UM KOPF UND KRAGEN/THE TALL T

Ranown-Zyklus II: "Come on, it´s gonna be a nice day"

Pat Brennan (Randolph Scott) besitzt ein wenig Land am Fluß. Er reitet zu jenem Rancher, dem er früher als Vorarbeiter gedient hat und will einen Zuchtbullen von ihm kaufen. Auf dem Weg dorthin hält er an einer Poststation. Er verspricht dem Sohn des Beamten, daß er ihm Candy aus der Stadt mitbringt. Auf der Ranch angelangt, wird Brennan von seinem ehemaligen Chef bedrängt, den alten Job wieder anzunehmen. Schließlich lassen die beiden sich auf eine Wette ein: Schafft Brennan es, einen gut gebauten Stier zu reiten, bis dieser still steht, gehört das Tier ihm – ohne Bezahlung. Wird er abgeworfen und verliert, gehört Brennans Pferd seinem Exchef. So kommt es und Brennan muß seinen Sattel zu Fuß durch die Wüste schleppen.

Unterwegs hält eine Postkutsche, darin Willard Mimms (John Hubbard) und seine Frau Doretta (Maureen O’Sullivan), wenig attraktive Tochter des örtlichen Bergbaubesitzers und somit reich. Brennan fährt mit, bis zu der Station, wo niemand sich um die Kutsche oder die Pferde kümmert. Schließlich treten drei Männer aus den Schatten der Stallungen: Frank Usher (Richard Boone) und seine Kumpels Billy Jack (Skip Homeier) und der Schnellschütze Chink (Henry Silva). Die drei warteten auf die reguläre Kutsche, die erst eine Stunde später eintreffen soll. Die Mimms sind auf Hochzeitsreise und mit einer gemieteten Sonderkutsche unterwegs. Usher will die Leute – wie zuvor den Postmeister und dessen Jungen, die „tot da hinter dem Brunnen liegen“, wie Chink es ausdrückt – umlegen, doch Willard verrät ihm, wer seine Frau ist und daß man ein großes Lösegeld aus ihrem Vater herauspressen könne. So zwingt Usher die Insassen der Kutsche also, mit ihm in sein Bergversteck zu kommen.

Billy Jack und Willard reiten los, das Lösegeld zu verlangen. Als sie zurückkehren, sind 50.000$ versprochen, die an einer bestimmten Stelle abgelegt werden müssen. Brennan versteht, daß die Geiseln – also auch er – so oder so nicht überleben werden. Willard, dem Usher die Freiheit gibt, reitet ohne sich von Doretta zu verabschieden davon, was Usher derart in Rage bringt, daß er Chink auf den Mann schießen und ihn töten läßt. Doretta ist verzweifelt, doch sowohl Usher, als auch Brennan versuchen ihr klar zum machen, daß Willard ein Feigling gewesen sei, der sie praktisch verkauft habe, um sein Leben zu retten. Allerdings ist es Brennan wichtig, sich auch dabei von Usher abzugrenzen.

Während die Männer und ihre Gefangenen darauf warten, daß sie losreiten können, das Geld einzusammeln, kommt es zu einigen denkwürdigen Begebenheiten: Einmal wird deutlich, daß Usher sich Brennan verwandt fühlt, diesen sogar beneidet. Brennan hat nicht nur Land und Vieh, also „etwas Bleibendes, auf das man stolz sein kann“, wie Usher es ausdrückt, nein, er hat auch natürliche Autorität. Er ist ein freundlicher Mann, wie wir v.a. anfangs in der Szene mit dem Postmeister und seinem Sohn gesehen haben. Er ist auch ein guter Arbeiter gewesen, wie wir in den Szenen auf der Ranch mitbekommen. Usher ist ein Bandit, den die Menschen „bestenfalls“ fürchten, Autorität oder gar Charisma hat er nicht. Frank Usher wäre gern Brennans Freund, gesteht ihm sogar, daß er noch nie einen Menschen getötet habe, sich mit seinen ewig über „Weiber und Spiel redenden“ Kumpanen langweile. Und auch Brennan erkennt in Usher einen Seelenverwandten, macht sich jedoch nichts vor: Auch Usher will überleben und ist bereit dafür alles zu tun. Alles. Das ist das eine. Das andere ist die Begegnung zwichen Doretta und Brennan.

Die beiden sind sich zugetan, das merkt man, doch Brennan wirft ihr vor, daß sie nicht ehrlich um ihren Mann trauern könne, da dieser sie nicht geliebt habe. Er habe sie wegen ihres Geldes geheiratet. Sie wisse das und dennoch…erst später gibt sie zu, daß sie sich als hässlich und als Mauerblümchen wahrnehme und deshalb froh gewesen sei, daß sie überhaupt einer genommen habe. Brennan macht ihr klar, daß man niemanden lieben könne, der sich nicht selber mag.

Usher reitet schließlich los, das Geld holen. Brennan gelingt es, bei Chink so viele Zweifel an Usher und dessen Absichten zu sähen, daß dieser seinem Boss nachreitet. Brennan kann mit Dorettas Hilfe Billy Jack töten und auch den zurückkehrenden Chink. Schließlich kommt auch Usher zurück mit dem Geld. Dieser jedoch meint, Brennan so gut zu kennen, um zu wissen, daß der keinen Menschen von hinten erschieße, weshalb er sich nun einfach entferne. Doch als er gerade um die Biegung des nächsten Felsens geritten ist, zückt er sein Gewehr und reitet zurück – um seine „Familie“, wie er seine Kumpels einmal nennt zu rächen oder an das Geld zu kommen, bleibt unklar. Brennan tötet auch Usher. Er wendet sich Doretta zu und fordert sie auf, mit ihm zu kommen, es werde noch ein schöner Tag.

THE TALL T (1957) – so lautet der Originaltitel dieses außergewöhnlichen Western – ist der zweite Film aus dem Ranown-Zyklus, der schließlich sieben Filme umfassen und sowohl den Hauptdarsteller Randolph Scott, als auch den Regisseur Budd Boetticher zu Legenden des Genres machen sollte. Nach SEVEN MEN FROM NOW (1956), der schon einiges davon anlegte und definierte, was die Spezifik dieser minimalistischen Western Boettichers ausmachte, wurden hier die Linien und Kanten noch enimal geschärft. War der Bösewicht im Vorgänger kein wirklicher Schurke, hat man es hier mit echten Banditen zu tun, die dann aber erstaunliche Verletzungen und Wünsche offenbaren. Richard Boone, noch recht unbekannt zu diesem Zeitpunkt, gibt eine hervorragende Performance als Frank Usher, der mordet, raubt, entführt und erpresst und doch so gern Freund wäre – Freund des Mannes, den er wird töten müssen, will er unerkannt aus dem Schlamassel, den er angerichtet hat, herauskommen.

„Come on, it’s gonna be a nice day“ sagt Pat Brennan, als alles überstanden ist, zu der Frau, die er vielleicht hätte lieben können. Er sagt dies vor der Kulisse eines atemberaubend weiten und blauen Himmels, der ein wunderschönes Bergpanorama einrahmt. Ein Happy End? Nein. Zu viel Mißgunst, Neid, Hass und Tod mussten wir miterleben, um das Ende dieses Films als ein „glückliches“ anzusehen. Zerstörte Leben und zerstörte Menschen bleiben zurück. Anders als Ben Stride – die Randolph-Scott-Figur in SEVEN MEN FROM NOW, der ein Getriebener ist, innerlich, weil er sich als Versager fühlt, äußerlich, weil er Rache will – ist dieser Pat Brennan ein im Grunde glücklicher und zufriedener Mensch. Was ihm zustößt ist schließlich auch eine Folge von Zufällen und Verwechslungen. Weder wollte er sein Pferd verlieren, noch je in dieser Kutsche sitzen. Er ist auch kein Kämpfer oder gar Krieger, wie Stride es wohl sein muß als Exsheriff. Die Art und Weise, wie er hier die Banditen ausschaltet, ist auch nicht die eines offenen, fairen Kampfes, sondern es sind eher Hinterhalte und Tricks. Er benutzt Doretta als Blickfang für Billy Jack und feuert auf Chink zwar nicht direkt aus dem Hinterhalt, läßt dem aber auch nicht wirklich eine Chance, sich zu wehren. Pat Brennan will überleben. Und das tut er. Dabei verliert er sein Lachen. Es ist auffällig, daß er in den ersten Szenen auf der Poststation, aber auch in der Stadt, wo er den Candy kauft, und später auf der Ranch, immer freundlich ist und den Leuten zulacht. Schon als er Doretta das erste Mal küsst und man meinen sollte, dies sei ein glücklicher Augebnblick, wirkt es eher, als klammerten sich zwei Ertrinkende aneinander. Und auch das „Happy End“, das keines ist, veranlasst die beiden nicht mal zu einem Lächeln. Im Gegenteil: Brennan geht vor und sie folgt und legt ihm, scheinbar vorsichtig, fast verhalten, den Arm auf den Rücken, er reagiert und nimmt sie in den Arm. Pat Brennan wurde vom Bösen berührt und musste in sich Böses finden, um aus der Situation, die er nicht wollte, herauszukommen. Man fragt sich automatisch, ob der Mann eines Tages wieder wird lachen können.

Das Drehbuch, die Inszenierung, das Setting, die Kulissen, die Landschaften, die Männer und diese eine Frau – Budd Boetticher fügt das alles zusammen zu einem grandiosen Western, der sogar noch ein wenig überzeugender wirkt als sein eh schon formidabler Vorgänger. Vielleicht entspricht SEVEN MEN FROM NOW eher einem Western insofern, als daß es um eine Rachegeschichte geht, daß Indianer eine Rolle spielen, daß man den klassischen Shoot-Out hat, also das Duell am Ende. Doch ist THE TALL T ein unglaublich lyrischer Film, der exemplarisch vorführt, was Boetticher für jemanden wie Jim Kitses, der das Standardwerk HORIZONS WEST verfasst hat, zu einem der stilbildenden Westernregisseure der klassischen Ära werden läßt, neben John Ford und Anthony Mann. Dieser Film ist ein reiner Western, er ist tragisch, er ist (darin allerdings – ähnlich wie Robert Aldrichs VERA CRUZ [1954] – ebenfalls stilbildend seiner Zeit voraus) brutal und von einer Härte, die später bei Sam Peckinpah und in den Italowestern wieder aufgegriffen wird. Sergio Leone war es, der in C`ERA UNA VOLTA IL WEST (1968) die Szene an der Poststation fortführte: Wenn Henry Silva zu Scott sagt, der Postmeister und sein Junge lägen „da drüben hinter dem Brunnen“ und Boetticher uns eben diesen mit einem Zwischenschnitt zeigt, dann hat das schon eine Brutalität, wie sie für den klassischen Hollywoodwestern untypisch war; Leone zeigt dann in der berühmten Szene, wenn Frank (Henry Fonda) und seine Spießgesellen aus dem Unterholz treten, nachdem sie McBride und seine älteren Kinder bereits getötet haben, wie das so aussieht, wenn man einen kleinen Jungen erschießt. Daß Frank in Leones Großwestern ausgerechnet ein Namensvetter Ushers ist – Zufall?

THE TALL T (der Titel wurde später vom Verleih festgelegt, Boetticher sagte selbst, er wisse nicht, wofür der stünde) ist möglicherweise der beste der sieben Filme aus dem Ranown-Zyklus. Mit Frank Usher gibt es einen der eindringlichsten und ambivalentesten Schurken in der Geschichte des Westerns zu bestaunen. Boetticher wurde immer zweierlei, sich vermeintlich Bedingendes vorgeworfen: Er sei frauenfeindlich und seine Helden, v.a. aber seine Schurken, seien verkappt homosexuell, ohne dies he offen austragen zu dürfen. Letzteres mag der angeblichen sexuellen Orientierung seines Hauptdarstellers geschuldet sein, dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, daß Ushers Sehnen nach Freundschaft mit Brennan zumindest unterschwellig Ausdruck eines tieferen, möglicherweise körperlichen Verlangens ist. Was die Frauenfeindlichkeit angeht, gründet sich diese Annahme wohl auf Boettichers einst geäußertes Credo, daß Frauen im Western eben nur Staffage seien. Wollte man ihm Misogynie vorwerfen, dann könnte THE TALL T allerdings wirklich als einer der wenigen Belege dafür dienen. Zumindest scheint es so. Doretta ist nicht hübsch (Maureen O’Sullivan, die einst die Jane zu Johnny Weissmüllers Tarzan gab, macht hier einen großartigen Job, nahezu ungeschminkt und sehr, sehr verletzlich), sie ist auch nicht liebenswert. Die Handlung gibt ihr auch nicht sonderlich viele Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Sie wird herumgeschubst, mißhandelt, geschlagen und auch von Brennan nicht sonderlich nett behandelt. Das alles wirkt schon so, als sei sie Freiwild und den Lachern des Publikumns preisgegeben.

Doch sowohl der Regie als auch der Darstellung ist es zu verdanken, daß diese Frau Tragik erhält und dadruch Größe gewinnt. Eine hässliche Frau in einem rauhen Land, ungewollt (sie sollte eigentlich ein Sohn werden) und ungeliebt, findet sie sich wieder als Ehefrau eines Stutzers und schließlich als Faustpfand einiger Banditen. Die einzige Erfüllung, so scheint es, die einzige Bedeutung, die diese Frau im Leben erfährt, ist die als Geisel für Geld. Es ist Brennans Verdienst, ihr zu verdeutlichen, daß sie sehr wohl liebenswert sein kann, daß sie allerdings dazu selber beitragen müsse und nicht immer weglaufen solle. Als es dann zum Showdown kommt und er sie wegschicken will, bleibt sie und nutzt dazu exakt seine Worte. Doretta entwickelt sich also in diesen letzten Minuten des Films immerhin doch noch ein wenig, sie nimmt ihre Aufgabe an, könnte man sagen.

Der Vorwurf der Misogynie greift also auch hier nicht wirklich. Daß es dem Drehbuch und offenbar auch dem Filmemacher Spaß macht, diese Frau leiden zu lassen, ist offensichtlich, dennoch ist das eine sehr oberflächliche Betrachtung. Unter dieser scheinbar so offensichtlichen und glatten Oberfläche schläft eben – wie in allen guten Western – auch das Gegenteil dessen, was man zu sehen bekommt, eine verborgene Wahrheit. In diesem Fall verdeutlicht die Erzählung, wie Menschen verdinglicht werden, die Verdinglichung annehmen und sie schließlich Kraft eigener Stärke überwinden und wieder zu Mesnchen, Subjekten werden können. Wollte Boetticher das? Wahrscheinlich nicht, aber passiert – passiert ist es ihm. Budd Boetticher, dem Meister des Minimalismus, ist mit THE TALL T einer der klarsten, schönsten und ergreifendsten Western gelungen, die es gibt. In seiner Konstruktion unglaublich elegant, in seiner Geschichte einfach und sehr ehrlich und in der Größe dieser Figuren, die scheinbar so klein sind, erhaben, kann er bestehen, neben den ganz großen Filmen des Genres.Mehr noch, weiß er manch edlerem Produkt doch den Weg zu zeigen, wie man eine einfache Geschichte spannend, direkt und dennoch über sich hinausweisend inszenieren sollte. So entstehen Klassiker.

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