SIDE EFFECTS – TÖDLICHE NEBENWIRKUNGEN/SIDE EFFECTS
Ein eleganter, intelligenter und hintersinniger Psychothriller von Steven Soderbergh
Nach vier Jahren wird Martin Taylor (Channing Tatum) aus dem Gefängnis entlassen. Er war für ein Insidergeschäft an der Börse verurteilt worden. Seine Frau Emily Taylor (Rooney Mara) holt ihn gemeinsam mit seiner Mutter (Ann Dowd) ab.
Schnell will Martin wieder ins Arbeitsleben zurück. Ein Mithäftling, ebenfalls wegen illegaler Börsengeschäfte verurteilt, hat ihm ein lukratives Geschäft in Aussicht gestellt, möglicherweise müsste Martin – und mit ihm Emily – dafür aber aus ihrer Wahlheimat New York nach Austin, Texas, ziehen.
Emily zeigt sich nicht sonderlich begeistert von diesen Plänen. Bei verschiedenen Gelegenheiten – darunter einer Party auf dem Schiff eines ehemaligen Vorgesetzten von Martin – bricht sie zusammen und zeigt sich nervlich deutlich angeschlagen.
Auf der Arbeit fällt auch Emilys Chefin (Polly Draper) auf, dass ihre Mitarbeiterin nicht auf der Höhe ist und empfiehlt ihr verschiedene Antidepressiva, die auch ihr aus einer Depression geholfen hätten.
Emily unternimmt einen Selbstmordversuch in der U-Bahn, bei dem sie in letzter Sekunde ein Sicherheitsmann von der Bahnsteigkante zurückreißen kann.
Eines Tages setzt sich Emily in der Tiefgarage des Bürogebäudes, in dem sie arbeitet, in ihr Auto, schnallt sich an und fährt dann mit voller Wucht in eine Betonmauer. Sie wird in ein Krankenhaus eingeliefert, wo ihre oberflächlichen Verletzungen versorgt werden, wo sich aber auch der Psychiater Dr. Jonathan Banks (Jude Law) um sie kümmert. Zwar kann sie ihm glaubwürdig versichern, nicht mehr gefährdet und auch nicht gefährlich zu sein, er verlangt aber von ihr, ihn in seiner Praxis aufzusuchen und sich in Behandlung zu begeben.
Nach einigen Sitzungen verschreibt Banks Emily ein Antidepressivum, doch wirklich helfen kann ihr dieses nicht. Banks erfährt von seiner Patientin, dass sie zuvor bereits in Behandlung war. Mit Emilys Erlaubnis kontaktiert Banks die Therapeutin und Psychiaterin Dr. Victoria Siebert (Catherine Zeta-Jones), die ihm nicht nur mitteilt, dass Emily einst eine Fehlgeburt kurz nach dem Urteil gegen ihren Mann erlitt, sondern die auch das neue Mittel Ablixa empfiehlt – nicht ohne den Hinweis, dass sie selbst Vertreterin für das Produkt ist.
Emily reagiert vergleichsweise gut auf das Mittel und kann zunächst wieder am Leben – sowohl am beruflichen als auch am sozialen – teilnehmen. Allerdings tritt als Nebenwirkung auf, dass Emily schlafwandelt und auch gelegentliche Absenzen im Wachzustand hat. Während eines dieser Zustände ersticht Emily eines Tages Martin, als der nachhause kommt.
Emily selbst unterrichtet die Behörden, die Notärzte können aber nur noch den Tod Martins feststellen. Emily wird verhaftet und des Mordes angeklagt. Banks tritt für sie ein, vor Gericht wird er sowohl als Zeuge als auch als Sachverständiger befragt. Dabei tritt er zwar selbstbewusst auf, verstrickt sich allerdings in einige Widersprüche, weil er nicht erklären kann, weshalb er Emily bei dem Gefährdungspotential sowohl für sich als auch andere nicht in eine Klinik eingewiesen hat.
Während sich die öffentliche Meinung nun auch gegen Banks richtet, wird Emily nach einem Vergleich der Staatsanwaltschaft mit der Verteidigung freigesprochen, muss allerdings in eine geschlossene, forensische Klinik, um weitere Behandlung zu bekommen.
Banks hat derweil mit den Anwürfen der Öffentlichkeit zu kämpfen. Seine Praxiskollegen werfen ihm vor, ihnen zu schaden, schließlich fordern sie ihn auf, die Praxis zu verlassen. Auch eine Pharmafirma, für die er an einer Studie mitarbeitet, trennt sich von ihm.
Und auch seine Frau Deirdre (Vinessa Shaw) zeigt sich zunehmend befremdet von Jonathans Verhalten. So hat er sie in einem für sie schwierigen Moment – sie muss ein Bewerbungsgespräch für einen neuen Job bestreiten – sitzen lassen, um sich in einem vermeintlichen Notfall um Emily zu kümmern. Auch jetzt, nachdem sie freigesprochen wurde, kümmert sich Banks für den Geschmack seiner Frau zu viel um seine Patientin.
Auch nach dem Freispruch lässt Banks der Fall nicht los, was vor allem Deirdre stört. Nach wie vor kümmert er sich zu sehr um Emily. Doch mittlerweile kommt ihm immer mehr der Verdacht, dass er betrogen wurde. Als er Emily auf ihre Freundin anspricht, mit der sie einst zusammengearbeitet habe, behauptet Emily, er habe sich geirrt, das sei eine andere Person gewesen. So wird immer undurchschaubarer, was eigentlich Emily wirklich angetrieben hat.
Schließlich darf Emily die Klinik verlassen. Banks trifft sich gelegentlich mit ihr, doch verwundert ihn ihr Verhalten zusehends. Er forscht nach, in welchem Verhältnis sie zu Dr. Siebert stand, vor allem aber findet er heraus, dass Dr. Siebert selbst in einem Artikel vor den Nebenwirkungen des Medikaments Ablixa gewarnt hatte. Ein Medikament, für welches sie selbst in einer Studie geworben und welches sie als Vertreterin auch auf den Markt gebracht hatte.
Als Banks Dr. Siebert mit seinem Verdacht konfrontiert, dass es zwischen ihr und Emily eine Absprache, womöglich sogar ein Verhältnis gegeben habe, droht Siebert ihm offen, dass sie ihn vernichten werde. Um diese Drohung zu unterstreichen, lässt sie Deirdre Fotos zukommen, die Banks und Emily in scheinbar kompromittierenden Situationen zeigen. Deirdre verlässt Banks daraufhin.
Nun hat Banks im Grunde nichts mehr zu verlieren. In einem gewagten Manöver setzt er Emily, die er durch einen Trick wieder in die Klinik hat einweisen lassen, unter Druck und spritzt ihr ein Wahrheitsserum, unter dessen Einwirkung sie ihm Geständnisse ablegt, die ihm aber nichts bringen, da sie immer exakt so viel preisgeben, wie er im Grunde schon weiß. Allerdings hat er Emily getäuscht: Tatsächlich hat er ihr eine Kochsalzlösung gespritzt, so konnte er herausfinden, dass sie offensichtlich genauestens instruiert war, wie sie sich unter dem Einfluss welcher Medikamente verhalten muss.
Obwohl ihm niemand glaubt, meint er, die Zusammenhänge nun zu durchschauen: Dr. Siebert hat einen groß angelegten Insiderhandel angezettelt, dessen genaue Abläufe sie von Emily erfahren hat, die nach der Verurteilung ihres Mannes wusste, wie man einen solchen Betrug einfädelt und durchzieht. Das Medikament Ablixa wurde von Dr. Siebert zunächst massiv beworben und dann schlecht geschrieben, an der Börse hat sie gegen das Medikament „gewettet“. Derweil hat sie Emily derart instruiert, dass die ihren Mann umbringen und dann straffrei ausgehen konnte. Das Motiv war eine mittlerweile auch intime Beziehung zwischen Ärztin und Patientin.
Banks konfrontiert nun Emily mit seinen Erkenntnissen und macht ihr mit einem Trick klar, dass Siebert sich gegen sie abgesichert habe, da die – alte psychologische Erkenntnis – gewusst habe, dass aus vergangenem Verhalten zukünftiges Verhalten ableitbar sei und Emily sich bereits einmal gegen jemanden gewendet habe, den sie zu lieben vorgab – Martin. Er und Siebert ließen Emily natürlich nie wieder aus der Klinik raus, dafür habe Siebert ihm eine hohe Summe Geld geboten, wenn er die Dinge auf sich beruhen ließe.
Emily lässt sich auf einen Deal mit dem FBI und der Staatsanwaltschaft ein und so gelingt es, Siebert zu überführen. Doch ahnt Emily nicht, dass Banks ein doppeltes Doppelspiel spielt: Nachdem sie ihm geholfen hat, sich zu rehabilitieren und Siebert hinter Gitter zu bringen, greift er auf eine Klausel zurück, die ihm alleiniges Recht gibt, über ihren Gesundheitszustand zu urteilen und attestiert ihr einen Rückfall.
Während Emily den Rest ihres Lebens wohl hinter den Klinikmauern verbringen wird, baut sich Banks nach und nach sein Leben wieder auf. Er verträgt sich zunächst mit Deirdre und gelobt, ab nun ein besserer Partner und vor allem ein besserer Vater für Deirdres Sohn zu sein…
Eine der gängigen Lehrmeinungen zu Steven Soderbergh ist ja die These, der Regisseur, der einst mit SEX, LIES, AND VIDEOTAPE (1989) als Hoffnung des amerikanischen Independent-Kinos gefeiert wurde, sei in nahezu allen Genres zuhause und könne zugleich durchgehend das Arthouse-Kino bedienen. Einige Kritiker betrachten Soderberghs wechselhaften Gang durch die Genres gar als programmatisch. Man kann das eigentlich nur bestätigen, allerdings gilt es zu konstatieren, dass das Genre des Thrillers, bzw. des Psycho-Thrillers, durchaus bevorzugtes Terrain des Regisseurs zu sein scheint. Doch in welches Metier er auch gerade vordringt, er tritt oftmals zugleich als Produzent, Drehbuchautor, Kameramann und Editor seiner Filme auf und füllt so die klassische Rolle des Auteurs im Sinne des Autorenfilms und also des klassischen Arthouse-Kinos aus.
Sowohl die Vorliebe für den Psychothriller, als auch die Arbeit als Auteur gelten auch für einen Film wie SIDE EFFECTS (2013). Abgesehen vom Drehbuch, für das in diesem Fall Scott Z. Burns verantwortlich zeichnete, und der Produktion, führte Soderbergh bei diesem letztlich als Thriller zu bezeichnendes Werk nicht nur die Regie, er führte auch die Kamera und editierte den Film. Der fertige Film ist aber dann gar nicht solch ein eindeutig einem einzigen Genre zuzurechnendes Werk, sondern ein seltsamer Hybrid aus Drama, Thriller, Gerichtsfilm und den komplizierten Verwicklungen eines Heist-Movies. So gesehen kann man SIDE EFFECTS als ein Amalgam einiger Arbeiten betrachten, die der Regisseur in den Jahren zuvor abgeliefert hatte. ERIN BROKOVICH (2000) war (auch) ein Gerichtsdrama, die OCEAN-Filme (2001/2004/2007) entsprachen klassischen Heist-Movies, THE INFORMANT (2009) erzählte von einem (realen) Betrugssystem, HAYWIRE (2011) bot Action mit ironischem Hintersinn und vor allem in formvollendeter Eleganz, MAGIC MIKE (2012) schließlich war ein Sozialdrama. Elemente all dieser Filme, all dieser Geschichten, tauchen auch in SIDE EFFECTS auf. Allerdings ist es die eine, vielleicht entscheidende Schwachstelle des Films, dass er sich nie entscheiden kann, was genau er eigentlich sein will?
Das alles beginnt als eine Art Sozialdrama. Emily Taylor holt ihren Mann aus dem Gefängnis ab, als der nach Jahren seine Strafe für Finanzbetrug, einen Insiderhandel, abgesessen hat. Die ersten Szenen zwischen dem Paar suggerieren, dass er, kaum wieder draußen, schon das nächste krumme Ding plant, erwähnt er doch mehrfach einen Deal, den ein Knastkollege einfädeln wolle, der ebenfalls wegen Betrugs saß. Dafür müssten die beiden womöglich nach Austin, Texas gehen und ihre Wahlheimat New York verlassen. Recht unvermittelt fährt die Frau – gespielt von einer fast apathisch wirkenden Rooney Mara – eines Tages willentlich in eine Betonmauer. Eine Motivation für diese depressive bis suizidale Stimmung kann sich das Publikum allerhöchstens daraus ableiten, dass Emily mit der Entwicklung ihrer Ehe unzufrieden ist. Der sie in der Notaufnahme behandelnde Psychiater – Jude Law spielt diesen Dr. Jonathan Banks bewusst gegen sein Image als Schönling und entwickelt im Lauf der Handlung eine erstaunliche Energie, die den Wandel beglaubigt, den er durchmacht, bzw. durchmachen muss – verschreibt ihr im Laufe der nun beginnenden Therapie verschiedene Antidepressiva und Stimmungsaufheller. Darunter das auch von der Emily zuvor behandelnden Therapeutin verschriebene Medikament Ablixa.
Das wiederum hat die titelgebenden Nebenwirkungen. Emily beginnt zu schlafwandeln, hat aber auch im Wachzustand Absenzen und kann sich oft nicht an eben Erlebtes erinnern. Nun entsteht der Eindruck, die Zuschauer*innen hätten es mit einem Drama um Medikamentenmissbrauch und die Machenschaften der Pharmaindustrie zu tun. Also Anflüge eines Politthrillers. Soderberghs bisherige Regiearbeiten weisen immer wieder politisch bewusste und äußerst kritische Auseinandersetzungen mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA auf. Sei es die oft verlogene Drogenpolitik, wie in TRAFFIC (2000), sei es ein Umweltskandal, wie in ERIN BROKOVICH, sei es, wie in dem später entstandenen Horrorfilm UNSANE (2018) die Art und Weise, wie mit Psychiatrieinsassen umgegangen wird. Doch gerade, wenn man sich darauf eingelassen und den Twist des Films akzeptiert hat, bringt Emily ihren Mann um. Im Affekt, offenbar nicht einmal bei vollem Bewusstsein, sticht sie ihn mit einem Küchenmesser nieder. Dann legt sie sich ins Bett und schläft. Später informiert sie selbst die Polizei.
Nun also ein neuerlicher Twist in der Handlung: Ein Thriller! Und zwar ein Psychothriller, denn schnell lernen wir, dass mit Emily womöglich grundlegend etwas nicht stimmt und sie zu Taten neigt, die ihr selbst verschlossen bleiben. Diese Wendung wird in einen, wenn auch recht kurzlebigen Dreh hin zum Justizthriller eingebettet. Bei der Verhandlung sagt Dr. Banks sowohl als behandelnder Arzt – und also als Zeuge – als auch als Sachverständiger aus. Doch schon in diesem Abschnitt des Films schwingt bereits das aufkommende Betrugsdrama mit. Denn in der Auseinandersetzung mit Dr. Siebert, Emilys vorheriger Ärztin, von Catherine Zeta-Jones als extrem kontrollierte und kontrollierende, fast manipulative Psychiaterin gegeben, deutet sich an, dass mit dem verabreichten Medikament Ablixa irgendetwas nicht stimmt.
Zugleich drängt nun eine Variation des Wrong-Man-Themas in den Vordergrund. Denn je unzurechnungsfähiger Emily erscheint, desto mehr rückt ihr behandelnder Arzt, also Dr. Banks, in den Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit. Hätte der ihr die Medikamente eigentlich immer weiter verschreiben dürfen? Er wird öffentlich angeprangert und verliert nach und nach alles, was sein – bisher sehr schönes – Leben ausmacht: Seine Praxispartner trennen sich von ihm, die Arbeitgeber seiner Nebenjobs sowohl im Krankenhaus als auch als Vertreter einer Pharma-Studie trennen sich ebenfalls von ihm, schließlich verlässt ihn seine Freundin, als sie Fotos zugeschickt bekommt, die Jonathan und Emily in scheinbar eindeutigen Situationen zeigen. Jemand scheint Dr. Banks etwas anhängen zu wollen. Und der beginnt sich zu wehren.
Ab nun greift die Logik des Heist-Movies. Nachdem es ihm gelungen ist, das Komplott zu durchdringen, dessen Opfer er – wie sich herausstellt eher zufällig – geworden ist, holt Dr. Jonathan Banks ausgeklügelt und für die Zuschauer*innen nicht immer zwingend nachvollziehbar zum Gegenschlag aus. Er beginnt, diejenigen, die ihm übel mitgespielt haben, seinerseits gegeneinander auszuspielen und entwickelt dabei eine erstaunlich zynische Haltung gegenüber einer Wirklichkeit, zu welcher er zuvor, relativ unbedacht, selbst beigetragen hat. Nachdem es ihm gelungen ist, das Betrugssystem, welches die Basis für alles Folgende gewesen ist, nachzuweisen und dem FBI zur Lösung zu übergeben, rächt er sich schließlich auch persönlich an der Frau, der er hatte helfen wollen und die ihn von Anfang an hintergangen hat. Sie verschwindet – buchstäblich – hinter den Mauern der Psychiatrie und es deutet sich an, dass sie diese zeitlebens auch nicht mehr verlassen wird. Dr. Banks hingegen – und das ist dann das zynische I-Tüpfelchen auf diese letztlich hanebüchene Story – nimmt sein altes Leben wieder auf, ist rehabilitiert und kann, zumindest nach außen hin, dieses schöne Leben weiterführen. Ob er dieses Leben mit seinem Gewissen wird in Einklang bringen können, sei dahingestellt. Soderbergh lässt den Zuschauer mit genau dieser Frage zurück: Inwiefern ist Dr. Banks letztlich schuldig geworden, indem er Rache geübt hat; inwiefern wird der einzelne aufgrund der Bedingungen, die er nicht immer beeinflussen kann, Teil eines Systems, das ihn in Schuld verstrickt?
Das Publikum dieses in seiner Eleganz gewollt oberflächlichen, in seinen Windungen und Wendungen hintersinnigen Films durchlebt eine ganze Reihe von emotionalen wie intellektuellen Zuständen. Nun ließe sich darüber streiten, ob das eine besonders gelungene Volte des Drehbuchs und der Regie ist, oder aber ein Hinweis darauf, dass sich hier allzu sehr verzettelt wurde, die unterschiedlichen Ebenen dieses Films einander in die Quere kommen. Wie auch immer der oder die einzelne dazu stehen mag, man wird nicht abstreiten können, dass es einem Meister wie Soderbergh eben gelingt, auch mit einem vermeintlich zerfaserten Werk Spannung zu erzeugen und diese auch zu halten. Und zwar auf einem gleichbleibend hohen Niveau. SIDE EFFECTS ist ein ausgesprochen spannender Film, dem es trotz all seiner Wendungen und Volten gelingt, sein Publikum mitzunehmen und zu fesseln. Sicher, was Dr. Banks da in den letzten Minuten treibt und wie es ihm gelingt, seine Widersacherinnen zu überführen und schließlich in einer Schlusspointe auch noch ihrer mehr oder weniger gerechten Strafe zuzuführen, dem kann man vielleicht nicht mehr in jedem einzelnen Punkt folgen, allerdings gibt sich das Drehbuch große Mühe jeden Winkelzug abschließend zu erklären. Ein ebenfalls dem Heist-Movie verwandter Schwachpunkt, da auch dort gern und viel die Genialität erklärt wird, mit der die Meisterdiebe vorgegangen sind. Werke und Genres, die sich selbst ständig erklären müssen, weisen immer strukturelle Schwächen auf.
Und auch dies sei angemerkt: Eine der großen Stärken des Films ist zugleich einer der – vermeintlichen – Schwachpunkte. Denn man sollte davon ausgehen, dass Steven Soderbergh niemals auch nur ein Bild in Szene setzt, bei dem nicht jedes sichtbare (und auch jedes nicht sichtbare) Detail genau be- und durchdacht ist. Soderberghs Filme sind unglaublich elegant und in ihrer Eleganz manchmal schon überbordend, zu schön, ästhetisch zu anspruchsvoll, gleich ob man die reine Mise en Scene betrachtet oder aber das Spiel mit Farben, Formen, Abstrakta, Filtern und Aufnahmetechniken seiner Kameraarbeit. Und so ist das auch in SIDE EFFECTS. Jedes Bild ist erlesen, mal ästhetisch betörend und anspruchsvoll, mal gewollt kalt und distanziert. Und in dieser Welt betrachten wir schöne, ästhetisch ebenfalls anspruchsvolle Menschen. Wir schauen in diesem Film über lange Zeit schönen Menschen bei ihrem Leben und, mehr noch, bei der meist unnützen Bewältigung ihrer Probleme zu. Depressionen – bekanntlich eine Krankheit, die sich die Arbeiterklasse nicht leisten kann – und deren Bekämpfung mit Medikamenten; Medikamentenmissbrauch und dessen Folgen; Mord als Fluchtmöglichkeit aus existenzieller Erschöpfung; schöne Leben in schönen Umgebungen; schöne Leben und schöne Karrieren in Hochhäusern aus Glas und Chrom; zerstörte Leben in immer noch schönen und erlesenen Umgebungen; zerstörte Karrieren in einer kalten und mitleidslosen Welt. Wahrlich nicht die Probleme einer breiten Masse.
Vielleicht lässt uns deshalb sowohl das Schicksal von Dr. Banks, später das von Dr. Siebert und letztlich auch das von Emily Taylor relativ kalt, von dem ihres bald toten Gatten ganz zu schweigen. Und vielleicht ist das sogar Teil von Soderberghs Kalkulation. So sehr ihn das Thema der Macht der Pharmaindustrie und des damals, 2013, immer virulenteren Medikamentenmissbrauchs auch umgetrieben haben mag, es ist nicht das zentrale Motiv des Films. Mit einem Film wie ERIN BROKOVICH hat er ja bewiesen, dass er den Fokus, wenn er will, streng auf ein politisches oder wirtschaftliches Thema ausrichten und scharf halten kann. Hier ist das vermeintlich gesellschaftskritische Thema hingegen nur Aufhänger, um eine Story in Gang zu setzen, die dann verwinkelte Züge aufweist und in der seine Protagonisten – zunächst Dr. Banks, dann zunehmend auch die Menschen um ihn herum und schließlich sogar die, die ihn benutzt haben – verloren zu gehen drohen.
So wird SIDE EFFECTS bestenfalls zu einem recht hintergründigen, ebenfalls verwinkelten Kommentar auf eine Gesellschaft, die sich unter ihren betörend schönen Oberflächen, in ihrer sich an sich selbst berauschenden Ästhetik nach und nach selbst zu verlieren droht, in der schöne Menschen ohne echten Tiefgang die Spiele, die sie selbst in Gang setzen, nicht mehr durchschauen. In einer scheinbar nebensächlichen Szene zu Beginn des Films begleitet Emily ihren eben erst wieder in die Freiheit entlassenen Gatten zu einem Treffen mit ehemaligen Vorgesetzten und Geschäftspartnern. Sie sprechen kurz über die Haft und Martin Taylor erwidert auf die Entschuldigung eines ehemaligen Vorgesetzten, weil der nicht genug für ihn getan habe, das sei alles nicht so schlimm, er, Martin, kenne die Regeln des Spiels. Er hat soeben vier Jahre seines Lebens wegen Insiderhandels in einem Gefängnis gesessen und bezeichnet dies als „Part of the deal“. Dass er wenig später von seiner nahezu somnambulen Frau niedergestochen wird und röchelnd, einsam und unbemerkt auf dem teuren Teppich seiner Wohnung in Manhattan stirbt, wirkt da schon nahezu folgerichtig. Vielleicht ist auch das nur ein „Teil des Spiels“.
Doch sind die Probleme dieser Menschen eben sehr speziell, weil sie in einer Welt geschehen, die dem breiten Publikum fremd ist. Der Medikamentenmissbrauch in den USA ist besorgniserregend, keine Frage. Doch ist er weitaus besorgniserregender in der Provinz, bei jenen Menschen, die oft herablassend als Pöbel, als sogenannter White Trash, bezeichnet werden. Die meisten Menschen leben nicht in Appartements oder Wohnungen in Downtown, Manhattan, sondern in zugigen Bruchbuden oder in den Vorstädten. Sie verdienen ihr Geld nicht als Broker oder Börsenmakler und sie bewegen sich auch nicht in einer Welt der Pharmaindustrie, wo einzelne mit Millionenaufträgen Unsummen verdienen. Und Soderbergh muss das bewusst gewesen sein, denn nicht von ungefähr gleitet er durch all die weiter oben angeführten Genres und unterschiedlichen Motive und lenkt den Fokus des Publikums wieder und wieder auf ein neues Ziel, eine andere Lage. Und bietet letztlich einen spannenden Thriller, der von dem Kampf eines Mannes erzählt, der sich um seine Reputation sorgt und alles daransetzt, um diese wieder herzustellen. Ein sehr persönliches Motiv. Und doch gelingt es dem Regisseur Soderbergh einmal mehr, auch eine sehr persönliche Geschichte mit einem übergeordneten Thema zu verbinden. Und so einen spannenden Unterhaltungsfilm mit Hintersinn und, ja, Tiefgang zu bieten.