Greer unbedingt den im Grunde gefährlicheren Weg nimmt und nicht den einfacheren. Bodeen schickt zwei Männer los, Stride zu töten und das Gold zu holen. Stride tötet die Männer und erfährt nun ebenfalls, was es mit dem Gold auf sich hat. Er schickt die Greers fort, nachdem er die Kiste abgeladen hat. John Greer will aber seinen Mann stehen und in Flora Vista den Sheriff informieren.

Just, als Masters und Bodeen aneinander geraten, erreichen die Greers die Stadt, John will zum Sheriff und wird von Bodeen getötet. Dieser reitet mit seinem letzten Kumpan in die Schlucht, wo Stride sie erwartet. Dort angekommen, sind es jedoch Masters und Clete, die die Banditen töten, bevor Masters auch seinen Kumpel erschießt, um die Beute allein einzustreichen. Stride stellt sich ihm, Masters erklärt, daß er eigentlich keinen Shoot-out zwischen ihnen wolle, sie es aber wohl austragen müssten. Stride tötet Masters, bringt das Gold in die Stadt und verabschiedet sich von Mrs. Greer, die nun ja Witwe ist. Sie will nach Kalifornien. Stride reitet davon und Mrs. Greer bittet den Kutscher der wartenden Postkutsche, ihr Gepäck wieder abzuladen, sie habe es sich anders überlegt.

SEVEN MEN FROM NOW (1956/Originaltitel) ist der erste Film aus jenem legendären „Ranown“-Zyklus, den der Regisseur Budd Boetticher, der Schauspieler RAndolph Scott und der Produzent Harry Joe BrOWN zwischen 1956 und 1960 produzierten (wobei anzumerken ist, daß dies streng genommen KEIN Film des Zyklus ist, da er von der kleinen Firma Batjac produziert wurde). Dem französischen Großkritiker, Herausgeber der CAHIERS DU CINÉMA und Liebhaber des amerikanischen Western André Bazin wurde dieser zum „exemplarischen Western“, da der Film frei sei von Intellektualität und Psychologie sowie zeitgenössischer Gesellschafts- und Sozialbetrachtung, es sei kein reiner Billigwestern und auch keine Starproduktion, sondern ein reiner Film: „der intelligenteste Western,…aber auch der am wenigsten Intellektuelle, der raffinierteste und der am wenigsten ästhetisierte, der einfachste und der schönste“ [Bazin, S.283]. Dem Urteil kann man sich im Grunde nur anschließen und sagen: Schaut ihn euch an! Allein die Tatsache, daß ein Jahr später mit THE TALL T (1957/dt. UM KOPF UND KRAGEN) ein in seiner Eleganz und dem bewussten Minimalismus noch eindeutigerer Film erschien, lässt davor zurückschrecken, SEVEN MEN FROM NOW auf ein einsames Olymp zu hieven.

Wo soll man beginnen, diesen Film zu loben? Wo soll man anfangen mit einer Analyse? Daß Lee Marvin hier einen der besten Schurken des Wildwestfilms überhaupt gibt, weil er ein intelligenter Schurke ist? Ein eigentlich liebenswerter Mann, der im Grunde auch alles „richtig“ macht, bis auf die Tatsache, daß er dieses vermaledeite Gold will und damit Opfer der Rechtschaffenheit Strides wird? Daß man Stride nie, nicht ein einziges Mal, den Colt ziehen sieht und damit seine Reaktionsschnelligkeit fast etwas Gespenstisches, etwas Mystisches bekommt? Boetticher erzählte später, daß Marvin der schnellste Schütze Hollywoods gewesen sei und sie deshalb Scott niemals hätten zeigen können, wie er gegen diesen zieht und gewinnt. So wird aus der Not eine Tugend. Oder sollte man damit beginnen, darauf hinzuweisen, daß gerade dieser Film das oft kolportierte Zitat Boettichers unterläuft, Frauen seien im Western unwichtig, Zierrat, Objekt, bestenfalls Träger einer Information oder Botschaft, also Medium, aber niemals Subjekt? Denn genau so ist es hier eben nicht – Gail Russell ist alles andere als Zierrat und sie ist auch weder Objekt (schon eher, doch eines, das sich weigert passiv zu sein), noch Träger einer Botschaft. Sie steht gleichberechtigt an der Seite ihres Mannes und liebt ihn – auch wenn er sie nicht so beschützen kann, wie ein Mann das laut Ben Stride tun solle. „Wirklich?“, fragt er sie, als sie dies behauptet, „Sie glauben das nicht?“ lautet ihre Gegenfrage. „Nein,“ antwortet er ihr – und bringt damit auch sein eigenes Dilemma auf den Punkt: Er hatte seinen Job als Sheriff verloren, weil er zu viele Kerle in seinem Bezirk (auch Masters, wie dieser öfters betont) eingebuchtet hatte und diese ihn naturgemäß nicht mehr wiedergewählt hatten. So musste seine Frau in der Poststation arbeiten – just an jenem Abend, als die überfallen wurde.

SEVEN MEN FROM NOW beweist das Diktum, der Held werde über den „Bösewicht“ und die „starke Frau“ definiert und interessant gemacht, exemplarisch. Es ist Masters, der hier die guten Szenen hat, es ist Masters – also Lee Marvin – der zeigen darf, was er mit den Colts kann, der die besseren Zeilen im Drehbuch hat, der Intelligenz und psychologisches Raffinement zeigen darf – und letztlich ist er es, den der Zuschauer auf eine seltsame Art und Weise mag, so daß uns das Ende schwerfällt. Wir wollen natürlich sehen, daß Ben Stride überlebt und wir wollen sehen, wie er dies bewerkstelligt. Doch daß er Masters wird töten müssen, nimmt ihm seinen moralischen Nimbus und auch einen Teil der Sympathie. Boetticher definiert hier früh, wie er es halten wird mit seinen Schurken: Nie sind sie einfach böse, immer sind sie AUCH Menschen mit Sehnsüchten und Wünschen. Im Nachfolger THE TALL T wird das noch weitaus stärker ausgespielt werden, als hier; in dem früheren Film SEMINOLE (1953), der ansonsten gar nicht wie ein Budd-Boetticher-Film aussieht, gereicht ihm diese Haltung dazu, die Indianer eben nicht als „böse Wilde“ zu zeigen, sondern als Ver- und also Getriebene und er läßt ihnen sogar Gerechtigkeit widerfahren, indem sie zumindest im Film nicht die Verlierer sind; die Art der Darstellung der Indianer ist auch in SEVEN MEN FROM NOW interessant – sie haben Hunger, dies wird als Erklärung für ihre feindlichen Handlungen mehrmals eingeworfen; sie bleiben so zwar eine Bedrohung, ihre Bedrohlichkeit hat jedoch nachvollziehbare Gründe.

SEVEN MEN FROM NOW steht am Beginn einer äußerst fruchtbaren Arbeitsbeziehung zwischen einem Regisseur, einem Produzenten und einem Darsteller – hinzu kommt zumindest für vier der sieben Filme noch Burt Kennedy als Drehbuchautor – und definiert die folgenden Filme in seinem Minimalismus, seiner Direktheit und Schnörkellosigkeit. Joe Hembus schreibt in seinem Westernlexikon, daß dieser Film den Western, der in seiner „Nacktheit“ am schönsten sei, von all dem Glanz und den Schmückungen befreie, die ihm im Laufe der 50er Jahre und dem Aufkommen des sogenannten „erwachsenen Western“ verabreicht und umgehängt worden seien. Ohne all die Großwestern dieser Jahre – sei es HIGH NOON (1952), sei es THE SEARCHERS (1956), seien es die fantastischen Western Anthony Manns – abwerten zu wollen, kann man dieser Ausssage schon beipflichten. Boetticher erzählt uns eine Geschichte, eine einfache Geschichte, um eine Gruppe von Leuten, die lautere Absichten haben (die Greers), die Schmerz und Verlust erfahren haben und Rache wollen (Ben Stride) und von jenen, die in Verführung gebracht werden (Masters). Er tut dies ohne zu moralisieren, ohne diesen Figuren tiefere psychologische Strukturen und also psychische Brüche anzudichten, er erzählt seine Geschichte lyrisch, nicht dramatisch und sehr, sehr direkt. Bazin hat also schon recht, wenn er anmerkt, daß man es hier mit einem „reinen“ – im doppleten Sinne des Wortes – Western zu tun hat.

Schaut ihn euch an! Wieder und wieder und wieder….

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