EINER GIBT NICHT AUF/COMANCHE STATION

Ranown-Zyklus VII: Abschluß eines genre- wie filmhistorischen Zyklus´

Cody (Randolph Scott) durchstreift seit nahezu 10 Jahren das Gebiet der Komantschen, die einst seine Frau entführt haben, in der Hoffnung, sie zu finden und auslösen zu können. Eines Tages tauscht er seine Waren gegen eine Mrs. Lowe (Nancy Gates), auf deren Kopf ein Lösegeld durch ihren Mann ausgesetzt wurde. Er begleitet Mrs. Lowe zurück gen Lordsburg. Unterwegs treffen die beiden an einer Poststation auf drei Banditen, die ebenfalls an dem Kopfgeld interessiert sind. Der Anführer der drei, Ben Lane (Claude Akins), und Cody kennen sich aus der Armee. Sie sind verfeindet. Die drei schließen sich Cody und der Frau an, wollen aber bei Zeiten beide umbringen, um das Lösegeld ohne Komplikationen einstreichen zu können. Die Gruppe wird von Indianern überfallen. Zwischen Lane und dem jungen Dobie (Richard Dust) kommt es zusehends zu Streitereien, weil der Jüngere nicht mehr mit den Plänen einverstanden ist. Schließlich kommt es zwischen den Männern zu einem finalen Streit.

COMANCHE STATION (Originaltitel), erschienen 1960, markiert das Ende jenes Zyklus, der unter dem Namen ‚Ranown‘ – benannt nach Randolph Scott und seinem Partner, die ausführende Produzenten waren – bekannt und berühmt wurde. Regisseur all dieser Filme war Budd Boetticher, dem es gelang, dem Western vergleichsweise spät, ab 1956 mit SEVEN MEN FROM NOW, noch einmal wesentliche Impulse zu geben, die zwar bereits den aufkommenden Italowestern antizipierten aber doch eher noch mit dem klassischen Hollywood-Western korrespondierten. Obwohl von teils erstaunlicher Härte, mit manchmal nahezu genial ausgearbeiteten Gegenspielern, oft radikal minimierter Handlung und meist im lebensfeindlichen Setting von Wüstengegenden angesiedelt, gelang es Boetticher und seinem Hauptdarsteller – Scott spielte in all diesen Filmen – eine Leinwandpersona zu erschaffen, die an den Helden des klassischen Western anknüpfte, aber dies in einer demokratischen Welt, soll heißen, in einer Welt, in der Gut und Böse nicht mehr eindeutig zuzuordnen und an der Farbe der Hüte zu erkennen waren, einer Welt, die voller Unbilden ist und den Einzelnen einengt und bestimmt. Eine Welt vor allem, in der auch ein Held bei allem Bemühen nicht unbedingt ein Happy End zu erwarten hat. COMANCHE STATION zeigt diesen Typus noch einmal exemplarisch – ihn und sein Scheitern.

Menschen sind Waren – dem Konstrukt von COMANCHE STATION liegt eine für Boetticher nicht untypische fundamentale Kritik am Kapitalismus zugrunde, die den Helden Cody umso heller strahlen läßt. Denn in einer modernen Welt, in der alles zur Ware werden kann, in der ein paar lumpige Dollar mehr wert sind als ein Menschenleben, kann ein Mann wie er nur überlegen wirken. Mrs. Lowe, die auch Cody zunächst verdächtigt, lediglich am Gewinn interessiert zu sein und erst später durch Dobie erfährt, was Cody antreibt, erkennt seine Ritterlichkeit und kann damit umgehen, was bedeutet, daß sie sie nicht ausnutzt, nicht strapaziert und sich auch dann, wenn wir erfahren, warum ihr Gatte nicht selber nach ihr zu suchen bereit war, ihre Würde bewahrt. Der Verlierer des Ganzen ist neben Dobie, auf den noch zurückzukommen sein wird, vor allem Cody. Er wird seine Frau nicht finden, er wird aber auch keine neue Liebe finden, wie Mrs. Lowe sie zumindest als Versprechen, als Hoffnung, andeutet, in sich trägt und verkörpert. Als Held transzendiert er, indem er sein Schicksal annimmt und darüber nicht verbittert. Cody behält seine Ritterlichkeit selbst in einer Welt, in der sie scheinbar nicht mehr gefragt ist und auch nicht wirklich nützlich erscheint. Dennoch beharrt er darauf. Beharrt auf ritterlichen Werten.

Boetticher und Burt Kennedy, der vier der sieben Boetticher-Scott-Western geschrieben hat, nehmen die Entwicklungen des Western ernst, die Psychologisierung, die seit Ende der 40er Jahre dem Genre den Status gesichert hatte, „erwachsen“ geworden zu sein, also dazu zu taugen, ernsthafte Fragen des menschlichen Daseins abzuhandeln. Und doch geben sie das Prinzip des Helden nicht preis. Ernsthaft bemühen sie sich um eine Ausformulierung des Helden in einer in Grauzonen unterschiedlicher Schuldbehaftung verwischenden Welt. In einer sich zusehends kapitalisierenden Welt. Anders als etwa Robert Aldrich oder auch der späte Henry Hathaway, entwerfen Boetticher und Kennedy jedoch keinen zynischen Helden, der seine Ideale lange aufgegeben hat und nur noch auf eigene Rechnung handelt, sondern sie suchen nach einem Helden, der auch in einer demokratischen, kapitalistisch-modernen Welt funktionieren könnte, solange es ihm gelingt, den kommerziellen Verlockungen zu widerstehen. Die Figuren, die Scott in den Ranown-Western spielt, bewegen sich immer auf diesem Grat, mit unterschiedlich ausgeprägter Tragik. Ben Brigade in RIDE LONESOME (1959) markiert dabei sicherlich das wirklich tragische Ende des Spektrums, er hat am Ende des Films keine Zukunft, im Grunde kein Leben mehr. Ben Stride in SEVEN MEN FROM NOW (1956) hingegen steht am andern Ende der Linie und definiert dort den hoffnungsvollen Pol. Vielleicht kann man Jefferson Cody gut in der Mitte zwischen diesen Enden verorten. Scott spielt ihn mit der Routine, der gewachsenen Coolness der sechs vergangenen Filme und läßt sich kaum eine Gefühlsregung anmerken. In gewisser Weise stellt Cody die Vollendung des Typus dar, den Boetticher und Kennedy gesucht und hervorgebracht haben. Er kann in einer zunehmend modernen Welt funktionieren, allerdings nur unter bewußtem Verzicht auf ein Großteil dessen, was ein bürgerliches Leben ausmacht. An der Stelle docken die Autoren dann auch an Fords problematische Interpretation der Heldenfigur in THE SEARCHERS (1956) an.

Verglichen mit dem erzählerischen Minimalismus einiger der Vorgänger, fällt COMANCHE STATION ein wenig ab. Momentweise uneinheitlich, braucht die Story ein, zwei Windungen zu viel zur Entfaltung. Vor allem aber fehlt dem Film der große Widerpart zu Scotts Cody. Claude Akins kann weder Richard Boone noch Lee Marvin als Gegenspieler das Wasser reichen, seine Rolle ist aber auch anders angelegt, als die seiner Vorgänger. Die Binnenkonflikte der drei Banditen sind hier eines der wesentlichen Themen des Films. Ben Lane hat also nicht nur die Funktion, Codys Gegner zu sein, sondern ebenso, als Bezugspunkt und Reibungsfläche vor allem für den jungen Dobie zu fungieren. Das Verhältnis Dobies zu Frank (Skip Homeier) ist weitaus spannender als der ganze Konflikt um Cody/Lane. Denn wo deren Beziehung auf Machenschaften im Sezessionskrieg zurückgeht, also dem bekannten Muster der Abrechnung aus der Vergangenheit folgt, deutet COMANCHE STATION zwischen Frank und Dobie eine subkutan homosexuelle Beziehung an. Damit stellt der Film eine bewußte Verbindung zur zeitgenössischen Gegenwart des Publikums her. Wenn ein „Held“ wie Cody funktionieren soll, muß er sich der Moderne stellen und die Liberalität aufbringen, moderne Entwicklungen zu tolerieren. Was auf der Metaebene auf den Hauptdarsteller Randolph Scott zurück führt, der selber homosexuell gewesen sein soll, unter den daraus entstehenden Nachteilen in einer Machowelt wie Hollywood allerdings weit weniger zu leiden hatte als beispielsweise Montgomery Clift oder Rock Hudson, die beide panisch damit beschäftigt waren, ihren jeweiligen Images entsprechend ihre Neigungen zu vertuschen. Clift ist daran letztendlich gescheitert, was zu seinem Selbstmord beigetragen haben soll. Scott war da weitaus widerstandsfähiger, weil er aber auch unabhängiger war. Gerade die Idee, eine eigene Produktionsfirma zu gründen, kam ihm dabei zupaß. Zudem galt er als ein gewiefter Geschäftsmann, der zu den reichsten Schauspielern in Hollywood zählte.

Man soll nicht zu viel in einen Film hineininterpretieren, doch stechen die Zusammenhänge in diesem immerhin 1960 – also zur ersten Hochphase der Bürgerrechtsbewegung und der beginnenden, radikalen gesellschaftlichen Veränderungen in den U.S.A. – produzierten Film doch stark ins Auge. Und vielleicht ist es genau das, was COMANCHE STATION ein wenig Kraft und Energie kostet. Die Stärke der Ranown-Filme ist ihr Minimalismus, das Beschränken auf Grundkonflikte, ohne zusätzliche Ebenen einzubauen. Hier wird dieses Rezept zugunsten komplizierterer Charakterzeichnungen aufgegeben, was die Geschichte nicht wirklich vorantreibt, momentweise hingegen aufhält. Das Drehbuch wird umständlich. Und arbeitet die angedeuteten Konflikte dann aber nicht deutlich genug heraus, um als Handlungselement zu funktionieren.

Dennoch: COMANCHE STATION bleibt ein wesentlicher Western in der Entwicklung des Genres. Er weist ein paar atemberaubende Actionszenen auf, die allerdings – da hat es mit der Liberalität dann vielleicht doch nicht ganz gereicht – wenig Rücksicht auf die Darstellung der Indianer legen und diese nicht nur als die reinen Wilden zeigen, sondern auch als im Zweifelsfall vernichtbar. Andererseits ist es der Grundmovens der Geschichte, daß Cody sich allein ins Indianergebiet wagt und mit ihnen Geschäfte macht. Sie sind, wie so oft im Western, das absolut Entäußerte. Das uns fremd bleibende Fremde.

Die Wege der federführenden Figuren Budd Boetticher, Burt Kennedy und Randolph Scott trennten sich nach diesem Film. Alle konnten noch wesentliche Arbeiten abliefern, doch keinem gelang mehr ansatzweise ähnlich Relevantes. Die Bedeutung der Ranown-Western ist kaum zu überschätzen.

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